Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Wilhelm Ludwig Gleim

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 141–142
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-141.jpg


Johann Wilhelm Ludwig Gleim.
Geb. d. 2. April 1719, gest. d. 18. Febr. 1803.


Vater Gleim! Wem hätte nicht unter Deutschlands Gebildeten irgend einmal dieser Name die leider verschwundene ächtdeutsche Gemüthsfülle in das Herz getönt? Sie ist für immer dahin, diese Zeit der Poesie, diese Zeit inniger gegenseitiger Hingebung, freudiger Anerkennung, es giebt solche Dichternaturen nicht mehr, wie die Gleim’s war; an die Stelle der Freundschaft und Liebe ist mehr und mehr die gemüthlose Kritik getreten, die sich höher und mächtiger dünkt, als die schöpferische Kraft der Poesie, und jede sonstige selbstständig hervorbringende Thätigkeit, welche sich die Aufgabe stellt, durch gediegene Poesiewerke die Welt zu erfreuen, und in ihr den Sinn für das Schöne neu zu beleben.

Gleim kam in dem Halberstädtischen Städtchen Ermsleben an einem Palmsonntag zur Welt, verlor als Knabe schon den Vater, und erhielt seine Schulbildung in einer Anstalt im Dorfe Oberbörneke, von da aus kam er in die Oberpfarrschule zu Wernigerode, die ihn vollends zum Besuch der Hochschule vorbereitete. In Wernigerode nahm sich Graf Christian Ernst zu Stolberg des sehr mittellosen Knaben gütig an, bis im Jahre 1738 Gleim nach Halle ging. Er wählte dort die Rechtswissenschaft zum Studium, schloß die Bande schöner akademischer Jugendfreundschaft mit Uz, Nikolaus Götz, Rudnick u. A. und wurde dann, nachdem die Hoffnung auf eine Stelle im dänischen Dienst, gewiß zu seinem Glück, fehlgeschlagen war, Hauslehrer bei dem Obersten des ersten Gardebataillons in Potsdam. In dessen Hause lernte ihn Prinz Wilhelm, Sohn des Markgrafen Albrecht zu Brandenburg Schwedt kennen und schätzen, und bediente sich seiner als Secretair. Durch diese Stellungen dem Militair nahe gebracht, knüpfte sich Gleims Bekanntschaft mit dem Lieutenant Ewald von Kleist an, die zur seelenvollsten Freundschaft erglühte; ebenso bot sich dem für edle Freundschaft warm empfänglichen Herzen Gleim’s die Nähe Spalding’s, Rammler’s und Graun’s, wie sich zugleich eine große Vorliebe für den Kriegerstand in ihm ausbildete. Dieser dankte er es, seinem Prinzen beim Ausbruch des zweiten schlesischen Krieges, 1744, mit in das Feld folgen zu dürfen, wo er sich gleichsam waffenbrüderlich zu seinem Kleist hielt, und mit ihm [Ξ] gemeinsam dichtete. Leider erlebte er den Schmerz, seinen geliebten Gebieter, den Prinzen Wilhelm, durch eine Kanonenkugel in seiner Nähe niedergeschmettert zu sehen, dessen Verlust er mit heißen Thränen beweinte.

Eine Stellung in gleicher Eigenschaft als Secretair, die ihm beim alten Dessauer, auf eigene Empfehlung König Friedrichs II., zu Theil ward, hielt Gleim nicht lange aus, denn diese beiden Naturen paßten wirklich nicht zusammen. Gleim ging nach Magdeburg und Berlin, wurde von Berlin aus durch den Domherrn v. Berg 1747 dem Domkapitel zu Halberstadt als Secretair vorgeschlagen und angenommen. Von da an begann für den Dichter, welcher bisher schon sich vielfach in naiver, anakreontisch-lyrisch-tändelnder Weise versucht hatte, eine schöne, glückliche Zeit. Seine »Kriegslieder«, zuerst nach Art fliegender Blätter in und unter das Volk gestreut, athmeten eine höhere und edlere Begeisterung, wagten kühneren Aufflug, wandten dem »preußischen Grenadier«, wie der Dichter sich nannte, alle patriotischen Herzen zu. Die, welche auch seine übrigen Lieder, die scherzhaften, heitern, sinnlichen Genuß preisenden, befriedigten, nannten Gleim den deutschen Anakreon, ein bescheidenes Lob, doch hatte Gleim mit den anakreontischen Liedern Kleist’s Muse geweckt, und schon dadurch seine wichtige Sendung auf Erden, anzuregen, aufzumuntern, geistig zu fördern, das Reich der Schönheit anzubauen, die Zaubergärten der Poesie durch treue Gärtner pflegen zu lassen, mit Glück begonnen. Auch der Karschin nahm Gleim sich väterlich an, dem Dichter Michaelis, der sich wie so viele andere, der Poesie ohne nachhaltige Begabung und ohne etwas Rechtes lernen und treiben zu wollen, in die Arme geworfen, drückte Gleim die Augen zu, Klamer Schmidt wurde durch ihn auf das erfreulichste gefördert, auch Voß, Tiedge, Jean Paul, zog Vater Gleim an sein Herz, und bald sah sich der Dichtervater im Mittelpunkt fast des ganzen damals bedeutenden deutschen Poetenkreises stehen, gleich einer hellen Sonne voll ächter Wärmestrahlung. Klopstock neigte sich ihm vor allen mit herzlicher Liebe zu und fand bei ihm Trost im Schmerz; andere folgten, Gleim’s Haus in Halberstadt, und später in Walbeck, wo er ein Canonicat erhalten hatte, war ein Poetenasyl. Er blieb in Folge einer tiefschmerzlichen Herzenstäuschung unvermählt, und suchte in der Freundschaft das Glück des Herzens, das ihm die Liebe versagte, daher wurde ihm stete Gastlichkeit nicht schwer, da er selbst in einfacher Weise hinlebte, auch die Einfachheit jener Zeit die Ansprüche der späteren nicht kannte. Persönlicher Freundesumgang und ein überaus umfassend geführter Briefwechsel nach allen Richtungen, fast nach jedem Winkel hin, wo irgend ein Poet oder eine Poetin saß, verschönte sein langes Leben neben dem Schmucke, den er diesem durch seine Lieder verlieh. Gleim ahmte nach und übersetzte horazische Oden, anakreontische Dichtungen, deutsche Minnesängerlieder, zu denen Bodmer’s Sammlung ihm die Bahn brach und die Liebe weckte, schrieb »Lieder für das Volk«, »die Preußischen Kriegslieder«, voll Kraft und Feuer, wo die ewige Vergleichungssucht den deutschen Anakreon nun wieder als deutschen Tyrtäus pries, dichtete Elegien, Romanzen und Fabeln, letztere meist nach Phädus und Lafontaine, ja er versuchte sich auch in dramatischen und didaktischen Gedichten, und gab auch freundschaftliche Briefe heraus, welche als Poesien lange nicht den Werth haben, wie die wirklich trefflichen Briefe, die er ohne Absicht für den Druck an seine Freunde schrieb. Auch Satyren und Sinngedichte schrieb der fleißige, nie rastende Poet, erreichte aber in keiner seiner Schöpfungen mehr geistige Höhe, als in seinen Kriegsliedern und seinem »Halladat oder das rothe Buch«, in welchem letzteren alkoranische Weisheit und der Geist von Lessing’s Nathan weht.

Freundschaft verklärte Gleim’s Leben bis zum hohen Alter, in das er die Jugendfrische einer reinen und edlen Seele rettete, auch die Musen verließen ihn nicht und verleiteten ihn, noch mit erlöschenden Kräften zu dichten. Da nun diese Altersschwäche scharfen Tadel der Kritik fand, so warf letztere ihren Wermuth in den sonnengoldnen Abendtrunk des liebenswürdigen Dichter-Greises, und trübte diesen ganz ohne Noth. Indeß auch diese Schmerzen wurden überwunden; und Vater Gleim blieb den Poeten Vater Gleim, wie er in dem ihm eng verbundenen gräflich Stolberg’schen Hause nur der Onkel genannt ward. Dem französischen Freiheitschwindel, der Tyrannenriecherei und den Weltbeglückungsträumen der Philosophen der Revolutionszeit schloß Gleim sich völlig ab, durchschauend, was da keimen und kommen wollte, obschon sein irdisches Auge sich dem Lichte verschloß, ein blinder Seher, ein Ossian des preußischen Königshauses, wie die unvergeßliche hochherrliche Königin Louise von Preußen selbst ihn nannte; er konnte dem wälschen Freiheitgezeter kein günstig Ohr leihen, er sah mit prophetischer Ahnung Deutschlands Unglück voraus. – So reiste der edle Vater Gleim der Verklärung zu, und ordnete noch scheidend an, daß Urnen mit den Namen seiner vorangegangenen Freunde seinen Grabhügel umstehen sollten, der in seinem Garten vor Halberstadt sich ihm unter Segnungen und Thränen wölbte.