Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Veit Döll

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Veit Döll
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 81–82
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Johann Veit Döll.jpg


Johann Veit Döll.
Geb. d. 1. Febr. 1750, gest. d. 15. Oct. 1835.


Plastischer Künstler von bedeutendem Rufe, dem es gelang, aus geringen Anfängen sich zu hoher Ausbildung emporzuschwingen, und der dennoch die ächt deutsche schlichte Einfachheit des Wesens und der Erscheinung sich bewahrte, wie sie den Meistern des Mittelalters eigen war und wie sie unsterblich in manchem treuen Künstlergemüthe noch heute fortlebt, während der Genius, unerschöpflich schöpferisch thätig, vollendetes zeugt und unsterbliches vollbringt.

Döll wurde zu Suhl im damals noch königlich sächsischen Henneberg geboren, der Vater war dort städtischer Braumeister, der Großvater Viehhirte. Schon im siebenten Jahre verlor Döll den Vater, doch nahmen Mutter und Großmutter sich seiner liebend an; der Knabe mußte mit seinen Geschwistern fleißig Wolle spinnen, und nach vollbrachter Arbeit durfte er in den Wald zu des Großvaters Heerde laufen, wo er die Liebe zur Natur mit vollen Athemzügen in sich sog, doch fehlte in der Hirtentasche des Alten auch nicht manch nützliches oder erbauendes Buch. Die dem Thüringer Wäldner angeborene Musikliebe erwachte auch in dem kleinen Döll, er erhielt einigen Unterricht im Klavierspiel, lernte bei seinem Bruder, einem geschickten Büchsenschäfter, etwas bossiren und trat ebenfalls in das Gewerk der Büchsenschäfter als Lehrling ein, in dem er, die Gesellenjahre hinzugerechnet, 6 Jahre bei harter Arbeit und geringem Verdienst ausharrte. Bald auch lernte er zeichnen, etwas malen und vor allem graviren, eine bei der in Suhl so schwunghaft betriebenen Gewehrfabrikation unentbehrliche Kunst. Neigung und Fleiß ließen ihn von 1768 an gute Fortschritte im kunstvollen Schneiden des Stahles machen, und 1772 ergriff er eine Veranlassung, sein Glück in der Fremde zu versuchen. Er reiste nach Wien, nahm Arbeit in einer Goldarbeiterwerkstätte, gravirte Uhren, Dosen u. dgl., arbeitete dort 15 Monate in äußerst gedrückter Lage und verließ endlich nothgedrungen, da man ihn nicht entlassen wollte, heimlich das ihm widerwärtig gewordene Haus. Auf der Heimreise wollte Döll in Dresden einen Mutterbruder aussuchen, den Hof-Steinschneider Klett; im Thore traf er einen militärischen Henneberger Landsmann, der ihn, unter dem Vorwand hin [Ξ] zu Klett zu fuhren, nach dem Quartier seines Hauptmannes brachte, und so sah Döll sich plötzlich zum Soldaten gepreßt. Als er eingekleidet war, sah ihn ein anderer Landsmann, ein Grenadier, der zu seiner Befreiung verhalf, die dem Oheim nicht ohne Mühe gelang. Letzterer beschenkte Döll mit vielen Kunstarbeiten und Reisegeld, und so kam er wieder nach Suhl zurück. Dort unternahm er ein Graveurgeschäft in colorirt vergoldeten Tomback, und seine Stücke fanden vielen Beifall, gab aber bald, zum höheren vorschreitend, die bisherige Gravur auf und arbeitete vertieft, er wurde Siegel- und Stempelschneider; endlich ging er auch zum schwierigsten seiner Kunst, zum Steinschneiden über, dessen Technik er in der kurzen Zeit von 8 Tagen bei seinem Onkel in Dresden, der einer der geachtetsten Meister in dieser Kunst war, erlernte, und dann sich mehr und mehr durch eisernen Fleiß vervollkommnete. Döll bildete seinen Geschmack sowohl nach antiken Mustern, als nach den Arbeiten eines Hedlinger und Goß, nahm vom ersteren das geniale, von letzterem die Korrektheit der Zeichnung an; sie waren seine stummen Lehrer, andere hatte er nicht; er war in seinem letzterwählten Kunstfach beinahe völlig Autodidact.

Neben der Kunst, welche Dill eifrig in seiner Vaterstadt betrieb, bekleidete er in dieser auch noch ein anderes Amt, er war seit 1774 Organist an der Kreuzkirche in Suhl und völlig Meister seines schwierigen Instrumentes. Im Jahre 1777 verheiratete er sich und im folgenden Jahre erhielt er das Prädicat eines kursächsischen Hofgraveurs. Sein Leben war fortwährend das eines fleißigen, sinnenden ächt deutschen Künstlers; glücklich in Uebung seiner Kunst, im Schooß der Familie, im Umgang mit nur wenigen auserwählten Freunden, mit denen er seine musikalischen Genüsse theilte – Freunde, die er aber nach und nach alle vor sich dahinscheiden sah – flossen ihm die Jahre dahin. Durch das Lesen gediegener Werke bildete er seinen Geist immer weiter aus und bereicherte seine künstlerischen Ideen. Vom Jahr 1796 an wurde er für die Loos’sche Medaillenanstalt in Berlin beschäftigt und im darauf folgenden Jahre dorthin berufen, um am Orte selbst mehr fördern zu können. Döll schnitt in einem Zeitraum von fast 20 Jahren für Loos gegen neunzig Medaillenstempel mit Figuren und Allegorien, und oft sehr zusammengesetzte und schwierige. Mancher Sammler Loos’scher Medaillen besitzt treffliche Arbeiten aus Döll’s Meisterhand, auf denen ein anderer Name als der seine steht; Siegel in Stahl oder in Stein hat Döll bis zum Jahre 1809, ohne die einfachen Buchstabensiegel, 500 geschnitten. Er erwarb sich den Ruf eines der ersten Steinschneider der Neuzeit und lieferte mehrere unübertreffbare Meisterwerke, so eine Hebe, die Zeus Adler füttert, einen Antinous in Chalzedon, einen Herkules, den nemeischen Löwen erdrückend, einen Perikles, einen Negersclaven, ein Brustbild Goethe’s in Pyrop (letzteres in unserem Besitz). Vor allem werthvoll ist Döll’s kleines Pantheon in sibirischen Amethyst, das in den Besitz des Herrn Senator Opitz in Suhl gelangte. Dabei war Döll ein denkender Künstler und der Feder vollkommen mächtig. Im 13. Stück von Meusel’s Museum für Künstler und Kunstliebhaber sprach er sich sehr gediegen aus über das Verhältniß der antiken Steinschneidekunst zur modernen. Berlin sagte seiner Thüringerwaldnatur nicht auf die Dauer zu, und konnte derselben nicht zusagen; er kehrte zur schönen Heimath zurück und athmete froher und freier zwischen ihren grünen Bergen. Im Jahre 1811 wurde Döll Organist an der Hauptkirche zu Suhl, und im October 1824 feierte er das Jubelfest seiner Doppelkünstlerschaft als Hofgraveur und Organist, bei welchem der König von Preußen ihm den rothen Adlerorden verlieh. Die Berliner Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften hatte ihn bereits 1808 zum Mitglied ernannt. Döll war jetzt bereits ein Greis von 74 Jahren und die Arbeit in Stein hatte er nun aufgegeben, allein in Stahl arbeitete er noch immer fort mit rastlosem Fleiß, denn Arbeit war seine Freude, sein Glück, und als achtzigjähriger Greis arbeitete er immer noch. Aus dieser Zeit rührt eine höchst gelungene Medaille auf Thassilo, den als Stammvater des Hauses Hohenzollern angenommenen ersten Grafen von Zollern, von Döll her.

In ruhiger Klarheit neigte sich ihm der späte Lebensabend. Von acht Kindern überlebte ihn nur ein Sohn, der großherzoglich badensche Hofmedailleur und Münzmeister Carl Wilhelm Döll in Carlsruhe, welcher, dem Vater gleich, in schöner Begabung als Plastiker und Musiker wirksam wurde. Zu Döll’s talentreichsten Schülern zählt sein eigner Enkel, der Steinschneider Rudolph Stadelmann in Suhl, den aber in Neapel, wo er für die Rothschild’sche Münzstätte thätig war, der Dolchstich eines Banditen, welcher, von der geschützten Brust abgleitend, das eine Auge traf, für die fernere Uebung seiner Kunst unfähig machte, und Tubal Höfling, königlich preußischer Hofgraveur und Senator daselbst, welcher das Bild seines trefflichen Meisters zum Behuf einer Denkmünze in Stahl schnitt, während der Sohn den Revers fertigte. Leider ist diese Medaille nicht erschienen. Herr Höfling modellirte auch, neben andern schätzenswerthen Arbeiten, Döll’s Brustbild in Wachs und hatte die besondere Güte, das obenstehende Brustbild eigens für diese Lebensskizze seines dankbar verehrten Meisters zu zeichnen.

Dauerbar, wie ein schöner Edelstein, wird Döll’s Künstlername unter den wenigen Namen derer fortglänzen, die sich in der so äußerst schwierigen Kunst des Edelstemschnitts als wahrhafte Künstler hervorgethan haben und hervorthun.