Weibliche Bildung und Erziehung

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Textdaten
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Autor: Die Red.
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Titel: Weibliche Bildung und Erziehung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 476
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[476] Weibliche Bildung und Erziehung. – „Es ist überflüssig, über die Nothwendigkeit einer umfassenden Ausbildung des weiblichen Geschlechtes Beweise vorzubringen; denn Jedermann erkennt, daß der Abstand zwischen der Bildung des Mannes und des Weibes in unserer Zeit des geistigen Vorwärtsschreitens immer mehr hervortritt. Darüber nur kann eine Meinungsverschiedenheit obwalten, wie weit oder wie eng man das Bildungsbereich des weiblichen Geschlechtes abgrenzen wolle. Indem ich es versuchen will, hierüber die Ansichten zu entwickeln, auf welchen die zu gründende Anstalt beruhen soll, glaube ich es gleich von vorn herein hervorheben zu müssen, daß ich den Uebergriffen einer sogenannten Frauen-Emancipation gegenüber vor allen Dingen die Stellung der Frau als Gattin, Mutter, Hausfrau mit aller Energie gewahrt wissen will. Diesen drei Seiten der Frauenstellung muß aber noch eine vierte hinzugebildet werden: die als Glied der bürgerlichen Gesellschaft. Die Erziehung des Herzens und des Körpers zu sittlicher und leiblicher Gesundheit versteht sich von selbst, umso mehr, als die Mutter die Bildnerin des kommenden Geschlechtes ist. Und zwar ist sie dies mehr, als man gewöhnlich glaubt, ja als es den Müttern selbst bewußt sein mag, denn fast keines großen Mannes Entwickelungsgeschichte verfehlt, die ersten Keime seiner Größe als Aussaat der Mutterhand nachzuweisen. – Vielfache Betrachtungen haben mich gelehrt, daß eine solche Anstalt eifrig dahin zu wirken habe, der Unnatur und Verbildung, um nicht zu sagen Ueberbildung, entgegen zu arbeiten, welche nicht selten das Ergebniß gewisser vornehmer Pensionate sind, und die sogar an Mädchen von kaum vierzehn Jahren wahrhaft widerlich hervortritt. Dabei begegnet man an solchen Kindern neben einem mehr als sichern Auftreten in den Kreisen Aelterer und einer an sich erfreulichen Gewandtheit in der Unterhaltung einer kläglichen Leerheit und Armuth an allem soliden Wissen.“ – „Für die gebildete Frau – ich denke hierbei überhaupt nicht an gelehrte – ist Vermögens- und Standesunterschied von keinem so großen Einfluß, wie für den Mann, welcher der Außenwelt gegenüber seine Stellung zu nehmen und zu behaupten, während die Frau ihren Blick nach Innen auf den Kreis ihres Hauses und auf den Kreis ihres Umganges zu richten hat. Bei dieser Auffassung der weiblichen Stellung macht es in der Bildung des Weibes keinen wesentlichen Unterschied, ob ihr Mann als großer Grundbesitzer Hunderttausende kommandirt, oder in der bescheidenen aber behaglichen Stellung als Beamter, Kaufmann, Fabrikant, Gelehrter. Gutsbesitzer oder Gewerbsmann steht. Der einzige erhebliche Unterschied, der sich hier geltend machen könnte, betrifft das Auftreten der Frau in der Gesellschaft. Die Gattin des Reichen findet hier ihren Haltpunkt in dem Reichthum ihres Gatten und sie steht für Jedermann dann in einer, ich möchte sagen Ehrfurcht gebietenden Haltung da, wenn sie außer jenem nur entlehnten Stützpunkte auch den eigenen der Bildung und des Wissens in sich trägt. Letztere den heranwachsenden Hausfrauen nach meinen Kräften mit geben zu helfen, ist das Ziel meinen Vorhabens.“ –

„1) Voran geht die wirthschaftliche Bildung, durch welche allein den jungen Mädchen ihre dereinstige Stellung als Frau lieb und wichtig gemacht werden kann. Nur die in allen wirthschaftlichen Angelegenheiten geübte Braut wird einst eine rechte Hausfrau sein. Daher sollen je nach der Art der Beschäftigungen fortdauernd oder nach der Reihenfolge die Pensionärinnen, mit Ausnahme der gröbern Arbeiten, alle in der Hauswirtschaft vorkommenden Geschäfte selbst üben, vom Markteinkauf bis zur Führung der Wirthschaftsbücher. Davon ist die Aufsichtsführung natürlich nicht ausgeschlossen, daher die Aufsicht über die Küchenarbeiten, die Wohn-, Schlaf, und Arbeitsräume neben der täglichen praktischen Beschäftigung dabei, Wochenweise unter den jungen Mädchen abwechseln soll. – – „2) Nächst den eigentlichen Wirthschaftsarbeiten soll eine besondere Aufmerksamkeit auf Erweiterung der Geschicklichkeit in den sogenannten weiblichen Arbeiten gerichtet werden; ich verstehe darunter: schön Nähen, Schneidern, Zuschneiden, Ausbessern, Stopfen, Plätten, Sticken u. s. w.“ (Punkt 3. behandelt den eigentlichen Unterricht in solchen Wissenschaften und Fertigkeiten, welche nicht in dem Bereich der Hausfrau im engeren Sinne zu liegen pflegen: Uebung in der schriftlichen Darstellung, Naturgeschichte, Ueberblick von der hauswirthschaftlichen Chemie, Vorlesen, Zeichnen, Körperübungen, einschließlich des Tanzens, Musik, Gesang, Sprachen.) – „4) Um den Pensionärinnen Gelegenheit zu bieten, sich mit Umsicht und Anstand als Frauen vom Hause bewegen zu lernen, wird bei den den Winter über allwöchentlich wiederkehrenden geselligen Abendunterhaltungen eine nach der andern mit der Rolle des Empfangs geladener Gäste und mit der Besorgung der Küche betraut werden. Musik und Gesang, bildende und unterhaltende Vorträge, Tanz in sehr beschränktem Maße, sollen mit geselligen Spielen abwechseln. Letztere werden um so mehr meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, als hierin leider sehr oft wirklich unterhaltender Stoff und Anstand vermißt wird. Dennoch scheinen sie mir zur Erreichung meines Zieles unentbehrlich, da namentlich durch sie Gelegenheit geboten ist, junge Mädchen im geselligen Umgange mit jungen Männern an diejenige anmuthige und sichere Haltung zu gewöhnen, welche eben so weit von befangener Ungelenkheit wie von haltloser Ungebundenheit entfernt ist. – Dies sind die Hauptpunkte, welche ich bei der Führung der mir anvertrauten Mädchen unverrückt im Auge haben werde. Alle vereinigen sich dahin, dieselben für die Familie und, so weit es das Weib berührt, für das Leben tüchtig vorzubereiten.“

Vorstehend haben wir einige Hauptsätze des Programms zu einer Erziehungs- und Bildungsanstalt für aus der Schule entlassene Töchter mitgetheilt, welche Ostern 1857 die Frau unseres Mitarbeiters, des Professor Roßmäßler, in Leipzig eröffnen wird. Dadurch wollten wir zugleich die Aufmerksamkeit unserer Leser und Leserinnen auf diese Anstalt um so geflissentlicher lenken, als die in dem Mitgetheilten ausgesprochenen Grundsätze uns einer gesunden weiblichen Erziehung und Bildung durchaus zu entsprechen scheinen und in dieser umsichtigen Auffassung uns wenigstens zur Zeit noch keine ähnliche Anstalt bekannt ist. Wir sind gern erbötig, etwaigen Anfragen nähere Auskunft zu vermitteln.
Die Red.