Zwei Wahnsinnige

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Textdaten
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Autor: Marie Eugenie Delle Grazie
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Titel: Zwei Wahnsinnige
Untertitel:
aus: Italische Vignetten,
S. 101-102
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Breitkopf und Härtel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus „Sorrent“.
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 Zwei Wahnsinnige.


Zwei große Menschen schritten diese Pfade
Und oft steh'n Beide jäh mir vor dem Sinn:
Tasso, der Dichterfürst von Gottes Gnade,
Und Friedrich  Nietzsche .... gleich war ihr Gewinn

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Und Wahnwitz hieß er; Beide weltverlassen

Und unstät, der gepeinigt, der verlacht,
Getrennt wie Sternenbahnen ihre Straßen,
Doch beide mündend in die gleiche Nacht!
Hier Tasso, dem Natur ihr tiefstes Leben

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Und Walten in die Dichterbrust gesenkt,

Ihr mystisch Ringen, ihr geheimstes Weben,
Das wie im Traume schafft, doch schaffend – denkt!
Doch ach! hinweg aus ihres Tempels Frieden
Flieht er zum Kreuz, das sie entgöttert hat,

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Und keine Ruhe winkt ihm mehr hienieden

Und Grau'n umdräuen ihn auf jedem Pfad,
Und zum Gespenste wird, die ihn erlösen
Und retten sollte – seines Glaubens Macht,
Und zum Gespenst wird ihm das eig'ne Wesen:

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Entsetzen packt ihn und Verzweiflung lacht

In seiner Brust und ein dämonisch Bangen
Schlägt ihm die Geierkrallen in's Gehirn,
Und Sünden, Frevel, die er nie begangen
Verfolgen ihn – bis er mit fahler Stirn,

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Den Mund umzuckt von wahnwitzigen Fragen

Zur Heimat kehrt, als such' er nach der Spur,
Dem Hauch des Glück's, von jenen Wundertagen,
Dem Sonnen-Pfad der Zauberin Natur!
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Umsonst! Armidens Gärten sind verschwunden,

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Vergeblich schreit er jetzt nach ihrem Bann –

Er hat ihn mit dem Kreuze überwunden
Und unbarmherzig stiert das Kreuz ihn an! –
Kühn drang der Andere in ihre Tiefen,
Die Brust von prometheischem Trotz erfüllt,

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Wo fromm in ihrem Bann die Menschen schliefen,

Da wollt' er wachen, lauschen, und enthüllt
Die Triebe seh'n, die heimlich sie bewegen,
Und mit ihr – uns! den kalten Forschersinn
Wollt' er als Maß an alle Tiefen legen

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Und dann auflachen: „Lügner – Lügnerin!“

Und aufgelacht hat er – ein gell Gelächter,
Das wie ein Blitz die Nacht des Wahn's erhellt,
Nur daß er, niederfahrend, den Verächter
Zuerst getroffen und den Stamm zerspellt,

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Der kühn sich selbst entwurzelt .... zwischen Beiden

Und ihres Daseins glüher Flammenspur,
Liegt hell im Sonnenglanz der Ewigkeiten
Die alte, riesenhafte Sphinx – Natur!