Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/344

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Krieger wider Willen um 80 Thaler einen Urlaub nach Sachsen, und Seume versprach ihm, das Geld zurückzuerstatten, sobald dieß ihm immer möglich sei. Dieß Wort zu erfüllen, übersetzte Seume in Leipzig einen englischen Roman, nahm seine Studien wieder auf, wurde Doctor der Philosophie und nahm dann, als er einsah, daß die ausschließliche Beschäftigung mit dem klassischen Alterthum zwar höchst ehrenvoll sei, auch innere Befriedigung aber kein Brod ihm gewähre, die Stelle eines Sekretairs bei General Ingelström in Warschau an, welche Stelle ihn abermals zum Milirairstande führte, denn als Sekretair eines Generals war es nothwendig, daß er die Epauletten trage. Der furchtbare Aufstand in Warschau am 17. April 1794 brach aus, und kaum vermochte sich Ingelström nach einem dreitägigen schlachten in den Straßen der empörten Stadt zu retten. Abermals mußte Seume, dessen Seele von antiken Freiheitsträumen immer noch erfüllt war, gegen die Freiheit kämpfen, mußte dann mit vor Praga stehen, und dem Blutbade beiwohnen, das der unglücklichen Stadt 15000 Einwohner raubte.

Sobald als es ihm möglich war, machte Seume sich los aus dem Gewirre von Blut und Gräueln und alle dem schrecklichen, was niedergeworfene Aufstände im Gefolge haken, ging nach Leipzig zurück und beschrieb sein Erlebtes, schrieb auch seine Obolen, gab Unterricht in der englischen Sprache und hielt Vorlesungen über klassisches Alterthum. Leider reichte der klassische Honig von Milettos nicht aus zum Leben im deutschen Norden, und Seume hatte es noch als ein Glück zu betrachten, daß ein wohlwollender Freund, der Buchdrucker und Buchhändler Göschen in Grimma, ihm bei sich ein Unterkommen als Correktor bot. Da weilte nun der Mann mit der Feuerseele, mit der Sehnsucht nach dem klassischen Süden, mit dem unbezwinglichen Drang, aus sich selbst noch großes und bedeutendes zu schaffen, und corrigirte die Druckbogen der Werke anderer. Wieder ein Glück war auch dabei, diese Werke anderer waren jene Klopstocks und Wielands, und so quoll dem Armen doch aus denen des letztgenannten klassischer Anhauch, Verständniß der antiken Welt und ihrer ewigen Schönheit, daher auch neue Lockung, neues Verlangen, das endlich der Dichter, seinem Dränge folgend, befriedigte und eine großartige Fußreise antrat, die er unter dem Titel »Spaziergang nach Syrakus« beschrieb. Diese Reise machte Glück, gründete ihm den wohlverdienten Ruf und nun auf einmal, nachdem Seume den Süden gesehen, zog es ihn nach dem entgegengesetzten Pole, er machte eine Reise nach Petersburg, Moskau, Finnland und Schweden, und beschrieb auch diese in dem Buche »Mein Sommer im Jahr 1805.« Seume gefiel sich in der Rolle eines rastlosen weltfahrenden Peter Schlemihl, doch mit vielem Schatten, der als Schroffheit des Wesens und Herbe der Ausdrücke selbst in seinen Schriften zu Tage trat und mehr abstieß als anzog. Ohne je das schöne Ziel der Jugendträume verwirklicht zu sehen, ohne auch nur auf kurze Zeit einem wahren Glück im Arme zu ruhen, erlag Seume dem tiefempfundenen Schmerze seines Patriotismus über Deutschlands tiefste Erniedrigung und einem chronischen Leiden, gegen das er im Bade Teplitz Hülfe suchte, ohne sie zu finden. Dort schmückt ein einfacher Denkstein sein Grab, von einer Eiche beschattet.