Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Immanuel Kant

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Immanuel Kant
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 209–210
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Immanuel Kant.
Geb. d. 22. April 1724, gest. d. 12. Febr. 1804.


Kant war einer der größten Denker Deutschlands, welcher in der Philosophie neue Bahn brach, eine neue Schule begründete, durch ein langes Leben hindurch seiner Wissenschaft mit unablässigem Fleiße treulich diente und sie in weiten Kreisen förderte.

Ein Riemermeister zu Königsberg in Preußen war Kant’s Vater; die Familie, welche sich Cant schrieb, war schottischen Ursprunges, die Mutter hatte eine sehr fromme Gemüthsrichtung und ihrem Wunsche war es wohl hauptsächlich zuzuschreiben, daß der Sohn sich der Theologie zu widmen Neigung zeigte, doch versäumte er neben der Dogmatik nicht die Philosophie, zu der es ihn am meisten hinzog, so wenig wie die humanistischen und mathematischen Studien.

Schon mit 22 Jahren trat der junge Philosoph mit einem Werke auf: »Von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte«, dem bald mehrere gediegene Abhandlungen folgten, und er hätte wohl am liebsten gleich die Laufbahn eines akademischen Lehrers begonnen; da aber die Umstände dieß nicht gestatteten, so bekleidete er nacheinander einige Stellen als Hauslehrer und benutzte die Musse seiner Freistunden zu immer tieferem Eindringen in seine Lieblingswissenschaft, die ihn freilich weit über die eingezogene und begrenzte Sphäre des Hofmeisterlebens hinaus trug. Endlich gelang es seinem fortgesetzten Eifer, die philosophische Magisterwürde im Jahre 1755 zu erlangen; fast gleichzeitig trat er mit seiner »allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt« – auf, welches Werk er, damit es um so mehr Aufsehen errege, Friedrich dem Großen widmete. Es erregte aber keineswegs das gewünschte Aufsehen, denn der König las es nicht und das gelehrte Publikum las es eben so wenig, ein Schicksal, das nach dem bekannten Spruch bis auf den heutigen Tag gar viele Bücher haben, sie mögen Königen gewidmet sein oder nicht. Später deuteten andere Kants Forschungen und Ideen glückhaft aus, ohne daß der Philosoph ihnen deshalb zürnte.

Er las nun als Privatdocent an der Universität Königsberg über Logik, Metaphysik, Physik und Mathematik [Ξ] mit ungemeinem Beifall, verschmähte es aber, sich Geld zu machen, lebte in Dürftigkeit dahin und legte für einen Nothfall nur 20 Friedrichsd’or zurück, schrieb vieles und tüchtiges, und begründete durch seine »Kritik der reinen Vernunft« und die »Kritik der praktischen Vernunft« hauptsächlich die nach ihm benannte philosophische Lehre, welche sich großen Beifall und zahllose Anhänger erwarb, der es aber auch nicht an Gegnern fehlte, wie es nicht anders sein konnte, denn noch hat keiner ein philosophisches System aufgestellt, das nicht umzustürzen und zu beseitigen und eigenes oder auch nur ungeeignetes an dessen Stelle zu setzen, andere begierig lauerten.

Aller Verdienste um seine Wissenschaft ungeachtet, blieb der berühmte Mann dennoch an der vaterländischen Hochschule Königsberg 15 Jahre lang Privatdocent, und dauernd in dürftigen Verhältnissen, die er mit stoischem Gleichmuth trug. Als sich im Jahre 1756 die Professur der Philosophie erledigte, suchte Kant dieselbe zu erlangen – es war vergebens. Eben so wenig gelang es, eine 1759 sich erledigende Stelle zu bekommen. Mittlerweile war Kant’s wohlerworbener Ruhm endlich doch bis zu dem König durchgedrungen, und Friedrich der Große befahl nun, die erste Professur, welche sich in der philosophischen Facultät erledigen werde, Kant zu übertragen, und siehe da, es erledigte sich zuerst ein Lehrstuhl der Dichtkunst, und um ein Haar wäre der große Philosoph, der vielleicht nie in seinem Leben ein Gedicht geschrieben, Professor der Poesie zu Königsberg geworden, wenn er nicht mit richtigem Gefühl die Stelle ausgeschlagen hätte. Eine 1766 übernommene Bibliothekaufseherstelle mit geringem Gehalt gab er nach wenigen Jahren wieder auf, da seinem hohen Geist das Vorreiten der sogenannten Paradepferde und die Handlangerei ohne selbstständige eigentliche bibliothekarische Wirksamkeit unmöglich zusagen konnte. Erst im Jahre 1770, bereits 46 Jahre alt, wurde Kant ordentlicher Professor. In der Inauguraldisputation, welche Kant bei dieser Gelegenheit schrieb und vertheidigte, stellte er seine eigenthümlichen Theorien über Zeit und Raum auf.

Im Jahre 1780 trat Kant in der Eigenschaft eines vierten Professors der philosophischen Facultät als Mitglied in den academischen Senat ein und wurde 1786 zum ersten male Rector der Hochschule; jetzt sah er sein Einkommen gemehrt, erlangte die Mitgliedschaft der Berliner Akademie und empfing nach einander mehrere Rufe in das Ausland, nach Mitau, Halle, Jena, Erlangen etc., lehnte aber alle ab und blieb seinem lieben Königsberg treu, über dessen Grenzmarken er kaum einmal in seinem Leben hinausgekommen war. Dort war er der allbeliebte Professor, dort wirkte er durch die geistvollsten Verträge belehrend, bildend, mannichfach anregend; wer ihn gehört hatte, pries sich glücklich, Kant’s Schüler gewesen zu sein, obschon manche seiner Vorträge die ungetheilteste Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Seine Vorträge hielt er frei, er war keiner von denen, die kein Wort weiter sagen, als was im Buche steht; jeden einzelnen Vortrag belebte ein frisch lebendiger Hauch des Geistes.

So lebte und lehrte Kant bis zum Jahre 1794, da störte ihn das durch den übel berüchtigten Schwärmer Wöllner veranlaßte Religionsedict König Friedrich Wilhelm’s II. und eine gegen Kants Schrift: »Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft« gerichtete Cabinetsordre in seinem geist- und lichtvollen Wirken. Kant vertheidigte sich würdevoll, setzte dem beschränkten und beschränkenden Behördenverstand die Freiheit der Facultäten entgegen, trat ab von dem Schauplatz seiner ruhmgekrönten Thätigkeit, und lebte noch 10 Jahre eines ächt philosophischen Daseins, höchst diät, höchst geregelt, niemals krank, stets bei gutem Appetit, den ihm selbst ein Wöllner nicht zu verderben vermochte; dabei war und blieb er heiter, gastfrei und ein großer Verehrer der Kochkunst, welche Einsichtvolle mit Recht zu den schönen Künsten zählen. Ein alter Diener, Namens Lampe, diente und pflegte ihn, und sorgte redlich für den nöthigen appetitfördernden Aerger, bis der letztere ganz zum Cyniker wurde und entlassen werden mußte. Endlich aber sank bei Kant die lang bewährte Kraft des Geistes, wie die des zart gebauten Körpers, die Natur heischte ihren Zoll und er trat ihr denselben gern und willig ab, indem er den sanften Tod eines wahren Weisen starb.