Ferdinand Freiligrath (Die Gartenlaube 1876/14)

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Textdaten
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Autor: Charles Edouard Duboc
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Titel: Ferdinand Freiligrath
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 241, 242
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[241] Ferdinand Freiligrath. In allen Blättern erscheinen in diesen Tagen, da unser edler Dichter zu den Todten gegangen ist, Nekrologe, welche ihn schildern, wie er in den letzten Jahren war. Ich will in diesen Zeilen versuchen, von dem wohlthuenden Eindruck, den ich von Ferdinand Freiligrath im Gedächtnisse trage, Rechenschaft abzulegen, um so zu ergänzen, was von anderer Seite über ihn gesagt worden ist.

Ich lernte ihn erst zur Zeit seines Stuttgarter Aufenthalts kennen, da eine vormals in London verabsäumte Gelegenheit, ihn zu begrüßen, sich nicht früher wieder bieten wollte. Er pflegte damals mit seiner Gattin regelmäßig Nachmittags im Stuttgarter Hofgarten zu spazieren. Hier sah ich ihn denn auch zuerst. Es ist immer, auch für den Unbetheiligten, ergreifend, ein Elternpaar in Trauer zu sehen. Hier empfand man beim Anblicke der beiden Gealterten und von einem noch frischen Verluste Heimgesuchten eine um so lebhaftere Rührung, weil es bekannt war, mit welcher Innigkeit sie an dem verstorbenen zweiten Sohne Otto gehangen hatten und wie vereinsamt, fern von ihren anderen Kindern, sie sich jetzt in Deutschland fühlten. Wir Alle erinnern uns noch des herzlichen Gedichts, mit welchem Freiligrath beim Ausbruche der Feindseligkeiten diesen seinen Liebling als Pfleger in den Krieg entließ. Unversehrt war der Jüngling in’s Elternhaus zurückgekehrt, hatte dann sein Freiwilligen-Examen gemacht und bereitete sich für seine weitere kaufmännische Laufbahn vor, als ihn das Scharlachfieber auf’s Krankenlager warf und bald darauf dem Leben entraffte.

Die Gattin Freiligrath’s, eine stattliche Matrone mit sehr regelmäßigen Zügen, silbergrauem Haare und etwas geschwächtem Augenlichte, aber um so hellerem und jugendfrischem Geiste, ist eine Weimaranerin. Sie hatte in dem Sohne eine ihrer liebsten Hoffnungen zu Grabe getragen. Stuttgart war ihnen seitdem verleidet. Sie hatten dort ohnehin noch nicht Wurzel gefaßt, verkehrten nur mit Wenigen – am meisten wohl mit Edmund Höfer, Walesrode und Hofrath Hemsen – und wären am liebsten nach England zurückgekehrt, wo bei Sydenham ihre Tochter Käthe, die Dichterin, als Gattin eines deutschen Kaufmanns in freundlichem Landhause lebt; auch eine zweite Tochter ist dort an einen deutschen Kaufmann verheirathet, während die beiden anderen Söhne, Wolfgang und Percy, sich als Kaufleute in Amerika angesiedelt haben.

Die Wohnung, welche Freiligrath bis zu seiner Uebersiedelung nach dem nahen Cannstatt inne hatte (in Ludwigsburg und Gengenbach suchte er vor seiner Uebersiedelung ebenfalls Quartier), lag drei Treppen hoch in einem schönen Eckhause der hügelansteigenden Ulrichstraße und war eleganter, als dem Dichter behaglich sein mochte. Auch klagte er über die Treppen und meinte mit Recht, bei seiner im Zunehmen begriffenen Wohlbeleibtheit möchte er lieber die freilich reizende Aussicht drangeben, welche die meisten seiner Fenster boten. Die langjährige Gewohnheit des Bureausitzens hatte seinem körperlichen Befinden wohl Abbruch gethan. Als Flüchtling nach London gekommen und bei den christlichen Kaufleuten mit seinen Gesuchen um Beschäftigung erfolglos geblieben, war er zunächst durch einen jüdischen Kaufmann zu einer festen Stellung gelangt, hatte aber allabendlich bis sieben und am Dienstag und Freitag sogar bis elf Uhr im Geschäfte arbeiten müssen, bis er später, namentlich durch seine Anstellung bei der Schweizer Bank, sich etwas Erleichterung verschaffen konnte.

Als ich Freiligrath zum ersten Male in seiner Wohnung aufsuchte, ging die Wintersonne eben hinter dem westlichen Höhenkranze des Stuttgarter Thales unter, und ihre letzten röthlichen Strahlen glitten langsam über das schöne Oelbildniß des Dichters, welches der ihm befreundete Düsseldorfer Künstler Hasenclever vor etwa drei Jahrzehnten gemalt hatte. Da sein volles Haupthaar noch kaum in’s Graue überzugehen begann, glich Freiligrath jenem Bilde noch jetzt, nur daß alle Formen sich in’s Rundliche verändert hatten. – Seine Freude und seine Plage war eine in einem der anstoßenden Zimmer untergebrachte sehr reiche Bibliothek; vor Allem enthielt dieselbe eine Menge englischer Werke in den schönen Ausgaben, für welche in der bücherkaufenden englischen Aristokratie immer willige Abnehmer sind. An der Wand hing unter Glas das Lied „an die Freude“ in der Bleistift-Handschrift Schiller’s[WS 1], ebenso eine blonde Locke Schiller’s und eine dunkelbraune Goethe’s. Auch ein Bild Carlyle’s und eins von Rittershaus, „dem sein Bauch,“ wie Freiligrath sich scherzend ausdrückte, „beneidenswerth stattlich steht.“

Auf Grund dieser Umfangs-Verwandtschaft, erzählte Freiligrath weiter, habe Rittershaus sich eines Tages den Spaß gemacht, bei Theobald Kerner unter dem Namen Freiligrath’s einzusprechen, eine Mystification, die sich dann nicht mehr habe rückgängig machen lassen, so daß sich Kerner bis zuletzt in dem Wahne befunden habe, er bewirthe Freiligrath selbst.

Mit Sehnsucht gedachte er der am Rheine verlebten schönen, poetisch gehobenen Tage, vor Allem seines Aufenthaltes in dem malerischen Unkel. „Es stand einst,“ erzählte er, „gerade ein Bouquet auf dem Tische, das ich, in Ermangelung des Wassers, in ein Glas mit Wein gestellt hatte, als ein junger Mann im dicken Winterrocke eintrat – es war im Juli – und angesichts dieses sybaritischen Blumenglases zu erzählen begann: er sei Commis in einem soeben bankerott gewordenen Aachener (?) Geschäftshause gewesen und habe bei dem allgemeinen Krache für’s Beste gehalten, sich und seine Garderobe vor den Creditoren in Sicherheit zu bringen. Dabei sah er immer auf das Blumenglas, nicht wenig erfreut, daß die Schriftstellerei in Unkel sich solche Extravaganzen erlauben könne. Dieser junge Mann war unser jetziger lieber Nachbar – Hackländer.“

Mit den englischen und amerikanischen Dichtern war Freiligrath zumeist persönlich bekannt und correspondirte auch mit mehreren derselben. Am wenigsten Sympathie flößte ihm Swinburne ein, so wenig er auch dessen hohe Begabung verkannte. Sein excentrisches Anlehnen an französische Unsitten hat Swinburne’s Freunde freilich schon oft genug verletzt.

Mit Vergnügen erinnerte er sich, daß er durch Empfehlung der „Rabbiata“ im Athenäum P. Heyse zuerst in die englische Lesewelt eingeführt habe; ebenso, daß die Begnadigung des politischen Gefangenen Heubner (jetzigen Dresdener Stadtraths) erfolgt sei, nachdem er dessen Milton-Uebersetzung ausführlich im Athenäum besprochen und daran einen Appell an den Dante-Uebersetzer, Philalethes, – den König Johann von Sachsen – geknüpft habe, eine Besprechung und Verwendung, die sowohl in der „Augsburger allgemeinen Zeitung“ wie in der „Deutschen allgemeinen Zeitung“ nachgedruckt worden sei und dem Könige also wohl zu Gesicht gekommen sein werde.

Die inzwischen an den Reichstag gelangte und erfolglos gebliebene Petition gegen die holländischen Nachdrucker hatte Freiligrath zur Zeit meiner Stuttgarter Berührungen mit ihm eben angeregt; er versprach sich zwar wenig davon, hielt es aber doch für geboten, sich in solcher Weise gegen die Nachdrucker zu rühren. Er zeigte mir einen ihm soeben durch Cotta übermittelten Nachdruck, der in Amsterdam erschienen war und bei dem sich merkwürdiger Weise, gerade wie dies bei Banknotenfälschungen zu geschehen pflegt, ein ganz plumper Druckfehler eingeschlichen hatte – der Titel lautete nicht auf Ferdinand, sondern auf „Ferninand“ Freiligrath. Geibel, welcher in gleicher Weise in Holland geplündert wurde, hatte sich auf Cotta’s Vorschlag zu einer Concurrenzausgabe verstanden, welche in Holland nur fünfzehn Groschen kosten sollte. Freiligrath hielt das Mittel für verfehlt und ließ sich nicht darauf ein. [242] Ob er oder Cotta sich irrten, weiß ich nicht. Jedenfalls wird der holländische Nachdruck wohl fröhlich weiter floriren.

Freiligrath schrieb eine schöne, schlanke Geschäftshand. Da seine Muse seit Langem verstummt war – einige wenige liebliche Spenden derselben ausgenommen –, so hätte er wohl Veranlagung gehabt, über seine politisch bewegten Lebensjahre Aufzeichnungen zu machen. Ob es geschehen ist, vermag ich nicht zu sagen. Gehört habe ich nie etwas davon. Vielleicht scheute er sich vor der Prosa, nachdem ihm das gebundene Wort so viele Herzen gewonnen hatte. Daß er sich mit den Umwälzungen in Deutschland von Herzen befreundet hatte, ist bekannt. Auf des Kaisers Geburtstag anzustoßen, ließ er sich im Jahre 1873 durch mich ohne große Umstände bewegen, während ein anderer Gast Freiligrath’s sich nicht dazu entschließen mochte. In Freiligrath’s politischem Glaubensbekenntnisse hatte die Zeit manche allzu grell gewesene Farben gedämpft, und er sagte sich, daß er nicht umsonst gestritten hatte. Diese Zuversicht war ja oft schon in ihm zu beredtem Ausdrucke gelangt, am beredtesten wohl in den Schlußstrophen des Gedichtes „Bannerspruch“:

Ich fühl’s an meines Herzens Pochen:
Auch uns wird reifen uns’re Saat.
Es ist kein Traum, was ich gesprochen,
Und jener Völkermorgen naht.
Ich seh’ ihn leuchten durch die Jahre;
Ich glaube fest an seine Pracht.
Entbrennen wird der wunderbare,
Und nimmer kehren wird die Nacht.

Wir aber reiten ihm entgegen;
Wohl ist er werth noch manchen Strauß.
Wirf aus die Körner, zieh den Degen!
Ich breite froh das Banner aus.
Mit festen Händen will ich’s halten;
Es muß und wird im Kampf besteh’n.
Die Hoffnung rauscht in seinen Falten,
Und Hoffnung läßt nicht untergeh’n.

R. Waldmüller.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schille’s