Supermarine Universal-Sprache

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Titel: Supermarine Universal-Sprache
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 272
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[272] Supermarine Universal-Sprache. Es ist ganz hübsch, recht viel Sprachen zu verstehen, wenigstens eine, die Muttersprache (die schon allein nicht ganz leicht ist); aber schwer und eine Zeit raubende, Jugend, Geist und Gemuß tödtende Quälerei, außer der Muttersprache und einigen andern lebendigen Zungen auch noch zwei, drei, vier, zuweilen auch fünf mausetodte Ueberbleibsel vom Thurmbau zu Babel her in den Kopf zu vocabulisiren, zu exercitiisiren, zu grammatisiren, zu syntaxiren und endlich sogar Examina darauf zu machen, furchtbare, lebensgefährliche Examina darin zu bestehen vor drakonischen, trocknen, grundeisgelehrten Professoren, Directoren, Räthen, Doctoren, Schreibern und Pfaffen, die den halbtodten Primaner oder Candidaten Jobs reinweg durchfallen lassen, wenn er mit Jota Subscriptum und besonders mit den vielen Pünktchen und räthselhaften Zeichen neben und unter dem Hebräischen nicht umzugehen weiß, wie der Jongleur mit seinen Kugeln, Messern und Dolchen. Wie, wenn es nur eine Sprache gäbe in der Welt, statt eines guten, runden Tausend von Sprachen, abgesehen von den Mundarten, deren Firmenich in Berlin nun gewiß auch bald tausend aus der einzigen deutschen Sprache gesammelt haben wird?

Wir hätten’s dann leichter in der Schule, im Leben und Lernen. Und was wir Herren Eltern, die wir unsern Jungen immerwährend Grammatiken, Lexika, Tauchnitze und sogar Taugenichtse von Büchern kaufen müssen, für schönes Geld sparen würden für nützliche Bücher, für Tanzstunde, für Reisen in der Natur, unter Menschen und Maschinen herum! Ueberall ohne Dollmetscher und Mißverständnisse rund um die Erde herum, wo uns ein Jeder ganz mit denselben Tönen guten Morgen bieten und die Rechnung beim Abschiede erklären würde!

Man wende mir nicht ein, daß dann die tausendstimmig rauschende Poesie des riesigen Sprachbaumes, der wie die Esche der nordischen Mythologie in den Tiefen der Erde wurzelt und nach allen Seiten über die Wolken hinaus rauscht, verschwinden und ein trostloses Einerlei von Kuckuckssprache aus jedem Halse tönen würde, daß eine solche Kunstsprache durchaus unmöglich sei, da Sprachen naturnothwendig aus Klima und Bodenbeschaffenheit herauswachsen. Philologie = sprechende Klimatologie. Richtig. Aber ist denn auch z. B. der Leibrock, der universale, hundsföttische, abgeschmackte Allerweltsleibrock (wenn er die Flügel nur wenigstens vorn hätte, statt den Rücken da, wo er seinen ehrlichen Namen verliert, zu befittigen), ist dieses in China und Chemnitz, in Meißen und Mexico ganz egale Gewand des Kosmopolitismus ein Naturproduct? Schüttelt man sich einen vom Baume, wenn der alte zum nächsten Balle oder zu Geheimraths zum Thee nicht mehr gehen will? Im Gegentheil, es gibt keinen größeren Triumph der naturüberwindenden Gewalt der Kunst, als diesen schwarzen Leibrock. Klima, Race, 20–40 Grad Kälte, 20–40 Grad Hitze, Berg oder Thal, Posemuckel oder Potsdam, Calcutta oder Kalau, Muhamed oder Mucker, Lorbeer oder Bettelstab – hilft Alles nichts, der Leibrock muß angezogen werden, wenn’s zum Thee oder Balle, zum Präsidenten oder Nero geht. Und im Leibrocke sehen die Herren dann nicht nur ganz egal, einerlei und ennuyant aus, sie denken auch Alle ganz einerlei nichts und sagen dies ganz auf dieselbe Weise, nur daß sie sich in den meisten Ländern verschiedene Töne und Laute für dieses kosmopolitische Einerlei gefälliger Gedankenlosigkeit angewöhnt haben, wenn sie nicht Französisch sprechen, was für diese Fälle schon ziemlich unserer gewünschten Universalsprache nahe kommt. Ich meine eine Sprache, die dem kosmopolitischen Leibrocke in Tönen entspricht, für alle Welt von ganz gleichem, nichtssagendem Schnitt, damit sie ihre Civilisation, ihre Höflichkeiten, ihre Alltäglichkeiten darin abmachen können.

Für das Beste, Tiefste, Höchste, Heiligste im Menschenherzen reichen doch auch die tausend Sprachen, jede mit einem Schock Mundarten, nicht hin. Die himmelhoch jauchzende oder zum Tode betrübte Liebe spricht nicht, der tiefste Schmerz ist stumm, die gewaltigsten Regungen in der Dichter- oder Heldenbrust sprechen nicht mit Worten, sondern mit Flammen in den Augen, elektrischen Zuckungen in den Muskeln, mit Waffen des Mords, Selbstmords oder Schaffens und Erlösens.

Eine Universalsprache für das civilisirte Einerlei aller Völker: Marktpreise und Miethe, Börsen- und Bahnhofs-Course, Neuigkeiten und Nichtigkeiten der Conversation, Kleider und Schuhe, Waschzettel und Schneiderrechnungen, Wetter und Wohlbefinden, Höflichkeiten und sonstiges anständiges Huckevolllügen. Wer dabei in den Fall kommt, wirklich einmal etwas zu sagen, wird schon ganz von selbst so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Für den Verfall dieser naturwüchsigen Mundarten brauchte man also nicht besorgt zu sein.

Es sind schon mancherlei Versuche für Gründung einer solchen Universalsprache gemacht werden (unter Anderem von dem ehemaligen preußischen Gesandten in London, Ritter Bunsen), aber bis jetzt vergebens in jedem Lande für das Festland. Nur auf dem völkerverbindenden Meere scheint’s zu gelingen. Für die seefahrenden, Helden aller Nationen ist bereits eine allgemeine Sprache da. Sie wird schon täglich, wenn nicht gesprochen, so doch telegraphirt.

Es ist die neue, supermarine Universal–Telegraphensprache, von der wir (nach dieser jeden ernsten, methodischen Kopf empörenden Einleitung) ein Wort sagen wollen.

Man unterhielt sich schon immer über den Wogen des Oceans durch aufgezogene Flaggen von verschiedenen Farben und Formen, aber erst seit 1803 kam durch Sir Home Popham etwas Methode und Einheit in diese telegraphische Zeichensprache, auf Grund der 10 Zahlenzeichen, für welche zehn verschiedene Flaggen angenommen wurden. Mit diesen konnte man nun jede beliebige Zahl und auch Tausende von Worten, die in einem besondern Signalbuche als gleichbedeutend mit den verschiedenen Zahlen alphabetisch verzeichnet waren, in die Ferne hinausschreiben. In dieser Sprache telegraphirte Nelson seiner Flotte vor der Schlacht bei Trafalgar folgende Worte zu:

253 269 863 261 471 958 220 310 4 20 19 24
England expects, that every man will do his d u t y
(England erwartet, daß jeder Mann wird thun seine Schuldigkeit.)

Diese umständliche, beschränkte numerische Methode wurde 1839 aufgegeben und dafür ein alphabetisches System mit den 26 englischen Buchstaben eingeführt. Diese sind durch 26 verschiedene Formen und Farben von Fahnen vertreten und geben vermittelst der fabelhaften Mannichfaltigkeit „mathematischer Wandelungen“ eine so reiche Sprache, wie sie kaum unsere Schriftsprache bietet. Als Beispiel führen wir nur an, daß man mit blos ein, zwei bis drei Fahnen auf einmal 16,000 Signale oder Worte in die Luft und Ferne schreiben kann.

Die Kauffahrteischiffe hatten bis 1817 gar keine bestimmte Sprache der Art. Erst vor 40 Jahren führte Capitain Marryat ein nach ihm benanntes, auch von Frankreich und den vereinigten Staaten angenommenes Zeichensystem ein, das sich nur durch größere Schwierigkeit vor dem Popham’schen, in der Marine und Flotte gebräuchlichen auszeichnete und zu den oft gefährlichsten Mißverständnissen Anlaß gab. Deshalb ließ das englische Handels-Amt im Jahre 1855 die Sache untersuchen und Vorschläge für Einheit und Universalität dieser Sprache auf dem Meere ausarbeiten.

Um mit Namen und Nummern der Schiffe, die sich früher nach Willkür umtauften, in Sicherheit zu kommen, wurde verordnet, daß jedes Schiff eine bestimmte Hafen-Heimath, einen bestimmten Namen und eine bestimmte Nummer haben und halten müsse. Hierauf wurde ein Lexikon von 13 Signalflaggen und deren Combinationen entworfen. Jede Zahl und Formation und Farbenzusammenstellung von Flaggen ist ein Zeichen für eine bestimmte Sache, kein Wort, so daß jede Nation mit Hülfe des in ihre Sprache übersetzten Lexikons oder durch praktisches Lesenlernen der Zeichen selbst sofort jede andere auf dem Meere unzweideutig verstehen kann. Für gewöhnliche Mittheilungen reichen schon zwei Flaggen hin; jene 18 zu je zwei in verschiedenen Combinationen gebraucht, geben 306 Sachzeichen, mit denen sich schon viel sagen läßt. Mit den Combinationen von je 3 Flaggen sind 4896 Sachzeichen möglich, von je 4 über 73,000, von je 5 schon 1,028,160. Das Lexikon beschränkt sich aber auf die Combination von höchstens je 4 Flaggen, d. h. von je 2, 3 oder 4 und ihren verschiedenen Stellungen zueinander, wodurch 78,642 bestimmte Sachzeichen oder Wortsignale gewonnen sind. Mit diesen können sich die Schiffe aller Nationen auf jedem Meere Alles sagen, was irgendwie die auf langen Seereisen gesteigerte Neugier verlangen mag. Für die 35,000 Kauffahrteifahrzeuge Englands und ihre Namen und Nummern gilt eine besondere Combination von je 4 Flaggen. Jede derselben unterscheidet sich von den 78,642 Wort- und Sach-Signalen durch eine viereckige Flagge über jedem dieser Zeichen.

Dies wird hinreichen, um sich eine Vorstellung von dem neuen „commerciellen Codex von Signalen zum Gebrauche für alle Nationen“ („Commercial Code of Signals for the use of All Nations“) zu bilden. Man braucht eben nur zu wissen, daß diese Flaggen-Combinationen nicht Worte, sondern Sachen, die verschiedene Nationen nur mit verschiedenen Lauten bezeichnen, ohne daß sie sich dadurch ändern, an den Masten in die Luft schreiben, um zu begreifen, daß damit schon, wenigstens auf der „Brücke der Völker“, wie Hegel das Meer nennt, der Grund zu einer kosmopolitischen Universalsprache gewonnen ist. Setzte man für diese und auf dem Lande hinzukommenden Sachzeichen universelle Laute fest, so wäre auch auf einmal das allgemeine Unterhaltungs- und Verständigungsmittel zwischen allen Völkern da. Letzterer Schritt wäre gar nicht so schwer, da es leichter ist, ein Ding durch einen Laut zu bezeichnen, als durch Aufziehen und Stellen von Flaggen es 30–50 Fuß hoch in die Luft zu ziehen. Nun, was nicht ist, kann noch werden. Denn die 6 Tage der Schöpfung sind noch lange nicht alle.