Topographia Austriacarum: Melck

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Topographia Germaniae
Melck (heute: Melk)
<<<Vorheriger
Lintz
Nächster>>>
Neuburg
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1679, S. 14–15.
Wikisource-logo.png [[| in Wikisource]]
Wikipedia-logo.png Melk in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du unter Hilfe
Link zur Indexseite


[14]
Melck / Melicum.

Dieses Stättlein ligt an der Thonau / in Unter-Oesterreich / und sehr wol; daher auch Lazius vermeynt / es habe dieser Ort vor Zeiten Medelicum, und Mea Dilecta, geheissen: Cuspinianus aber sagt / Er seye Ferreum Castrum genant worden / und habe einem Gysoni (andere haben Hemoni, zugenant Stillae) gehört / den Marggraff Leopold von Oesterreich / zugenant der Erleuchte / erlegt / und das eroberte Schloß in eine Kirchen verwandelt. Der galte Nahm aber ist / nach Cluverii Meynung / Nomale, hernach Nomare, gewesen / darfür die Teutschen Nomalck gesagt haben mögen. Das Stättlein / (so vor wenig Jahren / durch Feuer / etwas Schaden gelitten haben solle /) ligt unten am Wasser; aber das berühmte Benedictiner Closter / deme solches gehört / zimlich hoch / auff einem felsichten Hügel / also daß es nicht allein dem Stättlein / sondern auch der Thonau / und der Gegend herum / gebieten kan. Und hat es sich Anno 1619. gegen die Ober-Oesterreichische Ständ / so es mit den Böhmen gehalten / tapffer gewehrt / daß sie unverrichter Sachen abziehen müssen. Besagter Leopoldus, so Anno 988. nach der gemeinen / aber nach deß Ditmari, und zwar / wie es Andreas Brunner part. 2. Annal. Boicorum pagin. 690. darfür hält / bessern Rechnung / Anno 94. gestorben / und / mit sampt seiner Gemahlin Richarde, Käiser Heinrichs Schwester / allhie / mitten in der Kirchen / vor dem Chor begraben ligt / hat es gestifftet; wiewol besagter Lazius will / daß Marggraff Leopold der Ander (so mit seiner Gemahlin Frowiz auch allda lige) / und Albrecht der Dritte / erst Anno 1085. Mönche hieher gesetzt / auß dem Schloß ein Closter gemacht / und ihre Hoffhaltung von dannen nach Garß / und ins Schloß Kalenberg / versetzt: Und habe Marggraff Leopold der Heilige die Kirch allhie / so sein Vater angefangen / vollführet. Es liegen in solcher Kirchen viel Fürstliche Personen / von welchen besagter Lazius, wie auch Cuspinianus, zu lesen seyn / begraben. So ligt auch da S. Colmann / oder Colomannus, Königlichen Irrländischen Geblüts / welcher von dem Landvolck in Oesterreich für einen Verräther / und Kundtschaffter gehalten / und Anno 1012. zu Stockerau an einen Baum gehenckt / und folgends Anno 1014. allhie /von Marggraff Heinrichen zu Oesterreich / (welcher von den meisten Scribenten mit dem Rebellischen Marggrafen Henrico in Francken / wider Recht und Billigkeit / vermischet wird) begraben worden. Es ist dieses ein grosses Closter / und der reichisten eins in Oesterreich / von welchem ins gemein gesagt wird / daß es einen räisenden Metzen habe. In deß Stiffts Freysingen Geschichten wird gelesen / daß vom Bischoff Bertoldo von Wähing / einem Oesterreicher / und selbiger Fürsten Cantzlern / die in dem Closter Melck in Oesterreich vorhandene / und versetzte köstliche Bischoffs Insul / herkomme / so gedachter Bertholdus dem Stifft Freising vermeynt hatte / aber zuvor / nemlich Anno 1410. gestorben seye. Und stehet dabey / daß dieser Bischoff ihme deß Stiffts Freisingen ruinirte, und veraltete Schlösser / zu Holnburg / Enzerdorff / Weidthofen / Welß / Klingenfelß / etc. zu repariren, habe angelegen seyn lassen.

Und diß ist die Beschreibung dieses Orts vom Autore deß Buchs verfertigt: Weilen aber unlängsten von Ihrer Gn. dem Herrn Praelaten / etc. zu Melck / selbsten / nachfolgende Description, sampt der Abbildung / hieher auff Franckfurt / gesandt worden; So wird dieselbe gebürend auch allhie gesetzet: die also lautet: Closter Melck / war vor Jahren ein Castel / welches Claudionum genennt worden / Lazius aber will / daß er vorhin Mea Dilecta, wegen der schönen Gelegenheit des Orts geheissen / und solle es Julius Caesar, als er da vorüber geräiset / also genennet haben / davon hernach der Nahmen Medelick entsprungen. Auff dem Berg allda waren drey veste Wohnungen / die erste hieß Medelick / die andere Turris Mirabilis, Wunderburg / die dritte Castrum Ferreum, die Eisenburg. Dahero zu vermuthen / daß an diesem Ort Römisch Kriegsvolck gelegen / zu welchem ein Stein / so in der Kirchenmaur steht (darinnen Romulus und Remus sampt der Wölffin außgehaut ist) genugsame Anleitung gibt.

Umb das Jahr Christi 950. war dieses Marggraffthum Oesterreich durch Ableiben des Marggraffen Rudigeri, dem Römischen Reich / als ein apertes Lehen heimgefallen / welches Käiser Heinrich einem Grafen von Pabenberg mit Nahmen Leopoldo, so Richardam, Ottonis deß Hertzogen auß Sachsen Tochter zur Ehe gehabt / verliehen. Leopoldus der Erste kam alsbald mit einer zimlichen Kriegsmacht in das Land / und vertriebe auß Melck Gisonem, einen mächtigen Herrn auß Ungarn / welcher zur selbiger Zeit allda dominirte, liesse alsdann die vesten Gebäu niderreissen / und stifftete auff dem Berg Medelick ein Closter / in welchem zwölff weltliche Chorpriester waren. Nach dem nun Leopoldus dem Land Oesterreich viel Jahr wol vorgestanden / ist er zu Melck gestorben Anno 988. und allda sampt seiner Gemahl in Richarda begraben worden. Er hätte nach ihm verlassen. 2. Söhn / Henricum und Popponem, Poppo war Ertzbischoff zu Trier worden / Henricus aber / mit dem Zunahmen Contumax, succedirte dem Vatter in der Regierung. Zu dessen Zeiten nemlich Anno 1012. ist S. Colomannus von Königlichem Geschlecht auß Schottland gebürtig / als er nach Jerusalem durch Oesterreich räisen wolte / zu Stockerau von dem Landvolck / für einen Verräther und Kundtschaffter gefangen / und an einen Baum auffgehenckt worden; zu Anzeigung aber seiner Unschuld / ist sein Leib anderthalb Jahr gantz unversehrt hangen blieben / wie dann einer allda / mit Nahmen Rumaldus, für seinen Sohn zu Vertreibung deß Podagra (welches auch geholfen) ein Stuck Fleisch von ihm geschnitten / und alsobald frisches Blut herauß gerunnen / als wann er erst denselben Tag gestorben wäre. Zu diesem hat auch die Witten / an welcher er gehangen / angefangen zu grünen. Dieser wunderbarlichen Thaten halber / ist der heilige Leib herab genommen / und in einer nächst bey Stockerau gelegenen Kirchen ehrlich begraben worden. Folgendes Jahr hat sich die Thonau über die massen außgossen / also daß die Kirchen meistentheils in dem Wasser gestanden / ist gleichwol durch sonderliche Schickung Gottes nichts hinein gerunnen.

[T19]
Melckh (Merian).jpg

[15] Nach dem nun solches Henricus vernommen / hat er den heiligen Märtyrer / Anno 1015. durch Meginhardum Bischoffen zu Aichstätt / sampt der gantzen Clerisey / von Stockerau nacher Melck in das Closter transferiren, und stattlich begraben lassen / allda gleichfals viel Wunderzeichen geschehen. Obbemelter Henricus ist gestorben Anno 1018. und ligt sampt seiner Gemahl Schwanhilde zu Melck begraben. Verliesse zween Söhn / Adalbertum und Ernestum, Ernestus war Fürst in Schwaben / Adalbertus aber Marggraff in Oesterreich / dieser nahme zur Ehe Adelhaidem, Petri deß Königs in Ungarn Schwester / und erzeugte mit ihr Leopoldum den Andern diß Nahmens / welcher vor dem Vatter starb / und zu Trier begraben ligt / sein Frau aber Frobiza genant / ruhet zu Melck. Gedachter Adalbertus, hat dem Closter ein köstlichen particul von dem Heiligen Creutz / mit welchem sich viel und grosse Wunderzeichen zugetragen / verehrt / welches nachmaln von Rudolpho dem Vierten / Hertzogen in Oesterreich mit Gold und köstlichen Edelgesteinen gezieret worden / und biß auff den heutigen Tag mit grosser Reverentz und Devotion allhie auffbehalten wird / und obwoln es etlichmaln entfrembdt worden / ist es gleichwol allzeit durch Göttliche Providentz dem Closter wiederumb zukommen. Adalbertus starb Anno 1056. ligt sampt seiner Gemahl zu Melck begraben. Diesem succedirte sein Sohn Ernestus, mit dem Zunahmen Strenuus, hatte sein Residentz zu Melck / und thäte wider seine Feind offt obsiegen. Dieser hat dem Closter den Spitz von der Lantzen deß H. Mauritii, in welchem ein Stuck von dem H. Creutz wunderbarlich eingedruckt / geschenckt / ist unter dem Käiser Heinrich in einer Schlacht wider die Sachsen umkommen / ward Anno 1075. nacher Melck geführt / und allda neben seiner Gemahl Mechtilde, sampt einer jungen Tochter Juditha, begraben. Sein Sohn Leopoldus der Dritte folgete ihm in der Regierung / nahme zur Ehe deß Käisers Heinrichs deß Dritten Tochter / Itha genant. Dieser hat den Orden S. Benedicti allhie in das Closter eingeführt / und eingesetzt Anno 1089. an dem Tag deß Heiligen Benedicti, der erste Abbt hiesse Sigisboldus, und werden von demselbigen biß auff gegenwärtige Zeit 50. Aebbten gezehlt. Leopoldus starb 1096. und wurde zu Melck begraben / Itha aber ist nach seinem Tod zu dem H. Grab geräiset / und als sie wieder nach Hauß wolte / starb sie im Griechenland / und war alldort begraben.

Leopoldo dem Dritten succedirte sein Sohn Leopoldus der Vierte / mit dem Zunahmen Pius, dieser hat zwey fürnehme Clöster / als Neuburg und H. Creutz reichlich gestifftet / das Closter Melck aber erhebt / und mit mehrerm Einkommen begabt / auch dem Römischen Stul unterworffen / dahero es jährlich ein Ducaten wegen der exemption zu reichen pflegt / und haben vor Jahren die Aebbten pro Confirmatione Apostolica nacher Rom verräisen müssen.

Anno 1110. ist durch Verordnung deß H. Leopoldi, das Closter / von Udalrico Bischoffen zu Passau zu Ehren der Heiligen Aposteln Petri und Pauli dedicirt, und geweihet worden. Dieser Gottselige Marggraff starb Anno 1136. und war begraben zu Closter Neuburg / ist nachmahlen von Innocento VIII. An. 1485. solenniter canonizirt worden. Dabey zu wissen / daß die Marggrafen zu Oesterreich ihr Residentz zuvor meistentheils zu Melck gehabt / aber der H. Leopoldus hat solche auff den Calenberg / und folgends nach Wien transferirt. Das Closter Melck ligt in einer zimlichen Höhe / und ist ein Paß zu Wasser und zu Land / also daß es nicht allein der Thonau / sondern auch der Gegend herumb gebieten kan / hat durch inheimische Krieg / und unterschiedliche Feursbrunsten grossen Schaden erlitten. Anno 1619. ist es von denen Evangelischen Ständen über ein Monatlang belägert worden / haben aber unverrichter Sachen / wiederumb müssen abziehen. Und ob es zwar der gemeinen Sag nach / den Nahmen eines räisenden Mezen hat / ist doch solcher dieser Zeit wegen continuirlicher Aböd- und Verwüstung deß Lands mercklich geschmälert worden. Es wird auch allda ein Wein der Colmans Wein genant / auffbehalten / welcher über 300. Jahr solle alt seyn. So hat auch das Closter vor allen Praelaten diß Lands bey offentlichen Versamlungen und Landtägen die Praecedentz und Vorgang. Besihe Lazium lib. 8. migrat. Gent. fol. 420. et lib. 12. Commentar. Reipubl. Rom. sect. 7. capite 7. fol. 1093. Phil. Cluver. de Ant. Germ. Aventinum lib. 5. Annal. fol. 322. Matthaeum à Pappenheim, in Chron. Australi, und Cuspinianum in Austria.