Testament des Isaak

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Titel: Testament des Isaak
Untertitel:
aus: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel S. 1135–1148, S. 1334f.
Herausgeber: Paul Rießler
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Dr. B. Filser
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Erscheinungsort: Augsburg
Übersetzer: Paul Rießler
Originaltitel:
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Quelle: ULB Düsseldorf = Commons
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58. Testament des Isaak


1. Kapitel: Isaak wird der Tod angekündigt
1
Als unseres Vaters Isaak Tage sich dem Ende näherten,

wo er die Welt und seinen Leib verlassen sollte,
da sandte der Mitleidige, Barmherzige
zu ihm den Engelfürsten Michael,
den Er zu seinem Vater Abraham gesandt,
am Morgen des 28. Misri.

2
Er sprach zu ihm:

Erwählter Sohn!
Der Friede sei mit dir!
So kam er zu dem gläubigen alten Vater Isaak;
die heiligen Engel pflegten täglich mit ihm zu verkehren. –
Da fiel er auf sein Angesicht,
dieweil er sah,
daß jener seinem Vater Abraham gar ähnlich war.

3
Dann öffnete er den Mund

und rief mit lauter Stimme
und sprach mit Jubel und mit Lob:
Ich schaue wirklich dein Gesicht,
als schaute ich das Angesicht des gnadenvollen Schöpfers.

4
Da sprach zu ihm der Engel:

Isaak, mein Freund!
Ich ward zu dir gesandt
von dem lebendigen Gott;
ich soll dich in den Himmel bringen
zu deinem Vater Abraham und allen Heiligen.

5
Dein Vater Abraham erwartet dich;

er kommt zu dir,
bereitet einen Thron für dich
bei deinem Vater Abraham,
und zwar für dich und deinen lieben Sohn, den Jakob.

6
Ihr sollet oben beide in dem Königtum des Himmels sein

und in der Glorie des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
und sollt für alle Zeiten also heißen:
„Die Väter“
und Väter sollt ihr sein für alle Welt,
Gläubiger alter Vater Isaak!

7
Er sprach hierauf zum Engel:

Ich staune wirklich über dich.
Bist du denn nicht mein Vater Abraham?

8
Der Engel sprach zu ihm:

Ich bin auf keine Art dein Vater Abraham;
ich bin ja nur sein Diener.

9
Jetzt freue dich

und laß dein Antlitz leuchten!
Sei nicht bestürzt!
Du sollst ja nicht mit Schmerz hinweggenommen werden,
vielmehr in Fröhlichkeit;
du darfst dich alsdann freuen
und ruhen für immer.

10
Aus Enge kommst du in die Weite.

Du ziehest hin zur Freude ohne Ende,
zum Licht und Jubel ohne Grenze,
zum Lobe und Frohlocken ohne Schluß.

11
Mach jetzt dein Testament

und bring dein Haus in Ordnung,
weil du zur Ruhe gehst!

12
Gepriesen sei zugleich dein Vater,

der dich gezeugt!
Gepriesen seien deine Nachkommen!


2. Kapitel: Isaak weigert sich, zu sterben
1
Als unser Vater Jakob ihn mit einem andern reden hörte,

begann er sich vor dem, der draußen redete, zu verstecken.

2
Und unser Vater Isaak sprach zum Engel

mit Demut und mit Unterwürfigkeit:
Was soll ich dann mit meiner Augen Licht,
mit meinem lieben Jakob, anfangen?
Ich habe Esaus wegen für ihn Angst.
Du weißt ja alles.

3
Da sprach zu ihm der Engel:

Mein lieber Isaak!
Wenn alle Völker in der Welt an Einem Ort beisammen wären,
so könnten sie nicht deinen Segen über Jakob aufheben,
weil zu derselben Zeit, wo du ihn segnest,
Er, der das All trägt, und der Sohn sowie der Heilige Geist
samt deinem Vater so zusammen sprechen:
„Amen.“
Sein Nachbar soll nicht ihn beherrschen;
er selber soll gar mächtig sein
und soll die Herrschaft ausüben!
Er soll der Vater vieler Völker werden;
zwölf Stämme sollen ihm entspringen!

4
Und Isaak sprach zum Engel:

Du hast mich wohl belehrt
und gute Nachricht mir gebracht.
Laß aber Jakob nichts davon vernehmen!
Er würde ja bestürzt und recht bekümmert werden;
noch niemals tat ich seinem Herzen weh.

5
Da sprach des Herren Engel:

Mein lieber Isaak!
Glückselig sind die Frommen all,
die ihren Leib verlassen,
glückselig, wenn sie Gott den Gnädigen, Barmherzigen, erblicken!

6
Weh, weh, ja dreimal weh dem Sünder,

der Kinder in der Welt besitzt!
Denn diese machen ihm gar manchen Kummer.

7
Lehr deine Söhne deine Wege

und alle die Gebote deines Vaters,
die er dir anbefohlen,
– und fürchte nichts für Jakob! –
daß sie für alle späteren Geschlechter zum Gedächtnis dienen!

8
Es mög der Gläubige sie wohl befolgen

und dadurch zu dem Leben kommen,
das fortdauert und ewig ist.

9
Trotzdem will ich das tun,

was du mir einschärftest.
Ich komme dann mit Freuden schnell zu dir.
Den Frieden, den der Herr mir gab,
geb ich auch dir;
ich geh jetzt schnell zu dem, der mich gesandt.

10
Und als der Engel dies gesagt,

entfernt er sich vom Lager unseres Vaters Isaak
und ging von ihm hinweg.

11
Er aber blickt ihm nach

und wird von Staunen ganz erfüllt
durch das, was er gesehen und gehört.

12
Dann fing er an, zu sprechen:

Ich soll das Licht nicht sehen,
bis daß sie mich verlangen.


3. Kapitel: Isaaks und Jakobs Abschied
1
Und während er so dachte,

kam Jakob durch die Tür des Schlafgemachs zu seinem Vater.

2
Der Engel aber hatte einen Schlummer über ihn geworfen,

auf daß er sie nicht hören sollte.

3
Als er nun seines Vaters Schlafgemach betrat,

da fragte er:
Mit wem hast du gesprochen, Vater?

4
Da sprach zu ihm sein Vater Isaak:

Mein Sohn! Du glaubtest mich zu hören.

Sie sandten her zu deinem alten Vater,
ihn dir zu nehmen,
mein Sohn Jakob.

5
Da fiel er seinem Vater um den Hals und weinte

und sprach zu ihm:
Es hat mich meine Kraft verlassen.
Willst du mich denn zu einer Waise machen, Vater?
Und soll ich heute keinen Wert mehr haben?

6
Dann fiel er unserm Vater Isaak wieder um den Hals

und küßte ihn
und beide weinten,
bis daß sie ganz erschöpft und müde waren.

7
Dann sagte Jakob:

Vater! Ich geh mit dir
und trenn mich nicht von dir.

8
Er sprach zu ihm:

Es steht dies nicht in meiner Macht,
mein Sohn, mein lieber Jakob.
Indessen dank ich Gott,
daß du auch Vater wurdest.

9
Bleib hier, bis sie auch dich verlangen!

Ich weiß:
Es kommt der Tag,
an dem die Welt verschwindet....

10
Wie mir mein Vater Abraham erzählte,

vermag ich nichts an dem Beschluß zu ändern,
der unerschütterlich für jeden gilt.
So wird’s auch sein,
weil nichts von dem erschüttert wird,
was da geschrieben steht.

11
Mein Sohn! Gott weiß,

daß tief betrübt mein Herz um deinetwillen ist,
obschon ich selber fröhlich bin,
weil ich zum Herren gehe.

12
Und nun steh fest im Geist!

Hör auf mit Weinen und mit Klagen!


4. Kapitel: Isaaks Mahnworte
1
Horch jetzt, mein Sohn!

Ich möchte dir vom ersten Menschen Kunde geben
ich meine unsern Vater Adam, der erschaffen ward,
den Gott mit seiner Hand erschuf,
und unsere Mutter Eva.

2
Wahrhaftig, Abel, Seth und unser Vater Enoch

Mahalaleel, der Vater des Metusala,
und Lamech, Jareds Vater
und unsres Vaters Noe Vater, Enosch,

und seine Söhne Sem und Ham und Japhet,
nach diesen Pinechas und Kainan
und Noe, Eber, Reu
und Terach, Nachor,
mein Vater Abraham und Lot,
sie alle starben, außer unserm Vater Enoch,
dem einzigen Vollkommenen, der in den Himmel stieg.

3
Dann kommen noch zwölf Mächtige

und Jesus, der Messias, kommt dann aus dem Schoße einer Jungfrau;
sie heißet Mirjam,
und Gott wohnt über ihm,
bis hundert Jahr erfüllet sind.

4
Und Isaak fastete an jedem Tag,

indem er bis zum Abend nichts genoß.

5
Dann brachte er ein Opfer dar

für sich und für sein ganzes Hausgesinde
für ihre Seelenrettung.

6
Sie pflegten auch um Mitternacht, sich zum Gebete zu erheben;

auch an dem hellen Tage pflegte er zu Gott zu beten.

7
Er tat dies viele Jahre;

er hielt auch dreimal eine Fastenzeit von vierzig Tagen;
es kehrten jedesmal die Fasten wieder.

8
Er aß kein Fleisch,

trank keinen Wein in seinem ganzen Leben
und nie genoß er Obst,
noch schlief er je auf einem Lager;
er war mit Beten jeden Tag beschäftigt,
mit Bittgebet vor Gott sein ganzes Leben.

9
Und wenn die Massen hörten,

ein Gottesmann sei da,
dann kamen sie bei ihm zusammen
von jeder Gegend, jedem Ort,
um seine Lehren zu vernehmen
und seine lebenspendenden Gebote,
damit er sie darin belehre,
weil Gottes Geist es war, der in ihm sprach.

10
Die Großen, die bei ihm sich sammelten, befragten ihn:

Was ist doch das für eine Weisheit, die bei dir verblieb,
seit jener Zeit, wo du das Augenlicht verlorst?
Wie ist es denn, daß du jetzt siehst?

11
Da lächelte der alte glaubensvolle Mann

und sprach zu ihnen:
Ich will es denen, die hier sind, berichten:
Gott heilt mich, als er sah,
daß ich der Todespforte näher käme.

12
Er hat für mich in meinem Alter diesen Trost bestimmt,

daß ich dem Herrn ein Priester würde.

13
Da sagte zu ihm einer:

Sprich doch mit mir,
damit ich Trost empfange
und ihn beherzige!

14
Da sagte zu ihm unser Vater Isaak:

Sprichst du auch gleich im Zorn,
dann hüt dich dennoch vor Verleumdung!
Nimm dich vor Prahlerei in acht!

15
Sieh zu, daß du nicht stets von dir nur sprichst!

Gib acht, daß nicht verderbte Worte deinem Mund entstammen!

16
Hüt deinen Leib,

auf daß er rein verbleibe!
Er ist das Heiligtum des Heiligen Geistes, der darinnen wohnt.
Schenk Achtung deinem minderwertigen Leib,
damit er rein und heilig sei!

17
Gib acht, daß du nicht spielst mit deiner Zunge,

daß kein verderbtes Wort aus deinem Munde komme!

18
Behüte deine Hand,

daß du sie nicht nach fremdem Gute streckest!

19
Bring nicht dein Opfer dar,

wenn du nicht rein!
Wasch dich in Wasser,
wenn du dem Altar nähertreten willst!
Vermisch nicht mit den Ansichten der Welt die deinen!

20
Zu welcher Zeit du vor Ihm stehen magst,

dein allerbestes Opfer ist das Friedenstiften bei den Menschen.

21
Und wünschest du,

Gott deine Gaben darzubringen,
wenn du dich dem Altare näherst,
so bete ohne Unterlaß wohl hundertmal zu Gott!

22
Und zu Beginn richt deine Danksagung,

gerade diese,
an Gott, den Unbegreiflichen, den Unerforschlichen,
den Herrn der Macht,
den Schatz der Reinheit:

23
„Durch deine Gnade reinige mich,

nach deiner Güte gegen mich!
Ich steh zu dir;
ich bin ein Ding aus Fleisch und Blut.

24
Ich kenne meinen Schmutz.

Herr! Mach mich rein!
Fürwahr! Ich übergeb dir meine Sache.
Ich flieh zu dir als Zufluchtsort.
Ich kenne meine Sünden.

25
Mach, Herr, mich rein,

daß ich vor deine Gegenwart bescheiden treten kann!

26
Jetzt drücken meine Sünden schwer.

Ich stehe nahe an dem Feuerbrand.

27
Es ruh auf allen deine Gnade!

Nimm weg all meine Übertretungen.
Vergib mir, eben mir, dem Sünder!

28
Vergib auch allen deinen Kreaturen, die du schufst,

dieweil sie nicht gehorchen
und nicht den Glauben haben!

29
Ich bin besorgt für jeden, der Dein Bildnis trägt

und mir begegnet;
es richten meine Augen sich auf ihn.

30
Ich komm zu dir;

ich bin Dein Diener,
bin deiner Sklavin Sohn, der Sünder.
Du bist der, der verzeiht.

31
Vergib mir doch nach deiner freien Güte!

Hör meine Bitte!

32
Ich möcht für wert gehalten werden,

an deinem heiligen Altar zu beten.
Laß dieses Brandopfer dir wohlgefällig sein!

33
Und überlaß mich meiner Sünden wegen nicht

der eignen Unwissenheit!
Nimm, dem verlorenen Schäflein gleich, mich auf!“ –


5. Kapitel: Isaaks letzte Worte
1
Der Gott, der unsern Vater Adam, Abel, Noe

und unsern Vater Abraham geleitete,
soll, Jakob, mit dir sein!

2
Er soll auch mit mir sein,

empfängt er meine Opfergabe von mir!

3
Kommst du so näher

und tust du so, bevor du den Altar besteigst.
dann bringe deine Opfer dar!

4
Doch hüte dich!

Nimm dich in acht,
auf daß du nicht den Geist des Herrn betrübst!

5
Das Priesteramt ist ja nicht leicht.

Von allen Priestern wird verlangt,
von diesem Tage an
bis zu dem letzten der Geschlechter
und bis die Welt zu Ende geht,
sie sollen nicht mit Weintrinken sich anfüllen
und nicht am Brot sich übersättigen
und nicht von weltlichen Dingen reden
und nicht dem zuhören, der davon spricht.

6
Sie sollen vielmehr alle ihre Kräfte und ihr Leben

an das Gebet verschwenden,
an Wachsamkeit und Ausdauer im religiösen Leben,
daß sie in Frieden Bitten an den Herren richten!

7
Und dieses wird von jedem auf der Welt verlangt,

sei’s daß er arm ist oder reich,
daß er die Zeugnisse, die feststehen, behält.

8
Sie werden ja nach einer kleinen Weile dieser Welt entzogen

und ihren schlimmen Absichten.
Sie kommen völlig dann in Engelsdienst ob ihrer Reinheit
und stehen vor dem Herrn und seinen Engeln da,
zufolge ihrer reinen Opfer und des Engelsdienstes.

9
Ihr Dienst auf Erden gleicht dem in den Himmeln.

Es sind die Engel ihnen zugesellt
ob ihrer Treue, so vollkommen, ihrer Reinheit.

10
Und groß ist ihre Ehre vor dem Herrn.

Nichts Unbedeutendes, nichts Wichtiges
gibt es an dem, was nicht der Herr vergrößern lassen will,
dieweil er wünscht, es möge ohne Fehl und Sünde sein.

11
Und jetzt verdemütigt euch selbst vor Gott!

Bereuet eure Sünden!
Und sündiget nicht mehr!
Du sollst nicht töten mit dem Schwert!
Du sollst nicht töten mit der Zunge!
Du sollst mit deinem Leib nicht ehebrechen!
Du sollst den Zorn nicht bis zum Sonnenuntergang bewahren!

12
Du sollst dein eigen Lob nicht singen!

Du sollst dich nicht beim Falle deiner Feinde oder Brüder freuen!
Du sollst nicht schmähen!
Du sollst dich vor Verleumdung hüten!

13
Schau nicht aus Lust ein Weib mit deinen Augen!

Hüt dich vor diesen Sünden und vor ähnlichen!
Nehmt euch in acht,
daß ihr befreit bleibt von dem Zorn,
der sich vom Himmel offenbaren wird!


6. Kapitel: Isaaks Himmelfahrt
1
Als dies die Menge ringsum hörte,

da schrieen sie und riefen alle aus:
Ganz recht und wahr ist alles,
was dieser fromme alte Mann gesprochen.

2
Er aber schwieg;

sein Mantel war ihm abgefallen;
da deckten sie sein Antlitz zu.

3
Und die Versammlung, wie die Priester, die zugegen,

sie schwiegen;
dann sprachen sie:
Laßt ihn für eine kleine Weile ruhen!

4
Da kam zu ihm der Engel Gottes

und nahm ihn in die Himmel mit
und zeigte ihm die Dinge dort im Feuer,
und viele wilde Tiere mit nur linken Seiten

und alle ihre Seiten waren so verbunden,
daß keins das andere sehen konnte.

5
Und ihr Gesicht glich dem Gesichte von Kamelen,

und andere hatten solche wie von Hunden,
und wieder andre solche wie von Löwen und Hyänen
und wie von Leoparden,
und andre hatten nur ein Auge.

6
Er sprach:

Ich sah und schaute.
Sie führten einen Mann herein,
indem sie ihn schnell vorwärts trieben.

7
Und als sie zu den Löwen kamen,

verließen seine Führer ihn.

8
Die Löwen aber stürzten sich auf ihn

und bissen ihn in seiner Mitte durch
und rissen Glied für Glied ihm aus,
zernagten ihn und fraßen ihn.

9
Nach diesem aber warfen sie ihn aus den Mäulern,

und dieser kehrte abermals in seine frühere Gestalt zurück.

10
Da fragte ich den Engel:

Was ist das, Herr, für eine Sünde,
die dieser Mann begangen,
daß sie ihm also tun?

11
Der Engel sprach zu mir:

Der Mann, den du hier siehst,
beleidigte den Nachbar vor fünf Stunden
und starb, bevor er sich mit ihm versöhnt.

12
So ist er denn fünf Quälern überliefert,

die ihn ein ganzes Jahr für jede der fünf Stunden quälen,
wo er in Feindschaft mit dem Nachbar lebte.

13
Da sprach zu ihm der Engel:

Lieber Isaak!
Schau auf die sechzig Dämonen,
die da für jede Stunde Pein dafür bereiten,
daß in Feindseligkeit mit seinem Nachbar je ein Mann verharrt.

14
Er wird hierher gebracht zu diesen, die ihn peinigen,

ein jeglicher für eine Stunde,
bis sich ein ganzes Jahr erfüllt.

15
So geht es jedem Mann, der keinen Frieden schließt

und seine Sünde nicht bereut,
bevor er diese Welt verläßt und sich von seinem Leibe trennt.


7. Kapitel: In der Hölle
1
Er brachte mich hernach an einen Feuerstrom;

ich sah, wie seine Wogen höher, denn als dreißig Ellen, schossen
und ein Getös war dort gleich Donnerrollen.

2
Da schaute ich,

wie viele Seelen in die Tiefe sanken,
mehr als neun Ellen,
und die im Strome heulten;
sie schrieen laut und stöhnten tief.

3
Der Feuerstrom ist so geartet,

daß er die Frommen nicht beschädigt,
nur ganz allein die Sünder,
die er verbrennt.

4
Und er verbrennt von ihnen jeden wegen des Geruches,

der übelriechend, ekelhaft die Sünder ganz und gar umgibt.

5
Und ich betrachtete den tiefen Strom;

ein Rauch stieg draus vor mir empor;
ich sah dort eine Anzahl Menschen auf dem Boden
und jeder schrie und weinte unter Stöhnen.

6
Der Engel sprach zu mir:

Schau in die tiefste Stelle!
Da kannst du die erblicken,
die in der tiefsten Tiefe du jetzt schauen willst.

7
Die sind’s, die Sodoms Sünde taten.

Fürwahr, sie leiden unter einer schweren Strafe.

8
Dann habe ich den gesehen,

der über diese Peinen zu verfügen hatte;
an ihm war alles Feuer.

9
Er schlug des Höllenfeuers Knechte

und sprach zu ihnen:
Tötet sie auf der Stelle!
Sie sollen wissen: Gott ist ewig!

10
Dann sprach zu mir der Engel:

Heb deine Augen auf
und schau all diese Strafen!

11
Dann sagte ich zum Engel:

Mein Auge kann sie nicht umfassen;
sie sind so viel.

12
Ich möchte aber wissen,

wie lange sie in dieser Strafe bleiben.

13
Er sprach zu mir:

Bis daß der Gott der Gnade gnädig ist
und ihrer sich erbarmt.


8. Kapitel: Im Himmel
1
Dann nahm der Engel mich zum Himmel;

da sah ich Abraham
und ich verehrte ihn.

2
Er küßte mich.

er und die Frommen alle.
Sie waren all beisammen
und ehrten meines Vaters wegen mich;

sie gaben mir die Hand
und brachten mich zum Baldachin des Vaters.

3
Da warf ich mich zu seinen Füßen nieder

und betete ihn an,
mit meinem Vater und mit all den Heiligen;
wir riefen preisend laut:
„Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen“;
„Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner heiligen Glorie“.

4
Da sprach der Herr zu mir vom höchsten Heiligtum herab:

Wer seinen Sohn nach meinem lieben Isaak nennt,
auf dem und seinem Hause ruht mein Segen.

5
Gut ist es, daß du kommst, Abraham.

Dein Stamm ist gut,
sowie des heiligen Stammes Gegenwart.

6
Was immer du im Namen deines lieben Sohnes Isaak bittest,

wird heute dir zuteil
als immerwährender Bund.

7
Da sprach mein Vater Abraham:

Dein ist die Herrschaft, Herr,
du Weltbeherrscher.

8
Da sprach der Herr vom höchsten Heiligtum

zu meinem Vater Abraham:
Wer seinen Sohn nach meinem lieben Isaak nennt
oder wer sein Testament verfaßt,
soll einen Segen haben,
der niemals an ein Ende kommt;
es weicht mein Segen nie von seinem Haus.

9
Oder wenn er einen Armen speist

an meines lieben Isaak Fest,
den bring ich in mein Reich zu euch.
Da sprach mein Vater Abraham:

10
Göttlicher Vater, Weltbeherrscher!

Selbst wenn er nicht sein Testament
oder seinen Willen niederschreiben kann,
dann laß doch deinen Segen, deine Huld ihn einhüllen!
Du bist ja der Barmherzige.

11
Da sprach der Herr zu Abraham:

Laß ihn dem Hungrigen ein Brot zu essen geben!
Dann geb ich eine Stätte ihm in meinem Reich.
Er darf mit euch in erster Stunde
am tausendjährigen Gastmahl sich beteiligen.

12
Und der Erlöser sprach zu unserm Vater Abraham:

Und ist er arm
und findet er kein Brot in seinem Haus,
dann soll er eine ganze Nacht durchwachen
zum Andenken an meinen lieben Isaak, der nie schlief!
Ich gebe ein Erbe ihm in meinem Reich.

13
Da sprach mein Vater Abraham:

Und ist er schwach und kann nicht wachen,
dann lasse deine Gnade und dein Mitleid diesen einhüllen!

14
Es sprach der Herr zu ihm:

Dann lasse etwas Weihrauch ihn in meinem Namen
an dem Gedächtnistage meines lieben Isaak, deines Sohnes, darbringen!

15
Und ist es so, daß er nicht lesen kann,

dann laß er sich von einem Lesekundigen vorlesen!

16
Und kann er nichts dergleichen tun,

bleib er zu Haus
und schließ die Türe
und bete unter hundert Fußfällen:
„Ich bereue.“

17
Dann geb ich diesen euch als Sohn in meinem Reich.

Doch besser noch, als alles dieses, ist es,
wenn er ein Opfer am Gedächtnistage meines lieben Isaak bringt.

18
Und alle, die das tun, was ich gesagt,

gerade sie erlangen jenes Erbe,
das Königtum in meinen Himmeln.

19
Und alle, die sich Mühe geben

und diesen Willen, dieses Testament samt der Geschichte abschreiben
und die Barmherzigkeit erweisen,
indem sie einen Becher kalten Wassers reichen,
und die aus ihrem ganzen Herzen glauben,
mit diesen ist dann meine Macht sowie mein heiliger Geist
in dieser Welt zu ihrem Wohlergehen;
sie werden auch in ihrem Glauben nimmer wanken.
Ich geb euch diese in mein Reich.

20
Sie dürfen sich am tausendjährigen Mahl

gleich von der ersten Stunde an beteiligen.

21
Der Friede sei mit euch,

ihr lieben Heiligen!


9. Kapitel: Isaaks Tod
1
Nach dieser Rede begannen die Himmlischen zu rufen:

„Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen
Der Himmel und die Erde sind voll von Deiner heiligen Glorie.“

2
Da sprach der Vater,

der alles hält,
von seiner heiligen Stätte:
Mein treuer Diener Michael!
Ruf alle Engel und die Heiligen all zusammen!

3
Besteig den Seraphswagen

und laß die Cherubim voraus dir gehen!

4
Nachdem er dies gesagt,

kam Jakob außer sich,
umklammerte den Vater
und küßte ihn und weinte.

5
Alsdann hob unser Vater Isaak ihn empor,

gab ihm ein Zeichen, mit den Augen winkend;
und sprach: Sei still, mein Sohn!

6
Da sagte Abraham zum Herrn:

Gedenke gleicherweise meines Sohnes Jakob, Herr!

7
Da sprach der Herr zu ihm:

Mit ihm wird meine Stärke sein
und meinen Namen wird er preisen.

8
Er wird auch des gelobten Landes Herr.

Die Feinde werden ihn nicht überwältigen.

9
Und unser Vater Isaak sprach zu Jakob:

Mein Sohn! Gib auf mein Sterben acht,
damit ich dir den Tag vermelde,
wo meinen Leichnam sicher du verwahren sollst!

10
Du sollst nicht Gottes Bild in dem, was du verübst, verletzen!

Des Mannes Bild ward ja nach Gottes Bild gemacht.

11
Und so wird Gott dir tun zur Zeit,

wenn du ihn findest und ihn siehst.

12
Und dieses ist der Anfang und das Ende,

wie unser Vater es gesagt.

13
Nach diesen Worten nahm aus seinem Leib der Herr

die Seele, weiß wie Schnee.


10. Kapitel: Isaaks Himmelfahrt
1
Er nahm sie auf

und führte sie auf seinem heiligen Wagen mit,
fuhr mit ihr in die Himmel
und Lobgesänge sangen Cherubim
vor ihr und seinen heiligen Engeln.

2
Dann gab er ihm das Himmelreich

und all die Gnaden, die Genugtuung verleihen,
die unser Vater sich gewünscht.

3
Gott gab sie ihm,

und die Erfüllung dieses Bunds besteht für immer.

4
Das Scheiden unsers Vaters Abraham

und unsers Vaters Isaak, des Abrahamsohnes,
erfolgte an dem 28. des Monats Misri an demselben Tag.

5
Er galt als heilig und als Seher.
6
Am Tag, wo unser Abraham das Opfer Gott

am 28. des Monats Amschir darbrachte,
da ward der Himmel und die Erde ganz erfüllt
vom süßen Wohlgeruche seines Wandels vor dem Herrn.

7
Und unser Vater Isaak war wie Silber,

das durchgeglüht, geschmolzen und von Schlacken rein gemacht,
im Feuer wird gereinigt.

8
In gleicher Weise geht’s so jedem,

der unsers Vaters Isaak Güte zeigt,
d. h. zu seiner Ehre Almosen verteilt.

9
Am Tag, wo Abraham, der Väter Vater,

ihn Gott zum Opfer einst gebracht,
da steigt der süße Wohlgeruch auch seiner Gabe
zum innern Vorhang des Allmächtigen auf.

10
Heil allen, die Barmherzigkeit erweisen

an dem Gedenktag Abrahams, des Vätervaters,
und unsers Vaters Isaak!
Denn sie bekommen einen Sitz im Himmelreich;
denn unser Herr verbringt sie ewiglich in seinen sichern Bund.

11
Er hütet ihn für sie sowie für die Nachkommen,

indem er ihnen sagt:
All, die im Namen meines lieben Isaak jetzt barmherzig sind,
die füg ich wahrlich euch im Himmelreiche bei.

12
Er ist bei ihnen in des tausendjährigen Festes erster Stunde;

so können sie im ewigen Lichte Feste feiern,
im Reiche unseres Herrn und unsers Gottes
und unsers Königs und Erlösers Jesus Christus.

13
Der ist es, dem gebührt die Glorie und Majestät und Macht

und Herrschaft, Ehrfurcht, Ehre, Preis und Anbetung,
mitsamt dem gnädigen Vater und dem Heiligen Geist
für jetzt und immer und zu allen Zeiten. Amen.
Die Erzählung des Hinscheidens unsers Vater Isaak ist zu Ende.
Dank und Lob sei Gott für immer und ewig!

Erläuterungen

[1332]
58. Zum Testament Isaaks

Der Text liegt in einer arabischen und einer äthiopischen Übersetzung vor. Das Werk weist essenischen Einfluß auf; er legt besondern Wert auf Fasten, körperliche Reinheit und Tugendhaftigkeit. So ersetzt es den Mangel an moralischen Anweisungen im Testament Abrahams, womit es sonst nahe verwandt ist. Das Werk wurde später christlich überarbeitet. (Texts and Studies II 2 1892, 133 ff W. E. Barnes. The Testaments of Abraham, Isaac and Jacob.)

  • 1: 1 Der Monat Mifri ist der März. 2 „jener“ d. i. Michael. 6 Christliche Überarbeitung.
  • 2: 3 Christlicher Zusatz. „Amen“ bedeutet die Bekräftigung und Bestätigung des Segens, s. Gen 27, 29.
  • 3: 4 „Sie“ die Himmlischen. 10 Essenische Prädestinationslehre.
  • 4: 2 Hier liegt Namensvertauschung vor. Lamech gehört zu Noe und Enosch zu Jareds Vater (Gen 5, 6 ff). Statt Pinechas l. Arpakschad, statt Noe Schelach! Kainan gehört vor Mahalaleel. 3 Christlicher [1333] Zusatz. 4 Essenische Praxis s. Philo, De vita cont. ed. Mangey II p. 471 f „Speise und Trank nimmt niemand vor Sonnenuntergang zu sich“. 5 Zu Isaak’s Opfer vgl. Iobs Opfer 1, 5. 7 Die dreimalige Fastenzeit setzte sich in der griechischen Kirche fort. 8 Das anhaltende Gebet war essenische Eigentümlichkeit (Philo l. c.) 10 Gen 27, 1. 14 Zu den Moralvorschriften vgl. Didache 1–6. 16 Essenische Reinigung (s. Jos. B. J. II 8, 5. 1 Kor 6, 19). 20 Die Essener hießen „Diener des Friedens“ (s. Jos. B. J. II 8, 6). 21 Die Essener mieden keineswegs grundsätzlich die Opfer; sie wollten nur mit der nach ihrer Ansicht unreinen Priesterschaft nichts zu tun haben. 26 s. Is 33, 14. 30 s. Ps 116, 16 „der Sohn deiner Sklavin“. 33 s. Ps 119, 176.
  • 5: 4 s. Eph 4, 30. 5 Strenge Anforderungen an die Priester. 7 Zeugnisse = Gebote. 8 Die Tora wird in den Himmel aufgenommen. 10 Das Gesetz ist unveränderlich, deshalb läßt es der Herr nicht vergrößern. 13 Der Zorn des Endgerichtes.
  • 6: 14 s. Hermas Sim. VI 4, 4.
  • 7: 3 „so geartet“, wörtlich „verständig“ s. Clemens Alex. Cohort. p. 47 Paed. III 8 p. 280 „sapiens ignis“.
  • 8: 2 Bei Clemens Alex. Exc. Theod. 38 findet sich der Vorhang zum Schutz gegen das Feuer. 3 Auch in der Liturgie des hl. Markus verwendet. Is 6, 3 „die ganze Erde“. 11 „Hilfeleistung und Barmherzigkeit sind den Essenern freigestellt. Es ist ihnen erlaubt, den Dürftigen Speise zu geben“ Jos. B. J. II 8, 6. 19 Matth
  • 9: 3 Michael ist hier der völlige Stellvertreter Gottes. 10 Warnung vor Zerstückelung des Leichnams.
  • 10: 6 Der Monat Amschir ist der Mai. 12 Christlicher Zusatz.