Topographia Austriacarum: Beschreibung der Herrschafft Petronell

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Topographia Germaniae
Beschreibung der Herrschafft Petronell (heute: Petronell-Carnuntum)
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Drosendorff
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1679, S. 12–14.
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Beschreibung der Herrschafft
Petronell:


Es befindt sich / zwischen Wien in Oesterreich / vnd Preßburg in Vngern / ein fast schöner / vnnd wegen alldorten vieler denckwürdigen alten Vhrkunden / sehr berühmter / vnd vhralt Adelicher Sitz vnd Herrschafft / mit Nahmen Petronella, jetzund Herrn Grafen von Abensberg vnd Traun / Obristen Land-Marschalcken / im Ertz-Hertzogthumb Oesterreich vnter der Enß zugehörig. Eben an selbigem Orth ist vor Alters ein überauß grosse Statt gestanden / wie solches noch auß einem gar weit erstreckendem Bezirck etlicher schon längst zerfallenen / vnd niedergerissenen Mauren / gar eygentlich zu spühren ist; Nun aber ist selbige Statt von den Alten nicht Petronella oder Petronell, wie mans jetzunder nennt / sondern Carnuntum genent worden / wie solches gar schön Wolfgangus Lazius l. 12. Commentar. Reip. Rom. sect. 3. cap. 1. erweiset.

Welche Statt Carnutum die Römer bey 169. Jahren vor Christi Geburt vnter ihren Gewalt zu bringen vergebens sich vnterstanden (diß bedeutet Livius lib. 43. dec. 5. lib. 3.) aber zehen Jahr vor der Geburt Christ / vnter Caesare Augusto, durch Tiberium den obristen Feldherrn / so hernacher der dritte Römische Keyser worden / dieselbe erobert / wie bey Dione lib. 55. zulesen / haben auch solche zu einer Hauptstatt / zwischen Raab in Vngern / vnd Kaalenberg in Oesterreich gemacht / auch ein Residentz deß Keysers gewesen. Spartanus meldet / daß wie Commodus, Antonini Sohn / zu Rom erwürget worden / im Jahr Christi 95. Septimus Severus Land-Obrister in Pannonien, das ist / Vngern vnd Vnter-Oesterreich / zu Petronell oder Carnunto, von den Teutschen Soldaten zum Keyser erwehlet worden / auch allda gewohnet. Keyser Diocletianus, welches bezeugt das erste Buch Lazij im 2. cap. fol. 18. hat auch zu Carnunto gewohnet / wie Er das Reich resignirt vnd seinem Mit-Keyser dem Maximiano übergeben / hat auch anno 304. zu Keysers Constantini Zeiten / zu Carnunto Rath gehalten / wie Zosimus schreibet lib. 2. ob er sich deß Keyserthumbs wieder vnterfangen köndte / welches aber nicht gelungen / sondern Keyser Maximianus zu Rom mit dem Strang erwürget worden / vnd Keyser Diocletianus zu Carnunto in einem schlechten Häusel in Wütterey gestorben ist. Man findet auch bey Teutsch-Aldenburg ein stück Mawren vnd auffgeworffen Erden / welches ein Brucken über die Donaw gewesen seyn soll. Vmb das Jahr Christi 375. ist Carnuntum sampt dem Bad Aldenburg / als Keyser Valentinianus allda gewohnt / wie bey Ammiano Marcellino lib. 30. zu lesen / durch die Marckmänner / vnd lang hernacher von Attila der Hunnen König / zerstört worden. Es schreibt auch Plinius von den Völckern Carnuntiis, daß sie in Oesterreich gewohnt haben. Daß aber gemeldter Ort / dieser schon längst verwüsten Statt / letztlich Petronell, oder Peternell genent worden / ist solches von Keyser Carolo dem Grossen / herkommen / wie Wolfgangus Lazius gar gläublich vnd verständig darvor gehalten; Dann als Carolus der Grosse in der Oesterreichischen Statt Fabiana, (welche von dem Teutschen vngelehrten Pöfel / Anfangs Wiana / vnd hernacher Wian oder Wien genent worden) eine Kirchen dem Heiligen Apostel Petro gebawet / hat er alsdann 7. Meil vnter Wien / in dem berühmten MarcktFlecken /

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Schloss Petronell (Merian).jpg
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Schloss vndt Herrschafft Petronell (Merian).jpg

[13] Petronell (allwo vor Alters die grosse Statt Carnuntum gestanden) ein noch andere Kirch auffgericht / so auch noch alldorten zusehen / zu Ehren der H. Petronillae oder Petronellae, welche deß H. Apostels Petri Tochter gewesen / dahero dann nachmals von dem gemeinen Volck / eben dieser Orth Petronella oder Peternell genennt worden / vnd wird in der vhralten Chronick deß Closters Gotwick oder Gottwein gelesen / daß der H. Altmanus, vmb das Jahr Christi 1072. von Sigehardo dem Patriarchen zu Aquileia, erlangt habe / die Capell S. Peters in Fabiana, das ist / zu Wien / vnd die Capell zu S. Petronella. So ist aber zu folgenden Zeiten ein Adeliches Geschlecht gewesen / welche man genent die Herren von S. Petronell, auß welchen einer gewesen mit Nahmen Albrecht von Petronell, so vmb das Jahr Christi 1262. gelebt / als aber diß gantz Geschlecht abgestorben / haben solche Herrschafft die Herren von Cranichberg bekommen / von welchen sie nach vnnd nach auff einen Vngarischen Ritter kommen / Nahmens Andreas Eberhardus Rauber / Herr zu Planckenstein vnd Peternell, so vmb das Jahr Christi 1561. noch bey Leben gewesen / von ihme aber auff die Freyherren Vnverzagt / von welchen diese Herrschafft (die Wolgebohrne Fraw Margareta Weberin / ein gebohrne Gräfin von Conzin) käufflich an sich gebracht / vnd nach ihrem Todtsfall / auff ihre eintzige hinterlassene Tochter / der Hoch- vnd Wolgebohrnen Frawen / Fr. Catharina Ursula, Gräfin von Abensberg vnnd Traun / ein gebohrne Weberin / Freyin / Erblich kommen / vnd durch Heurath von Herrn Grafen von Abensberg von Traun / Obristen Land-Marschalln im Ertz-Hertzogthumb Oesterreich vnter der Enß / possidirt vnd besessen wird. Es ligt dieses Schloß vnd Herrschafft an einem fruchtbahren Orth / hart an der Donaw auff einem hohen Vfer zimlich befestiget / vnd einem grossen Thiergarten / darin ein wunderliches altes Heydnisches Gebäw vnter der Erden / welches man nicht wol wissen kan / was es gewesen / dann die Seulen nicht viel über Ehlen hoch / vnd nicht viel über halb Ehlen von einander stehen / vnd kan man deren biß in etlich vnd zwantzig zehlen / hat vnten vnd oben ein schönes hartes Pflaster / auch findet man viel seltzame hole Ziegelstein einer an dem andern wie die Orgelpfeiffen / haben durch vnd durch ablange Löcher daß der Lufft durch vnd durch spielen kan / ist auch das gantze Wesen von überauß harten vnnd klingenden Ziegelsteinen gemacht. Auch hat es ein Büchlein fliessend durch den gantzen Thiergarten / welches man nennet den Heydnischen Brunnen / welches Bächel mit überauß grossen Ziegelsteinen gewölbet / vnnd kan man dessen Vrsprung dato noch nicht finden / man hat vor einem Jahr / das ist / anno 1654. zween von gehawenen Steinen Särcke gefunden / welcher Steine sechs den gantzen Sarck gemacht / in deren jedem ein Todten-Cörper gefunden / die Gebein so schön bey einander / als ob sie anatomirt wären / aber nach Berührung derselben ist alles zu Staub vnd Aschen gefallen / auch bey dem Einen / ein brennend Liecht / welches nach Eröffnung der Lampen alsobald verschwunden / bey dem Andern ein steinern Krug gefunden worden. Es ist auch der Thier-Garten / wie auch ein weite Revier vmb das Schloß herumb / voller Fundamenten der alten Statt Carnunti, vnter der Erden / daß wer da bawen will / gar leichtlich die Steine haben kan / auch ist noch ein tieffer Stattgraben allda zu spühren. Oberhalb deß Thiergartens / stehet ein alte feste von Quaderstücken gebawete Kirchen / S. Johannes-Kirch genant / welche die Tempel-Herren besessen / so auch zu Petronell in dem beschlossenen Marckt gewohnet / vnd die Rudera ihrer Residentz noch zu sehen sind. Auch findet man deß obgedachten Vngarischen Ritters Herrn Andreae Eberhardi Raubers Epitaphium, in rothlechtem Marmor gantz künstlich außgehawen / welcher seinen Bart zu beyden Seiten wie Zopff geflochten / vnd biß auff die Erden hangend / daß er gar leicht darauff tretten können. Ein gute Viertel meil Wegs vom Schloß / stehet noch ein zerfallen Thor [14] der obgedachten Statt Carnunti, vmb welche Revier man täglich in Erbawung der Erden findet / allerhand Heydnische Müntzen / von vnterschiedlichen Metallen / auch etliche Grabstein der alten Keyser vnnd Kriegs-Obristen / welche allda gewohnet / auch durch Krieg geblieben / diß alles ist gar deutlich in vorgehenden Abrissen / deß Schlosses vnd der Herrschafft Petronell zu sehen. Es ist auch das Land gar fruchtbar an Geträid / vnd Wein / Obst / Geflügel vnnd Wildprät / wie auch Schiff- vnnd Fischreichem Wasser / ligt zwischen der Donaw / vnd dem Fluß Leyta / welcher Fluß Leyta Oesterreich vnnd Ungarn scheidet / hat auch schön Gehöltz / vnnd erstreckt sich die Herrschafft / in die neun Meil.