Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/89

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Haupt von Dornen zerrißen. Das Herz, das nur für andere, nur zu ihrem Segen geschlagen hat; der Geist, welcher aller Welt Wolfahrt bedacht hat und nichts anderes; die Seele, die sich für alle dahingibt, ist verlaßen, verlaßen von wem? Von Dem, der Ihn am höchsten liebt, am besten kennt, am tiefsten durchforscht, alle seine Absichten und Gedanken theilt, alle seine Thaten und seine Worte besiegelt, der aus der Stille des ewigen Lebens heraus mehr als einmal mit starken Worten vor aller Welt bezeugt hat, daß Er Sein Wolgefallen an ihm habe.

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 Aber vielleicht ist es etwa so, wie manchmal bei menschlichen Wolthätern, daß der Wolthätigkeit der Unternehmungen und dem Nutzen des öffentlichen Daseins die innere sittliche Würdigkeit nicht entspricht? Man wird ja doch auch einst viele, die auf Erden als Wolthäter des menschlichen Geschlechts gepriesen werden, in der ewigen Gottverlaßenheit finden, weil sie zwar alle ihre Werke zum Nutzen anderer wirkten, aber die Rettung ihrer eigenen Seele und die Heiligung ihres Gemüthes verabsäumten, innerlich von Selbstsucht oder Hochmuth durchfreßen waren, Andern schöne Rosen trugen, selbst aber spröde Dornsträuche blieben, die ewig zu nichts taugen, als knisternd im Feuer zu brennen. Ehe ich noch die Anwendung auf unsern HErrn mache, entschließe ich mich, sie nicht zu machen; es ist nicht der Mühe werth, denn es weiß jedermann das Gegenteil. Dieser JEsus ist nicht bloß von den Menschen bewundert, welche die Absichten nicht erkennen, Herz und Nieren nicht zu erforschen vermögen: Er ist reines Gewißens und nennt daher den Vater im Himmel in unserem Texte: „mein Gott, mein Gott!“ Ja Er ist ein Besitzer Gottes, und Gott besitzt Ihn. Solcher Anbeter Gottes und solch gottgeliebter