Vater und Sohn (Heinrich Kruse)

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Autor: Heinrich Kruse
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Titel: Vater und Sohn
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 479
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[479]
Vater und Sohn.
Von Heinrich Kruse[1].

Arglos saß er, ruhmbedeckt als Sieger,
In der Kampfgenossen frohem Kreis.
Sieh, da naht sich ihm ein alter Krieger,
Flüstert ihm in’s Ohr, verwirrt und leis.
„Laut! Was hast Du, Friedrich, mir zu sagen?“
„Ich verschwieg’ es General, Euch gern,
Doch ich kann allein es nicht mehr tragen:
Sie vermissen unsern jungen Herrn.“

Und er hört nicht mehr den Jubel, schreitet
Blaß und schweigend durch den lauten Schwarm,
Sprengt, vom treuen Diener nur begleitet,
Auf das Schlachtgefild in stummem Harm.
Ruft den theuren Namen immer wieder.
Lauscht umsonst; denn keine Antwort schallt.
Aechzt es wo und steigt er hoffend nieder,
Ist ihm fremd die blutende Gestalt.

So verstrich die Nacht, und wieder röthet
Sich der blasse Streif im Osten schon;
Endlich, von Ermattung fast getödtet,
Fand er, ach, als Leiche! seinen Sohn.
Wie vom Blitz getroffen stürzt’ er nieder,
Und er weinte nicht, er schrie vor Schmerz,
Küßte seinem Knaben Wang’ und Lider,
Und ihm brach beinah das tapf’re Herz.

„Daß Gott walte“ sprach der fromme Alte,
Der schon Freund ihm mehr als Diener war.
Zwar er schluchzte selbst, doch sprach: „Gott walte!“
Das war Trost für Beide, wunderbar.
Ja, in einer solchen schweren Stunde
Ist der Glaube unser einz’ger Stab.
Schweigend blickt der Feldherr in die Runde,
Holt ein Grabscheit von dem nächsten Grab.

„Kann ich nichts mehr, nichts mehr thun auf Erden
Für den Liebling, o, so soll er doch
Nur von meiner Hand begraben werden;
Diese letzte Pflicht erfüll’ ich noch.
Camerad aus alten guten Zeiten,
Hilfst Du mir?“ Der drückt ihm stumm die Hand,
Und an’s Werk die ernsten Männer schreiten,
Deren Herzen Zagen nie gekannt.

„So! Wir haben tief genug gegraben.
Camerad, nun naht der Augenblick,
Wo Du Nachsicht mit dem Freund mußt haben,
Wenn ihn überwältigt sein Geschick. –
Eh’ wir in Dein frühes Grab Dich legen,
O, mein einz’ger heißgeliebter Sohn,
Diesen Thränenstrom und meinen Segen
Nimm als aller Lieb’ und Treue Lohn!

Ja, das sind die guten, lieben Züge,
Die uns Eltern in der Wieg’ entzückt,
Welche, nie entstellt durch Haß und Lüge,
Lebenslang unsäglich uns beglückt.
Mochten noch so sehr ihn Alle loben,
Still bescheiden ging er vor sich hin,
Aber bei der Wälschen frechem Toben,
Schwang sich sternenhoch empor sein Sinn.

Für sein Vaterland das Leben wagen
Wollt’ er und beschützen unsern Rhein,
Doch der Mutterblick wird mich verklagen,
Schuld an unsers Lieblings Tod zu sein.“
„Hat denn Eure Gattin nur verloren,“
Spricht sein Camerad, „ein theures Kind?
Manche Wittwe, die umsonst geboren,
Weint um Mitternacht die Augen blind.“

„Wär’ es das nur!“ hört man leis ihn klagen,
„Wär’ es das nur!“ — „Und was quält Euch noch? —“
„Freund, was Gott uns schickt, das laßt sich tragen,
Eigne Schuld drückt uns als schlimmstes Joch.
Sechszehn Jahr’ erst zählt er, und zum schweren
Dienst der Waffen war er noch zu schwach.
Nein, ich durft’ ihm nicht den Wunsch gewähren,
Doch dem Krieger-Ehrgeiz gab ich nach.

‚Ferme Moscou zu stürmen! Alle rücket
Aus im Laufschritt — falle, wer da fällt! —
Bis Ihr Eurem Feind in’s Auge blicket!
Dann, hurrah! das Bajounet gefällt!‘
So befahl ich meinen Kriegerschaaren,
Ich, der Feldherr. Und in vollem Lauf
Stürmten sie, nicht achtend der Gefahren,
In den ersten Reih’n mein Sohn, hinaus.

Doch er kennt nicht Kriegsgebrauch und Regel,
Sucht nicht Deckung, wie er vorwärts dringt.
Aufrecht steht er, als, ein Flammenkegel,
Die Granate über ihm zerspringt.
Ich, ich führte, daß er Ruhm erwerbe,
Unsern Knaben in die Männerschlacht.
Ja, die ganze Zukunft war sein Erbe,
Und ich hab’ ihn, ich, darum gebracht.“

Und der greise Vater sinkt zur Erde.
„O, verzeihe mir und sprich, mein Sohn,
Daß ich nicht des Wahnsinns Opfer werde,
Mir verzeihend, ach, nur einen Ton!“
Armer Greis! Schon lange mußt’ er irren
Ohne Nahrung durch das Todtenfeld,
Bis sich seine Sinne jetzt verwirren
Und er aus das Grab bewußtlos fällt.

Auf dem Schlachtfeld, wo in tausend Schmerzen
Sich die Menschheit windet und verzagt,
Gleicht doch nichts dem armen Vaterherzen,
Das verzweiflungsvoll sich selbst verklagt.
Da, als Ohnmacht ihn und Schlaf begraben
Und dem Erdenjammer hat entrückt,
Ist es ihm, als hört’ er seinen Knaben,
Der mit sanftem Trost ihn hold erquickt:

„Laß nicht Deine lieben Augen thauen,
Bester Vater! Betend vor der Schlacht,
Hab’ ich mit dem kindlichsten Vertrauen
Mich dem Herrn der Schlachten dargebracht.
In den Tod hast Du mich nicht gesendet;
Denn Du lenktest nicht das Fluggeschoß.
Schmerzlos hab’ ich, rasch und süß geendet,
Da mein Blut für Deutschlands Rettung floß.

Eben spielt’ ich noch der Knaben Spiele,
Warf den Ball und tummelte das Roß,
Rang mit Freunden oder schwamm zum Ziele,
Kannte nicht den Krieg und sein Geschoß.
Und nun ruh’ ich schon im Heldengrabe;
Auf dem Sieg’sfeld schlummert mein Gebein,
Und mir wurde, was gewünscht ich habe,
Denn ich hielt, auch ich! die Wacht am Rhein.“

  1. Wir weisen unsere Leser bei dieser Gelegenheit auf zwei neuere poetische Veröffentlichungen des allbekannten, geist- und gemüthsvollen Autors hin: auf das der Geschichte der Hansa entnommene kraftvolle Drama „Raven Barnekow“ (Leipzig, Hirzel) und auf die zum Theil in unserem Blatte (Jahrgang 1873, Nr. 3 und Nr. 16) zuerst abgedruckten humor- und poesievollen „Seegeschichten“ (Stuttgart, Cotta). Heinrich Kruse’s eigenartiges Talent zeigt sich in diesen beiden Werken von seinen glänzendsten Seiten und empfehlen wir dieselben daher hiermit der Beachtung unserer Leser auf das Wärmste.
    D. Red.