Zwei Erzläuterstätten

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Textdaten
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Autor: Theodor Gampe
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Titel: Zwei Erzläuterstätten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 666–670
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[666]
Deutschlands große Industrie-Werkstätten.
Zwei Erzläuterstätten.


Unweit der alten, ehrwürdigen Bergstadt Freiberg, da, wo die Mulde die haldenreiche, bergschachtübersäete Hochebene in einer tiefen Wasserrinne durchschneidet, dicht an der großen Verkehrslinie Baiern-Schlesien, drängt sich dem Reisenden eine Landschaft gar seltsamen Charakters in das Auge. Auf einem fast vegetationslosen Terrain an den Gehängen des jäh abfallenden Muldenthales breiten sich etwa hundert essenstrotzende, qualmende Gebäude aus, zu deren Füßen sich ungeheure Schlackenkegel nach den schwarzen Ufern des Flusses hinabdehnen. Die Gebäude selbst sind zum größeren Theil aus schwärzlich-bläulichem Schlackengestein aufgemauert; dazu flammt es und glüht es zu allen Oeffnungen heraus, sodaß die weite Gruppe als Modell zu einer infernalen Landschaft dienen könnte.

„Die Muldenhütten!“ tönt es in allen Coupé’s, und die Waggonfenster vermögen die Gesichter kaum zu fassen, die sich regelmäßig herandrängen, um den fremdartigen Anblick flüchtig zu genießen. Eine Stunde flußabwärts, einsamer gelegen, wiederholt sich dasselbe Schauspiel; dort gruppiren sich die Halsbrückner Hütten zu einem ganz ähnlichen Bilde auf derselben Grundlage; es sind Schwesteretablissements von gleichem Umfang und unter gleicher Oberhoheit; sie gehören dem sächsischen Staate und man bezeichnet sie zusammen kurz als die fiscalischen Hütten.

[667] Diese beiden Erzläuterstätten gehören zu den ersten Triumphstätten menschlichen Geistes; ihr Ruhm ist heimisch auf beiden Erdhälften, wo nur je ein Bergmann das Fäustel ergriff, um metallischen Schätzen nachzuspüren und es ist eigentlich befremdlich, daß außerhalb der Fachliteratur bis zur Stunde so gut wie nichts über dieselbe verlautete.

Mit dem sächsischen Bergbau hängen sie eng zusammen unter sich; alle Leiden und Freuden, die seit siebenhundert Jahren über den erzgebirgischen Bergmann dahingegangen, hat sein Bruder, der Hüttenmann, redlich mit ihm getheilt; hatte der Erstere einen besonders reichen Erzgang aufgeschlossen, so lohten auch auf den Hütten die Flammen mächtiger zum Himmel empor, und als der Dreißigjährige Krieg über das Land dahinwüthete und der Bergmann sein Gezäh (Werkzeug) weggeworfen, da ward es auch auf den Hütten still und einsam.

Man sollte meinen, so innig verwachsene Industrien müßten Schritt für Schritt mit einander vorwärts gegangen sein, allein die Geschichte lehrt das Gegentheil; der Hüttenmann hinkte seinem Stammverwandten Jahrhunderte lang nach, denn dieser war mit der Erfindung des Schießpulvers schon auf einer Höhe angelangt, die er im Wesentlichen nicht mehr überschreiten konnte, obgleich er jetzt den Dampf zu Hülfe genommen. Noch vor wenigen Jahrzehnten mußte der Bergmann Erze auf die Halde werfen, die auf den Centner weniger als 25 Gramm Silber ausgaben, weil der Hüttenmann behauptete, es lohne sich nicht mit solch armem Schmelzgut, heute aber hat sich der letztere auf eine Höhe geschwungen, daß er den einst verachteten Schutt mit schwerem Geld bezahlen kann, ja, er läßt ihn selbst wieder unter den Halden hervorgraben und nimmt es noch mit Erzen auf, die pro Centner nur 15 Gramm des edlen Metalls bei sich führen.

Aber das ist nicht sein vornehmstes Verdienst. Für den Kupfer-, Nickel-, Kobalt-, Zink- und Schwefelgehalt der Erze wollte der Hüttenmann gar nichts bezahlen, und er vermochte das auch nicht, denn er wußte diese Erztheile, die gerade in den Freiberger Erzen reich vorhanden sind, entweder überhaupt nicht, oder doch nicht lohnend auszuscheiden; in früheren Zeiten gewann er nicht einmal das Blei, das jetzt 28 Procent des Gesammtwerthes der Hüttenproducte beträgt. Unseren Vorvordern war es eben nur um den „Silberblick“ zu thun, der in unseren Zeiten so schwer an Ansehen einbüßen sollte. Die Einführung der Goldwährung in Deutschland führte bekanntlich die bis zur Stunde unerhörte Erscheinung herbei, daß ein Edelmetall auf 75 Procent seines ehemaligen Werthes zurückgeben konnte. Dieser Ausfall würde dem Bergmann das Fäustel wahrscheinlich ganz aus der Hand winden, hätte sein Bruder, der Hüttenmann, nicht in den letzten Jahrzehnten ganz riesengroße Fortschritte gemacht; man darf sagen, er allein hat dem Bergmann das karge Brod erhalten, das durch jenen Reichstagsbeschluß so schwer bedroht war.

Das ist neben dem wirthschaftlichen ein schöner menschlicher Triumph, doch auch noch einer weiteren Errungenschaft in dieser Hinsicht ist Erwähnung zu thun, die nicht minder hell über den Hütten schimmert, welche einst von giftigen Dämpfen aller Art schwer umlagert waren.

Der reiche Schwefelgehalt der Erze ging bei den früheren Schmelzprocessen als schweflige Säure hinaus in die Lüfte. Nach einem Gutachten des Professor Freitag in Bonn, der als unparteiischer Fachmann berufen worden war, sind ehedem im Jahr über 100,000 Centner dieses Stoffes durch die Schornsteine gefahren, um sich als ein heimtückisches Gift auf die Felder der benachbarten Dörfer niederzusenken; auch arsenige Dämpfe, gasförmige Oxyde und arseniger Flugstaub waren ehedem in großen Mengen entwichen, sodaß die Bewohner der Umgebung ihres Lebens nicht froh werden konnten. Der Bauer betrachtete den Hüttenmann als einen Giftmischer en gros; er räsonnirte, und schließlich kam es zu Processen.

Das Getreide kränkelte; die Rinder nahmen das Futter nicht an oder fraßen es nur mit Widerwillen; erkrankte Thiere zeigten bei der Section zerfressene Labmägen; außerdem sollte der Hüttenrauch Markflüssigkeit und Knochenbrüchigkeit verursachen, und endlich gar den Mutterboden selbst seiner Zeugungskräfte berauben. Die Gewinnsucht gesellte sich eben, wie ja immer in solchen Fällen, zu den berechtigten Ansprüchen. Kurz, der Hüttenmann hatte mit der Malice der Natur, die ihren edelsten Erzeugnissen so unheimliche Bestandtheile beimengt, seine liebe Noth. Ein eigener Regierungscommissar (ein Landwirth) mußte bestellt werden zur Abschätzung der wirklichen und zur Feststellung der fingirten Schäden, auch war man gezwungen, mehrfach auswärtige Fachleute als Schiedsrichter zu berufen.

Im Jahre 1865 erreichte die Summe der vergüteten Rauchschäden eine ganz bedenkliche Höhe – um mit einem Male rapid zu fallen und schließlich ganz aus den Bilanzen zu verschwinden, und mancher ungläubige Thomas kann sich jetzt an den neu angelegten Gemüsegärtchen inmitten der verdächtigen Essen selbst zur Evidenz überzeugen, daß der Sieg der Hüttenleute über die Misère ein vollständiger ist.

Im Jahre 1857 begann man schüchtern die angefeindete schwefelige Säure zur Herstellung von Schwefelsäure zu verwenden; man ward kühner, und zehn Jahre später war man dahin gelangt, daß der Schwefelgehalt in den Erzen dem Bergmann als Werthobject bezahlt werden konnte. Der Bauer aber streute jetzt den schwergehaßten Stoff als Bestandtheil des Superphosphats selbst auf seine Felder.

So hat die Hüttenkunde den Feind zum Freund, den Mörder zum Erzeuger, den heimtückischen giftigen Rauch zu einem reichen Nährquell verwandelt. Jetzt ist die Schwefelsäure nach dem Silber und Blei das vornehmste Hüttenproduct Freibergs geworden; im Jahre 1875 fabricirte man davon 232,729 Centner; als Nebenproduct bei der Herstellung gewann man noch 12,449 Centner Eisenvitriol und schwefelsaures Natron. Das wirthschaftliche Gesammtresultat dieses Fortschritts betrug in demselben Jahre 804,801 Mark, und dabei ist die vermehrte Arsen- und Silbergewinnung aus dem Flugstaub gar nicht in Frage genommen worden; das sanitäre Resultat aber spottet jeder Bezeichnung in Münzwerthen und ist überhaupt nicht abzuschätzen.

Der historische Sinn und die Pietät für das Althergebrachte sind dem Hüttenmann trotz seiner großen Neuerungen ebenso treu geblieben wie dem Bergmann. Die urväterlichen Rangbezeichnungen haben in einer Zeit, in der man nur von Directoren, Ingenieuren, Assistenten und ähnlichen prätentiösen Titeln hört, etwas Freundliches, Anmuthendes. Da giebt es Oberhüttenverwalter, Oberkunstmeister, Oberhüttenraiter, Hüttenwardeine, Schiedswardeine, Hülfswardeine, Hüttenmeister; die Arbeiter nennen sich: Erzröster, Schmelzer, Schlackenläufer, Abtreiber, Silberbrenner, Aschknechte, Vorläufer, Vorlaufsteiger, Kohlenläufer, Fördermänner, Erzmüller etc.. Unter etwa 40 Beamten stehen 900 ständige und circa 300 nichtständige Arbeiter; ihre Knappschaftscasse ist auf 90,000 Thaler angewachsen und wird von dem sächsischen Staat außerdem stark subventionirt; daneben besteht auch eine Krankencasse, auch zahlen die Hüttenwerke sogenannte Sterbelöhne an die Hinterlassenen aus, die dem Betrag eines vierwöchentlichen Lohnes des „bergmüden“ Knappen gleichkommen.

Die Güterbewegung auf den Hütten weist Riesenziffern auf, mit denen ich den Leser jedoch nicht quälen will. Die Anfuhrlasten bestehen in Schmelzgütern (Erze, Metallabfälle, alte Legirungen), in Kohlen, Coaks, Thon, Mergel etc.. Die Abfuhrlasten sind Gold, Silber, Kupfer- und Eisenvitriol, Wismuth, Zink, Rohblei, Schrot und Bleiwaaren, Schwefelsäure und Arsenikalien. Die Gesammtlasten mögen im Jahr auf anderthalb Millionen Centner kommen (das sind 500 große Güterzüge); darunter sind etwa 4 Centner Gold, 700 Centner Silber, 70,000 Centner Blei und 20,000 Centner pures Gift, mit denen man Europa entvölkern könnte.

Oefen brennen auf beiden Werken gegen 200; darunter sind solche von den seltsamsten Gestaltungen und mit den merkwürdigsten Namen. Einige heulen vor Gluth; aus anderen schlagen grünliche, gelbliche und bläuliche Flammen heraus, die unheimlich aufflackern wie Irrlichter oder die wie Feuerwerk das Auge entzücken. Recht garstige Ungeheuer sind darunter die sogenannten Arsensublimir-Oefen, und geradezu ein kleines Scheusal ist ein Vetter von ihnen, ein Ofen, in dem man das Arsen mit brennendem Schwefel vermischt, um das rothe Arsenglas herzustellen; sein Rachen gleicht einem riesigen Krebsgeschwür, das man mit Schwefel und Phosphor ausbrennt.

Mit Herzählung der Hunderte von Betriebsmitteln könnte der Einbildungskraft des Lesers schwerlich gedient sein; es würde doch zu keiner Vorstellung führen, wenn ich von den 6 Bleikammern der Schwefelsäurefabrik spräche, die mit den Fallthürmen 25,000 Kubikmeter Rauminhalt haben, oder von den Flugstaubkammern, die 19,000 Kubikmeter zu fassen vermögen; nur zweien kleiner [668] Kessel sei besonders gedacht, obwohl sie sonst recht unscheinbar sind; sie haben das Aussehen von Weißblechgefäßen und klingen auch recht blechern, wenn man daran klopft, und doch repräsentiren sie den Werth eines stattlichen Landgutes. Das Weißblech ist Platinmetall, das bekanntlich im Werth dem Gold am nächsten kommt. Der größere Kessel hat 60,000, der kleinere 36,000 Mark gekostet. Man braucht sie, um die Schwefelsäure bis auf 66 Grad concentriren zu können, da die Bleigefäße die Concentrirung nur bis auf 60 Grad gestatten.

Was einst der Gottheit mächtige Hand
Gemischet in feurigen Wogen,
Was tief den Berg und die Felsenwand
Als schimmernde Ader durchzogen,
Das scheidet wieder der kecke Gesell
Und trotzt dem wüthenden Flammenquell –

Das ist des Hüttenmannes Verrichtung in allgemeinen Worten. Er ist ein auf den Kopf gestellter Apotheker; er „gießt nichts Widriges zusammen“; er hat’s nur auf Trennung abgesehen; er rückt den innigsten und hartnäckigsten Verbindungen zu Leibe, und müßte er die Erze durch Hunderte von Oefen jagen und sie brenzeln und brennen, wie Seine höllische Majestät die unlauteren Seelen. Wer eine Dantewanderung, wenigstens im Geist, durch die infernalen Räume antreten will, ist höflichst geladen; ich kann ihm zwar keinen Virgil als Führer anbieten, aber ich hoffe ihm mindestens den Hauptschmelzproceß deutlich machen zu können; die Nebenprocesse müssen wir des Raumes wegen übergehen.

Wir schreiten zunächst in die Erzlagerhäuser. Hier fahren die Bergwerke ihre Producte an, die sich, zu Pulver gepocht, von gewöhnlichem Sand kaum unterscheiden. Schon mancher Laie rief hier verwundert: „Aus dem Zeug machen Sie Silber?“ In ungeheuren [669] Haufen liegen die Erze nach ihrem Gehalt beisammen, fremde und einheimische. Von jeder Partie, gleichviel, ob sie Freiberg, Böhmen, Mexico oder Chile lieferte, wird erst auf der Hütte die Probe gemacht. Die beiden Hüttenwardeine untersuchen getrennt die Erze auf ihren Gehalt; hat indeß der Lieferant von seinen Erzen eine bessere Meinung, als die Wardeine, so wird der Schiedswardein zu Freiberg angerufen. Seinem Ausspruche hat sich der Lieferant zu fügen, oder er kann die Erze wieder abfahren lassen. Doch das kommt kaum vor; in den meisten Fällen streicht er im Hüttenamt sein blankes Geld ein.

Der Hüttenmann richtet nunmehr eine „Beschickung“ an; er mischt eine Partie gleichartiger Erze von etwa 5000 Centnern, die mit einem Male zur Bearbeitung gelangt. Auf kleinen Fahrzeugen, Hunde genannt, werden die Sandmassen über die Röstöfen gefahren und in Röstposten zu 25 Centner in die Röstöfen eingeschüttet. Diese Oefen sind in neuester Zeit so construirt worden, daß die Erze im Feuer selbst fortgeschaufelt werden können; sie bieten riesenhafte Feuerflächen dar, auf denen sich verschiedene Hitzgrade entwickeln. Der ganze Proceß gleicht dem Speckrösten auf ein Haar, nur daß man statt des Thranes hier den Schwefelgehalt ausscheidet, der sonst, wie wir aus früheren Anführungen wissen, als verlorenes Gut durch die Essen gefahren ist und draußen so viel Unheil anrichtete. Jetzt wird er als schwefelige Säure, als kostbarer Rohstoff durch große Canäle direct nach der Schwefelsäurefabrik geleitet.

Bei der Einführung dampfen die Erze nur, je weiter sie aber dem eigentlichen Feuerherd zugeschaufelt werden, je mehr gerathen sie in Gluth, bis sie zuletzt in flüssigem Zustande als schwefelfrei in fahrbare Behälter abfließen, [670] in denen sie zu compacten Massen erstarren. Nach dem Erkalten werden sie in Stücke zerschlagen und in die Hochöfen übergeführt. Ein Cylindergebläse verursacht in diesen Oefen ein wahres Höllenfeuer. Bei circa 1600 Grad Celsius zerschmilzt die harte Erzmasse abermals und sondert ihre Hauptbestandtheile blos durch das verschiedene specifische Gewicht von einander ab. Das schwere Blei mit dem Silbergehalt sinkt zu Boden; darüber hat sich als dünne Lage die Nickelspeise gebildet; auf dieser ruht ein schwarzer Stein, in dem sich vorzugsweise das Kupfer ansammelt, und ganz zu oberst schwimmen die Schlacken, die indeß auch noch Metalle enthalten. Diese Ausscheidungen werden je einzeln wieder diversen Scheideprocessen unterworfen; sie bergen sämmtlich noch Silber, Blei, Kupfer, Arsen etc.. Doch müssen wir beim Hauptproceß verweilen, der das Hauptproduct, Silber und Blei, umfaßt, das jetzt zusammen „Werkblei“ genannt wird.

Eine Neuerung an den Hohöfen sind die sogenannten Kühlringe, gußeiserne Hohlräume, die einen Ring um den Ofen bilden, durch den fortwährend kaltes Wasser strömt, sonst mußten die glühenden Riesen von Vierteljahr zu Vierteljahr umgebaut werden, da keine ihrer Thonausmauerungen im Stande gewesen, solche furchtbare Gluthen länger zu ertragen; seit man ihnen aber einen Prießnitz-Umschlag um den heißen Leib verordnete, bringen sie es auf 18 bis 24 Monate, und das ist für einen Hohofen ein wahres Greisenalter.

Das Werkblei wandert nun zum Saiger-Ofen. Das Saigern bedeutet eine Ausscheidung des Kupfers und ist ein rein mechanischer Vorgang. Auf einem schräg gemauerten Herde wird das Werkblei abermals zum Schmelzen gebracht. Das schnellflüssige Blei mit dem Silber läuft von dem schrägen Herde fort, während das schwerfälligere Kupfer in den sogenannten Saigerdörnern darauf zurückbleibt. Der Hüttenmann gießt das Werkblei in Barren, harkt das Kupfer vom Herde fort, scheidet noch Manches aus ihm aus und verwandelt es schließlich in das prächtige, tiefblaue Kupfervitriol, das in den Batterien der Telegraphen eine Hauptrolle übernommen. Doch zurück zu dem nun auch kupferfreien Werkblei! Jetzt gilt’s, das Arsen und das Antimon auszuscheiden; diese Verbindungen hat die Natur besonders dauerhaft gestaltet, denn die Trennung des Giftes von dem zukünftigen Geldstück erheischt eine ganz energische Manipulation. In Massen von 400 Centnern bringt man das Werkblei in die Raffiniröfen und hetzt mit Gebläse die Flammen viele Stunden lang über die flüssige, glänzende Masse dahin. Das Arsen und das Antimon wird dadurch zum Oxydiren gebracht, sodaß man die beiden Metalle als ein aschenartiges Product von der Oberfläche des Metallsees abstreichen kann. Der Hüttenmann kennt einen ersten, zweiten und einen dritten Abstrich, die er wieder verschiedenartig verhüttet, scheidet und ausnützt. Aus einem der Abstriche gewinnt er das Antimonblei, das in der Welt in Form von Buchdruckerlettern viel Heil und Unheil anrichtet.

Das Werkblei hätte nun nur noch das Silber bei sich, aber Silber und Blei sind fast unzertrennliche Freunde, die der Mensch nur mit größter Mühe zu entzweien vermag. Dazu benutzt er zunächst einen kleinen Egoismus des letzteren Metalls. Das Blei hat nämlich das Bestreben, beim Erkalten in einem gewissen Wärmegrad Krystalle zu bilden, in denen es kein Silber mit aufnimmt. Das hat ihm der kluge Mensch abgelauscht „und darauf baut er seinen Plan“; er überrascht das ahnungslose Metall bei diesem Vorgange und schöpft die Krystalle mit Riesenlöffeln aus. Je zu einer Post gehören sechszehn große Kessel, die unterirdisch gefeuert werden und dicht an einander stoßen. Die schwere Arbeit des Schöpfens beginnt bei den mittleren Kesseln; die Bleikrystalle werden von Kessel zu Kessel nach rechts übergeführt, die Mutterlauge jedoch – das ist das Blei, welches das Silber an sich behält – geht von Kessel zu Kessel nach links. Nach einer endlos erscheinenden Ausschöpferei hat man es dahin gebracht, daß im äußersten Kessel zur Rechten reines Blei angesammelt und zur Linken ein Blei zusammengeschöpft worden ist, das statt des früheren halben Procents jetzt zwei Procent Silber enthält und nun nicht mehr Werkblei, sondern Reichblei benannt wird. Dem Laien erscheint das ein geringer Vortheil, vor den Augen des Hüttenmannes aber ist es ein bedeutender Erfolg, und der Name Pattinson – so hieß der erste Ausbeuter dieses Naturprocesses – hat einen guten Klang in der Hüttenkunde.

Jetzt rückt man den treuen Verbündeten „Silber und Blei“ wieder direct mit dem Feuer auf den Hals; der Abtreibeproceß beginnt, der schon durch seinen Namen auf das Gewaltsame seines Charakters hindeuten. 600 bis 700 Centner Reichblei werden gleichzeitig in den Treibeherd gebracht, der zu jedem Abtreiben neu aus Mergel geschlagen werdet muß. 120 Stunden lang schlagen jetzt die wildesten Flammen, getrieben von einem wüthenden Luftstrom, ununterbrochen in den Treibeherd hinein. Das Silber hält diese glühende Parforcejagd der Sauerstoffmassen aus, nicht aber sein Getreuer, das Blei; es oxydirt zu einer brüchigen, gelbgrünen unscheinbaren Masse, die in den Töpfereien als Bleiglätte den Töpfen die bekannte Glasur giebt. Doch nicht alles Blei hat sich zum Oxydiren zwingen lassen, in dem Rückstande, dem Silberkuchen, sind davon noch immer zwanzig bis dreißig Procent vorhanden, das Silber wird daher in einen kleineren Herd gebracht, und der „Guttreibeproceß“ mit mäßigeren Luftströmen vollendet das, was der Haupttreibeproceß zu thun übrig ließ. Man hält jetzt von Zeit zu Zeit ein Gezähstück über das flüssige Metall und erst, wenn sich der Silberspiegel als ein ganz reiner und tadelloser erwiesen, werden die heulenden Flammen zum Schweigen gebracht, denn das ist das Zeichen, daß die Mesalliancen, die das Edelmetall tief unter der Erde eingegangen, beseitigt sind. Aber noch führt das Silber eine Contrebande bei sich, die weit köstlicher als sein eigener Werth ist, das Gold, und das kann ihm der Hüttenmann nicht mit auf die Fahrt geben. Das glänzende Metall muß sich zu diesem Zwecke eine völlige Auflösung in Schwefelsäure gefallen lassen, wobei es das Aussehen eines „Grünbittern“ annimmt, kurz, zu einer nichtssagenden Flüssigkeit entstellt wird. Das Gold scheidet sich dabei als ein unscheinbarer Staub aus, der durch Waschen und Kochen in Wasser, Schwefelsäure und doppeltschwefelsaurem Natron zu reinem Golde geläutert wird, und damit stehen wir auf der Höhe und am Ende der vielgestaltigen Erzscheideprocesse.

Die Zinkhütten, die Arsenhütten und die Schwefelsäurefabrik, wo der deutsche Hüttenmann so große Erfolge errungen, müssen wir übergehen, so gern wir auch diese Triumphe den Lesern verständlich machten – nur das Eine sei hier verkündet, das den Hüttenmann vielleicht am meisten ehrt: seine Triumphe haben ihn nicht träge gemacht – im Gegentheil, er ist noch lange nicht mit sich zufrieden. Die blauen, röthlichen, gelb- und grünlichen Flammen, die aus den Oefen hier und da emporschlagen, gefallen ihm durchaus nicht, so sehr auch ihr flackerndes Farbenspiel das Auge entzückt; er weiß, daß hier kostbare Stoffe verbrennen, und diese und noch manch Anderes, was in die Lüfte entweicht oder über die Schutthalden hinabrollt, gedenkt er gleichfalls der Menschheit dienstbar zu machen. Nun, Glückauf, wackerer Hüttenmann!

Gampe.