Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Ewald Friedrich Graf von Herzberg

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Ewald Friedrich Graf von Herzberg
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 179–180
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-179.jpg


Ewald Friedrich Graf von Herzberg.
Geb. d. 2. Sept. 1725, gest. d. 27. Mai 1795.


Als Staatsmann und Gelehrter, als Landwirth und Kulturbeförderer, tüchtig und groß in allem, verdiente sich Graf von Herzberg Neigung und Freundschaft seines großen Königs, wie Dank und Achtung der Nachwelt.

Von Herzberg wurde zu Cottin in Pommern geboren, einem Gute, das seiner alten Familie erb- und eigenthümlich gehörte, und erhielt den ersten Unterricht durch einen wissenschaftlich gebildeten Landprediger, worauf er das Gymnasium zu Alt-Stettin besuchte. Zum Ort höherer Ausbildung durch Studien wählte der junge Edle die Universität Halle, widmete sich auf ihr mit Vorliebe dem Staatsrecht, namentlich dem vaterländischen, brandenburgischen, und nicht minder philosophischen und allgemein juridischen Studien. Bald nach vollendeten Studium wurde Herzberg in Berlin im Ministerium des auswärtigen angestellt und begleitete als Legationssecretair die Gesandtschaft der Kur Brandenburg nach Frankfurt zur Kaiserwahl. Nach der Rückkehr ließ er sich angelegen sein, für den König Friedrich den Großen Materialien zu dessen Denkwürdigkeiten der Mark Brandenburg aus dem königl. Staatsarchiv und andern Archiven zusammen zu bringen, und wurde 1747 Legationsrath. Die Beschäftigungen in den Archiven hatten zur Folge, daß dem jungen Diplomaten eine neue Ordnung des geheimen Staats- und Kabinets-Archives übertragen ward, und dieses bot hinwiederum Stoffe in Fülle für wissenschaftliche Bearbeitung und nutzbare Ausbeute. Herzberg schrieb eine Abhandlung über die erste Bevölkerung der Mark Brandenburg, welche von der königl. Academie der Wissenschaften mit einem Preis gekrönt wurde, dem Verfasser die Würde eines Mitgliedes der königl. Academie verschaffte und ihn zum geheimen Rath und Staatssecretair in der Abtheilung des Ministeriums für die auswärtigen Angelegenheiten erheben half. In dieser wichtigen Stellung war Herzberg ganz am richtigen Platz; er entwarf oder verfaßte die Staatsschriften, welche während des siebenjährigen Krieges für die Oeffentlichkeit bestimmt wurden, größtentheils und besorgte nicht minder den geheimen Staatsbriefwechsel voll Einsicht und Umsicht. Zu diesem höchst wichtigen Amte gehörte ebenso sehr von des Herrschers [Ξ] Seite volles und ungeschmälertes Vertrauen, als von jener des Dieners erprobter Charakter und die nimmer wankende Pflichttreue und Anhänglichkeit an seines Königs Person und Haus.

Herzberg war von der Vorsehung ausersehen, die leitende Hand in den denkwürdigen und politisch wie geschichtlich wichtigen Friedensschlüssen zwischen Rußland und Schweden 1762 und zwischen Preußen und Oesterreich und ihren beiderseitigen Verbündeten zu Schloß Hubertusburg, 1763, zu bieten, und er that dieß mit so vieler staatsmännischer Weisheit, daß sein König den nach Berlin zurückgekehrten mit den freudigen Worten entgegentrat: »Mein lieber von Herzberg, Sie haben einen guten Frieden gemacht, fast so wie ich den Krieg geführt habe, einer gegen drei!« Die sofortige Ernennung des geheimen Rathes zum Staats- und Kabinetsminister war dessen anerkennender Lohn.

Als die ewige Macht, welche die Geschicke der Völker in ihrer Hand wägt, trotz aller nationalen Widerstrebung die Theilung Polens über dieses Land verhängte, in welcher Rußland den Löwentheil und Preußen das mindeste erlangte, war es wieder Herzberg, der für seines Königs Interesse wirkte und handelte, ebenso war der große Staatsmann in den Verhandlungen über die bayrische Erbfolge thätig, und nicht minder betrieb er vor allen den Abschluß des Friedens zu Tetschen. Dem Bestreben Kaiser Joseph’s, sich den Besitz von Bayern zu gewinnen und anzueignen, wirkte Herzberg mit aller Macht seines Geistes entgegen und hatte großen Antheil am Zusammentritt des Fürstenbundes, der 1785 erfolgte und jenes Pläne und Absichten vereitelte.

Als des großen Königs Tage sich zum Ende neigten und er nur noch wenige seiner wahrhaft Getreuen um sich sehen mochte, gehörte Herzberg zu diesen wenigen auserwählten, und der sterbende König empfahl ihn vorzugsweise seinem Nachfolger auf Preußens Königsthron.

König Friedrich Wilhelm II. erfüllte gern den Willen seines unsterblichen Vorgängers, er erhob den Staatsminister von Herzberg in den Grafenstand, schmückte ihn mit dem schwarzen Adlerorden und ernannte ihn zum Curator der königl. Akademie der Wissenschaften mit Beibehaltung all seiner amtlichen Stellen und seines politischen Einflusses. Dieser letztere jedoch fand seinen Wendepunkt im Congreß zu Reichenbach, das Vertrauen war nicht mehr das alte, gewohnte. Graf Herzberg forderte und erhielt im Jahre 1791 seine Entlassung aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegen heilen, und behielt blos die Curatel der Akademie und die Oberaufsicht über den Seidenbau in Preußen. Diesen pflegte er praktisch mit größter Vorliebe, ein ächter Vorläufer von Türck’s, und wie er für die königliche Akademie der Wissenschaften thätig blieb und bemüht war, die Zahl ihrer Mitglieder durch wackere deutsche Gelehrte zu mehren, statt einem starren Ab- und Ausschließungssysteme zu huldigen – so förderte er auch mit lebhaftem Eifer die Landeskultur, unterhielt auf seinem Gute Britz bei Berlin eine Musterlandwirthschaft und verwendete höchst bedeutende Summen seines eigenen Vermögens auf den Seidenbau. Auch dem Schulwesen lenkte er lebhaften Antheil zu, ließ Schulhäuser erneuern, beschenkte die Lehrer, und war auch als Schriftsteller auf dem staatsmännischen Literaturfelde thätig. Dennoch trieb sein patriotisches Gefühl ihn an, zu einer Zeit, 1793, in wichtiger Staatsangelegenheit Rath ertheilen zu wollen, den er jedoch mehrfach zurückgewiesen sah. Er machte die Erfahrung, der – sei es früher, sei es später – kein wahrhaft verdienter und hochbegabter Mann entgeht, mißkannt zu werden, und besaß nicht Stolz genug, die Mißkennung mit philosophischer Ruhe zu ertragen, er grämte sich über dieselbe und starb. Von den 70 Jahren seines thätigen, ruhm- und ehrenvollen Lebens gehörte fast ein halbes Jahrhundert dem Dienst des preußischen Königshauses und Staates, und neben Rang und Titeln, Würden und Orden bewährte er den rein menschlichen und edeln Charakter, der noch ungleich schwerer als jene wiegt.