Statistische Darstellung des Kreises Moers/II. Physiographische Skizze

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II. Physiographische Skizze.

Die Oberfläche unseres Kreises ist, namentlich im östlichen, dem Rheine nahe gelegenen Theile desselben, vorherrschend eben; im westlichen Theile dagegen zieht sich nahe der Gränze, vom südwestlichen bis zum nordwestlichen Endpunkte, über beide hinaus sich weiter fortsetzend, eine mehrfach unterbrochene Hügelkette. Diese zumeist aus Sand und Kies bestehenden Hügel haben sich, unzweifelhaft längst bevor der Sattel des Siebengebirges vom Rheine durchbrochen war, an den einstigen Mündungen der Ruhr und der Lippe abgelagert, und sind später beim Andrange der Fluthen des Rheingebietes nach dem Gebiete der Maas hin an mehreren Stellen durchspült worden. Die erwähnte Hügelkette beginnt bei Tönisberg mit dem Wolfsberge, setzt sich dann mit dem Wartzberge, den Lindter, den Schaephuyser und den Rheurdter Bergen in ununterbrochener Reihe fort und endet zunächst mit dem Ormpschen oder Oermter-Berge, in der Gemeinde Sevelen, Kreises Geldern. Etwa eine starke halbe Meile östlich von dem am Fuße dieser Hügelkette liegenden Dorfe Rheurdt beginnt eine mit jener fast parallel laufende Reihe anderer aber unter sich völlig isolirter Berge, nämlich der Gülichsberg, der Rayensche, der Eyller, der Dachsberg, der Camperberg mit dem Hoogenbusch und der rechts von diesem gelegene Neersenberg. Die nördlichste Spitze des Hoogenbusches läuft am Berlagbruche aus, welches ihn in der Breite von einigen hundert Schritten von der Bönninghardt scheidet. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die genannten Berge ursprünglich sowohl unter sich, als nördlich mit der Bönninghardt und wahrscheinlich auch südlich und südwestlich mit den Schaephuyser und Rheurdter Bergen in Verbindung gestanden haben. Als nun die Fluthen des Rheingebietes sich in der Richtung von Süden nach Norden heranwälzten und in den Bergen zwischen Tönisberg und Oermter auf der Westseite ein festes Ufer fanden, durchbrachen sie zunächst den Raum zwischen diesen und den ebenbenannten damals noch zusammenhängenden Bergen, und indem sie sich nunmehr in einen nordwestlich und einen nördlich fließenden Arm theilten, spülten sie, unter dem Druck der von Osten heranströmenden Wasser des Ruhrgebietes diese Bergkette so ab, daß sie als solche verschwunden ist, und sich nur noch als eine Reihe vereinzelter Berge darstellt. Erst an der compacten Masse der Bönninghardt fanden beide Arme wieder feste Ufer, der zur Maas gehende ein nordöstliches, der im Rheingebiet verbleibende ein westliches. Die Bönninghardt, ein etwa 12000 Morgen großes, zum kleineren Theile auch im Kreise Geldern gelegenes Plateau, erbreitert sich in der Richtung nach Nordwesten und zeigt durch die nach Osten und Südwesten steiler als nach Norden abfallenden Ränder deutlich, daß von Süden aus ein gewaltiger Wasserandrang stattgefunden hat. Etwa eine halbe Meile nördlich von den Ausläufern der Bönninghardt beginnt eine neue Gebirgskette, die Labbecker Berge, der Balberg und der Hochwald (letzterer im Kreise Cleve). Eine Viertelmeile östlich von den Labbecker Bergen, und ungefähr parallel mit diesen liegen die Dreibäumchens und die Heesenberge, ein 500 Ruthen langer Bergrücken, welcher sich nach Norden bis zum Dashof langsam senkt, von wo aus sich das Terrain bis zu dem steil nach dem alten Rheine abfallenden Xantener Berge (Fürstenberge) wieder hebt. Ursprünglich standen wohl der Fürstenberg, die Heesen- und die Dreibäumchensberge, die Labbecker Berge und die Bönninghardt gegenseitig miteinander in Verbindung. Als nun der obenerwähnte nördliche Arm der Fluthen des Rheingebietes, verstärkt durch die Wasser des Lippegebietes, gegen diese feste Masse anstieß, durchbrach er sowohl den Raum zwischen der Bönninghardt und den Labbecker Bergen, als auch denjenigen zwischen diesen und den Heesenbergen, wogegen es ihm zwischen den letztern und dem Xantener Berge nur gelang, einen kleinen Sattel auszuspülen. Es entstanden also hier wiederum zwei Arme, von denen der östliche in das Maasgebiet eindrang, der nördliche im Rheingebiete verblieb. Die von Süden nach dem Norden führende Hügelkette unseres Kreises bot demnach dem Wasser einen doppelten Ausweg zur Maas, den einen breiteren zwischen dem Oermter Berge und der Bönninghardt, den anderen schmaleren zwischen dieser und den Labbecker Bergen.

| Über die Höhe der genannten Berge, mit Ausnahme des Fürstenberges, können nur ohngefähre Angaben gemacht werden[1]. Die Hügelkette zwischen Tönisberg und Oermter mag sich bis zu 150 Fuß, die Bönninghardt etwas höher, die Labbecker Berge und der Balberg bis zu 230 Fuß über den Meeresspiegel erheben. Die Höhe des Fürstenberges ist zu 222,4 Fuß ermittelt. Außer diesen finden sich im südlichen Theile| des Kreises bis abwärts nach Bornheim noch mehrere Sandwellen, nämlich der Mühlenberg bei Friemersheim, die Schwafheimerheide, die Erhebungen, auf welchen die Ortschaften Hochheide, Baerl mit dem Baerler Busch und Lohmühle liegen, und andere unbedeutendere.

Als die Fluthen sich verlaufen und der Rhein sein Bette gefunden hatte, blieben gleichwohl in hiesiger Gegend mehrere Arme dieses Stromes zurück, welche theils zur Maas flossen, theils sich weiter unterhalb mit dem Rhein wieder vereinigten und, bei jedem mit einer Eisstopfung verbundenen Hochwasser aus ihren Ufern tretend, mannichfachen Veränderungen unterlagen. Diese Stromarme sind im Laufe der Zeit an ihren oberen Endpunkten, sei es durch Ablagerungen des Rheines, sei es durch menschliche Abdämmung, vom Rheine getrennt, und nachdem sie theilweise verlandet waren, an vielen Stellen ausgetorft worden. Sie würden jetzt als Sümpfe die Gegend verpesten und den Ackerbau in den tiefer gelegenen Ländereien unmöglich machen, wenn man nicht rechtzeitig Sorge getragen hätte, ihnen durch Gräben, welche in die Sohlen eingeschnitten wurden, einen regelmäßigen Abfluß zu verschaffen. Die hauptsächlichsten dieser Stromarme sind folgende:

1. Die Niepniederung. Ursprünglich oberhalb Uerdingen, mit dem Rhein in Verbindung stehend, beginnt sie gegenwärtig an der westlichen Seite von Bockum, führt in vielfachen Windungen an Zollbrücken, Zwingenbergshof, Papendyk vorbei zum Niepbusch, den sie vom Kliedbruche trennt, tritt dann bis unterhalb Schürmanns abwechselnd in die Gemeinde Vluyn, abwechselnd in die Gemeinde Tönisberg, Kreises Kempen, hierauf oberhalb Leyenburg in den Kreis Moers, führt an Bloemersheim vorbei um den königlichen Wald Littard, den sie zu drei Viertheilen umschließt, herum bis zum Fuße des Rheurdter Berges, von hier durch die Kaplanskaule um den Werling herum bis zum Fuße des Oermter Berges, von wo sie bis unterhalb des Hauses Frohnenbruch die Gränze zwischen den Kreisen Moers und Geldern bildet, tritt dann in den Kreis Geldern und führt um das Hamsfeld herum westlich vom Hause Steeg über Issum, Langendonk, Capellen bis zum Niersthale bei Winnekendonk. Die Niepniederung trennte ehemals die Decanie Duisburg, zu welcher namentlich die Kirchen Uerdingen, Bockum, Moers, Neukirchen und Repelen gehörten, von den Decanien Neuß, Süchteln und Geldern: man darf daher annehmen, daß zur Zeit der Errichtung dieser Decanien dieser alte Rheinarm noch einige Bedeutung hatte. Augenblicklich bildet derselbe einen Terraineinschritt von geringer Tiefe und wechselnder Breite, welcher versumpfte Wiesen und eine Menge alter Torflöcher enthält. Mit einer unbedeutenden Ausnahme wird die Niederung mit ihrem in die Sohle eingeschnittenen Graben als Wasserleitung benutzt, ohne daß jedoch diese dem Laufe derselben ununterbrochen folgt. Auf der westlichen Seite des Littard nämlich führt ein Weg von Dufhuis in diesen Wald, welcher die Niederung durchschneidet und den oberen Theil derselben von dem unteren vollständig absperrt. Unterhalb des Weges tritt der durch das Bruchterrain von Tönisberg über Schaephuysen führende Schaephuyser Landwehrgraben in die Niepniederung ein, und nun dient letztere als Wasserleitung bis unterhalb Frohnenbruch bei Hamsfeld, von wo mit Benutzung einer Seitenniederung ein Graben direkt zu dem Hause Steeg geführt ist, unzweifelhaft in der Absicht, dasselbe mit fließendem Wasser zu umgeben. Dieser Graben, das Nenneperfleuth genannt, vereinigt sich unterhalb Steeg mit dem Issumerfleuth, welcher hier in das alte Strombett eintritt und dasselbe im Kreise Geldern weiter verfolgt.

Etwa 150 Ruthen oberhalb des Weges von Duifhuis zum Littard, an der Nordseite dieses Waldes bei Theishof hat man die Niepniederung durch den Eyll'schen Kendel, jedenfalls wohl auch nur in der Absicht, die Graben des Hauses Eyll mit fließendem Wasser zu füllen, mit dem ebenerwähnten Issumerfleuth bei Begines in Verbindung gesetzt. Dieses Fleuth war ursprünglich die Fortsetzung der großen Goorley, welche aus Lintfort kommend nach Aufnahme der kleinen Goorley um den Camperberg herum über Begines nach Issum zu floß. Bei Anlage der Fossa Eugeniana wurde jedoch diese Ley von Stegmannsschanze bis Begines durch die jetzt in entgegengesetzter Richtung fließende Fossa absorbirt, so daß nunmehr die Goorley bei Stegmannsschanze in die Fossa mündet und das durch die Niepkuhlen und den Eyll'schen Kendel zugeführte Wasser bei Begines theils rechts durch die Fossa zum Rhein, theils links durch das Issumer Fleuth zur Niers und Maas fließt. Nur bei hohen Wasserständen fließt ein Theil dieses Wassers vom oberen Ende des Eyllschen Kendels durch einen kleinen Graben, welcher ehemals eine Mühle trieb, bei Schopmans direkt in die untere Niepniederung.

2. Ein zweiter Rheinarm, die Moersniederung, welcher ebenfalls bei Uerdingen mit dem Rheine in Verbindung stand, führt durch das Uerdinger-, dann über Caldenhausen durch das Sittard- und Aubruch, wo der Schwafheimerbruch-Kendel hinzutritt, an der westlichen Seite von Moers vorbei über Utfort, Repelen, Strommoers nach Rheinberg. Hier ist die sich nördlich noch weiter fortsetzende Niederung bei Anlage der hier in dieselbe eintretenden Fossa künstlich geschlossen und dem Wasser ein Ausweg| nach dem alten Rheine bei Rheinberg verschafft worden, wo dasselbe jetzt eine Mühle treibt. Wenn nun im Rheine ein so hoher Wasserstand eintritt, daß die Moersniederung durch Einlauf von unten überschwemmt werden würde, so wird jener Ausweg durch ein in der Cöln-Nymweger Staatsstraße befindliches Schleusenthor gesperrt. Steigt alsdann das Rheinwasser so hoch, daß die Niederung von oben her, namentlich über die Dämme der Uerdinger, und der Friemersheimer Deichschau einläuft, so bietet der erwähnte bei Anlage der Fossa gemachte Verschluß dem Hochwasser kein Hinderniß; dasselbe nimmt vielmehr in der gleich noch näher zu bezeichnenden Fortsetzung der Niederung seinen Weg zum alten Rhein bei Xanten.

Der die Moersniederung durchschneidende, durch den Stadtgraben von Moers geführte Wasserabzug, der Moerskanal genannt, ist in nassen Jahren sehr wasserreich, da er mehrere Seitengräben aufnimmt, welche zum großen Theil ebenfalls kleinere alte Rheinarme entwässern. Einige hundert Ruthen oberhalb Moers vereinigt sich mit ihm ein Graben, welcher vor Jahrhunderten aus der Niepniederung bei Zwingenbergshof über die Häuser Traer und Lauersfort geführt ist, um dieselben mit fließendem Wasser zu umgeben. Damit der Moerskanal bei hohen Wasserständen einigermaßen entlastet werde, hat man ihn unterhalb Bornheim durch den Lohkanal mit dem bei Orsoy in den Rhein fließenden Baerler Leitgraben verbunden.

Wie bereits bemerkt, setzt sich der in Rede stehende Rheinarm nördlich von Rheinberg fort; er führt nämlich durch die Millinger Wiesen längs Drüpt zum schwarzen Graben, wo die von Haus Heideck über Alpen sich hinziehende Niederung hinzutritt, dann mit dieser vereinigt an Drüptsteen, Rill und Menzelen vorbei, und ergießt sein Wasser, nachdem er weiter unterhalb die ebenfalls mehrere alte Rheinarme entwässernde Borthsche Ley aufgenommen hat, durch die Pollgeut in den alten Rhein bei Xanten. Da die Moersniederung bei Rheinüberschwemmungen eine große Menge Wassers aufnehmen muß, welches sie auf dem bezeichneten Wege nur langsam und ungenügend absetzen kann, so hat die betheiligte Deichschau Ossenberg-Borth-Wallach den Plan des Besitzers von Winnenthal, die Niederung bei Alpen durch einen direkten Graben mit dem alten Rhein bei Birten in Verbindung zu setzen, durch Bewilligung einer Geldsumme unterstützt. Dieser sogenannte Winnenthaler Kanal, welcher zugleich den Zweck hat, versumpfte Ländereien zu entwässern und eine Mühle zu treiben, ist vor mehreren Jahren zur Ausführung gekommen und hat die ehemalige Winnenthaler Ley in ihrem unteren Theile von Winnenthal bis zur Poll überflüssig gemacht.

Außer diesen beiden bedeutendsten Rheinarmen – der Niep- und der Moersniederung – erwähnen wir zuvörderst noch zwei kleinere, nämlich

3. das unlängst meliorirte Winkelhäuser- und Essenbergerbruch, welches unweit Bornheim beginnt und oberhalb Essenberg vermittelst einer im Damme angebrachten Schleuse sein Wasser in den Rhein absetzt, und

4. das Bahnen- und Westerbruch, welches, bei Asberg beginnend, an Hochstraß, Uettelsheim und Meerbeck vorbeiführt und durch eine im Lohmannsdeich angebrachte Schleuse ebenfalls mit dem Rheine verbunden ist; ferner zwei in neuerer Zeit entstandene Rheinarme, nämlich

5. den seit 1842 schiffbar gemachten alten Rhein bei Rheinberg[2], welcher außer dem mit der Fossa vereinigten Moerskanal, die ebenfalls durch alte Rheinarme geführten Wasserabzüge, den Winterswycker Abzugsgraben und den Budberger Grintgraben aufnimmt;

6. den alten Rheinarm bei Birten und Xanten, welcher, um dem Strom einen bessern Lauf zu verschaffen, im Jahre 1784 abgegraben wurde, wodurch die linke Rheinseite das Bislicher Eiland gewann.| Er nimmt außer der Pollgeut mit ihren Zuflüssen den mit der Eikersley vereinigten Winnenthaler Kanal auf. Endlich ist noch

7. die zwischen der Bönninghardt, den Heesen- und den Labbecker-Bergen befindliche Niederung mit ihren Abflüssen hier aufzuführen. Man hat versucht, dieselbe nach drei verschiedenen Richtungen hin zu entwässern, nämlich nach dem alten Rhein bei Birten durch die Eikers- und die Winnenthaler-Ley, nach der Niers durch die über Sonsbeck und Kervenheim führende Sonsbecker- und Balberger-Ley, und endlich in den Rhein durch das in die hohe Ley sich ergießende Uitflieth. Die Niederung der hohen Ley, welche sich mit ihren Nebenarmen, der Leygrafs- und der niederen Ley, als ein altes Flußbett darstellt, vereinigt sich in der Gemeinde Appeldorn mit der Vynnen'schen Ley, welche mit der in sie einmündenden Pißley ebenfalls einen alten Rheinarm repräsentirt, und ergießt sich bei Calkar in die Kalflack und mit dieser in den Rhein.

Die vorstehend aufgeführten alten Rheinarme bilden die Grundlage des Entwässerungssystems unserer Gegend, indem sie eine Menge kleinerer Gräben in sich aufnehmen. Leider ist aber weder das Längen- noch das Breitengefälle des Kreises bedeutend genug, um – wenigstens ohne kostspielige und schwer durchzuführende Meliorationsanlagen – eine allen Anforderungen. entsprechende Entwässerung zu gestatten.

Da nämlich der Nullpunkt des Pegels bei Uerdingen (unweit der südlichen Kreisgränze) sich       75,1'
und derjenige zu Rees (der Nordgrenze gegenüber) sich       37,9'
über den Nullpunkt des Amsterdamer Pegels erhebt, so beträgt das Längengefälle des Rheinstromes in unserem Kreise, welchem die Thalebene
durchgängig folgt, nur       37,2'
demnach auf die Meile       5,8'
oder auf hundert Ruthen       3,4"

Das Breitengefälle läßt sich nicht genauer angeben. Sieht man von der obenerwähnten Hügelreihe ab, so ist der übrige Theil des Kreises westlich nach der Maas und östlich nach dem Rhein so wenig abgedacht, daß es schwer hält, die Wasserscheide zwischen beiden Stromgebieten überall genau zu erkennen. Man sieht hieraus, daß das für die Entwässerung zu benutzende Breitengefälle des Kreises ebenfalls nur gering sein kann. In der Fossa Eugeniana mag dasselbe von Camp bis Rheinberg etwa 7 Fuß oder 4,2" auf hundert Ruthen betragen. Vornehmlich kommt aber das Längengefälle in Betracht, indem die bedeutendsten Wasserabzüge als alte Rheinarme mit dem Rheine parallel laufen und den Kreis der Länge nach durchschneiden. Von diesen hat nun die Niepniederung, da sie in beständigen Schlangenwindungen fortschreitet, ein äußerst geringes Gefälle; der Moerskanal wird durch die Moerser und die Rheinberger Mühle gehemmt, welche letztere bis zu 18,2' am Weseler Pegel staut; der Winnenthaler Kanal, welcher die Fortsetzung der bei Rheinberg verschlossenen Moersniederung entwässern soll, treibt bei Birten, und die hohe Ley bei Marienbaum eine Mühle, so daß das natürliche Gefälle hierdurch wesentlich beeinträchtigt wird. Dasselbe ist aber auch nicht gleichmäßig vertheilt: während es nämlich an einigen Stellen gänzlich verschwindet, mag es sich an anderen bis zu etwa 4 Zoll erheben. Es ist leicht zu ermessen, daß solche Zustände die fortwährende Thätigkeit der Polizei in Anspruch nehmen: über die in dieser Beziehung getroffenen Maßregeln folgt das Nähere im zehnten Abschnitte.

Wenden wir uns nun aus dem Innern des Kreises zu unserem mächtigen Nachbar im Osten, dem Rheinstrome, so haben wir hervorzuheben, daß die Wasserstände desselben, ungeachtet er mit den alten Rheinarmen von oben her nicht mehr in Verbindung steht, für einen großen Theil des Kreises doch vom höchsten Interesse sind. Zur Beobachtung dieser Wasserstände hat die Strompolizeibehörde an mehreren Punkten, insbesondere zu Ruhrort, Wesel und Rees Pegel gesetzt, welche insoweit untereinander in Übereinstimmung gebracht sind, daß der gleichzeitig beobachtete als ein mittlerer angenommene Wasserstand mit 9 Fuß bezeichnet worden ist. Die Nullpunkte der Pegel liegen dadurch so tief, daß sie, außer in höchst seltenen Fällen, immer unter Wasser stehen. Bei höheren und niederen Wasserständen als 9 Fuß können die Pegel, da die Stromweite überall verschieden ist, selbstredend nicht übereinstimmen. Der Nullpunkt des Amsterdamer Pegels, entsprechend dem mittleren Wasserstande der Nordsee, liegt unter dem Nullpunkte des Pegels zu Ruhrort 64,977, unter dem des Pegels zu Wesel 49,328 und unter dem des Pegels zu Rees 37,933 Fuß. Nachstehend theilen wir die im Auftrage der Strombaudirektion in den letzten 10 Jahren beobachteten höchsten, niedrigsten und mittleren Wasserstände der genannten drei Pegel mit, wobei zu bemerken ist, daß der mittlere Wasserstand eines jeden Jahres durch Division der Zahl der Tage in die Summe aller Pegelbeobachtungen gefunden ist, und daß diese letzteren überall um 12 Uhr Mittags gemacht worden sind.

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Wasserstände
Jahr zu Ruhrort zu Wesel zu Rees
höchster mittlerer niedrigster höchster mittlerer niedrigster höchster mittlerer niedrigster
1851 am 23' 6"
 
2. April
10' 0,28"
 
 
4' 1"
4. und 13. März
21' 5"
 
3. April
8' 5"
 
 
2'
5. und 6. März
20' 9"
 
5. April
9' 3,48"
 
 
3' 7"
 
6. und 7. März
1852 am 23' 11"
 
9. Februar
9' 8,5"
 
 
3' 6"
 
4. Januar
22'
 
9. Februar
8' 0,5"
 
 
1' 4"
 
4. Januar
21' 6"
 
9. Februar
9' 0,127"
 
 
3' 3"
 
5. Januar
1853 am 19'
 
16. Janr.
9' 2,31/2"
 
 
1' 4"
30./31. Dezember
17' 4"
 
17. Janr.
7' 5,72"
 
 
7" unter 0
 
15. Dezbr.
17' 5"
 
17. Janr.
8' 5,4"
 
 
1' 1"
 
14. Dezbr.
1854 am 21' 7"
 
28. Dezbr.
8' 0,58"
 
 
2' 6"
14.-17. Oktober
20' 1"
 
28. Dezbr.
6' 4,28"
 
 
5"
 
26. Janr.
19' 9"
 
28. Dezbr.
7' 6"
 
 
2' 1"
 
26. Janr.
1855 am 28' 10"
2. März
9' 11,8"
 
1' 8"
24. Dezbr.
27' 4"
3. März
8' 7,33"
 
9"
22. Dezbr.
25' 3"
4. März
9' 11,39"
 
3' 5"
16. Dezbr.
1856 am 20' 2"
3. Juni
5' 5,42"
 
3'
11. Novbr.
18' 3"
3. Juni
6' 9,3"
 
1' 1"
11. Novbr.
18' 3"
3. und 4. Juni
8' 0,7"
 
2' 11"
6.-8. August
1857 am 12' 9"
6. Januar
4' 9,19"
 
10'
21. Dezbr.
11'
6. und 7. Januar
2' 10,44"
 
1' 4" unter 0
20.-25. Dezbr.
11' 10"
7. Januar
4' 7,45"
 
10'
19.-25. Dezember
1858 am 10' 8"
31. Dezbr.
4' 3,64"
 
6'
8.-14. März
6' 11"
31. Dezbr.
2' 2,46"
 
2' 5" unter 0
1.,3. und 5. Februar
9' 5"
31. Dezbr.
3' 11,39"
 
6" unter 0
31. Janr.
1859 am 15'
23. März
6' 7,83"
 
1' 11"
20. Oktbr.
13' 3"
23. Mai
4' 10,7"
 
0
22.-25. Oktober
13' 6"
23. Mai
5' 11,68"
 
1' 2"
20. bis 25. Oktbr.
1860 am 21' 11"
5. April
10' 6,5"
 
5' 2"
27. Febr.
19' 11"
5. April
8' 11,45"
 
3' 6"
17. Novbr. 27. Febr.
19' 6"
5. April
9' 8,55"
 
4' 10"
27. Dezbr.
4' 11"
27. Febr.
1861 am 25' 8"
25. Janr.
8' 072"
 
2' 5"
2. Novbr.
23' 2"
28. Janr.
6' 5,86"
 
3" unter 0
4. 5. und 8. Novbr.
24' 61/2"
29. Janr.
7' 6,55"
 
1' 9"
2.-5. November

Hiernach war der niedrigste Wasserstand am Pegel zu Ruhrort 1' 4", der höchste 28' 10", die Differenz also 27' 6". An anderen Punkten des Kreises war der höchste Wasserstand des Jahres 1855 in Folge der Eisstopfung noch bedeutend höher. – Da ein großer Theil des Terrains unseres Kreises unter den höchsten Wasserständen bis herab zu 16 oder 17 Fuß Pegelhöhe liegt, so ist derselbe häufigen Überschwemmungen ausgesetzt. Das Überschwemmungsgebiet des Rheines umfaßt, wenn man die von demselben umschlossenen Höhen mitrechnet, die größere Hälfte des Kreises. Es berührt nämlich mehr oder weniger sämmtliche Bürgermeistereien mit Ausnahme von Vluyn, Schaephuysen, Rheurdt, Hörstgen, Camp, Sonsbeck und Labbeck. Über die gegen Überschwemmungen getroffenen Schutzmaßregeln wird unten im zehnten Abschnitt Näheres mitgetheilt werden. – Die Breite des Rheines beträgt bei Uerdingen 1020, unterhalb Wesel 1580 Fuß. Hier führt derselbe bei 9 Fuß Pegelhöhe in jeder Secunde 75000 Kubikfuß Wasser ab.

| Nachdem wir die Gestalt der Oberfläche und die Wasserverhältnisse unseres Kreises kurz geschildert haben, so erübrigt nur noch, einiges über den Boden selbst zu sagen. Derselbe ist von sehr verschiedener Beschaffenheit, im Allgemeinen aber von durchlassendem mildem Charakter und besteht wechselnd aus Lehm, sandigem Lehm, lehmigem Sand und Sand. In den Rheinniederungen findet man mehrfach einen tiefgründigen lettigen Lehmboden, der nichts zu wünschen übrig lassen würde, wenn er nicht durch Quell- und Stauwasser bei hohen Rheinwasserständen zu häufig litte, in den hoheren Lagen einen vermögenden sandigen Lehm, auf den Hügelrücken, den schmalen Wellen und ähnlichen Erhebungen nur Sand mit wenigen Lehmtheilen. In einem Theile der eingedeichten Rheinniederung ist der ursprünglich gute Boden in Folge wiederholter Durchbrüche durch Sandüberschüttung wesentlich verschlechtert worden. In den tiefen Terraineinschnitten des Kreises, welche in der Regel als Wiesen benutzt werden, findet sich Moor- und Torfboden, nicht selten auch eisenschüssiger Thon und kaltnasser Sand. – Geognostisch betrachtet gehören die obersten Bodenschichten in denjenigen Theilen des Kreises, welche unter dem Einflusse der Rheinüberschwemmungen standen, dem Alluvium, alles andere bis zu bedeutender Tiefe dem Diluvium an. In den außerhalb Deiches gelegenen Ländereien schreitet die Alluvion noch immer fort: nach den Ausgrabungen römischer Alterthümer zu urtheilen, beträgt dieselbe seit der Römerzeit 8—10 Fuß. Durch mehrfache Bohrversuche hat man sich überzeugt, daß die Steinkohlenformation des rechten Rheinufers sich – jedoch in weit größerer Tiefe – auch auf dem linken Rheinufer fortsetzt. Über die Resultate dieser Versuche berichten wir näher im zwölften Abschnitte.


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Fußnoten der Vorlage

  1. Dagegen sind die Höhen der nachstehend genannten Örtlichkeiten durch geometrische Nivellements ermittelt worden. (Die sämmtlichen Höhen-Angaben sind in Pariser Fuß gemacht, und beziehen sich auf den Nullpunkt des Pegels zu Amsterdam.)
    1. Am linken Rhein-Ufer.
    1. Baerl, Sohlbank des Fensters am Wolters-Hof       78,695
    2. Orsoy, Oberkante des Ankers am Zollhause 85,032
    3. Wesel gegenüber, die Deichkrone bei Nr. 591 72,067
    4. Wesel gegenüber, die Deichkrone bei Nr. 636       66,819
    5. Vynnen, Oberfläche der massiven Schleusenwand im Banndeich       59,895
    6. Vynnen, Nullpunkt des Pegels an der Schleuse       39,458
    7. Vynnen, die Deichkrone bei Nr. 674       65,018
    2. Auf der Ruhrort-Kreis-Gladbacher Eisenbahn.
    8. Homberg, Bahnhof       92,8
    9. Trompet, Bahnhof       94,1
    3. An der Köln-Nymweger-Staatsstraße.
    10. Straße an der Trompett       91,0
    11. Moers, auf der Brücke am Steinthor       92,6
    12. Moers, an Bastians Hausthüre, Wasserstand von 1799       94,0
    13. Moers, auf der Brücke am Rheinbergerthore       91,3
    14. Bornheim, Mitte der Chaussee       81,1
    15. Bornheim, Mitte der Brücke       77,6
    16. Winterswyk, vor Hückershof       77,5
    17. Rheinberg, Wegepfahl am Thor       79,2
    18. Rheinberg, am Rheinthore       81,9
    19. Rheinberg, Spiegel der Fossa Eugeniana       69,6
    20. Rheinberg, Brücke über die Fossa Eugeniana       77,6
    21. Rheinberg, Wasserspiegel beim Grundstücke von Brixius       79,0
    22. Windmühle bei Ossenberg       75,1
    23. Dem Dorfe Menzelen gegenüber bei Gerh. Hoffmann, Rheinhöhe von 1784       72,8
    24. Brücke bei Theodor Verkühlen       68,4
    25. Höchster Punkt vor Laumannshof       104,9
    26. Höchster Punkt auf dem Galgenberge       107,1
    27. Xanten, Marschthor, in der Mitte der Straße       84,3
    28. Xanten, am Cleverthor       79,0
    29. Brücke vor dem Möhrenhof       66,3
    30. Bachspiegel an der Brücke vor dem Möhrenhof       59,5
    31. Straße, dem Hause Balken gegenüber       66,4
    32. Marienbaum, Strathmannshaus gegenüber       69,7
    4. An der alten Straße von Birten nach Xanten.
    33. Birten, am Schwan       68,5
    34. Birten, an der Kirche       92,6
    35. Höchster Punkt der alten Straße von Fürstenberg       207,2
    36. Straße bei Peters       174,9
    37. Kiesstraße von Xanten am Marschthore       85,7
    38. Xanten, vor der Windmühle       90,9
  2. Bis zum Anfange des vorigen Jahrhunderts floß der Rhein bei Reinberg vorbei. Im Jahre 1668 brach er bei Eisgang und Überschwemmung unweit Mehrum in die Momm ein, ein kleines Gewässer, welches gegenüber dem Hause „an der Momm“ mündete. Obgleich dieser Durchbruch in den folgenden Jahren sich erweiterte und einen neuen Rheinarm bildete, ging doch der Hauptstrom von der Gottlieber Ward aus noch immer auf Rheinberg zu. Den Churfürstlichen Zoll zu umgehen, versuchten indessen schon in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts kleine beladene Schiffe, durch den neuen Arm zu fahren, was jedoch von Seiten Rheinbergs als ungesetzlich betrachtet und möglichst zu verhindern gesucht wurde. Die Erbitterung ging so weit, daß, als im Jahre 1696 ein Schiff in dem seichten Wasser des neuen Armes sich festfuhr, die Rheinberger dasselbe verbrannten. Nachdem im spanischen Erbfolgekriege 1703 Rheinberg von Preußen besetzt worden war, ließ die preußische Regierung, um den Rhein ganz durch Clevisches Territorium zu leiten und den Rheinberger Zoll thatsächlich auszuheben, da, wo der Durchbruch stattgefunden hatte, mehrere mit Steinen und Kies beladene Schiffe in das alte Rheinbett versenken und dasselbe durch Kribbwerke und Weidenpflanzungen vollends sperren, den neuen Arm dagegen erweitern. Als 1715 Rheinberg dem Churfürsten von Köln zurückgegeben wurde, war der Rhein vollständig abgeleitet, und Churköln verlegte den Zoll nach Uerdingen.
    Der obere Theil des ehemaligen Rheinbettes ist inzwischen verlandet, der untere bildet den jetzigen alten Rhein.