Zwei Schriftstücke Justus Gruner’s

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Textdaten
Autor: Justus von Gruner
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Titel: Zwei Schriftstücke Justus Gruner’s
Untertitel: Eine Denkschrift aus dem Jahre 1809 und ein Bericht an den Staatskanzler Hardenberg aus dem Jahre 1811
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 2 (1889), S. 445–449.
Herausgeber: Ludwig Quidde
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Quelle: Scans auf Commons
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[445] Zwei Schriftstücke Justus Gruner’s. Eine Denkschrift aus dem Jahre 1809 und ein Bericht an den Staatskanzler Hardenberg aus dem Jahre 1811. Unter den vielen mir behufs einer Biographie des bekannten Justus Gruner im Königl. geheimen Staatsarchiv vorgelegten Schriftstücken befinden sich auch die beiden folgenden. Das erstere, eine Denkschrift Gruner’s, deren Adressat nicht genannt ist, dürfte wegen der in ihr enthaltenen Urtheile [446] über die leitenden Personen des preussischen Staates von Interesse sein. Die Zeit ihrer Abfassung ist nicht angegeben, sie wird aber im Juni oder Juli 1809 niedergeschrieben sein. Die Denkschrift lautet:

„Der König hängt fest an dem Sistem, mit Russland in grösster Harmonie zu bleiben und nichts ohne dasselbe zu thun. Seine innige Freundschaft für Alexander macht dieses System unveränderlich und vergebens haben Manche versucht, ihn davon abzubringen.

Die Königin theilt diese Gesinnungen und ausserdem die Besorgniss als Urheberin des Krieges wieder betrachtet werden zu können. Sie sagte noch neulich zu Jemanden: ,man würde es nicht verantworten können und sich einem göttlichen Strafgericht aussetzen, wenn man die kaum hergestellte Ruhe stören und so viele Menschen ins Unglück stürzen wollte.‘

Es ist daher an einen Krieg mit Frankreich um so weniger zu denken, als die Minister Sr. Majestät denselben nicht wünschen. Der Kab. Min. Gr. v. d. Goltz wird von vielen Personen, seiner Gesinnungen und Erklärungen wegen, geradezu ein Anhänger Frankreichs genannt. Seine Rathschläge und Handlungen manifestiren überall das Sistem einer strengen und gerechten Neutralität. Der Finanzminister Freiherr v. Altenstein wünscht nichts mehr als die Erhaltung der Ruhe, weil sein ganzes Sistem darauf gebauet und dessen Erhaltung davon abhängig ist. Er kennt den grossen Mangel aller unserer Ressourcen am besten, und Niemand kann daher sicherer beurtheilen und bestimmter erklären, wie unmöglich jede Kriegführung von Seiten Preussens ist. Seine eigene Existenz beruhet auf der höchst mühsamen Erhaltung unserer so sehr gesunkenen Finanzen; ein einziger Schlag von aussen wäre hinreichend, solche zusammen zu stürzen.

Der Minister des Innern, Graf v. Dohna, hat und erlangt keinen Einfluss auf die auswärtigen Angelegenheiten. Er ist zu sehr und mit zu lebendigem Interesse mit der innern Organisation beschäftigt, um Zeit für andere Ressorts zu gewinnen. Derselbe Grund macht die Erhaltung der Ruhe zum höchsten Ziel seiner Wünsche.

Die Gesinnungen des Grosskanzlers sind bekannt. Als strenger rechtlicher Mann hat er kein anderes Sistem, als die treue Erfüllung der eingegangenen Verbindlichkeiten.

Der geheime Rath Nagler, welcher dem Könige die auswärtigen Angelegenheiten während der Abwesenheit des Ministers v. d. Goltz vorträgt, ist dem russischen Sistem mit Leib und Seele ergeben.

Ueber den General v. Scharnhorst traue ich indess nicht bestimmt zu urtheilen. Man hat gesagt, dass er den Krieg wolle, mit Chasot [447] und Schill gemeinschaftlich gehandelt habe. Erwiesen ist das nicht; indess sey ihm, wie da wolle, so ist gewiss, dass General v. Scharnhorst seit sechs Wochen ausser Einfluss und fast ohne Activität ist. Wenn man klagt, dass der König nicht strenge genug in der Schill’schen Sache handle, so vergisst man den persönlichen Charakter Sr. Majestät, welche überall Strenge nicht liebt und möglichst zu vermeiden sucht. Auch hielten beide Majestäten persönlich viel auf Schill und haben daher mehr Schmerz als Zorn über sein Betragen empfinden müssen. Die Personen, welche er verführt hat, alle unglücklich zu machen, leuft so durchaus gegen das Gefühl des Königs, dass es etwas Unmögliches fordern heisst, wenn man dies von ihm verlangen wollte.

Dass der bei weitem grösste Theil des Militairs für den Krieg ist, hat sich bewiesen und ist auch sehr natürlich, da es eine Scharte gegen Frankreich auszuwetzen hat. Nur dürfen die Thorheiten und Aeusserungen Einzelner nicht auf Rechnung der Staatsregierung kommen. Wer unsere Geschichte kennt, weiss, dass Anno 1805 dieselbe Stimmung herrschte und der König damals doch den Krieg nicht anfing.

Die Mobilmachungen in der Armee sind kein Gegenstand der Besorgniss, ich werde einen Etat bekommen und mittheilen, woraus sich ergeben muss, dass die konventionsmässige Anzahl von 42000 Mann noch nicht komplett ist. Auch fehlt es der Armee an Allem, und man schafft nur das an, was selbst im Frieden unentbehrlich ist. Bei der Langsamkeit, womit leider immer bei uns verfahren wird, und von der die französischen Staatslenker keinen Begriff haben, sieht als Viel und gross aus, was an sich nichts ist und mit einem Mahle geschehen sollte. Unsere 42 000 Mann könnten längst organisirt seyn, aber die Wahrheit ist, dass sie es noch nicht sind und bei der gewöhnlichen Art zu attendiren, kontrahiren und reguliren auch sobald noch nicht seyn werden.

So viel mir bekannt ist, hat Graf v. d. Goltz schon seit lange Ordre vom Könige sich über diesen, allerdings wichtigen Gegenstand mit Offenheit auf jede Anfrage zu erklären.

Meine feste Ueberzeugung ist, dass unser König nur mit Russland handelt und dass also, so lange Frankreich von Russland nichts zu besorgen hat, es auch Preussen nicht zu berücksichtigen braucht, welches ohnehin bei weitem weniger leisten kann, als Manche im Wahn der alten Grösse Lebende glauben.

Ob es für Frankreich selbst nicht besser wäre, die Selbstständigkeit Preussens zu sichern, durch Erlass der Contribution und andere Mittel es sich zu verpflichten und die Stimme der Nation zu gewinnen, [448] um aus einem russischen Verbündeten einen französischen zu machen — das mögen kompetente Diplomatiker entscheiden.“

Das zweite Schriftstück ist ein Bericht, oder wenn man will, ein Brief Gruner’s an Hardenberg vom 21. August 1811. Man sieht aus demselben, zu welchen Massregeln sich die preussische Regierung hatte entschliessen wollen. Das Schreiben lautet:

„Euer Exzellenz glaube ich, die einliegende so eben dechiffrirte Stelle der letzten westphälischen Gesandtschafts-Depesche sofort überreichen zu müssen[1].

Ihr Inhalt bestätigt leider, was ich mir erlaubte schon öfter zu berühren, dass die genommenen halben Massregeln eben so viel Aufmerksamkeit erregen, als ganze, grosse, und dass sie uns wirklich verderben können.

Das Aufgebot der inaktiven Soldaten nach Spandau hat grosse Sensazion gemacht. Die Stadt ist erfüllt von Kriegsbesorgnissen.

Wenn unter diesen Umständen nicht ganze Massregeln genommen werden und man dadurch imponirt, so ist viel zu fürchten, wenig zu hoffen.

Euer Exzellenz haben mir durch den Obristen v. Gneisenau früher eröffnen lassen, dass dem Grafen v. Chasot das Militair- und mir das Civil-Gouvernement der Kurmark übertragen werden solle; ich habe mich darauf münd- und schriftlich bereit erklärt, solches zu übernehmen und ich habe diese Erklärung, nicht ohne Einsehen der Gefahr, aber mit Ergebenheit und Freude gegeben, weil ich hoffte, Ein Viel leisten zu können. Wenn indess dies geschehen soll, so halte ich es für unerlässlich nothwendig, sogleich die nöthigen Vorkehrungen auf dem Papier ganz auszuarbeiten, um

einen Vertheidigungsplan festzustellen, eine Verproviantirungs-Basis für 30000 Mann in Spandau anzuordnen,
für Beschaffung der Waffen etc. Einleitungen zu treffen,
Commissarien für einzelne Gegenden und Gegenstände zu designiren,
das Lazarethwesen in Spandau
Feuerlöschanstalten
Druckerei
zu organisiren,
Kommunikazions-Wege mit Deutschland (im Kriege) vorzubereiten.

Alles dieses erfordert viele Zeit-Berechnungen und Auswahlen. [449] Man gewinnt unendlich, wenn sämmtliche Gegenstände schon ausgearbeitet sind und nur vollzogen werden dürfen. Dann lässt sich binnen acht Tagen — auch allenfalls in vier — das thun, was sonst dieselbe Bearbeitungszeit erfordert.

Würden Euer Exzellenz diese Ansicht genehmigen, so hätte ich ganz gehorsamst zu bitten:

1) dass der Entwurf der Vollmachten für die Gouverneure schleunigst festgestellt,

2) dass mir gestattet werde, mit dem Grafen v. Chasot alles Nöthige zu besprechen und zu reguliren,

3) dass Herr Geheimer Staats-Rath Sack die Authorisazion erhalte, mir alle Akten und Nachrichten über die Provinz und deren Beamte im Geheimen mitzutheilen, deren ich etwa bedarf,

4) dass ich allenfalls ein zuverlässiges Mitglied des Präsidiums oder der Regierung selbst, aus Potsdam, für einzelne Gegenstände zuziehen dürfe.

Auf diese Weise würde es möglich seyn, Alles so auf dem Papier auszuarbeiten, dass es auf den Wink von Euer Exzellenz sogleich ausgeführt werden könnte. Aufsehen wird nicht erregt, und eine unschätzbare Zeit gewonnen.

Geruhen Euer Exzellenz diese Ansicht zu prüfen. Sie entspringt aus der Ueberzeugung, dass man den Krieg nicht provociren, aber im Stillen mit Besonnenheit sich auf ihn bereiten müsse und dass bei seinem Ausbruche Nichts fehlen dürfe, was wesentlich ist. Die Mark zu vertheidigen, ist für Preussen und Deutschland wichtig, aber ohne Mittel eben so unmöglich, als diese erst im Augenblicke des Ueberfalles selbst wählen zu können. Dann kann man für den Erfolg nicht bürgen, und ich würde es mir zum Verbrechen anrechnen, Euer Exzellenz diese Ansicht nicht dargelegt zu haben, da die gestrigen Nachrichten und alle übrigen Umstände, eben so viel Beschleunigung, als Ernst und Besonnenheit zu erfordern scheinen.
Gruner.
B. 21./8. 11.“
Hardenberg scheint nicht zu der Ansicht gekommen zu sein, dass es gut sei, die Vorschläge Gruner’s auszuführen, da er wenige Tage später zu St. Marsan sagte, Preussen rüste für Frankreich, wenn dieses jenes zum Verbündeten haben wolle.
v. Gruner.
  1. Dieses Excerpt liegt nicht bei. Auf dieses Schreiben beruft sich M. Lehmann in seinem Scharnhorst, Band II, pag. 397, Anm. 1.