Weimarische Erinnerungen eines Engländers

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Weimarische Erinnerungen eines Engländers
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 238–241
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[238]
Weimarische Erinnerungen eines Engländers.


Aus den Jahren 1826 und 1827.


Der Verfasser der nachstehenden Erinnerungen, ein Enkel des berühmten englischen Satirikers Jonathan Swift, hielt sich vom Januar 1826 bis Juli 1827 in Weimar auf, war im Hause Goethe’s und bei Hofe gern gesehen und hat dort Manches erlebt und beobachtet, was ein charakteristisches Licht auf die damaligen Zustände wirft. Nach fünfzig Jahren hat der alte Herr, obwohl er während dieser Zeit wohl wenig Uebung in der deutschen Sprache gehabt, seine Weimarischen Erinnerungen deutsch niedergeschrieben und der „Gartenlaube“ als deren eifriger Leser zur Veröffentlichung übersandt. Mit besonderer Freude macht die Redaction von dieser Erlaubniß Gebrauch, indem sie zur Orientirung über die damaligen Personalverhältnisse nur Folgendes noch vorausschickt.

Am 3. September 1825 hatte der Großherzog Karl August [239] sein goldenes Regierungs-Jubiläum, am 7. November desselben Jahres Goethe seinen goldenen Jubeltag begangen. Der Aufenthalt des jungen Engländers in Weimar fällt in die letzten Lebens- und Regierungsjahre des Herzogs; am 14. Juni 1828 (ungefähr ein Jahr nach Swift’s Abreise) schied Karl August, am 14. Februar 1830 seine Gemahlin Louise aus dem Leben. Damals, im Jahre 1826, wirkte Karl August noch in alter kerniger Rüstigkeit, umgeben von seinem Sohne, dem Erbprinzen Karl Friedrich, von dessen Gemahlin, der Großfürstin Marie Paulowna, zeitweilig auch von seinem zweiten Sohne, dem als Mensch und Militär gleich ausgezeichneten Herzoge Bernhard, welcher im Jahre 1826 von seiner Reise nach Nordamerika glücklich zurückkehrte, und von den heranblühenden Kindern des Erbgroßherzogs.

Im Goethe-Hause lebte der allverehrte Altmeister (dessen Gattin schon seit zehn Jahren im Grabe ruhte) zusammen mit der Familie seines Sohnes, des Geheimen Kammerraths August von Goethe, bestehend aus dessen Gemahlin Ottilie geborenen von Pogwisch und den beiden Enkeln, dem achtjährigen Walther und dem sechsjährigen Wolfgang. Die Enkelin Alma war noch nicht geboren. Ottilie war es, welche dort bei Tafel und in den Abendgesellschaften die Honneurs machte. In den großen Theegesellschaften in Goethe’s eigenen Zimmern pflegte der Dichter gewöhnlich auf kurze Zeit zu erscheinen.

In den Mansardenzimmern Ottiliens fand ein heiteres geselliges Zusammenleben von Ausländern, Schriftstellern und Damen seinen Mittelpunkt. Insbesondere verkehrten dort die jungen Engländer, welche, von Goethe’s und Weimars Ruhm angezogen, in der kleinen Stadt an der Ilm sich bald längere, bald kürzere Zeit aufhielten. Der Verkehr mit ihnen und die Uebung der englischen Sprache gewannen ein besonderes Interesse durch den genialen Aufschwung, welchen die englische Poesie gerade damals durch Lord Byron, wie später auch durch W. Scott nahm. Eine anschauliche Schilderung jener kleinen Gesellschaften im Goethe-Hause hat uns Amalie Winter (in „Weimars Album“) gegeben.

„Das Goethe’sche Haus,“ schreibt sie, „bot der muntern Jugend ein willkommenes Asyl, und in der von Goethe’s geistreicher, liebenswürdiger Schwiegertochter bewohnten Mansarde pflegte man sich oft zur Theestunde zusammen zu finden, um vergangene Lustpartien zu besprechen, neue zu verabreden. Hier lustwandelten bald die Gedanken eines jugendlichen Paares am Ganges auf und nieder; nur der junge Mann war persönlich in Indien gewesen, die Dame aber dort ebenso zu Hause wie in den weimarischen Landen. An einer anderen Stelle im Zimmer erglühten Zwei im Mitgefühl für das arme, blutende, leidende, mißhandelte Irland, und das sanfte Frauenherz hegte die kühnsten Rebellengefühle. Wieder in einer andern Ecke bemühte sich eine junge Dame, den Teufelsglauben der englischen Kirche zu bekämpfen oder zu mildern, während ein seit der Carbonarirevolution geächteter Italiener seine Sehnsucht nach dem Vaterlande gegen eine theilnehmende Seele aussprach. Wieder ein anderer Kreis schwärmte in Byron’s Poesien – und ganz im Hintergrunde stand ein ernstes Paar, und schöne Augen füllten sich mit Thränen bei dem Gedanken an den nahen Abschied. Dazu ertönte im Nebenzimmer ein Clavier, und ein eben angekommener Engländer wurde eingetanzt zum morgenden Ball oder eine Mazurka probirt. Die Vergnügungen wechselten beständig, da immer neue aufzutauchen pflegten, um die alten zu verdrängen. Was der nächste Tag bringen würde, wußte man nicht, ahnte es nicht; wie leicht konnte der frohe Kreis zerstieben! Aber man lebte nur für das Heute, für den Augenblick und lebte zufrieden.“

Soviel als Vorbemerkungen zu den nachstehenden Erinnerungen. Lassen wir jetzt dem alten Herrn das Wort! Wir geben die anspruchslosen Schilderungen ohne eingreifende Aenderungen in dem harmlos naiven Tone wieder, welchen unser englischer Goethe-Verehrer so liebenswürdig anzuschlagen verstanden hat.

Die Redaction.




Dieser Weimar ach!
Dieser Seufzer folgt dir nach!

Weimar, du vielgeliebtes, Sitz der Gelehrsamkeit, der Verfeinerungen, der Gastfreundschaft, der Schönheit der Vergnügungen, in dessen Bezirk meine frühesten Entzückungen erwachten, Heil dir!

Es sind fünfzig Jahre her; ich stand damals in meinem einundzwanzigsten Lebensjahre. Meine Eltern bestimmten mich für die Diplomatie und schickten mich nach diesem „Athen Deutschlands“, um die deutsche Sprache zu erlernen. Ich hatte schon vor mehreren Jahren während eines Aufenthaltes in Paris die französische Sprache studirt. In Weimar kam die Reihe an das Deutsche. Auch dort war ich so fleißig, daß ich in wenigen Monaten deutsch lesen, schreiben und mich ohne Anstrengung unterhalten konnte. Auf diese Weise vorbereitet, suchte ich Verbindungen und wurde bald in das Haus des Herrn von Goethe eingeführt. Als ich mich diesem großen Manne zuerst vorstellte, verrieth ich zwar im Aeußern keine Aufregung, muß aber doch gestehen, daß ich innerlich zagte, denn wer war ich, daß ich nicht hätte befürchten müssen, mich dem größten Denker und Dichter des Jahrhunderts gegenüber ganz unwürdig zu zeigen?! Aber so höflich und einfach war sein Wesen, daß ich mich sofort ebenso ungezwungen fühlte, wie er selbst. Obgleich er von einfach bürgerlicher Abstammung war, war sein Erscheinen doch aristokratisch; der Adel des Genius thronte auf seiner erhabenen Stirn. Seine Haltung war etwas gebeugt, seine Gestalt von mittlerer Größe und Stärke. Seine classischen Züge waren von römischem Typus, und seine geistreichen, dunkeln Augen schienen, wie man heute sagen würde, zwei Telegraphen zu sein, die mit Blitzesschnelle die dem Gehirn entspringenden Gedanken mittheilten. Das Haar fiel ihm nur noch in spärlichen Locken vom Scheitel herab. Sonst zeichnete sich sein Benehmen keineswegs durch jenes excentrische Wesen aus, das sich bei Männern von Genie so häufig findet. Es wurde deutsch gesprochen, und er wählte mit vielem Tact mancherlei meinem Alter angemessene Gegenstände: Studium, Jagd, Vergnügungen. Er schien sich zu freuen, daß ich in der kurzen Zeit so große Fortschritte in der deutschen Sprache gemacht hatte, und der große Gelehrte nahm regen Antheil an dem der Wissenschaft Beflissenen. So oft ich ihn in seinem Studirzimmer besuchte, prüfte er mich regelmäßig und sprach sich oft über meine Fortschritte lobend aus. Er wußte in der Unterhaltung mit vortrefflichem Tact zu meinem so tief unter ihm liegenden Niveau herabzusteigen und mich immer in meinem Fahrwasser zu lassen. Da er hörte, daß ich einige Jahre auf der Universität Paris zugebracht, erkundigte er sich genau nach der dortigen Unterrichtsmethode, und ich fand an ihm einen vorurtheilsfreien und theilnehmenden Zuhörer. Man hat behauptet, daß, wenn Bewohner des Festlandes nach England kommen, sie den Continent zu Hause lassen, daß aber reisende Engländer ihr Land mit sich nehmen und die Gebräuche ihrer Heimath überall einzuführen versuchen, wohin sie auch kommen. So kam es mir seltsam vor, daß der Dichter der mir gewordenen freundlichen Aufnahme ungeachtet nicht Miene machte, mir beim Abschied die Hand zu reichen, sondern mich höflich bis an die Thür seiner Studirstube begleitete, indem er die Hoffnung aussprach, mich in seinen Abendgesellschaften zu sehen, eine Erlaubniß, von der ich häufig Gebrauch machte.

Sein Familienkreis bestand aus seinem Sohne, seiner Schwiegertochter und zwei Enkeln. Sein Sohn gab keine Hoffnung, das Sprüchwort „tel père, tel fils“ zu bewähren. Ganz anders stand es in dieser Beziehung mit dem älteren von seinen Enkeln, welcher allgemein für einen sehr hoffnungsvollen Knaben gehalten wurde. Seine Schwiegertochter Ottilie von Goethe, geborene von Pogwisch (so unterschrieb sie sich in meinem Album unter einem Gedichte) war sehr beliebt, besonders unter den Engländern. Sie war hübsch gewesen, aber da sie beim Reiten abgeworfen und von ihrem Pferde eine beträchtliche Strecke der Straße geschleift worden, war sie zeitlebens schrecklich entstellt. Die Liebenswürdigkeit ihres Wesens glich jedoch diese Folgen des Unfalls aus; sie machte die Honneurs des Goethe’schen Hauses auf das Vollkommenste.

Der Reiz der Weimarischen Gesellschaft war für mich unwiderstehlich, und ich gestehe, daß das Studium andern Beschäftigungen und Zerstreuungen untergeordnet wurde, – hatte ich ja doch das erste Ziel meines Aufenthalts in Weimar bereits erreicht. Am 12. März 1827 fing ich ein Tagebuch zu führen an. Ich bedauere, daß ich es nicht einige Monate früher begonnen habe, weil gerade diese voll der interessantesten Vorfälle waren. Ich werde indeß versuchen, im Laufe dieser Erzählung wenigstens einiges auch aus jener ersten Zeit meines Aufenthaltes an der Ilm anzuführen.

[240] In Folge der Bekanntschaft mit Goethe’s Familie wurde ich bald in schneller Reihe in andere Häuser eingeführt, wurde mit dem ganzen hervorragenden Gesellschaftskreise vertraut und hatte auch die Ehre, am Hofe des Großherzogs sowohl als des Erbgroßherzogs vorgestellt zu werden. Ernstere Arbeiten wurden nun vernachlässigt; ich beschränkte meine Bemühungen auf leichtere Studien, z. B. Gesang, Instrumentalmusik, Reiten, Fechten und Tanzen. Der Galopp und die Mazurka waren damals in ihrer Kindheit, die Polka noch ein Embryo. Weimar war reich an Lehrern aller Art und verdiente vollkommen den Namen des deutschen Athens, welcher ihm hauptsächlich deswegen gegeben wurde, weil der Großherzog der Beschützer aller bedeutenden literarischen und künstlerischen Größen war. Meine Lieblingsbeschäftigung war die Reitkunst, für deren Uebung Weimar ungewöhnliche Gelegenheiten darbot. Der Weg zur Reitschule führte mich durch die Anlagen des Schlosses, wo sich ein schöner Teich[1] befand, welchen zwei edle Schwäne unbestritten beherrschten. Ich beobachtete und fütterte sie jedesmal, wenn ich vorbeiging. Sie kannten mich bald ganz gut, und es war reizend zu sehen, wie sie in ihrer Ungeduld, sich mir zu nähern, das Wasser theilten, sobald sie mich von Weitem erblickten. Dieses Gewässer lag unmittelbar unter den Fenstern des Schlosses, und ich hatte keine Ahnung davon, daß die Freundlichkeit, welche ich den Schwänen erwies, von den beiden jungen Prinzessinnen, den Töchtern des Erbgroßherzogs, beobachtet wurde. Später erfuhr ich es von ihrer Oberhofmeisterin.

Noch ehe ich ein Tagebuch zu führen begann, wurde eine Reihe der angenehmsten Feste gefeiert: Privatbälle, Vereinsbälle, Schloßbälle, Schlittenfahrten unter dem Schutze des Großherzogs und der Leitung des Oberforstmeisters von Fritsch. Ich will als Probe die Schilderung einer solchen Schlittenfahrt hier folgen lassen. Es war üblich, daß jeder Herr, welcher dem Hofkreise angehörte, eine Dame seiner Wahl zur Schlittenfahrt einlud. Zu einer bestimmten Zeit – gewöhnlich eine Stunde vor Einbruch der Nacht – versammelten sich die Schlitten im Schloßhofe. In der Mitte befand sich ein doppelter Schlitten mit Musikanten. Fackeln wurden bereit gehalten und angezündet, sobald es dunkel wurde. Auf den Ruf des Jägerhorns fuhr der Zug nach dem großherzoglichen Schloß Ettersburg im Ettersburger Walde, doch nicht ohne zum Vergnügen der Bürger zunächst durch die Hauptstraßen der Residenzstadt zu fahren. Nun wurde es Nacht, und nachdem wir unsere lieblichen Gefährtinnen noch einmal fest eingehüllt hatten, daß kaum ihre Augen durch die wohlbeschützenden Pelze sichtbar waren, wurde mit Begleitung der Musik und beim Klange der tausend Schellen im Schimmer der Fackeln nach Ettersburg – ungefähr zwei Stunden von Weimar – Trab gefahren. Dort fanden wir Alles für unsere Ankunft auf das Beste vorbereitet. Alles war fröhlich und voll Ungeduld. Kaum waren die Damen von ihren Pelzen befreit, als schon ein Walzer befohlen wurde, um das Blut wieder in Wallung zu bringen. Dieser Tanz nebst einer Tasse heißen Kaffees hatte auf die jugendlichen Glieder die vollständigste Wirkung, und mit allerlei Tänzen: Polonaisen, Quadrillen, Galoppaden, Mazurkas, Scotch reels, Jeux innocents und mit einem Abendessen à la Lucullus wurde eine lustige Nacht durchlebt.

Anlangend die Jeux innocents wurde, da ich der Einzige war, welcher in Paris (der hervorragenden Fachschule für dergleichen Spiele) gelebt hatte, anerkannt, daß ich es in solchen Spielen weiter als irgend Jemand in der Gesellschaft gebracht hatte. Unter den Damen schien auch keine einzige von der Art der berühmten französischen Gräfin von *** zu sein, welche sich einmal weigerte, mitzuspielen, mit der classischen Bemerkung: „Je n’aime pas les plaisirs innocents.“ (Ich liebe nicht die unschuldigen Vergnügungen.) So wurde denn an mich appellirt, und ich schlug das Spiel „Cache-Tampon“ vor, was allgemeine Zustimmung fand. Ein dickes Taschentuch wurde zu einer Art Knute geknüpft, ein Platz zum Zufluchtsorte bestimmt, und Einer von der Gesellschaft ging durch die Irrgänge des Schlosses, um den Tampon zu verstecken, kam zurück und verkündigte „Fertig!“ Nun brach die ganze Gesellschaft auf, den Tampon zu suchen, und der Verstecker hatte von Zeit zu Zeit mit den Worten „Heiß!“ oder „Kalt!“ die Annäherung oder Entfernung vom Verstecke anzudeuten. Das erste Mal war ich selbst der glückliche Finder. Jetzt begann eine allgemeine Flucht, ein wahres „Rette sich, wer kann!“; wäre der Geist eines vormaligen Bewohners des Schlosses plötzlich erschienen, die ganze Schaar hätte nicht schneller davon eilen können. Viele verirrten sich bei der Verwirrung. Auch Herzog Bernhard war dabei, und da er ein ungewöhnlich schöner Mann mit einladenden breiten Schultern war, wählte ich, von den Regeln des Spiels Gebrauch machend, ihn mir zum Opfer aus und handhabte den Tampon, bis der Herzog im Bezirke der Zufluchtsschranken angelangt war. Alle waren darüber sehr belustigt, der Prinz nicht weniger als die Anderen, und damit kein Mißverständniß darüber entstehen möchte, erhob sich der Prinz beim Abendessen und brachte in Champagner einen Toast auf das Andenken eines meiner verstorbenen Verwandten, des Dechanten Swift aus, dessen drollige und witzige Schriften in Deutschland besonders bekannt sind. Nach vielerlei Trinksprüchen, namentlich auf die Glieder der großherzoglichen Familie, verließen wir die Tafel, um das Tanzen wieder fortzusetzen, welches denn auch in echt deutschem Stile bis vier Uhr früh andauerte. Dann hüllten wir unsere kostbaren Pfänder wieder in ihre Pelze ein, erreichten Weimar beim Sonnenaufgange und setzten mit vielen Grüßen unsere Gefährtinnen an ihrer Schwelle ab. Auf solche Weise währten die Feste den Winter hindurch fort, nur mit soviel Pause, wie zum Athemholen nöthig war.

Einmal wurde ein Ball zur Ehre des Herzogs von Clarence gegeben, welcher ein Gast des Großherzogs war. Alle gegenwärtigen Engländer wurden ihm vorgestellt. Bei der Gelegenheit ereignete sich ein sehr komischer Vorfall. Es waren mehrere Schotten auf dem Balle, und der Großherzog äußerte den Wunsch, daß ein schottischer Reel, als eine Neuigkeit, getanzt werden möchte. Es verbreitete sich, ich weiß nicht woher, das Gerücht, daß einer von den Tänzern ein künstliches, äußerst sinnreich gefertigtes Bein habe. Das Gerücht erreichte das Ohr des Großherzogs Karl August, der sich sogleich mit der Großherzogin neben den Tänzer stellte und mit Bewunderung dessen Tanz mit dem künstlichen Fuße beobachtete. Als der Tanz geendet, redete er den Herrn S–r an und bat denselben, ihn über den Mechanismus und den Namen des Erfinders zu unterrichten. Herr S–r konnte ihn natürlich nicht unterbrechen, aber sobald er geendigt hatte, versicherte Herr S–r, welcher über jenes Gerücht nicht weniger erstaunt war, als der Großherzog über die Ausführung, daß er sich glücklich schätze, Seiner Hoheit beide Beine in vollkommen natürlichem Zustande zu Diensten stellen zu können.

Die Gastfreundschaft, welche vom Hofe geübt wurde, war unbeschränkt. Große Tafel im kostbarsten Style, Concerte, Bälle etc. fanden wöchentlich wenigstens einmal statt.

Während meines Aufenthaltes, welcher weit in das zweite Jahr hinein reichte, kamen die Prinzen Wilhelm – der jetzige deutsche Kaiser – und Karl von Preußen nach Weimar. Sie wurden wahrscheinlich durch den Ruf der Schönheit, der Anmuth und Liebenswürdigkeit der Prinzessinnen angezogen. Es schien, als ob die Festlichkeiten nun erst recht angefangen hätten. Bald verlautete, daß die eine, später, daß auch die andere Prinzessin mit einem der beiden preußischen Prinzen verlobt sei. Eine solche Zeit des Jubels war, glaube ich, in Weimar vorher nie erlebt worden. Nach unendlichen, unvergeßlichen Festlichkeiten kam der Tag der Trennung der Prinzessin Marie, der Braut des Prinzen Karl, von ihrem Geburtsorte, wo sie von ihrer Kindheit an bis zur ersten Jungfrauenblüthe gelebt hatte. Ich kann den Tag nie vergessen. Der Abschied war rührend. Derselbe Gedanke erfüllte jede Brust; dasselbe Gefühl strömte durch alle Herzen. Nach dem Lebewohl im Schlosse wand sich der Zug langsam durch die Stadt, dem Thore zu. Jeder Platz, jedes Fenster war mit Personen besetzt, auf deren Antlitz sich achtungsvolle Zuneigung abspiegelte.

Eine Anzahl junger Mädchen, weiß geschmückt, mit Sträußen in der Hand, trat der Prinzessin an einem der Triumphbogen entgegen, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen. Mit jener anmuthigen Herablassung, die in ihrem Wesen lag, ersuchte die Prinzessin diese lieblichen Volksvertreterinnen, der Reihe nach in den Wagen zu steigen und sich von ihr umarmen zu lassen, indem [241] sie die Sträuße in Empfang nahm. Jedes Auge war mit Thränen der Freude und des Schmerzes gefüllt. Nun wurde Trab gefahren, und in wenigen Augenblicken war eine der Lieblinge Weimars den Augen der Menge durch das Thor auf der Straße nach Berlin entschwunden.[2]

Mit besonderem Interesse gedenke ich heute noch meines Abschiedsbesuches bei Goethe. Er klebte sein Bild in mein Stammbuch und schrieb mit eigner Hand die Verse darunter:

Was verkürzt mir die Zeit?
     Thätigkeit.
Was macht sie unerträglich lang?
     Müßiggang.
Was bringt in Schulden?
     Harren und Dulden.
Was macht gewinnen?
     Nicht lang besinnen.
Was bringt zu Ehren?
     Sich wehren.

Wie kräftig und knapp sind diese Verse, wie voll der Passendsten, weisesten Winke, die einem jungen Manne gegeben werden können! Er schenkte mir auch eine Medaille, welche zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum geschlagen worden war. Man konnte sie als Brosche brauchen, und ich trug sie als solche.

Dr. Eckermann und Reinhold von Schwendler, der nachherige Präsident, begleiteten mich zur Post, und ein Schotte Herr M–e, – derselbe, dessen Gegner ich einige Monate vorher in einem schon festgesetzten, aber noch durch freundliche Versöhnung beigelegten Zweikampfe sein sollte, – gab mir das Geleite bis Fulda.

Die Verse Goethe’s bewahre ich noch jetzt sorgfältig als heilige Erinnerung. Die Medaille aber verlor ich leider in der Grafschaft Kildare, als ich bei einer Fuchsjagd vom Pferde stürzte. Dort, in einem Graben und tiefem Schlamme, liegt die Medaille mit dem Bildnisse des größten Dichters der letzten beiden Jahrhunderte begraben, ohne daß die genaueste Durchsuchung sie aufzufinden vermocht hätte!



  1. Der Verfasser scheint hier die dem Schlosse nahe Ilm im Sinn zu haben.
    D. Red.
  2. Das sinnige, durch seinen Ton an die launige Muse des wackeren Commissionsraths, Hofbuchhändlers W. Hoffmann in Weimar, erinnernde Gedicht, welches bei dieser Gelegenheit, am 22. Mai 1827, zehn Mädchen, „gleichzeitig Bräute in der gemeinsamen Vaterstadt“, der fürstlichen Braut Herzogin Marie mit Blumen überreichten, ist noch erhalten; es lautete:

    Ein fröhlich Herz, ein munt’rer Sinn
         Ist stets den Bräuten eigen;
    Man pflegte sie zu jeder Zeit
         Mit Blumen zu vergleichen.

    So mögen auch nur Blumen Dir
         Der Schwestern Wunsch verkünden,
    Denn was der Braut am Herzen liegt,
         Kann nur die Schwester finden.

    Stets war ein Wunsch aus Brautesmund
         Von guter Vorbedeutung.
    Drum sei Dir unser Schwestergruß
         Die freundlichste Begleitung!