Testament des Iob

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Titel: Testament des Iob
Untertitel:
aus: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel S. 1104–1134, S. 1333f.
Herausgeber: Paul Rießler
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Dr. B. Filser
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Erscheinungsort: Augsburg
Übersetzer: Paul Rießler
Originaltitel:
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Inhaltsverzeichnis

57. Testament des Iob


1. Kapitel: Iobs Abschiedsrede
1
Das Buch der Geschichte Iob mit dem Beinamen Iobab
2
Am Tag, wo er erkrankte,

wollt er sein Hauswesen bestellen
und so berief er seine sieben Söhne und drei Töchter.

3
Sie hießen Tersi, Choros, Yon,

Nike, Phoros, Phiphe, Phruon,
sowie Hemera, Kasia und Amaltheas Horn.

4
So rief er seine Kinder her und sprach:

Stellt euch im Kreis um mich jetzt, meine Kinder!
Stellt euch im Kreis um mich,
damit ich euch erzählen kann,
was mir der Herr getan
und was mir alles zugestoßen!

5
Ich bin ja euer Vater Iob,

der schon in jedes Leid geraten.
Ihr aber seid ein auserwähltes,
vornehm Geschlecht aus Jakobs Stamm,
der eurer Mutter Vater war.

6
Ich selbst bin einer von den Söhnen Esaus,

der Jakobs Bruder war.
Von diesem stammt auch eure Mutter Dina,
mit der ich euch erzeugt.
Mein erstes Weib starb eines bittern Tods
mit zehn der Kinder.
Hört mich nun, Kinder, an!
Ich will euch künden, was mir widerfahren ist.


2.Kapitel: Iob und das Götzenbild
1
Bevor der Herr mich Iob benannte,

da hieß ich Iobab.

2
Als ich noch Iobab hieß,

da wohnte ich zuerst
ganz nah bei einem viel verehrten Götzenbild.

3
Ich sah beständig,

wie man ihm Brandopfer darbrachte;
da überlegte ich bei mir und dachte:

4
Ist das der Gott,

der einst den Himmel und die Erde,
das Meer, uns selbst gemacht?
Wie kann ich das erkennen?


3. Kapitel: Entlarvung des Götzenbildes
1
Bei Nacht in meinem Schlaf

drang eine laute Stimme her zu mir,
in einem übergroßen Licht,
und rief: Iobab! Iobab!

2
Ich sagte: Hier bin ich.

Sie sprach:
Steh auf! Ich will dir offenbaren, wer der ist,
den du erkennen willst.

3
Der, dem man diese Brand- und Trankesopfer bringt,

ist niemals Gott.
Dies ist die Macht des Teufels,
durch den die menschliche Natur sich täuschen läßt.

4
Als ich dies hörte,

fiel ich auf mein Lager nieder
und betete und sprach:

5
Mein Herr!

Du kamst zu meiner Seele Heil.

6
Ich bitte dich:

Ist dies in Wirklichkeit
die Stätte Satans, der die Menschen täuscht,
dann gib mir die Erlaubnis, hinzugehen
und diesen Ort zu reinigen!

7
Dadurch erreiche ich,

daß fernerhin ihm nicht geopfert wird.
Wer wollte mich dran hindern,
mich, König dieses Landes?


4. Kapitel: Des Götzenbildes Zerstörung ist gefährlich, aber verdienstlich
1
Darauf gab mir das Licht zur Antwort:

Du kannst ja diese Stätte reinigen;
doch ich verkündige dir alles,
was mir der Herr dir mitzuteilen aufgetragen.

2
Ich sprach darauf:

Ich höre alles,
was seinem Diener je der Herr befiehlt,
und will es tun.

3
Und wieder sprach er:

So spricht der Herr:

4
Versuchst du, Satans Ort zu reinigen,

dann steht er gegen dich voll Zorn zum Kampfe auf.
Den Tod zwar kann er dir nicht bringen,
dagegen viele Plagen.

5
Er nimmt dein Hab und Gut dir weg

und deine Kinder tötet er.

6
Doch harrst du aus,

dann mach ich deinen Namen hochberühmt
bei allen den Geschlechtern auf der Erde
bis an der Zeiten Ende.

7
Und ich verhelf dir abermals zu Hab und Gut

und doppelt soll es dir erstattet werden.

8
Du sollst erkennen:

Der Herr nimmt nie auf jemand Rücksicht;
denn er vergilt mit Gutem jedem,
der aus ihn hört.

9
Du wirst auch bei der Auferstehung auferweckt.
10
Du gleichst dann einem Faustkämpfer,

der Mühen standhaft duldet
und so den Siegerkranz erringt.

11
Alsdann erkennst du es:

Gerecht, wahrhaftig,
gar mächtig ist der Herr
und seinen Auserwählten gibt er Kraft.


5. Kapitel: Iobs Bereitwilligkeit
1
Da gab ich ihm zur Antwort, meine Kinder:

Ich halte bis zum Tode aus.

2
Der Engel drückte mir das Siegel auf

und ging von mir.
Noch in der gleichen Nacht erhob ich mich, ihr meine Kinder,
nahm fünfzig Knechte mit
und ging zum Heiligtum des Götzenbildes
und auf den Boden warf ich’s hin.

3
Dann kehrt ich heim

und ließ die Türen fest verriegeln.


6. Kapitel: Iob will niemand mehr empfangen
1
Hört, Kinder, jetzt auf mich

und staunt!

2
Sobald ich heimgegangen,

ließ ich die Türen gut verschließen
und gab den Türhütern den Auftrag:

3
Wenn heute jemand nach mir fragt,

soll er nicht angemeldet werden!

Sagt vielmehr: „Er hat keine Zeit;
er ist mit einem dringenden Geschäfte drin bemüht.“

4
Wie ich nun drinnen war,

klopft an die Tür der Satan;
er hatte sich in einen Bettelmann verwandelt

5
Er sprach:

Meld doch dem Iob:
„Ich will dich sprechen.“

6
Da kam die Pförtnerin herein

und sagt es mir.

7
Doch sie bekam von mir zu hören,

sie solle sagen,
ich hätte keine Zeit.


7. Kapitel: Satans Ankunft
1
Als Satan dies vernahm,

ging er hinweg,
warf einen Mantel über seine Schultern,
kam abermals
und sagte zu der Pförtnerin:

2
Sag Iob:

„Gib mir aus deinen Händen ein Stück Brot zum Essen!“

3
Alsdann gab ich der Magd ein ganz verbranntes Brot,

sie solle es ihm geben;
dazu ließ ich ihm sagen:

4
Denk nie mehr dran,

von meinem Brot zu essen!
Du bist mein Gegner ja geworden.

5
Es schämte sich jedoch die Pförtnerin,

das ganz verbrannte, aschenfarbene Brotstück ihm zu geben.

6
Sie wußte nicht, daß es der Satan war;

drum holte sie von ihren eigenen Broten
ein schönes Stück und gab es ihm.

7
Er nahm es an;

er aber wußte, was geschehen war.
So sprach er zu der Magd:
Geh, böse Magd
und hol das Brot, das man dir gab,
um mir’s zu reichen!

8
Da brach die Magd betrübt in Tränen aus

und sprach:
Du sagst ganz richtig,
ich wäre eine böse Magd.

9
Wenn ich’s nicht wär,

hätt ich getan,
wie’s mich mein Herr geheißen hat.
Sie lief hinweg

und holte das verbrannte Brot ihm her
und sprach:
Mein Herr läßt sagen:

10
„Von meinem Brote sollst du nie mehr essen;

ich bin dein Gegner ja geworden.

11
Dies geb ich dir gerade noch,

damit ich nicht verrufen würde,
ich hätte meinem Feind auf seine Bitten nichts gegeben.“

12
Als Satan dies vernommen,

schickt er die Magd zu mir zurück
und läßt vermelden:
So ganz verbrannt, wie dieses Brot,
will ich auch deinen Körper machen.
In einer Stunde komm ich wieder:
dann plündere ich dich aus.

13
Ich ließ ihm sagen:

Tu, was du willst!
Was immer du willst über mich verhängen, –
ich bin bereit, das zu ertragen,
was du mir auflädst.


8. Kapitel: Iob fällt in Satans Gewalt
1
Er ging von mir hinweg

und stieg zur Himmelsfeste auf.

2
Und er beschwor den Herrn,

er mög ihm doch Gewalt verleihen über all mein Gut.

3
Und so empfing er die Gewalt von Gott

und nahm mir meinen ganzen Reichtum weg.


9. Kapitel: Iobs früherer Reichtum
1
Hört nun!

Ich sag euch alles, was mir zugestoßen
und was mir weggenommen ward.

2
Ich hatte 130 000 Schafe.
3
Aus ihnen sonderte ich 7000 aus zur Schur,

um Waisen, Witwen, Arme und Bedürftige zu kleiden.
Ich hatte auch ein Rudel Hunde,
achthundert, die mein Haus bewachten.

4
Und an Kamelen hatte ich 9000.

Aus ihnen wählte ich 3000 aus,
zum Dienst für eine jede Stadt.

5
Denn ich belud mit Gütern sie

und schickte sie in Städte und in Dörfer
mit dem Befehl,
den Schwachen, Dürftigen
und Witwen davon auszuteilen.

6
Und ich besaß auch 130 000 Esel.

Aus ihnen sonderte ich fünfhundert aus
und ihre Zucht ließ ich verkaufen
und den Erlös davon den Armen und den Dürftigen geben.

7
So kamen denn aus allen Ländern alle zu mir her.

In meinem Hause standen die vier Türen offen.

8
Ich hieß ja meine Diener

die Türen offen stets zu lassen.
Ich wünschte nicht,
daß Bettler wieder umkehrten aus Scheu
und nichts bekämen,
wenn sie mich an der Türe sitzen sehen.
Wenn sie mich an der einen Tür erblickten,
dann sollten sie die andre durchschreiten
und das empfangen, was sie brauchten.


10. Kapitel: Iobs Gastfreundlichkeit
1
Ich hatte auch in meinem Hause dreißig Tische aufgestellt,

die allzeit einzig für die Fremden an dem Platze blieben.

2
Ich hatte auch zwölf andere Tische für die Witfrauen gedeckt.
3
Kam nun ein Fremdling

und bat um eine Gabe,
dann mußte er zuerst am Tisch sich sättigen,
bevor das Nötige er empfing.

4
Und keinen schickt ich je mit leerer Tasche fort von meiner Türe.
5
Ich hatte auch 3500 Joch Ochsen.

Aus ihnen wählte ich fünfhundert aus
und stellte sie bereit zum Pflügen.
Das konnten sie auf eines jeden Acker tun,
wenn er sie grade haben wollte.

6
Ich legte den Ertrag davon

für meinen Armentisch beiseite.

7
Und ich besaß auch fünfzig Backöfen,

wovon ich zwölf dem Armentische zur Verfügung stellte.


11. Kapitel: Iobs Armendienst
1
Es sahen einige der Gäste meinen Eifer.

Da wünschten sie persönlich
beim Armendienste mitzuhelfen.

2
Es kamen andere,

die, unbemittelt, keinen Aufwand machen konnten,
und baten mich mit diesen Worten:
„Wir bitten dich:
Ach, könnten wir nicht auch den Armendienst ausüben?
Wir selber haben freilich nichts.

3
Gewähr uns doch die Gnade

und leih uns Geld!
Dann gehen wir in die großen Städte,

allwo wir Handel treiben
und so die Armen unterstützen können.

4
Dann geben wir dein Eigentum dir wiederum zurück.
5
Ich hörte dies

und freute mich darüber,
daß sie zur Armenunterstützung alles bei mir holten.

6
Gern nahm ich auch den Schuldschein an

und reichte ihnen so viel, als sie wollten.

7
Ich nahm von ihnen keine andern Pfänder

als nur das Schriftstück.

8
So trieben sie mit meinem Gelde Handel.
9
Bei ihrem Handel hatten sie das eine Mal recht Glück

und gaben so den Armen.

10
Ein anders Mal dagegen wurden sie geplündert.

Dann kamen sie und baten mich:
„Wir bitten dich:
Sei großmütig mit uns!
Wir wollen sehen,
wie wir es dir ersetzen können.“

11
Ich holte unverzüglich ihren Schuldschein her

und las ihn vor;
dann brachte ich den Tilgungskranz drauf an
und sprach:
Ich will nichts mehr von euch zurück
von dem, was ich euch für die Armen überwies.

12
Ich nahm auch nie von meinem Schuldner irgend etwas an.


12. Kapitel: Iobs Rechtlichkeit
1
Bisweilen kam ein Mann mit frohem Herzen zu mir her

und sprach:
„Ich hab zwar nichts, um es den Armen zu verteilen;
doch möchte ich die Armen heut an deinem Tisch bedienen.“

2
Und ich erlaubte es

und er bediente,
aß selbst auch mit.
Und wollte er am Abende nach Hause gehen,
dann ward von mir sein Lohn ihm aufgenötigt;
ich sprach:

3
„Ich weiß:

Du bist ein Arbeiter,
der seinen Lohn mit Recht erwartet.
Du mußt ihn annehmen.“

4
Nie ließ ich eines Lohnarbeiters Lohn

bei mir in meinem Haus zurück.


13. Kapitel: Iobs Überfluß
1
Die Knechte, die die Kühe molken, riefen laut:

„Auf dem Gebirge läuft die Milch umher.“

2
Auf meinen Pfaden häufte sich die Butter.

Die Herden warfen so viel Junge,
daß sie ob ihrer Menge auf den Felsen und den Bergen lagerten.

3
Deswegen wurde das Gebirge überschwemmt von Milch

und glich so fester Butter.

4
Es wurden müde meine Diener,

die für die Witwen und die Armen Speisen kochen mußten.

5
Sie wurden rücksichtslos

und sie verwünschten mich:
„Wer gäbe uns sein eigen Fleisch zur Sättigung?“

6
So edel war ich damals schon.


14. Kapitel: Iobs Dankbarkeit
1
Ich hatte auch sechs Harfen

und eine Zither mit zehn Saiten.

2
Und täglich nach dem Mahl der Witwen stand ich auf

und nahm die Zither
und spielte ihnen vor,
und diese sangen.

3
Und also lenkt ich ihren Sinn

durchs Saitenspiel zu Gott,
daß sie den Herrn lobpriesen.

4
Und murrten einmal meine Mägde,

alsdann nahm ich die Harfe
und sang vom Lohne der Vergeltung.

5
Ich brachte sie dahin,

daß sie das Murren nicht für unbedeutend hielten.


15. Kapitel: Iobs Frömmigkeit
1
Es nahmen meine Söhne jeden Tag

die Mahlzeit nach dem Armendienste ein.

2
Zum Speisen gingen sie zum Ältesten der Brüder.
3
Sie nahmen dazu die drei Schwestern mit,

die ihre Arbeiten den Mägden überließen.

4
Weil aber meine Söhne oft den Sklaven

sowie den Armendienern zusetzten,
so brachte ich an jedem Morgen nach dem Aufstehen
für sie ein Opfer dar,
entsprechend ihrer Zahl dreihundert Tauben
und fünfzig Zicklein und zwölf Schafe.

5
Dies alles ließ ich nach dem Mahle für die Armen herrichten

und sprach zu ihnen:
„Nehmt dies als Dreingabe zum Mahl
und betet doch für meine Kinder!“

6
Vielleicht versündigten sich meine Söhne vor dem Herrn durch Prahlerei

und sprachen voller Hochmut:

7
„Wir sind die Kinder dieses reichen Mannes

und uns gehören diese Güter.

8
Weswegen sollen wir die Armen gar bedienen?“

Ein Greuel ist vor Gott der Hochmut.

9
Und weiter brachte ich ein auserlesen Kalb auf Gottes Altar;

ich fürchtete,
es dächten meine Söhne wohl gar Böses in dem Herzen wider Gott.


16. Kapitel: Iobs Heimsuchungen
1
So tat ich es durch sieben Jahre,

nachdem der Engel mich belehrt.

2
Als Satan die Gewalt erhielt,

da ging er unbarmherzig vor.

3
Und so verbrannte er die 7000 Schafe,

die für der Witwen Kleidung dienten,
sowie die 3000 Kamele,
die 500 Joch Ochsen.

4
Dies alles richtete er selbst zugrund

in Kraft der Vollmacht, die er über mich erhalten.

5
Und was von meinen Herden übrigblieb,

das raubten meine Mitbürger.

6
Auch diese hatten Wohltaten von mir empfangen;

doch jetzt erhoben sie sich gegen mich
und raubten meiner Herden Rest.

7
Es ward mir meines Eigentums Verlust gemeldet;

da pries ich Gott
und lästerte ihn nicht.


17. Kapitel: Iobs Ausplünderung
1
Als sich dem Teufel meine innere Gesinnung zeigte,

erfand er einen andern Anschlag gegen mich.

2
Er wandelt sich in einen Perserkönig

und drängt in meine Stadt
und sammelt alle Schurken.

3
Er spricht zu ihnen unter Drohungen:

„Der Iobab da verschleuderte
des Landes Güter insgesamt und restlos.
Er teilte sie an Blinde und an Lahme aus.

4
Des großen Gottes Tempel riß er nieder,

zerstörte diese Opferstätte.
Deswegen will ich ihm vergelten,
was er am Gotteshause tat.
Kommt nun mit mir
und nehmt euch alle Tiere weg,
ja alles, was er noch im Land besitzt!“

5
Sie gaben ihm zur Antwort:

„Er hat auch sieben Söhne und drei Töchter.
Wenn die nur nicht in fremde Länder fliehen
und alsdann gegen uns in Übermacht heranziehen,

uns überfallen
und schließlich töten!“

6
Er sprach zu ihnen:

Seid gänzlich ohne Furcht!
Ich hab zum größern Teil
durch Feuer schon sein Hab und Gut vernichtet,
das übrige geraubt
und allsogleich bring ich auch seine Kinder um.


18. Kapitel: Der Tod der Kinder Iobs
1
Mit diesen Worten ging er fort,

ließ über meinen Kindern gar das Haus zusammenfallen
und tötete sie so.

2
Als meine Mitbürger bemerkten,

die Drohung wäre wahr geworden,
da kamen sie
und setzten mir schwer zu
und plünderten mein ganzes Haus.

3
Da mußten meine Augen

an meinen Tischen,
auf meinen Lagern
gemeine, ehrvergessene Menschen schauen.

4
Ich konnte keinen Laut mehr von mir geben;

denn ich war schwach, gleich einem Weib,
das in den Hüften von den vielen Wehen ganz erschlafft.

5
Ich dachte ganz besonders an den Kampf,

den mir der Herr durch seinen Engel angekündigt,
und der Verheißungen, die mir zuteil geworden.

6
Ich glich auch einem Menschen

der auf dem Schiff zu einer Stadt hinfährt,
um ihren Reichtum anzuschauen,
an ihrem Wohlstand seinen Teil zu nehmen.

7
Er hatte Waren auf ein Meeresschiff verladen.

Da mitten auf dem Meer sieht er den hohen Wellengang,
der Strömung Hindernis;
da wirft er in das Meer die Ladung mit den Worten:
„Ich will das gern verlieren,
komm ich nur in die Stadt.
Dort kann ich Besseres gewinnen,
als dieses Schiff und seine Fracht.“

8
Auch ich erachtete das Meinige für nichts

in dem Vergleich mit jener Stadt,
wovon der Engel mir gesprochen.


19. Kapitel: Iobs Trauerklage
1
Doch, als der letzte Bote kam

und mir vom Tode meiner Kinder sprach,
da schüttelte mich ein gewaltiger Schrecken.

2
Und ich zerriß die Kleider.

Dann fragte ich den Boten:
Wie kamst du denn davon?

3
Als ich dann hörte, was geschehen war,

schrie ich hinaus und rief:

4
„Der Herr hat es gegeben;

der Herr hat es genommen.
So wie’s dem Herrn gefiel, geschah es auch.
Des Herren Name sei gepriesen!“


20. Kapitel: Iobs Krankheit
1
Als mein Besitztum ganz vernichtet war,

erkannte Satan,
daß mich gar nichts zum Abfalle bewegen konnte.

3
Da ging er hin

und bat vom Herrn sich meinen Körper aus,
damit er eine Plage über mich verhängen könnte.
Es übergab der Herr mich seinen Händen,
daß er mit meinem Leibe nach Belieben tue;
jedoch mein Leben gab er nicht in seine Hand.

4
Er kam zu mir,

als ich auf meinem Throne saß
und meiner Kinder Tod beklagte.

5
Da ward er einem Sturmwind gleich

und stürzte meinen Thron zur Erde.
Drei Stunden lag ich unter meinem Thron
und konnte nicht hervor.

6
Dann schlug er mich mit einer fürchterlichen Plage

von meiner Sohle bis zum Scheitel.

7
Ich ging gar tief bestürzt

und voller Angst zur Stadt hinaus
und setzte mich auf einen Düngerhaufen.

8
Von Würmern war mein Körper ganz zerfressen

und mit der Feuchtigkeit benetzte ich den Boden,
und Eiter floß mir aus dem Leib,
und viele Würmer waren in dem Körper.

9
So oft ein Wurm herauskroch, nahm ich ihn

und legt ihn an die gleiche Stätte mit den Worten:
„Bleib hier an diesem Platz,
wohin ich dich gelegt,
bis etwas andres dir dein Herr befiehlt!


21. Kapitel: Iobs Elend
1
Und ich verbrachte achtundvierzig Jahre auf dem Düngerhaufen

in meinen Schmerzen außerhalb der Stadt.

2
Meine Kinder!

Da mußte ich mit eigenen Augen sehen:
Mein erstes Weib trug einer Sklavin gleich das Wasser in ein vornehm Haus.

Und so verdiente sie das Brot,
das sie mir brachte.

3
Da rief ich schmerzdurchzittert aus:

„O diese Anmaßung der Herren dieser Stadt!
Wie können sie gleich einer Sklavin meine Frau behandeln?

4
Dann aber faßt ich wiederum mich in Geduld.


22. Kapitel: Iobs Weib im Elend
1
Und nach elf Jahren nahmen sie ihr selbst das Brot,

daß sie’s mir nicht mehr bringen konnte.
Sie überließen ihr kaum mehr die eigene Nahrung.

2
Und diese nahm sie hin

und teilt sie zwischen sich und mir
und sagte schmerzerfüllt:
Weh mir!
Bald kann er sich nicht mehr mit Brote sättigen.

3
So zögerte sie nicht,

zum Markte hinzugehen
und von den Brotverkäufern Brot zu betteln,
um mir zum Essen es zu bringen.


23. Kapitel: Iobs Weib und der Satan
1
Als Satan dieses merkte,

verwandelt er sich selbst in einen Händler.

2
Zufällig kam mein Weib zu ihm

und bettelte ein Brot von ihm;
sie hielt ihn ja für einen Menschen.

3
Der Satan sprach zu ihr:

Gib Geld!
Dann nimm, was dir gefällt!

4
Sie sprach zu ihm:

Woher nur sollt ich Geld besitzen?
Weißt du denn nicht,
was Schlimmes mir begegnet ist?

5
Hast du Erbarmen,

dann sei barmherzig!
Wenn nicht, dann sieh du zu!

6
Er aber sprach zu ihr:

Wenn ihr das Unglück nicht verdientet,
dann hätt es euch auch nicht getroffen.

7
Und hast du jetzt kein Geld in Händen,

verpfänd das Haar auf deinem Haupt
und nimm drei Brote!
Davon könnt ihr drei Tage leben.

8
Da sagte sie bei sich:

Was nützt mir nur auf meinem Haupt das Haar,
wenn schon mein Gatte Hunger leidet?

9
So schätzte sie ihr Haar gering

und sprach zu ihm:
Steh auf und nimm es hin!

10
Da nahm er eine Schere

und schnitt das Haar ihr ab
und gab vor aller Augen ihr drei Brote.

11
Sie nahm sie in Empfang

und ging hinweg, sie mir zu bringen.
Der Satan aber folgte ihr,
indem er heimlich auf dem Wege ging,
und er berückte ihr das Herz.


24. Kapitel: Iobs Weib klagt
1
Mein Weib kommt näher;

da schreit sie laut mit Weheklagen
und spricht zu mir:
Ach Iob! O Iob!
Wie lang sitzst du noch auf dem Düngerhaufen vor der Stadt
und rechnest noch mit einer kurzen Weile
und hoffest noch auf Rettung?

2
Ich zieh als Magd unstet von Ort zu Ort;

denn von der Erde schwand dein Angedenken,
die eigenen Söhne, meine Töchter,
für die ich mich umsonst mit Schmerzen abgemüht.

3
Du selbst sitzt da in Fäulnis und in Würmern

und übernachtest unterm freien Himmel.

4
Tagsüber arbeit ich, die tief Unglückliche,

und ängstige mich bei der Nacht,
ob ich auch Brot verdiene,
um’s dir zu bringen.

5
Kaum noch erhalt ich meine eigene Speise,

und diese teile ich mit dir.

6
Ich denk in meinem Herzen:

„Wär’s nicht genug für dich mit deinen Schmerzen?
Du kannst dich nicht einmal am Brot mehr sättigen.“

7
Ich wagte es, zum Markt zu gehen;

ich schämte mich nicht mehr
und bettelte dort Brot.

8
Der Händler aber sprach zu mir:

Gib Geld!
Nur dann bekommst du es.

9
Und da erklärte ich ihm unsere Not,

bekam jedoch von ihm zu hören:
„Wenn du kein Geld hast, Weib,
so gib dein Haupthaar her
und nimm dafür drei Brote!
Davon könnt ihr drei Tage leben.“

10
Ich sagte ganz betrübt zu ihm:

Steh auf! Scher mich!
Da stand er auf
und schor mit einer Schere schimpflich auf dem Markt mein Haar;
die Menge aber stand dabei und gaffte.


25. Kapitel: Iobs Weib einst und jetzt
1
Wer aber staunte nicht,

daß dies das Weib des Iob, Sitidos, war?

2
Sie hatte einen Thronsaal einstens,

den vierzehn Vorhänge verhängten;
man mußte Tür und Tür durchschreiten,
bis man zuletzt gewürdigt ward,
vor sie zu kommen.

3
Und jetzt vertauscht sie gar um Brot ihr Haar.
4
Es trugen einstens ihre eigenen Kamele, vollbeladen,

Güter in die Lande für die Armen.
Jetzt gibt sie um das Brot die Haare her.

5
Schau! Sie, die einst zu Hause sieben feste Tische hatte,

woran die Armen und die Fremden alle speisten,
verkauft ihr Haar um Brot.

6
Schau! Sie, die ihre Füße wusch

in einem Gold- und Silberbecken,
geht nunmehr barfuß auf dem bloßen Boden
und tauscht ihr Haar um Brot.

7
Sieh! Die sich einst in golddurchwirkten Byssus hüllte,

trägt nunmehr Lumpen
und tauscht ihr Haar um Brot.

8
Schau! Die einst Gold- und Silberlagerstätten hatte,

verkauft ihr Haar um Brot.

9
Nun kurz!

Iob! Iob!
Der Worte sind schon viel gemacht,
und so erkläre ich dir bündig:

10
Es wurde mein Gebein

durch meines Herzens Leid ganz aufgerieben.
Steh auf! Nimm hier die Brote!
Iß dich satt!
Dann sprich ein Wort dem Herrn zum Trotz
und stirb!

11
Dann bin ich frei von Kummer,

den mir das Leiden deines Körpers macht.


26. Kapitel: Iobs Mahnung zur Geduld
1
Darauf erwiderte ich ihr:

Ich bringe siebzehn Jahre schon in meinen Plagen zu,
und ich ertrag in meinem Leib die Würmer.

2
Doch fühlte meine Seele sich

nicht durch die Schmerzen so beschwert
wie durch das Wort,
das du soeben ausgesprochen:
„Sprich doch ein Wort dem Herrn zum Trotz
und stirb!“

3
Ganz gut ertrage ich,

auch du erträgst der Kinder und der Habe Untergang.
Willst du,
daß wir dem Herrn zum Trotz ein Wort jetzt aussprechen
und so des großen Reichtums uns verlustig machen?

4
Weshalb erinnerst du dich nicht

an jene großen Güter, die wir hatten?
Wenn wir das Gute aus der Hand des Herrn genommen,
ja, sollten wir nicht auch das Schlimme tragen?

5
Laßt uns geduldig sein,

bis daß der Herr sich rühren läßt
und unser wieder sich erbarmt!

6
Siehst du denn nicht den Teufel hinter dir,

der deinen Sinn verwirrt,
damit er mich auch in die Irre führe?
Er will dich ja zu einem jener unverständigen Weiber machen,
die ihrer Männer Einfalt täuschten.


27. Kapitel: Satans Niederlage
1
Dann wandte ich mich an den Satan,

der hinter meinem Weibe stand,
und sprach:
Komm nur hervor!
Versteck dich doch nicht länger!
Zeigt denn der Löwe seine Kraft im Käfig?
Fliegt denn der Vogel noch im Korbe auf?
Komm her und kämpf mit mir!

2
Da kam er hinter meinem Weib hervor,

trat hin und sagte weinend:
Sieh, Iob!
Ich lehne ab und räum das Feld vor dir;
du bist ja Fleisch;
ich aber bin ein Geist.
Du bist im Unglück;
dagegen bin ich selbst in heftiger Verlegenheit.

3
Du kämpftest wie ein Ringkämpfer mit einem andern Ringkämpfer.

Der eine rang den andern nieder.
Der oben Liegende verschloß dem unten Liegenden den Mund,
den er mit Sand verstopft.

4
Ein jedes Glied brach er dem unten Liegenden;

doch er ertrug’s mit Tapferkeit

und gab nicht nach.
Da schrie der oben Liegende laut auf.

5
So lagst auch du, Iob, unten

und du erhieltest Schläge.
Doch gingest du als Sieger aus dem Ringkampfe mit mir hervor.

6
Beschämt ließ Satan dann von mir drei Jahre ab.
7
Jetzt, meine Kinder, harrt auch ihr geduldig aus

in allem, was euch trifft!
Geduld ist besser ja als alles andere.


28. Kapitel: Der Besuch der drei Freunde
1
Ich war nun volle zwanzig Jahre schon in meiner Plage.
2
Da hörten auch die Könige von meinem Mißgeschick.

Sie kamen her zu mir,
ein jeglicher aus seinem Land;
sie wollten mich besuchen und mich trösten.

3
Als sie von ferne näher kamen,

erkannten sie mich nicht.
Sie schrieen auf und weinten laut,
zerrissen sich die Kleider.
Und sie bestreuten sich mit Staub.

4
Sie blieben bei mir sieben Tage, sieben Nächte sitzen.

Von ihnen sprach auch nicht ein einziger mit mir.

5
Doch nicht aus Mitleid blieben sie und schwiegen;

sie dachten vielmehr dran,
wie ich vor diesem Unglücke so reich gewesen.
Denn damals, als ich ihnen meine Edelsteine holte,
erstaunten sie
und riefen, ihre Hände zusammenschlagend:
„Trug man von uns drei Königen die Schätze alle her,
sie kämen niemals deines Reiches Edelsteinen gleich.“

6
Ich war von edlerem Geschlecht

als alle Ostländer.

7
Als sie in die Ausitis kamen

und in der Stadt hier nachfragten:
„Wo ist jetzt Iobab,
der über ganz Ägypten herrschte?“
da gab man ihnen über mich die Auskunft:

8
„Er sitzt auf einem Düngerhaufen draußen vor der Stadt.

Seit zwanzig Jahren kam er nicht mehr in die Stadt“.

9
Sie fragten auch nach meinem Hab und Gut.

Da tat man ihnen kund,
was mich getroffen hatte.


29. Kapitel: Der Schmerz der Freunde
1
Auf diese Kunde hin

verließen sie die Stadt zusammen mit den Bürgern.
Da zeigten meine Mitbürger mich ihnen.

2
Sie aber sträubten sich

und sagten, ich sei doch nicht Iobab.

3
Als sie noch immer zweifelten,

da wandte kurz entschlossen
sich Temans König Eliphas an mich und frug:
Bist du denn Iobab, unser Mitkönig?

4
Ich aber brach in Weinen aus

und streute Erde auf das Haupt
dann nickte ich und sprach:
„Ich bin es“.


30. Kapitel: Ihr Schmerz
1
Doch als sie sahen,

daß ich mit meinem Haupte nickte,
verließ sie ihre Kraft.
Sie fielen kraftlos auf den Boden nieder.

2
Auch ihr Gefolge ward bestürzt

beim Anblick der drei Könige,
wie diese an drei Stunden
wie Tote auf dem Boden lagen.

3
Sie standen auf

und sprachen zueinander:
„Er ist es“.

4
Dann saßen sie die sieben Tage da,

besprachen mein Geschick
und redeten so hin und her
von meinen Herden, meiner Habe:

5
„Ja, wissen wir denn nicht,

wieviele Güter dieser in die Städte
und in die Dörfer ringsum schickte,
um sie den Armen auszuteilen,
ganz abgesehen von dem,
was er im eignen Hause ausgeworfen?
Wie kann er einem solchen Totenelende verfallen?“


31. Kapitel: Ihre Klage
1
So redeten sie sieben Tage;

alsdann ergriff das Wort Eliu
und sprach zu seinen Mitkönigen:
Kommt! Lasset uns ihm nähertreten
und ihn genauer ausforschen,
ob er es wirklich sein kann oder nicht!

2
Des widrigen Geruches meines Körpers wegen

lag ich an siebzig Schritte weiter weg;
so machten sie sich auf
und näherten sich mir

mit Wohlgerüchen in den Händen.

3
Bei ihnen war auch ihr Gefolge

und streute Rauchwerk rings um mich,
daß sie mir näher treten konnten.

4
Drei Tage brauchten sie zum Ausstreuen des Räucherwerkes.
5
Als sie mir näher kamen,

begann Eliu mich zu fragen:
Bist du denn Iobab, unser Mitkönig?
Bist du es, der das große Ansehen einst genoß?
Bist du es,
der einst dem Sonnenlicht am Tage auf der ganzen Erde glich?
Bist du es,
der einst dem Monde und dem Sternenglanz
in mitternächtiger Stunde ähnlich war?

6
Ich sprach zu ihm:

„Ich bin es.“

7
Da brach er in ein bitteres Weinen aus

und hub mit einem königlichen Klaglied an.

8
Da stimmten auch die andern Könige samt dem Gefolge ein.


32. Kapitel: Die Klage des Eliu
1
Vernehmt die Klage des Eliu!

Euch allen will er von dem Reichtum Iobs erzählen.

2
Bist du es, der einst siebentausend Schafe

für Bettlerkleidung ausgesondert?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?
Bist du’s, der dreitausend Kamele ausgesondert
für die Beförderung von Gütern für die Armen?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

3
Bist du es, der die tausend Rinder ausgesondert

zum Pflügen für die Armen?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

4
Bist du es, der einst goldene Bettgestelle hatte,

jetzt aber auf dem Düngerhaufen sitzt?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

5
Bist du’s, der einen Thron aus Edelstein besaß,

nun aber in dem Staube sitzt?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

6
Wer war nur gegen dich,

als du inmitten deiner Kinder weiltest?
Du glichest einem Baum,
mit duftigen Äpfeln reich behangen.
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

7
Bist du es, der die sechzig Tische für die Armen aufgestellt

und hergerichtet hat?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

8
Bist du es, der die Rauchgefäße für den Wohlgeruch

in der Gemeinde hatte?
Nun aber weilest du in widrigem Geruch.
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

9
Bist du’s, der goldene Lampen auf den Silberleuchtern hatte?

Nun aber mußt du auf den Mondschein warten.
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

10
Bist du’s, der seine Salbe von dem Weihrauchbaum bezog?

Nun aber sitzt du in der Fäulnis da.
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

11
Bist du es, der die Ungerechten und die Frevler ausgelacht,

nun aber selbst zum Spott geworden?
Wo ist nun deines Thrones Pracht?

12
Bist du der Iob, der diesen großen Ruhm besaß?

Wo ist nun deines Thrones Pracht?


33. Kapitel: Iobs Antwort
1
Als so Eliu dieses lange Klaglied sang,

da riefen die Mitkönige ihm zu,
so daß ein großer Lärm entstand.

2
Als das Geschrei sich legte,

sprach Iob zu ihnen: Schweigt!
Nun will ich euch belehren über meinen Thron
und über seine Pracht und Herrlichkeit,
die bei den Heiligen ihm eigen wird.

3
Mein Thron steht in der Überwelt

und seine Pracht und Herrlichkeit ist zu des Vaters Rechten.

4
Die ganze Welt vergeht

und ihre Pracht verschwindet;
es werden ihre Anhänger in ihren Untergang hineingezogen.

5
Mein Thron steht in dem heiligen Land

und seine Pracht im Reich der Unvergänglichkeit.

6
Die Flüsse trocknen aus

und ihrer Wellen Überschwang stürzt in des Abgrunds Tiefen.

7
Doch in dem Land, worin mein Thron,

da trocknen nie die Flüsse aus, versiegen nicht;
sie fließen immer.

8
Auch diese Könige vergehen,

die Fürsten schwinden;
ihr Ruhm und ihre Prahlerei gleicht einem Spiegelbild.

9
Mein Reich jedoch besteht auf ewige Zeiten,

und seine Pracht und Herrlichkeit ruht auf des Vaters Wagen.


34. Kapitel: Des Eliphas Rede
1
Ich sprach zu ihnen diese Worte,

sie schwiegen.

2
Doch Eliphas geriet in Zorn

und sagte zu den andern Freunden:

Was nützt es, daß wir hier
mit unserem Gefolg verbleiben,
um ihn zu trösten?

3
Seht doch, wie er uns schmäht?

Laßt uns in unsere Lande kehren!

4
Er sitzt jetzt da,

von Würmern schwer gequält,
in widrigem Geruch,
und doch erhebt er sich noch über uns und sagt:
„Es schwinden Königreiche hin
samt ihren Fürstentümern;
doch unser Reich, spricht er, wird ewig dauern.“

5
Alsdann erhob sich Eliphas in heftiger Erregung;

er wandte sich von ihnen weg
und sagte tief betrübt:
„Ich selber gehe.
Zwar kamen wir zu seiner Tröstung;
er aber setzte uns vor unserem Gefolg herab.“


35. Kapitel: Baldads Rede
1
Da hielt ihn Baldad mit den Worten auf:

So darf man nicht mit einem kummervollen Menschen reden,
noch weniger mit einem, der viel Schmerzen hat.

2
Wir sind ja ganz gesund

und dennoch konnten wir des widrigen Geruches halber
allein mit starken Wohlgerüchen uns ihm nähern.

3
Erinnerst du dich gar nicht mehr,

wie dir es, Eliphas, zumute war,
als du zwei Tage krank gelegen?

4
Laßt uns geduldig prüfen,

wie’s mit ihm steht!
Erinnert er vielleicht sich seines frühern Glückes
und ward er davon wahnsinnig?

5
Wer würde nicht das Gleichgewicht verlieren

und würde nicht bei solchen Schmerzen wahnsinnig?

6
Doch laß mich näher zu ihm treten!

Ich möchte wissen,
wie’s mit ihm steht.


36. Kapitel: Baldads Rede
1
Darauf erhob sich Baldad, kam zu mir

und fragte: Bist du Iob?
Ich sprach zu ihm: Gewiß!

2
Dann fragte er:

Ist wohl dein Geist zugegen?

3
Ich sprach:

Er haftet zwar nicht mehr am Irdischen;
denn unbeständig ist die Erde,
wie die, die sie bewohnen.
Wohl aber haftet er am Himmlischen.
Im Himmel gibt’s ja keine Änderung mehr.

4
Darauf sprach Baldad:

Wir wissen, daß die Erde unbeständig;
denn sie verändert sich im Lauf der Zeit.
Bald finden Strafgerichte statt;
bald hat sie Frieden;
bald wird darauf gekämpft.

5
Vom Himmel aber hören wir,

daß er beständig ist.
Wenn’s aber wirklich dir so geht,
so will ich eine Frage an dich richten.

6
Und gibst du auf die erste Frage mir verständig Antwort,

dann will ich dich zum zweiten Mal befragen.
Und gibst du mir darauf besonnen Antwort,
dann wissen wir:
Dein Sinn hat sich nicht wegbegeben.


37. Kapitel: Baldads Fragen
1
Dann sprach er wiederum:

Worauf nur hoffest du?

2
Ich sprach:

Auf Gott, den Lebendigen.

3
Dann fragte er mich wiederum:

Wer nahm dein Hab und Gut dir weg
und tat dir diese Schmerzen an?

4
Ich gab zur Antwort:

Gott.

5
Und nochmals frug er mich:

Du hoffst auf Gott?
Wie kannst du dann behaupten,
er hab dir ungerechterweise diese Leiden zugefügt
und Hab und Gut dir weggenommen?

6
Denn, wenn er gab und wieder nahm,

dann hätt er lieber gar nichts geben sollen.
Denn nie entehrt ein König seinen Krieger,
der einst sein treuer Waffenträger war.
Wer könnte je erfassen
die Tiefen des Herrn und seiner Weisheit?
Wer dürfte sich erdreisten,
dem Herrn ein Unrecht aufzubürden?

7
Iob! Antwort mir darauf!
8
Und nochmals sag ich dir:

Bist du bei Sinnen,
dann tue kund, falls du Verstand noch hast:
Weswegen sehen wir die Sonne in dem Osten sich erheben,
im Westen aber untergehen
und stehen wir des Morgens auf,
dann sehen wir sie abermals im Osten sich erheben?
Belehre mich hierüber,
wenn du ein Diener Gottes bist!


38. Kapitel: Iobs Entgegnung
1
Darauf entgegnete ich also:

Ich habe wirklich noch Verstand;
mein Sinn ist stets bei mir.
Weshalb soll ich die Großtaten des Herrn nicht künden?
Sollt gar mein Mund sich gegen meinen Herrn versündigen?
Dies sei doch ferne!

2
Wer sind wir denn,

daß wir uns mit dem Himmlischen so viel beschäftigen,
wir, die wir Fleisch nur sind
und unsern Anteil an der Erde, an dem Staube haben?

3
Daß ihr nun wisset,

mein Geist ist noch zugegen,
so hört, was ich euch fragen will!
Die Speise geht zum Munde ein;
getrunken wird mit gleichem Mund das Wasser
und kommt so in den gleichen Schlund.
Wenn aber beide ausgeschieden werden,
dann trennen sie sich voneinander.
Wer scheidet diese auseinander?

4
Und Baldad sprach:

Ich weiß es nicht.

5
Da sprach ich wiederum zu ihm:

Wenn du die Ausscheidung des Körpers nicht begreifst,
wie willst du dann das Himmlische verstehen?

6
Darauf griff Sophar ein und sprach:

Nicht Dinge, die für uns zu hoch,
die wollen wir erforschen;
wir wollen vielmehr sehen,
ob du bei Sinnen bist.
Und nun erkannten wir in Wirklichkeit,
daß dein Verstand sich nicht verändert.

7
Was sollen wir für dich tun?

Die Ärzte unserer drei Königreiche sind bei uns.
Willst du von ihnen dich behandeln lassen?
Vielleicht kannst du dich wiederum erholen.

Ich sprach zu ihm:
Mich heilt und pflegt der Herr,
der auch die Ärzte schuf.


39. Kapitel: Iobs Weib klagt
1
Und während ich mit ihnen sprach,

kam Sitidos, mein Weib, in Lumpen.

2
Sie war dem Dienste ihres Herrn entlaufen.

Man hatte sie am Fortgehen hindern wollen,
daß die Mitkönige sie nicht erblickten
und mitnähmen.

3
So kam sie her

und warf sich ihnen vor die Füße
und sagte unter Tränen:

4
Denk, Eliphas, daran

und seine beiden Freunde, ihr,
wie vordem ich bei euch gewesen
und wie ich mich bekleidet habe!

5
Jetzt schauet her,

in welchem Aufzug ich einherkomme!

6
Da brachen sie in lautes Weinen aus,

und in dem Gram, dem zwiefachen, verstummten sie.

7
Darauf nahm Eliphas den Purpurmantel ab,

zerriß ihn
und warf ihn meinem Weibe um.

8
Sie aber bat die Könige:

Ich bitte:
Laßt eure Mannen in dem Schutt des Hauses graben,
das über meinen Kindern einst zusammenfiel,
damit man ihr Gebein in einem Grabe bergen könnte!

9
Denn wir vermochten’s nicht der Kosten wegen.

So könnten wir doch wenigstens die Überreste sehen.

10
Ja, bin ich denn ein wildes Tier?

Hab ich denn eines Tieres Schoß?
Zehn Kinder sind mir hingestorben
und nicht ein einziges durft ich begraben.

11
Da wollte sie hinaus zum Graben gehen;

ich hielt sie noch zurück und sprach:
Müht euch nicht ab!
Es ist vergeblich.

12
Ihr findet meine Kinder nicht;

sie wurden ja von ihrem Schöpferkönig
in seinen Himmel aufgenommen.

13
Sie sprachen wiederum zu mir:

Wer wollt nicht abermals behaupten:
Du bist von Sinnen und verrückt?

Du sagtest:
„Es wurden aufgenommen meine Kinder in den Himmel!“
Drum tu uns jetzt die Wahrheit kund!


40. Kapitel: Iobs Weib stirbt
1
Ich sagte ihnen:

„So richtet mich doch auf,
damit ich stehen kann!“
Da richten sie mich auf
und stützen meine Arme beiderseits.

2
Ich steh und preis zuerst den Vater.
3
Nach dem Gebet sprach ich zu ihnen:

Erhebt gen Osten eure Augen
und schauet meine Kinder
dort mit der Herrlichkeit des Himmlischen gekrönt!

4
Auch Sitidos, mein Weib, schaut sie;

sie fällt zur Erde nieder
und betet an und spricht:
Jetzt weiß ich es:
Gott denkt an mich.
Jetzt geh ich in die Stadt
und schlummere ein wenig;
dann nehm ich meinen Lohn für meinen Sklavendienst entgegen.

5
So ging sie in die Stadt zurück;

dann trat sie in den Stall der Rinder,
die ihr von ihrem Dienstherrn einstens weggenommen wurden.

6
Sie legte sich an einer Krippe nieder

und starb hier wohlgemut.

7
Ihr Dienstherr sucht nach ihr;

er fand sie nicht.

8
So geht er abends in den Stall

und trifft sie tot.

9
Und wer sie sah, brach in ein lautes Schreien

und Weheklagen um sie aus.
Der Lärm durchdrang die ganze Stadt.

10
Da liefen sie herbei,

zu wissen, was geschehen war.

11
Sie fanden sie gestorben,

um sie herum die Tiere
in Klage ihretwegen.

12
Sie trugen sie hinweg

und sie begruben sie beim Haus,
das über ihren Kindern einst zusammenfiel.

13
Die Armen in der Stadt erhoben großes Klagen:

„Seht! Das ist Sitidos,
das Weib, des Ruhmes und der Ehre wert
und ward nicht eines richtigen Begräbnisses gewürdigt.“

14
Ihr könnt das Klagelied, das ihr gesungen ward,

in den Denkwürdigkeiten finden.


41. Kapitel: Elius Rede
1
Drauf setzte Eliphas sich mit den übrigen zu mir

und rechteten und führten große Reden.

2
Sie standen erst nach siebenundzwanzig Tagen auf

und wollten in ihr Land zurück.

3
Doch von Eliu wurden sie beschworen:

Ach wartet doch auf mich,
bis daß auch ich ihm meine Meinung ausgesprochen!
So viele Tage habt ihr Iob ertragen, wie er prahlte,
er sei gerecht.

4
Ich kann’s jetzt nicht nicht aushalten.

Zu Anfang hab ich immer ihn beklagt,
weil ich mich seines frühern Glücks erinnerte.
Und dies verführte ihn zur eignen Überhebung.
Und also stolz und übermütig sagte er,
er habe seinen Thron im Himmel.

5
So hört mich an!

Ich will euch kundtun,
daß er dort keinen Anteil hat.
Dann stieß Eliu gegen mich gar freche Reden aus.
Der Satan gab’s ihm ein.

6
Sie finden sich in Eliphas Denkwürdigkeiten aufgezeichnet.


42. Kapitel: Gott erscheint
1
Als er mit seinen großen Worten fertig war,

erschien mir selbst der Herr
und sprach aus Sturm und Wolken.

2
Er tadelte Eliu;

mir aber zeigte er,
daß aus Eliu nicht ein Mensch,
vielmehr ein Tier geredet habe.

3
Der Herr sprach mit mir durch die Wolke;

des Sprechers Stimme hörte ich samt den vier Königen.

4
Und als der Herr mit mir zu reden aufgehört,

sagt er zu Eliphas:

5
Wie, Eliphas?

Du sündigtest und deine beiden Freunde.
Ihr spracht nicht recht von meinem Diener Iob.

6
Drum stehet auf

und laßt ihn Opfer für euch bringen,
daß eure Sünde werd getilgt!
Denn wär er nicht gewesen,
dann hätt ich euch vernichtet.

7
Da brachten sie mir selbst die Opfergaben.
8
Ich nahm sie an

und brachte diese für sie dar.
Der Herr nahm so das Opfer an,
vergab die Sünde ihnen.


43. Kapitel: Des Eliphas Lied
1
Und so erkannten Eliphas und Baldad sowie Sophar,

der Herr hab ihnen jetzt die Sündenschuld verziehen,
dagegen den Eliu der Verzeihung nicht gewürdigt.

2
Und da ergriff der Geist den Eliphas;

auf dieses hin sang er ein Lied.

3
Da zollten ihm die andern Freunde ihren Beifall,

samt dem Gefolge nahe bei dem Altar.

4
So sang denn Eliphas:

„Getilgt sind unsere Sünden,
begraben unsere Missetat.

5
Eliu, ja Eliu, ist der einzige Missetäter;

drum wird ihm bei den Lebenden
kein Angedenken mehr zuteil.
Erloschen ist ihm seine Leuchte,
ihr Glanz verschwunden.

6
Ja, seiner Lampe Schein wird ihm zum Ankläger.

Er ist ein Kind der Finsternis
und nicht des Lichts.
Es erben seinen Ruhm und seine Pracht
die Torhüter der Finsternis.

7
Verschwunden ist sein Reich,

sein Thron vermodert
und seines Zeltes Ehre trifft ihn wieder in der Unterwelt.

8
Der Schlange Schönheit liebte er,

des Drachen Schuppen,
und seine Galle und sein Gift ward ihm zur Speise.

9
Den Herrn gewann er nicht

und fürchtete ihn nicht;
er reizte vielmehr seine Freunde noch zum Zorn.

10
Der Herr vergaß drum seiner;

es ließen ihn die Heiligen im Stich.

11
Es werden ihm zum Zelte Zorn und Wut.

Er trägt nicht Mitleid in dem Herzen,
noch Frieden in dem Mund.

12
Auf seiner Zunge hat er Natterngift.
13
Gerecht ist ja der Herr

und wahr sind seine Urteilssprüche.
Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person;
er richtet allsamt uns.

14
Wenn einst der Herr erscheint,

dann stehen die Heiligen bereit;
vorangetragen werden unter Lobgesängen Kränze.

15
Die Heiligen sollen sich freuen,

in ihren Herzen jubeln!

16
Errungen haben sie die Herrlichkeit,

die sie erhofft.

17
Getilgt ist unsere Sünde;

gesühnt ist unsere Schuld.
Der Bösewicht Eliu einzig
hat bei den Lebenden kein Angedenken.“


44. Kapitel: Iob im Glück
1
Als Eliphas sein Lied beendet

und alle um den Altar ihm geantwortet,
erhoben wir uns alle
und gingen in die Stadt,
in dieses Haus, das heute wir bewohnen.

2
Wir hielten große Schmausereien in des Herren Freude.

Dann suchte ich,
den Armen wieder Wohltaten zu spenden.

3
Es kamen meine Freunde wiederum zu mir

und all, die Gutes zu erweisen wußten.

4
Sie fragten mich:

Was wünschest du von uns?
Ich stell an sie die Bitte:
Gebt jeder mir ein Lamm,
zum Zweck, der Armen Blöße zu bedecken.

5
Da brachte jeder mir ein Lamm

und eine goldene Viererdrachme.
Und alles, was ich hatte,
das segnete der Herr
und ließ zu doppeltem Besitz mich kommen.


45. Kapitel
1
Nun, meine Kinder!

Seht! Ich muß sterben.
Vergeßt ja nicht den Herrn!

2
Den Armen spendet Gutes!

Und übersehet nicht die Schwachen!

3
Nehmt nicht aus fremden Völkern Weiber!
4
Seht, meine Kinder!

Ich teile alles, was ich habe, unter euch;
ein jegliches kann über seinen Teil ganz frei verfügen.


46. Kapitel: Das Erbteil der Töchter Iobs
1
So holten sie herbei,

was unter sie, die sieben Söhne, zur Verteilung kommen sollte.

2
Den Töchtern aber gab er nichts vom Geld.

Da sagten sie zum Vater traurig:
Herr, unser Vater!
Sind wir nicht gleichfalls deine Kinder?
Weswegen gibst du uns nichts vom Vermögen?

3
Da sagte ich zu meinen Töchtern:

Ihr, meine Töchter! Murret nicht!
Denn ich vergaß euch nicht.

4
Ich gebe euch sofort ein Erbe,

weit besser als das eurer sieben Brüder.

5
Dann rief er seine Tochter, Hemera mit Namen,

und sprach zu ihr:
Nimm diesen Ring!
Geh ins Gewölb
und hol dir die drei goldenen Schreine!
Dann geb ich euch das Erbe.

6
Da ging sie hin und holte sie.
7
Dann schloß er auf

und nahm daraus drei bunte Gürtel;
kein Mensch kann ihre Schönheit je beschreiben.

8
Sie stammen nicht von dieser Erde,

nein aus dem Himmel.
Sie sprühen Feuerfunken gleich den Sonnenstrahlen.

9
Und jeder gab er einen Gürtel mit den Worten:

„Umgürtet euch die Brust damit,
daß euch es wohlergehe alle Tage eures Lebens!“


47.Kapitel: Die wunderbaren Gürtel
1
Da sprach zu ihm die andere Tochter, Kasia mit Namen:

Ist dies das Erbe, Vater,
wovon du sagtest,
daß es weit besser sei als unserer Brüder Erbe?
Was sollen diese überflüssigen Gürtel nützen?
Ja, können wir denn davon leben?

2
Der Vater sprach zu ihnen:

Ihr werdet nicht allein von ihnen leben können.

3
Die Gürtel werden euch sogar zum bessern Leben einst verhelfen,

zum Leben in dem Himmel.

4
Ihr Kinder! Kennt ihr nicht den Wert der Gürtel?

Es hielt der Herr mich ihrer selbst für würdig
am Tage, wo er sich entschloß,
sich meiner zu erbarmen
und meines Leibes Schmerzen samt den Würmern wegzunehmen.

5
Er rief mich an

und gab mir die drei Gürtel mit den Worten:
„Steh auf!
Umgürte einem Manne gleich die Lenden!“

Dann will ich dich befragen.
Gib mir darauf die Antwort!

6
Ich nehme sie und gürte mich damit

und sogleich schwinden aus dem Leib die Würmer
wie auch die Schmerzen.

7
Dann wurde durch den Herrn mein Körper wieder kräftig,

als hätt er nichts erduldet.

8
Doch auch mein Herzeleid vergaß ich drüber.
9
Dann redete mit mir der Herr in Macht

und zeigte mir Vergangenheit und Zukunft.

10
Jetzt also, meine Kinder, nehmet diese Gürtel!

Dann habt ihr nie des Feindes Angriff zu erdulden,
noch je in eurem Sinn Einflüsterungen von ihm.

11
Sie sind ein Schutzmittel vom Vater.

Wohlan! Umgürtet euch damit, bevor ich sterbe!
Dann könnt ihr die erblicken,
die her zu meiner Seele kommen,
und also Gottes Schöpfungen bewundern.


48. Kapitel: Hemeras Gürtel
1
Und so erhob sich denn die eine, die Hemera hieß,

und legte sich den Gürtel um,
wie es der Vater sagte.

2
Und sie erhielt ein andres Herz,

so daß sie gar nicht mehr ans Irdische dachte.

3
Sie redete in Engelssprache

und schickt nach Engelsart
ein Lied zu Gott empor.
Und diese Lieder, die sie sang,
ließ dann der Geist an ihrem Kleid sich ausprägen.


49. Kapitel: Kasias Gürtel
1
Alsdann umgürtete sich Kasia;

auch sie empfing ein ganz verändert Herz;
ihr Sinnen ging nicht mehr aufs Irdische.

2
Ihr Mund erhielt der Mächte Sprache

und sie besang des höchsten Ortes Schöpfung.

3
Wer also etwas von des Himmels Schöpfung wissen will,

der kann es in der Kasia Liedern finden.


50. Kapitel: Der Gürtel der dritten Tochter
1
Alsdann umgürtete sich auch die andre,

Amaltheas Horn genannt.
Ihr Mund begann zu reden in der Sprache derer,
die in der Höhe sind.

2
Auch ihr Herz ward verwandelt

und so dem Irdischen entrückt.
Sie redete die Sprache der Cherubim,
lobpries den Herrn der Kräfte
und kündete von ihrer Herrlichkeit.

3
Will jemand die vorhandene Spur

der Herrlichkeit des Vaters noch erkennen,
der kann sie aufgezeichnet finden
in Amaltheas Horns Gebeten.


51. Kapitel: Das Buch Iob
1
Es hörten nun die Drei mit ihrem Singen auf.
2
Anwesend war dabei der Herr

und ich, Iobs Bruder, Nereus und der Heilige Geist.

3
Dann ließ ich neben Iob mich auf mein Lager nieder,

und so vernahm ich Wundersames
von meines Bruders Töchtern,
wie eine es der anderen erklärte.

4
So schrieb ich denn dies ganze Buch

mit Ausnahme der Lobgesänge,
sowie die Deutungen der Töchter meines Bruders,
es seien diese Heilmittel.
Ja, dies sind Gottes Großtaten.


52. Kapitel: Iobs Sterben
1
Und nach drei Tagen legte Iob sich auf sein Lager krank darnieder,

doch ohne Schmerz und ohne Leiden;
es konnte ihm das Leiden nichts mehr schaden
des Gürtels wegen, den er umgelegt.

2
Und nach drei weitern Tagen

erblickt er heilige Engel her zu seiner Seele kommen.

3
Sofort erhob er sich,

griff nach der Zither
und gab sie seiner Tochter, die Hemera hieß.

4
Der Kasia gab er ein Rauchfaß in die Hand,

dem Amaltheas Horne eine Pauke.

5
Sie sollten damit die begrüßen,

die jetzt zu seiner Seele kämen.

6
Sie nahmen alles;

drauf sahen sie leuchtende Wagen zu seiner Seele fahren.

7
Sie sangen Preis- und Ruhmeslieder,

in der besondern Sprache eine jede.

8
Dann stieg der Wagenlenker aus dem größten Wagen

und grüßte Iob.
Ihn sahen die drei Töchter und ihr Vater;
die andern aber sahen ihn nicht.

10
Er nahm die Seele Iobs,

schloß sie in seine Arme,
und flog empor
und brachte sie auf seinen Wagen
und fuhr gen Osten.

11
Sein Leichnam aber wurde eingehüllt

und so zu Grab getragen.

12
Es schritten an der Spitze die drei Töchter;

sie trugen ihre Gürtel
und sangen auf den Vater Lobeshymnen.


53. Kapitel: Iobs Begräbnis
1
Und ich, sein Bruder Nereus, weinte mit den sieben Söhnen

und samt den Armen, Waisen und den Krüppeln allen.

2
Wir riefen:

Weh heut uns! Zweimal wehe!
Denn heute ward die Kraft der Schwachen fortgenommen.

3
Und fortgenommen ist der Blinden Blick,

der Waisen Vater,
der Fremden Gastgeber,
der Witwen Mantel.

4
Wer wollte nicht den Gottesmann beweinen?
5
Man trug zum Grab den Leichnam hin;

da stellten sich im Kreise alle Witfrauen und Waisen auf.

6
So ließen sie nicht zu,

daß man ins Grab ihn brachte.

7
Erst nach drei Tagen konnten sie ihn in das Grab verbringen

zu einem guten Schlaf.

8
Er aber hatte auf der Erde

bei allen den Geschlechtern
sich einen hochberühmten Namen beigelegt.
Amen.

Erläuterungen

[1332]
57. Zum Testament Iobs

Das Buch ist ein jüdischer, ursprünglich hebräisch geschriebener Midrasch zum kanonischen Iobbuch. Vermutlich faßt seine Abfassung im das erste vorchristliche Jahrhundert. Das Buch betont besonders die Geduld und den Wert des Almosens. Dies sowie die hochentwickelte Engellehre 48, 1 ff und die Wertschätzung der Jungfräulichkeit im letzten Kapitel 46, 7 weisen auf essenischen Ursprung hin. Die griechische Übersetzung ist eine Paraphrase; sie stimmt in den Redensarten vielfach mit dem N.T. überein (s. Texts and Studies V 1, M. R. James, Apocrypha anecdota II 1899 LXX II ff).

  • 1: 1 Iob wird mit Jobab, dem Esausprößling, gleichgesetzt (Gen 36, 33). 3 Die Namen, die in einer Handschrift fehlen, sind griechisch: Terpsichoros, Ion, Nikephoros und Epiphron. 6 Dinas Name findet sich auch im Targum zu Iob. Sie ist hier Jakobs Tochter; in anderen jüdischen Legenden ist sie die Mutter Asenaths, des Weibes von Joseph.
  • 4: 10 s. 1 Petr 5, 3 Jak 1, 12; 5, 11 (Iobs Geduld).
  • 5: 1 s. Apok 2, 10 „sei getreu bis in den Tod“. 2 s. Apok 7, 3 „bis wir die Diener unseres Gottes an der Stirne besiegelt haben“.
  • 8: 1 In der jüdischen Apokryphenliteratur gehört der Raum am Firmament dem [1333] Satan, dem „Fürsten der Mächte in der Luft“.
  • 9: 2 Im kanonischen Iobbuch bezeichnen die Zahlen der hier zum Armendienst verwendeten Tiere den Gesamtbesitz Iobs. Betont wird hier die außerordentliche Liebestätigkeit Iobs.
  • 10: 1 Die Zusammenstellung von Witwen, Armendienst und Freitisch findet sich auch Apg. 6, 1 f.
  • 11: 10 Die Bitte erinnert an die des unbarmherzigen Knechtes Matth 18, 26.
  • 12: 3 s. Jak 5, 4. „Der vorenthaltene Lohn der Arbeiter ... dringt zu den Ohren des Herrn“.
  • 14: 4 s. Hebr 10, 35 „eure Zuversicht findet großen Lohn“, 10, 32.
  • 15: 3 Verwerfung des Hochmuts auch in Sir 10, 7 Jak 4, 6 Prov 3, 34.
  • 17: 2 Die Erwähnung des Perserkönigs weist auf die Arsakidenzeit (Pakorus 40 v. Chr.) hin; im kanon. Iob 1, 17 sind es die Chaldäer, die raubend einfallen.
  • 18: 8 Hebr 11, 10 „er wartete auf die ... Stadt, deren Erbauer Gott ist“ 11, 16.
  • 21: 2 Dies erinnert an Tobit, den auch sein Weib ernähren mußte, 2, 11.
  • 25: 1 „Vorhänge“ griech. bela, das einzige lateinische Wort vela in diesem Buch.
  • 27: 7 Diese Nutzanwendung findet sich besonders häufig in den „Zwölf Patriarchen“.
  • 28: 7 Ausitis ist die heutige Hauranlandschaft. „Ägypten“ hier das arabische Musri oder Grenzgebiet in Nordarabien.
  • 31: 1 Statt Eliu dürfte Eliphas von hier ab bis Kap. 34 zu lesen sein. Dies entspräche der Reihenfolge der Sprecher im kanon. Iob: Eliphas spricht bis Kap. 34, Baldad von 35–38, Sophar in 38 und Eliu in 41.
  • 33 s. Jak 5, 1 ff 1 Kor 7, 31; 1 Joh 2, 17.
  • 35: 2 Das Kranksein war durch Iobs üblen Geruch verursacht worden.
  • 38: 8 „der die Ärzte schuf“ erinnert an Sir 38, 1 „Ehre den Arzt! Auch ihn schuf der Herr“.
  • 41: 5 Der Verfasser hielt also die Elihureden des kanon. Iob nicht für ursprünglich. Auch R. Akiba setzte Elihu mit Balaam gleich.
  • 42: 2 „ein Tier“ die Schlange oder der Teufel.
  • 45: 3 Diese Vorschrift, die auch in Tobit 4, 12 erscheint, weist auf echt jüdischen Ursprung des Buches hin.
  • 46: 7 Die Gürtel sind ein Symbol der Jungfräulichkeit.
  • 48: 1 Jungfräulichkeit ist mit Prophetentum verbunden. Wie die vier Töchter des Diakon Philippus Jungfrauen und Prophetinnen waren, so auch hier die drei Töchter Iobs. 2 s. Kol 3, 2 „Denket an das, was droben ist!“
  • 51: 2 Nereus erscheint hier als Verfasser; er ist identisch mit Nachor.
  • 53: 7 Iob wird erst nach drei Tagen begraben. In der Sophoniasapokalypse 5, 3 bleibt die abgeschiedene Seele drei Tage in der Luft, bis sie an ihren Ort gelangt.