Siegesjubel und Todtenklage

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Autor: unbekannt
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Titel: Siegesjubel und Todtenklage
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 605–609
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1866) b 605.jpg

Das Schmerzenshaus von Merxleben.
Ein Erinnerungsblatt für die Hannoveraner von E. Döpler.

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Siegesjubel und Todtenklage.


Noch immer ist in Langensalza, wo sich das Drama des hannover’schen Kriegszuges entwickelte, ein reges Leben. Die Spuren der Schlacht, die dort geschlagen wurde, sind zwar kaum noch sichtbar, obwohl der Schaden, den jener Kriegszug verursacht hat, für die Stadt auf nahe an einunddreißigtausend und für die sonstigen Ortschaften des Kreises auf mehr als zweiundsechszigtausend Thaler geschätzt worden ist. Auch hat man noch jüngst, als die Getreidefelder abgemäht waren, die Kugeln und die Splitter der zersprengten Hohlgeschosse, die wie gesä’t auf den Aeckern lagen, haufenweis gesammelt, so daß ein Klempnermeister in Langensalza auf den Gedanken gekommen ist, diese Kugeln und Splitter zu Aschenbechern, Cigarrenhaltern und Briefbeschwerern zu verarbeiten, die als vielbegehrte Reliquien starken Absatz finden. Ja, vor nicht langer Zeit fand man noch in einem Kleefeld einen todten Hannoveraner, dessen Notizbuch bewies, daß er sich tagelang aus seinem Brodbeutel genährt und fort und fort aus Hülfe gewartet habe. „Nun muß ich verschmachten.“ Dies waren die letzten, mit zitternder Hand gekritzelten Worte. – Was aber die Stadt noch immer belebt, das sind vornehmlich die Reconvalescenten, die sich allgemach zur Heimkehr anschicken, und die sechszehn hannover’schen Aerzte, welche auch jetzt, inmitten des Septembermonates, noch alle Hände voll zu thun haben, nicht blos die Schwerverwundeten vollends zu heilen, sondern auch der Kranken zu warten, die von jener mörderischen Seuche niedergeworfen werden, welche mit ihrem Gifthauch unaufhaltsam vorwärts schreitet.

Es war am 13. September d. J, als ich, wie schon öfter, am Schmerzenslager eines jener Verwundeten saß. Der Todesengel schien zu wiederholten Malen über seinem Bett zu schweben. Wenn er ihn abgerufen hätte, – fürwahr, es wäre ein Verlust für die ganze deutsche Turnerschaft gewesen. Denn es war der Literat Georg Hirth aus Leipzig, der, als gothaisches Landeskind, die Feder mit dem Zündnadelgewehr vertauschen mußte, um mit den coburg-gothaer Truppen die Lorbeeren zu theilen, die ihre Bravour geerntet hat. Jetzt aber glänzten seine Augen wieder und sein alter Humor sprühte von Neuem, wie hart es ihm auch ankam, mondenlang auf dem Rücken zu liegen und das wunde Bein, das eine hannoversche Miniékugel zerschmettert hatte, nicht rühren und regen zu dürfen. „Freilich geht es fortan im Dreiachteltact“ – scherzte er, „– denn das verwundete Bein ist zwei Zoll kürzer geworden, und mit den Lorbeeren will es auch nicht viel sagen, dieweil ich der Erste war, der in diesem unseligen Streite fiel, bevor wir noch eigentlich Pulver gerochen oder einen Feind gesehen. Aber die dreilöthige Kugel, die mir aus dem Schenkel geschnitten, breitgedrückt wie ein Thalerstück, ist sie nicht ein neumodischer Orden, den ich mir in der ersten und hoffentlich letzten Campagne meines Lebens verdient habe?“

Er wollte weiter reden, aber seine Stimme verhallte in dem Jubel, der zu uns herübertönte. „Sie kommen,“ lispelte der Verwundete, „und ich kann sie nicht begrüßen.“ Wir aber begrüßten sie, die thüringischen Ulanen, die sieggekrönt aus Ungarn und [607] Böhmen in ihre alte Garnison zurückkehrten. Das tapfere Regiment, mit dem Stab an der Spitze, hatte schon von Erfurt bis Langensalza einen festlichen Triumphzug gehalten.

Weißgekleidete Jungfrauen, die mit den schwarz costümirten Bürgerssöhnen, welche den Kriegern voranritten, die preußischen Landesfarben lebendig repräsentirten, waren nun auch in Langensalza, trotz des rauhen Windes, den Truppen bis zum Kirchhofe entgegengegangen, wo am 25. Juni der preußische General von Flies unter einer alten Linde gestanden hatte, um die Schlacht zu leiten, und wo hernachmals die hannoverschen Trophäen tagelang aufgestapelt lagen. Rings aber wogte und jauchzte das Volk, und begleitete den stattlichen Zug durch die Ehrenpforten, die sich über die Straße wölbten, und durch die festlich decorirten Häuserreihen, welche im reichen Blumen- und Fahnenschmucke prangten. Fast jeder Ulane trug einen Strauß, den ihm freundliche Hände zugeworfen, und die Lanzen, deren Eisenspitzen vielleicht zum Theil noch mit Blut gefärbt, waren mit Kränzen behangen, zwischen denen die schwarzweißen Fähnchen lustig flatterten. Abends waren die Häuser bis in das entlegenste Gäßchen hinein festlich erleuchtet, im Schützenhause aber, wo der König von Hannover sein Quartier aufgeschlagen hatte, bis die Capitulation ihn von dannen trieb, während seine tapfere siegreiche Armee mit dem Stocke in der Hand heimkehren mußte, wurden die Ulanen vor der Stadt bewirthet, und erzählten von ihren Erlebnissen in Ungarn und Böhmen und hörten die Berichte aus der Schlacht bei Langensalza. Wer dachte wohl daran, als die Gläser erklangen und die Musikchöre aufspielten, daß einige ihrer Cameraden eben erst in’s Choleraspital getragen worden waren und daß in den Lazarethen der Stadt noch viele Verwundete seufzten? Und doch hatten sich Einzelne an ihren Krücken in’s Gedränge gewagt, oder blickten mit bleichem Antlitz durch die Blumensträuße, die man auch in ihre Fenster gestellt hatte.

Ein greiser Bürger saß mittlerweile daheim, das schmerzdurchfurchte Antlitz in die Hand gestützt. Jeder Böllerschuß und Freudenruf, der in sein Stübchen drang, zuckte ihm durch’s Herz. Vier seiner Söhne sind zu den Waffen berufen worden und haben da und dort wacker gekämpft. Der Jüngste stand bei den Einundsiebenzigern, als die Schlacht bei Langensalza entbrannte. Als der Vater hörte, daß sein Sohn beim Siechenhofe postirt sei und in der drückenden Hitze fast verschmachte, machte er sich, trotz seiner achtzig Jahre und trotz der pfeifenden Kugeln, auf den Weg, um seinen Liebling mit Brod und Wein zu erquicken. Allein er fand ihn nicht. Wie er auch spähte und forschte – Alles vergebens. Mit schwerem Herzen kehrte er heim, während der Würgengel draußen immer neue Opfer verschlang. Endlich hatte die Schlacht ausgetobt.

Der Abend dämmerte bereits. Niemand hatte, als die Preußen retirirten, den Vermißten gesehen. Da läßt es dem Vater keine Ruhe. Er macht sich abermals auf und schreitet zitternd durch das Leichenfeld. Hier ächzt ein Verwundeter, dort starrt ein Todter ihn an. Nicht weit vom Abdeckerhäuschen aber liegen Einundsiebenziger. Von einer entsetzlichen Ahnung gefoltert, beugt er sich zu jedem Leichnam nieder und fragt jeden Verwundeten und ruft den Namen seines Sohnes in die stille Nacht hinaus. Endlich hört man einen gellenden Schrei: „Rudolph!“ Ja, er ist’s! Der Vater hat den Sohn gefunden, aber die geliebten Züge sind bereits erstarrt. Er ist auf dem Bett der Ehre gefallen, und der Vater drückt ihm die Augen zu.

Diese Geschichte erzählten wir im Schützenhause einigen Ulanen, welche den Gefallenen gekannt hatten. Sie sprachen den Wunsch aus, sein Grab zu besuchen. Er war auf dem städtischen Friedhofe beerdigt worden. Man ging dahin. Die lustigen Töne der Musik, die im Garten des Schützenhauses aufspielte, hallten bis in die Gräberreihen. Unwillkürlich entblößten die Ulanen ihr Haupt, als sie ein weites Feld voll frischer Todtenhügel sahen. Ja, hier lagen sie nebeneinander gebettet, die tapferen Preußen und die tapferen Hannoveraner, die im heißen Kampfe einen rühmlichen Soldatentod gefunden, oder nach längeren und kürzeren Leiden in den Lazarethen geendet hatten. Und fürwahr der Tod hatte eine reiche Ernte gehalten, reicher, als verhältnißmäßig in irgend einer andern Schlacht des kurzen Krieges! Denn es sind in Langensalza und in der nächsten Umgegend als Opfer des Kampfes über fünfhundert Mann beerdigt worden (worunter gegen vierzig Officiere), und zwar dreihundert und sechszig Hannoveraner und einhundert und fünfzig bis einhundert und sechszig Preußen. Davon, blieben dreihundert und fünfzig auf dem Platze und einhundert und sechszig bis einhundert und siebenzig starben in Folge ihrer Verwundungen.

„Ich werde den schaurigen Anblick nie vergessen,“ sagte einer unserer Begleiter, „als achtundsiebenzig junge, kräftige Gestalten am zweiten Abend nach der Schlacht in jenem gemeinsamen Grabe bestattet wurden. An Särge war nicht zu denken. Der Tod aber schien sein Zerstörungswerk rasch vollenden zu wollen. Denn viele Leichname waren schon in der Zersetzung begriffen, die Gesichtszüge verschwollen und die Glieder aufgetrieben, sodaß die Uniformen platzten. Ueber die klaffenden Wunden wurde Kalk gestreut, als Alle, Freunde und Feinde, friedlich nebeneinander lagen. Dies war ihr Todtenhemd. Einer der Gebliebenen war derart verstümmelt, daß die Glieder auseinander fielen, als man ihn zu Grabe trug. Wer aber kennt und nennt die Namen Derer, die hier ruhen? Nur in den officiellen Todtenlisten sind sie aufgeführt. Die jedoch ihren Wunden erlagen, sind in Särgen feierlich hinausgetragen und mit allen kirchlichen und militärischen Ehren bestattet worden.“

„Auch die Juden?“ fragte ich, und zwar absichtlich, weil ich wußte, daß man an ihrem Grabe einen Geistlichen vergebens erwartet hatte.

„Nun,“ lautete die Antwort, „auch die Juden sind von ihren Kriegscameraden, mit denen sie im Feuer gestanden, auf dem letzten Wege begleitet worden, auch über ihren Gräbern ertönte die dreifache Salve, und die kurze Grabrede, die der Feldwebel Kienast gehalten, hat wohl einen noch tieferen Eindruck gemacht, als mancher salbungsvolle Leichensermon. Sie werden ja wohl ebenso selig werden, als wenn sie der Garnisonprediger eingesegnet hätte.“

Darüber waren wir einverstanden, ob wir auch meinten, daß es weder den Feld-, noch den Stadtprediger entehrt haben würde, wenn sie einem israelitischen Glaubensgenossen, der als braver Krieger gekämpft und gestorben, die letzte Ehre erwiesen hätten.

Während wir noch so sprachen, hatte einer der Ulanen den halbwelken Kranz genommen, mit dem er beim Siegeseinzug geschmückt worden war, und auf das Grab des hannoverschen Juden gelegt. Wir drückten dem Braven schweigend die Hand und gingen von dannen.

Aus dem Schützenhause lockten die Töne eines lustigen Walzers. „Wollen wir?“ fragten die Ulanen sich untereinander. Aber Einer nach dem Andern schüttelte den Kopf. Wohl mag die Freude ihre Rechte haben, allein solche Rechte hat auch der Ernst des Lebens. Und dieser Ernst war auf dem Todtenhofe in erschütternder Weise an die jungen Krieger herangetreten. Sie baten uns, mit ihnen das Schlachtfeld zu besehen. Gern geleiteten wir sie von einem Platze zum andern, wo der Kampf am heißesten gewüthet hatte.

An der Straße dahin saßen drei Landwehrmänner, die, wie viele ihrer Cameraden, in Erfurt entlassen worden waren. Sie schienen todmüde, denn sie hatten den Weg zu Fuß zurückgelegt. Wir ließen uns mit ihnen in ein Gespräch ein. Wie waren sie seelenfroh, nun bald die Heimath wiederzusehen! Wie freudig erzählten sie von den Ehren, womit sie überall empfangen worden waren! „Und doch wären mir ein paar Groschen lieber gewesen, als alle Blumen, die sie uns gestreut, als alle Ehrenpforten, die sie gebaut!“ Es war ein armer Eichsfelder, der sich also expectorirte. Er hatte, wie er sagte, keinen Kreuzer in der Tasche, um unterwegs zehren zu können, und wenn er heimkomme, wer wisse, ob er eine warme Suppe oder auch nur ein Stückchen Brod finde, denn seine Frau und seine Kinder seien bisher von der Gemeinde ernährt worden. Wie er sie forthin selbst ernähren solle, indem ihn der Krieg aus seiner Arbeitsstellung gerissen habe und der Winter vor der Thür stehe, möge Gott wissen.

Wir griffen in die Taschen und gaben, was wir entbehren konnten. Wie Viele mögen mit ähnlichen Sorgen zurückkehren! Und wie mag es vollends denen zu Muthe sein, die weder Frau noch Kinder finden, wenn sie die heimathliche Thür öffnen, weil die Cholera das ganze Haus entvölkert hat! Muß da nicht der Siegesjubel zur Todtenklage werden?

„Wahrlich, da ist denen wohler, die unter diesem frischen Rasen schlummern!“ sagte ich unwillkürlich, als wir unter solchen Gesprächen an sechs Gräbern vorübergingen, die unfern der Liebfrauenkirche einige vierzig Gefallene aufgenommen hatten. Sie waren ohne alle Ceremonie in die flachen Gruben gebettet worden. [608] Ja, man hatte mit der traurigen Arbeit hier und im Badewäldchen dermaßen geeilt, daß da noch ein Arm, dort noch ein Fuß aus der aufgeworfenen Erde starrte. Später waren jedoch die Gräber erhöht und mit grünem Rasen belegt worden. Die Königin von Hannover hatte einen ihrer Hofgärtner nach Langensalza geschickt, damit er die letzten Ruhestätten der gefallenen Krieger – gleichviel, ob Preußen oder Hannoveraner – ordne und schmücke. Einzelne freilich, welche da und dort im Felde aufgeworfen wurden, – wer mag sie nach Jahr und Tag noch finden, wenn der Pflug sie überfurcht hat?

Im Badewäldchen, wo fast jeder Baum die Spuren der Geschosse trägt, die hier wie Hagel gefallen, wurden zwei Gruben, die eine mit fünfzig, die andere mit achtzehn Todten gefüllt. Als wir aber von der Oelmühle, die von zahllosen Kugeln durchlöchert war, in die Kastanienallee einbiegen wollten, die zum Bade führt, schallte uns wieder helle Tanzmusik entgegen. „War nicht das Bad zu einem Lazarethe umgewandelt worden?“ fragten die Ulanen. „Ja wohl!“ bestätigten wir. Alle Räume lagen wochenlang voll Verwundeter. Viele haben darin ihren letzten Seufzer ausgehaucht. Kaum aber waren diese Seufzer verhallt, kaum waren die Blutflecke übertüncht, als die Stätte des Jammers mit einem solennen Ball zu einer Stätte des Vergnügens auf’s Neue eingeweiht wurde!

Uns war indeß nicht tanzlustig zu Muthe. Darum schlugen wir den Weg sofort nach Merxleben ein, wo die Hannoveraner am Tage der Schlacht ihre Hauptstärke concentrirt hatten. Das Dorf hängt, wie bereits erwähnt, malerisch an der nördlichen Abdachung eines kahlen Hügels, der, weil er das unscheinbare Kirchlein aus seinem Rücken trägt, der „Kirchberg“ heißt. Wir gingen über die Unstrutbrücken, welche die Preußen am 25. Juni trotz aller Bravour nicht zu überschreiten vermochten, und stiegen alsbald zum Kirchberg hinauf. Ein herrliches Panorama that sich vor unsern Blicken auf. Die wellenförmige Hügellandschaft, in deren Mitte Langensalza, lachte uns freundlich entgegen; gen Westen war das Bild von der Kette des Hainichwaldes, gen Norden von den Vorbergen des Harzes und gen Süden vom blauen Profil des Thüringer Waldes eingerahmt. Ein stiller Friede überschleierte das herbstliche Bild. Kaum waren irgendwo die Verheerungen des Kampfes noch sichtbar. Nur in der alten, düstern Kirche hämmerte und klopfte es. Sie wurde restaurirt, denn sie war zwei Monate lang ein Lazareth gewesen. Die Kugeln hatten das Heiligthum kaum berührt, obgleich in unmittelbarer Nähe die hannoverschen Batterien aufgefahren waren. Nur einige Granaten waren in den Thurm und in das Kirchdach eingeschlagen, ohne jedoch erheblichen Schaden zu thun. Die hannoverschen Pioniere dagegen hatten mit ihren Aexten in den geweihten Hallen nicht gar säuberlich gewirthschaftet, um das Bethaus, wenn auch nicht zu einer „Mördergrube“, doch zu einem Krankenhause zu gestalten. Die hölzernen Weibersitze lagen damals, zerhauen und zerbrochen, vor der Kirche wild und wirr umher, während auf dem Pflaster des Schiffes, wo sie gestanden, das Schmerzenslager der Verwundeten aufgeschlagen war.

Während wir vor der Kirche standen, trat ein alter Herr grüßend heran. Es war der ehrwürdige Pfarrer von Merxleben. Seine Wohnung, nahe der Kirche, war selbst ein Lazareth gewesen. Für seine eigene Familie blieb kaum ein enges Kämmerlein. Das ganze Haus wimmelte von hannoverschen Soldaten. Da und dort schlug eine Kugel ein. Dennoch war der tapfere Pastor nicht geflüchtet, sondern hatte das grausige Schauspiel der Schlacht theils aus seinem hochgelegenen Hause, theils vom Kirchthurme herab von Anfang bis zu Ende beobachtet. Er schilderte uns seine Erlebnisse und die Evolutionen des Kampfes.

„In jener Vertiefung, nördlich vom Dorfe, hielt der König mit dem Kronprinzen und seinem Gefolge,“ so begann er. „Die Kugeln mochten ihn nicht leicht erreichen; er aber, der ihr unheimliches Pfeifen hörte, scheint geglaubt zu haben, daß er mitten im Feuer stehe, und hat sich wohl darum ‚Georg der Streitbare‘ benannt, sowie er seinem Schwiegervater, dem Herzog von Altenburg, als er in Stadt Roda mit ihm zusammentraf, freudig erregt auf offener Straße zugerufen haben soll, wie herrlich und erhebend es sei, mitten im Schlachtgewühle zu stehen und die Feinde tüchtig auf’s Haupt zu schlagen. Gegen Abend, als das blutige Spiel zu Ende, kam der König auch auf den Kirchberg, wo seine Artillerie so tapfer Stand gehalten. Die Soldaten begrüßten ihn mit einem jubelnden Hurrah. Dies that ihm so wohl, daß er mit großer Freude zu verschiedenen Malen dankte.“

Jetzt zeigte ich dem Pfarrer meine Abbildung der Kirche von Döpler. Er freute sich desselben und lobte die Treue, mit der es gearbeitet sei, fügte aber lächelnd hinzu: „Wenn nur auch jener Proviantwagen in Wirklichkeit so groß gewesen, wie er auf dem Bilde steht. Der Künstler hat wohl nur der Abrundung seines Bildes wegen den Wagen so vergrößert, denn in Wirklichkeit war nur ein kleiner Handwagen mit wenigen Broden vorhanden. Leider hat es uns und insonderheit den armen Verwundeten drei Tage lang fast an Allem gefehlt, was zu des Leibes Nahrung und Nothdurft gehört. Die Hannoveraner hatten im Dorfe alle Vorräthe aufgezehrt. Fremde Zufuhren aber blieben aus; Wir hatten zuletzt nicht einmal trockenes Brod, und die da drinnen lagen, mußten es bitter erfahren, wie weh nicht blos der Schmerz der Wunden, sondern wie weh auch der Hunger thut.“

Und jetzt erzählte er, wie man gegen Abend unter Leitung des Sanitätshauptmanns von Benkefeld die ersten Verwundeten in die Kirche getragen, nachdem die Häuser des Ortes, die sich irgendwie zu Lazarethen eigneten, bereits gefüllt waren. Da lagen sie nun, die Unglücklichen, auf den kalten Steinen, dicht nebeneinander geschichtet, ohne schützende Decken und fast ohne jede Erquickung. Kaum daß ihnen ein spärliches Strohlager untergebreitet werden konnte. Wie Viele gestorben – der Pfarrer wußte es nicht. Denn in den ersten Tagen hat man die Todten unter die Erde gebracht, ohne ihm selbst irgendwelche Anzeige zu machen. Im Kirchenbuche sind nur zwölf Namen eingetragen, deren Träger ihren Wunden erlegen und von einem hannoverschen Geistlichen eingesegnet worden sind. Die Meisten, welche irgend transportabel, wurden nach Kirchheilingen übergesiedelt. Dennoch blieben in Merxleben immer noch einhundertachtundneunzig Verwundete zurück. Für Diejenigen, welche amputirt worden waren, errichtete man auf der Spitze des Kirchberges ein großes Leinwandzelt, wo sie, der dumpfen Kirchenluft entrückt, freier athmen konnten, aber auch den Unbilden der stürmischen Witterung mehr oder weniger preisgegeben waren.

Wir baten den Pfarrer, einzelne Scenen aus jenen Schreckenstagen mitzutheilen. Er aber entgegnete: „O, da könnte ich stundenlang erzählen, und würde doch nicht fertig werden! Gehen wir lieber zu den Gräbern.“

Wir gingen denn mit ihm auf den Friedhof, der sich an der Südmauer des Kirchleins hinzieht. Am obern Rand desselben dehnte sich ein langes, hochgewölbtes Rasenbeet aus, das im nächsten Frühjahr mit Blumenboskets geschmückt werden soll. Darunter lagen einhundertsiebenundachtzig Leichen, größtentheils Hannoveraner, friedlich nebeneinander gebettet. Wie sie der Pastor Müller in mondheller Mitternacht eingesegnet, während die hannoverschen Truppen, von flackernden Wachsfackeln beleuchtet, schluchzend umher standen, hat die Gartenlaube schon berichtet. Am andern Morgen wurden noch dreißig Mann, die man unterdessen beigetragen und an die Kirchhofsmauer gelehnt hatte, in dasselbe Massengrab gelegt, und noch am dritten Tage nach der Schlacht ward außerhalb der oberen Friedhofsmauer eine lange Gruft mit sechsundsiebenzig Gefallenen, Hannoveranern und Preußen, gefüllt, weil innerhalb des geweihten Raumes für diesen kolossalen Zuwachs keine Stätte mehr war. Vielen hatte man in die starre Hand ein frisches Sträußchen gedrückt.

Am unteren Ende des Gottesackers sind zwei Gräber mit Tuffsteinen eingefaßt und mit Immortellenkränzen belegt. In dem größeren schlafen zehn Officiere (darunter ein Preuße), und in dem kleineren der Hauptmann Quintus Icilius und der Lieutenant Stöhr, welche eine hannoversche Batterie commandirten, die unterhalb der Kirche stand. Eine feindliche Hohlkugel schlug auf einem der Geschütze auf und richtete, explodirend, eine entsetzliche Verwüstung an. Die genannten Officiere wurden weit hinweggeschleudert, und der Hauptmann war dermaßen zerrissen und verstümmelt, daß er kaum noch einem Menschen ähnlich sah.

Auch ein vermeintlicher Spion war außerhalb der Kirchhofsmauer eingescharrt worden. Die Hannoveraner, ohnehin erbittert, weil sie glaubten, daß aus einigen Häusern meuchlings auf sie geschossen worden, hatten seinen Leichnam vor die Wohnung des Ortsschultheißen geschleift, nachdem er eine raffinirte Strafe erduldet hatte. Man schleppte ihn nämlich, als die Schlacht entbrannte, mit rückwärts geknebelten Händen mitten in’s Feuer hinein. [609] Wie oft er sich auch jammernd zur Erde warf, wenn die Kugeln ihn umpfiffen, immer ward er wieder aufgestachelt und vorwärts getrieben. Endlich aber blieb er liegen. Er war todt, ohne daß ihn eine Kugel verletzt hatte. Die Stricke, mit denen er geknebelt, hatten die Pulsadern gesprengt. – Nach geraumer Zeit kam eine Frau aus Mechterstedt nach Merxleben und suchte ihren Mann, da sie vernommen hatte, daß hier auch ein Civilist beerdigt sei. Derselbe hatte als Wundarzt einen hannoverschen Officier, welcher bei Mechterstedt blessirt worden war, nach Langensalza begleitet und war nicht zurückgekehrt. Wie er in den Verdacht der Spionage gekommen, ist nicht aufgeklärt. Indessen war in jener Zeit die Sucht, allüberall Spione zu wittern, eine Modekrankheit. Genug, als jenes Grab geöffnet wurde, erkannte die Frau ihren unglücklichen Mann an den Kleidern, in welchen er begraben worden war! Daß die Preußen ebenfalls einen alten Mann, den sie für einen Spion hielten, in der Nähe von Gotha in der Aufregung niedergemacht haben, ist durch die Zeitungen schon bekannt geworden.