Die Ordensbrüder der Klopfer

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Autor: Fr. Helbig
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Titel: Die Ordensbrüder der Klopfer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 609–611
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Organisiertes Betteln
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[609]
Die Ordensbrüder der Klopfer.


Arbeit ist das große Stichwort unserer Zeit. In rastloser Thätigkeit bewegen sich die Kräfte und selbst ihr Product, das Capital, tritt wieder in den Dienst der Arbeit. Die Zeiten sind vorüber, wo es noch müßig in alten Truhen lag. Sollte man es glauben, daß in solcher Zeit, während die Arbeitsfrage alle staatsmännischen Köpfe beschäftigt, sich noch eine Verbindung erhalten hat, welche, im Gegensatz zur schaffenden Arbeitsthätigkeit, im Nichtsthun ihren Ordenszweck findet, welche diese Negative der Arbeit förmlich organisirt und damit dasselbe Resultat erreicht hat, wie die schwieligen Hände ihrer harten Schwester, der Arbeit, die Schaffung des Capitals?

In dem Lande, wo es keine Unmöglichkeiten giebt, in England, könnten wir schon eher etwas Aehnlichem begegnen, aber in Deutschland? Es sieht wie ein Märchen aus und doch ist’s so; es ist, als ob wir in ein Reich der Fabel treten, und doch existirt das Reich.

Schwerlich ist der Name der angedeuteten Brüderschaft am Ohre eines der freundlichen Leser schon vorbeigeklungen, desto bekannter ist dieselbe der verehrlichen Polizei im gesammten deutschen Vaterlande, und in deren altem und neuem Testament, im Coburger und Dresdener Polizeianzeiger, schlägt man kaum ein Blatt auf, wo nicht wenigstens Eines aus der saubern Sippschaft der sogenannten „Klopfer“ Erwähnung geschieht. Und dennoch, möchte ich wetten, hat manches der holdseligen Augen, welche auf dies Blatt fallen, schon einem der „faulen“ Brüder in’s Antlitz gesehen. Der Mund, allzeit der Herold des Herzens, hat, als es zur Zeit der Mittagsstunde leise bittend an die Thür klopfte, ein Herein gerufen und die Hände haben dem demüthig in der Thür erscheinenden kräftigen Manne ein Viaticum gereicht. Seine Klage über die darbenden Kinder und das kranke Weib daheim war ja so rührend und in einer fremdklingenden, aber eigenthümlich einschmeichelnden Sprache vorgetragen.

Hätte die freundliche Geberin den Bettler nach seiner Heimath gefragt, so wäre darauf ehedem, zu Zeiten der gemüthlichen deutschen Reichswirthschaft, die Antwort erfolgt: „Aus dem Bohneburgk’schen!“ und damit wäre ein kleines, reichsfreiherrliches Gebiet zwischen herzoglich meiningenschen und Fürstabt-fuldaischen Territorien, zwischen Werra und Fulda, bezeichnet worden. Heutzutage gehört die Gegend zum westlichen Theile des Großherzogthums Weimar. Die Werra trennt zwei bedeutende Gebirgszüge, den lieblichen Thüringer Wald und die rauhere Rhön, von einander. Die nördlichen Ausläufer der Rhön, welche sich bis nach Eisenach hin verlaufen, bilden einen Landstrich, den man dort gewöhnlich das Eisenacher Oberland nennt. Hier ist die Heimath der Klopfer. In den Ortschaften Völkershausen, Gehaus, Willmanns und Wölferbütt, welche zwischen dem Ulster- und Felda-Thale gleichsam eingezwängt am Fuße des Oechsenbergs sich hinziehen, ist das hauptsächliche Domicil dieser Brüderschaft. Der Boden, soweit ihn überhaupt die bewaldeten Bergkegel der Nahrung des Menschen dienstbar zu machen gestatten, ist in jener Gegend nur sehr wenig ergiebig. Dagegen wurde die Bevölkerung namentlich auch dadurch, daß der vor Zeiten allerorten vertriebene und geächtete Stamm Juda hier eine schützende Zufluchtsstätte fand, immer dichter und es entstand ein Mißverhältniß in der Ernährung. Das bewegliche, wenig bedürftige Volk Israels wurde davon minder berührt. Es zog den Handel an sich und wußte von der naiven Welt- und Geschäftsunkunde des Landmanns Vortheile zu ziehen. Der andere erwerblose Theil, der überdies schon aus etwas zweifelhaften Elementen bestand, da der Zusammenstoß mehrerer Landesgrenzen auf jenem Territorium, mannigfacher Wechsel und Streit der Herrscher und die bergige Lage des Landes den Zusammenfluß allerlei zweideutigen Gesindels begünstigt hatten, konnte sich anders nicht wohl helfen, als daß er seinen Erwerb außerhalb der stiefmütterlichen Heimath suchte. Die Auswanderungen nach Amerika, welche in solchem Falle öfters die richtige Ausgleichung herbeiführen, waren ehedem noch nicht so im Schwunge. Man zog daher nur den größten Theil des Jahres aus in’s Reich und blieb im Uebrigen der alten Heimath treu.

Ende des vorigen Jahrhunderts nahmen diese Wanderungen zuerst größere Dimensionen an. Anfangs war es wohl die redlichste Absicht, welche den arbeitskräftigen Mann hinausführte. Er wollte verhüten, daß die Noth einkehrte in das kleine, aus dünnen Lehmwänden gefügte Häuschen, worin er mit Frau und Kind saß, und die blanken Thaler, welche er im Winter wieder heimbrachte, waren die Frucht seines arbeitssauren Schweißes, den er in Schwaben oder am Rhein und in der Pfalz bei der Handarbeit oder, wenn er Maurer (Weißbinder) war, beim Aufbau eines Domes vergossen hatte. Er war damals von Kopf bis zu Fuß in schwarzen Sammetmanchester gekleidet, was ihm, wenn auch die Nähte etwas verschossen waren, immer etwas Feierliches und Halbvornehmes verlieh.

Allein mit der Zeit lernte der Mann aus dem Boyneburgkschen nicht blos die Welt, er lernte auch ihre Schwächen kennen. Und das war für Beide nicht gut. Zunächst war es wohl auch hier erst wieder die Noth, die unterwegs momentan eintretende Arbeitslosigkeit, welche den stattlichen Mann in der Sammetjacke zwang, die Hand auszustrecken und den Rücken krumm zu machen. Allmählich aber kam er zu der Erkenntniß, daß diese Arbeit des Ausstreckens und Krummmachens nicht blos weniger anstrengend sei, als jene mit Sense und Kelle, sondern daß sie, fleißig geübt, auch ebensoviel, ja noch mehr lohne, als diese. Eine der schönsten Eigenschaften des Menschen, das Mitleid, wußte er so sich dienstbar zu machen. Es war fortan die Göttin, welche er heuchlerisch anbetete und frevelnd mißbrauchte. Aus dem fleißigen Arbeiter wurde ein Nichtsthuer.

Die Entdeckung dieses psychologischen Geheimnisses des Menschenherzens blieb aber nicht in der Hand eines Einzelnen, sie wurde bald Gemeingut der Gegend. Man zog nun nicht mehr gemeinsam auf Arbeit, sondern auf den – Bettel aus. Doch nein, dies Wort wurde nie gebraucht, auch für den neuen Erwerb wurde der alte Begriff substituirt. „Er geht auf Arbeit,“ hieß es nach wie vor, wenn im Frühjahr die Sammetjacke mit dem Wanderstab auszog. Indeß, so leicht sie anfangs schien, mit der Zeit fand die Ausübung dieses Erwerbszweigs, welchen die Speculation auf die Barmherzigkeit erschaffen, auch ihre Hindernisse. Der größte Feind, der naturgemäß wider diese neue Kunstübung sich erhob, war die Polizei. Die Nothwendigkeit, diesen Feind zu bekämpfen, rief aber erst eine Solidarität der einzelnen Interessen dieser Drohnen des gesellschaftlichen Arbeitsstaats in’s Leben. Es fand ein engeres Aneinanderschließen, ein geheimer Austausch der gewonnenen Erfahrungen statt, der bald zur Festsetzung bestimmter Ordensregeln, zur Gründung einer Art Zunftverbandes mit Meistern, Gesellen und Lehrlingen führte.

Hinter die Zunftgeheimnisse gerieth die Polizei erst ziemlich spät und dies ist mit Veranlassung, daß es ihr bis heute noch nicht gelungen ist, dem Unwesen einen Einhalt zu thun. Ein alter, ehrlich gewordener Meister soll den Handwerksbrauch verrathen haben. Erst in den dreißiger Jahren erfolgte im Coburger Polizeianzeiger eine theilweise Aufdeckung dieses Treibens der nunmehr officiell sogenannten Klopfer aus dem Eisenacher Oberlande. Klopfer hießen sie wegen des Anklopfens an die Thüren zur Heischung der milden Gaben, in welchem Klopfen eigentlich der ganze Inhalt ihrer Arbeitsthätigkeit bestand.

Die Hauptklopferregeln gehen darauf hinaus, daß der [610] Klopfer sich mit einer ordentlichen Reiselegitimation versieht. Ohne eine solche geht der Klopfer nicht über das Weichbild seines Ortes hinaus, denn er weiß, daß er dann ohne Weiteres seiner großen Gegnern, der Polizei, verfallen ist. Zweitens sucht derselbe stets den Schein sich zu bewahren, daß er draußen nicht vom Mitleid, sondern von der Arbeit gelebt habe, weil dies namentlich wiederum dazu beiträgt, ihn bei der Polizei in ein gutes Licht zu stellen und ihm immer von Neuem zu einem Passe zu verhelfen. Er macht sich daher auch immer zum Träger eines Gewerbes und wählt dazu namentlich eines der unzünftigen Gewerbe, was einen nach der alten Zunftordnung nothwendigen Befähigungsnachweis nicht erforderte. Er erschien und erscheint demnach als Gärtner, Korbmacher, Siebmacher, Bierbrauer, Büttner, Weißbinder (Tüncher). Es fällt ihm aber nicht ein, in einer dieser Professionen zu arbeiten. Das verstieße zu sehr gegen die Hauptgrundsätze des Ordens. Er legt vielmehr blos seinen Paß oder sein Wanderbuch „auf Arbeit“, d. h. er legt ihn bei einem ihm bekannten wirklichen Meister in der Nähe seines Heimathsorts nieder und läßt sich nach einiger Zeit gegen ein gutes Honorar von demselben bescheinigen, daß er während der Zeit bei ihm gearbeitet hat. In Wahrheit hat er aber zu Hause gesessen, – ein Manöver, welches übrigens zur Zeit des Wanderzwangs auch von gewissen die Fremde fürchtenden Muttersöhnchen exercirt worden ist. Mit diesem Arbeitszeugniß, das ihn günstig legitimirt, versehen, tritt er nun seine Arbeits-, d. h. Klopfer-Tour, an. Dies Verfahren hat freilich noch den großen Uebelstand, daß der Klopfer einen großen Theil des Jahres, während der Arbeitszeit seines Passes, zu Hause verbringen muß, während er – auch für ihn ist Zeit Geld – diese Zeit nützlich verwerthen könnte. Sein Trachten geht daher dahin, sich in den Besitz einer zweiten Legitimation zu setzen.

Dies bewerkstelligt er dadurch, daß er bei einer Behörde, bei welcher er kurz vorher visirt, also den Besitz eines Passes documentirt hat, erscheint und angiebt, er habe seinen Paß verloren. Diese vermittelt ihm im günstigen Falle dann einen neuen und macht ihn dadurch zum glücklichsten der Sterblichen. Er legt nun den einen Paß auf Arbeit, während er mit dem anderen klopft, und wechselt damit in kürzern Zeiträumen ab. Dadurch erhält er in beiden Pässen Arbeitszeugnisse auf das ganze Jahr und hat doch keine Stunde gearbeitet. Er steht auf der Höhe der Kunst; er verdient doppelt so viel wie die nur einpässigen Brüder und kann zur Kirchweih, wo die ganze Cameradschaft daheim ist, schon etwas mehr aufgehen lassen.

Man kam aber auch auf ein noch gewöhnlicheres Auskunftsmittel, man machte selbst Pässe oder Arbeitszeugnisse. Es zweigte sich zu diesem Geschäfte eine besondere Fraction ab. Förmliche Paßfabriken entstanden, deren Leitung namentlich heruntergekommene Kanzlisten übernahmen. Sie arbeiteten gewöhnlich in den Dachstuben der ansässigen Klopfer. Ihre von dem Klopferhandwerk gesonderte geheime Kunst vervollkommnete sich mehr und mehr und mußte ebenso gelernt werden, wie das Klopfen. Man fertigte falsche Petschafte von Thon, Gyps, Blei, wußte sich von alten Urkunden Oblatensiegel zu verschaffen, die man auf die Pässe aufklebte, beizte die Siegel mit Bleistift durch ölgetränktes Papier. Mit diesen Helfershelfern wurde dann der auswärts erklopfte Verdienst getheilt.

Das eigentliche Klopferhandwerk ist kein so leichtes. Es verlangt Gewandtheit und Menschen-, auch Localkenntniß. Daher reist der jugendliche Klopfer eine Zeit lang erst mit einem älteren, der ihn anlernt und mit den Kniffen und Pfiffen des Handwerks vertraut macht. Die auf das stete Ausweichen der Sicherheitsbehörden gerichteten Handwerksregeln verbieten namentlich dem Lehrling die Ausübung des Handwerks in den Städten. Seine Sporen muß er sich auf dem Lande, wo die Polizei weniger wacht, bei gutmüthigen, einfältigen Bauernfrauen verdienen. In den Städten, wo das Handwerk allerdings lohnender ist, wird nur von ausgelernten Meistern geklopft.

Da gilt als Regel, daß nur in der Mittagsstunde, wenn die Polizei, wie andere Menschen, zu Tische sitzt, geklopft wird. Mit wahrhaft organisatorischem Talente wird dann die Stadt in mehrere Bezirke vertheilt, diese den Einzelnen zugewiesen und nun im Sturmschritt Haus um Haus der Straße entlang genommen.

Die Lehrlinge sind verpflichtet, dem Meister den erklopften Verdienst ganz oder theilweis als Lehrgeld abzuliefern; im erstern Falle erhalten sie einen Wochenlohn. So lautete die Aussage eines vor nicht langer Zeit protokollarisch vernommenen jugendlichen Klopfers: „Der Andreas L. sagte mir, ich solle mit in die Fremde gehen. Er wolle mir wöchentlich zwei Thaler geben mit der Bedingung, ihm alle Abende das am Tag über erklopfte Geld abzuliefern. Ich war einverstanden und wir gingen nach der Kirmß’ fort in’s Sächsische. Nach drei Wochen waren wir in Leipzig. Die nöthige Anweisung zum Klopfen und die Orte, welche ich passiren mußte, sowie der jedesmalige Sammelplatz wurden mir immer von L. angegeben. Als ich wieder fort wollte, bot er mir wöchentlich zwei und einen halben Thaler.“

Man sieht schon daraus, daß das Geschäft seinen Mann nährt. Nach actlichen Ermittelungen hat Einer in elf Wochen einundzwanzig Thaler, ein Anderer in acht Wochen fünfzehn Thaler verdient. Der Verdienst eines Klopferzugs wurde früher, als das Handwerk noch mehr blühte, besonders als man noch den Rhein und Baden „abklopfte“, auf dreißig bis fünfzig Gulden rheinisch angenommen, und in dem kleinen Orte Gehaus sollen jährlich fünftausend bis zehntausend Gulden zusammengeklopft worden sein. Mancher hatte sich draußen Haus und Feld zusammengeklopft, einer war sogar Capitalist geworden und hieß darum der „Zinsenpeter“.

Die Klopfer sind meist gesunde, blühende Leute und, so lange das Handwerk nicht das Armensündergesicht verlangt, heiter und sorglos. Es ist die Poesie des Vagabundenthums, was sie erfrischt. Die gemeinen Verbrechen, namentlich der Diebstahl, werden von dem Klopfer nicht geübt. Er hält auf eine Art von Corpsehre und weiß sich, wenn ihm sonst sein schweifender Lebenswandel vorgehalten wird, damit groß zu thun, daß er ja eigentlich noch nichts verbrochen habe. Hier und da ist indeß auch noch ein anderes Kunststückchen bei ihm im Gange: das Weißmachen von Kupfermünze vermittelst Scheidewasser und Quecksilber, in der Absicht, dieselben dann Abends für Silberstücke auszugeben; ein Stückchen, das unsres Erinnerns auch einmal die liebe, wohlerzogene Jugend zu Zeiten, wenn die alte Bäckersfrau ihre große Hornbrille nicht zur Hand hat, zur Gewinnung eines Stückchens Kuchen in der Dämmerung ausübt.

Vordem war hauptsächlich Süd- und Westdeutschland der Schauplatz der klopferischen Thätigkeit. Insbesondere bot der Rastatt-Ulmer Festungsbau einen günstigen Arbeitsvorwand. Mit der Zeit kam man aber dort doch hinter die Schliche und so ist jetzt der Zug mehr nach Nordwestdeutschland, neuerdings auch nach Thüringen und Sachsen gerichtet. Hier sind es namentlich Festungsbauten in Magdeburg, welche zum Vorwand dienen müssen. Von da geht es aber meist weiter nach Bückeburg, Stade, Hamburg, Bremen, Verden und so fort.

Der Polizei konnte dies gegen die sociale Ordnung verstoßende Treiben nicht gleichgültig bleiben und sie ergriff ganz besondere Maßregeln zur Unterdrückung des neuen Bettelordens. Sie führt über das Sündenregister jedes einzelnen Klopfers jetzt Buch und Rechnung, veröffentlicht ohne alle Discretion deren Namen und Lebenslauf in den Polizeianzeigern, wie sie mit derselben Indiscretion bereits die geheimen Regeln des Handwerks offenbarte. Sie weigert dem notorischen Klopfer die Ausstellung eines Passes, wenn er nicht vorher einen Arbeitsnachweis beibringt, und hat für dieselben eine ganz specielle Kategorie von Reiselegitimationen, sogenannte Klopferpässe, erfunden. Dieselben enthalten namentlich die den Ordensartikeln entschieden entgegenstehende Bemerkung, daß der Inhaber, wenn er binnen vierzehn Tagen kein Arbeitsunterkommen nachweise, in die Heimath zu weisen sei. Wenn die Arbeitsscheu und die Anhänglichkeit an die Gesetze des dolce far niente allzu groß geworden sind, dann bringt sie auch wohl den wackern Meister unter Dach und Fach eines Hauses, wo der einmal Eingetretene zu einer täglichen Verehrung der Arbeitsgöttin wider seinen eignen Willen gezwungen wird. Diese und namentlich die letztere, gegen die gewohnten Freiheitsbegriffe zu grell ankämpfende Maßregel hat theilweis die Klopfer veranlaßt, nach dem gepriesenen Freiheitsland, nach Amerika, auszuwandern. Ob sie dort, wo man für Arbeit noch viel mehr Sinn hat als hier und wo eine gewisse deutsche Gemüthlichkeit, welche für den Fechter der Landstraße gern Sympathien hegt, noch nicht eingebürgert ist, das Erwünschte gefunden haben, läßt sich sehr bezweifeln.

In weit werthvollerer Weise hat man aber dem Uebel dadurch zu steuern gesucht, daß man den Bewohnern jener Gegend durch Anlegung von Fabriken, durch öffentliche Unternehmungen, z. B. [611] Straßenbauten, Gelegenheit zur Arbeit und zum Verdienst in der Heimath bot und somit auch ihnen den Hauptvorwand zur Wanderschaft in’s Ausland entzog. Freilich kommt es zumal den älteren Meistern hart an, der alten lieben Gewohnheit zu entsagen, und es wird immer zuletzt die Hauptaufgabe bleiben, daß man der heranwachsenden Generation das Zurücksinken in die Sünden der Väter verleidet und in ihnen die Liebe zur Arbeit, die allein wahrhaft zu beglücken und innerlich zu befriedigen vermag, zu erwecken und zu erhalten sucht.

Daß aber eine solche Drohnencolonie überhaupt entstehen konnte, das war eben nur möglich zu einer Zeit und in einem Lande, wo die innere Zerrissenheit und Zerspaltung in mehrere Hunderte kleiner Dynastien, von denen jede eifersüchtig auf die andere war und ihr, zu Gunsten ihrer eignen Selbstherrlichkeit, Tort und Dampf anthat, das Aufkommen eines nationalen Gemeinsinns und die Schaffung gemeinsamer Maßregeln und Einrichtungen verhinderte. Die geschilderte Erscheinung gehört mit auf das Sündenregister der deutschen Kleinstaaterei und Vielregiererei. Die jetzt zu erhoffende Nationaleinheit Deutschlands wird auch solche Auswüchse fortan unmöglich machen.
Fr. Helbig.