Topographia Braunschweig Lüneburg: Reinstein

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Topographia Germaniae
Reinstein (heute: Burg Regenstein)
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aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1654, S. 173–175.
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[T90]
Reinstein (Merian).jpg
[173]
Reinstein.

In der Graffschafft Blanckenburg / etwa eine viertel Meile von der Statt Blanckenburg / versus Septentrionem seyn zu ersehen die rudera deß Alten Reinsteins / welcher Reinstein (vnd nicht wie etliche der irrigen Meynung seyn / Regenstein) darumb genennet wird / daß das gantze Werck auß einem Reinen Stein gehawen ist.

Dieses Schloß soll dem gemeinen beständigen Bericht / vnd bewehrten Scribenten einhelligen Zeugnuß nach / vmb das Jahr Christi 919. wider die greulichen excursiones, vnd das schreckliche wüten vnd [174] toben der Vngern oder Hühnen im Sachsen Lande / vnd vor dem Hartz / erbawet seyn / liget auff einem sehr festen Steinfelsen / vnglaublicher höhe / welcher an zweyen seiten so gäh / praerupt, steiger / oder glatt ist / als wann er mit Menschen-Händen also gehawen / vnd daß so zu reden nicht eine Katze hinauff klettern könte; Die höhe ist daher abzunehmen / daß wann einer oben auff dem wüsten Hause stehet / vnd jemand vnten die Heerstrasse / so von Quedlinburg nach Weringeroda / hart an dem Felsen weg gehet / reisen sihet / derselbe nicht anders / als etwa eine Krähe / oder ander kleines Thier / im Gesicht / der höhe halber vorkommet.

An der seiten aber nach Blanckenburg / da der Auffgang auff das Schloß gewesen / ist es mit natürlichen mittelmässigen Steinfelsen / doch so verwahret / daß nur ein Auffgang durch einen Felsen darinnen vor diesem gehawen gewesen. Wann man nun durch diesen engen Paß kommen / so ist es noch mit einem tieffen Graben versehen gewesen / dann erhebet sich recht an der Ecken deß Schlosses ein hoher / dicker / runder Thurn / der den gantzen Eingang in gute Defension gesetzet / von dem Thurn streichet eine starcke dicke Maure an der seiten deß Felsen hinunter / gegen Abend / biß an die Ecke / da der Felse am höchsten vnd gähisten ist / vnter welcher Maur sich ein sehr tieffes Thal auffthut / daß also das Schloß an dieser seite / da der aditus ist / beydes durch die Natur vnd Menschen Witz / wie auch an allen andern Oertern ingenio loci dermassen befestiget / daß diese Vestung / bevorab ehe vnd bevor Pulver vnd Geschütz erfunden / vnüberwindlich gewesen.

Das Schloß an ihm selber ist über das mit tieffen Graben / über welchen eine Zugbrücke vnd die Einfahrt gewesen / wie auch Kirchen / Hoffstuben / Küchen / Kellern / Ställen / vnd allen andern Gemächern / auß einem lauteren Steinfelsen dergestalt gehawen / daß es ohne Verwunderung nicht anzusehen / so gar daß auch die Krippen in den Pferdeställen / auch in etlichen Kammern die Sponden auß eben demselben Stein mit gehawen worden / wiewol durch die länge der Zeit sehr viel vnd grosse Gemächer mit Erden dergestalt beschüttet / daß man darin nicht mehr kommen / viel weniger judiciren kan / wie alles angeleget gewesen / so seyn doch noch von 30. in 40. Gewölbe / oder Gemächer offen / vnd gibet der vntriegliche Augenschein annoch gegenwärtige Stunde so viel / daß zu einer Gräfl. Hoffhaltung Raum vnd Gelegenheit gnug dabey gewesen seyn muß.

Die Kirche oder Capell dabey ist zimlicher grösse / in form eines Gewölbes / vnd in der mitte ein starcker Pfeiler außgehawen / In Summa / es seyn die Structuren dieses Schlosses von Natur / vnd durch Menschen-Kunst mit vnsäglicher Arbeit vnd Mühe also formiret / daß man sich darüber höchlich verwundern muß.

Vor einem Gewölbe / das Teuffelsloch darumb genant / daß das Gespenst vnten in demselben fort für fort frische Steine bricht / stehen diese Wort mit alten Römischen Ziffern:

ANNO MXC. die ANNAE.

Vnd meynen etliche / daß diß Gewölbe zu der Zeit außgehawen / doch gestehen ihnen die Annales Blanckenburgeses solches gar nicht / sondern wollen / daß das Schloß zu dieser Zeit verstöret / vnd zum Gedächtnuß solcher Verstörung die Jahrzahl / wie auch M. Wolfius in seinem M. S. Chron. Quedlinburg. schreibet / in den Felsen dieses Orts gehawen sey. Dann nach dem die Herren Graffen von Reinstein lange Jahr ihre Residentz auff diesem Schloß gehabt / vnd daher Grafen zu Reinstein denominiret worden / haben sie dieser Vestung mißbrauchet / vnd den Benachbarten weidlich auff die Haube gegriffen / daher die nechst belegene Oerter / (weil durch die angestellte Belagerung mit Gewalt nichts abzubrechen gewesen) die Vestung mit einem solchen Stratagemate einbekommen / daß etliche Soldaten in Bawerweiber Kleider sich an das Thor gemacht / den Belagerten etwas an Proviant / daran sie Noht gelitten / zu Kauffe angebotten / vnd sich bey solcher Gelegenheit deß Thors / vnd folgends / da der Hinterhalt [175] nachgetrucket / deß gantzen Schlosses bemächtiget. Der Grafe ist aber von dem Frawenzimmer in ein Bette genähet / vnd durch ein enges Loch herab gelassen worden / da er sich dann loßgeschnitten / vnd davon kommen.