Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Christoph Ritter von Gluck

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Christoph Ritter von Gluck
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 143–144
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-143.jpg


Christoph Ritter von Gluck.
Geb. d. 14. Febr. 1714, gest. d. 13. Nov. 1787.


Unter den Sternen am Himmel der deutschen Tonkunst einer der strahlendsten, unter den deutschen Meistern der Tondichtung einer der unerreichten – vielleicht kaum erreichbaren. Der unbedeutende Ort Weidengen in der Oberpfalz ließ Gluck das Licht der Welt erblicken, der böhmischen Grenze nah, und der musikalische Genius, der über Böhmens Bergen schwebt, küßte dem Knaben den Kuß der Weihe. Frühzeitig der Musik mit vollem Seelenantheil sich zuwendend, kam Gluck nach Prag, bildete dort sich aus und reiste im Jahr 1738 nach dem klangreichen Italien, fand in Mailand bei dem Prinzen Melzi zuerst eine feste Stellung und entfaltete nun mehr und mehr die mächtigen Schwingen seines Genius. Es genügte Gluck nicht, auf die höchste Stufe der Opernschöpfung zu treten, wie letztere damals war, er wollte neue Bahnen brechen in seiner Kunst, das veraltete beseitigen, den Schlendrian und schnöden Klingklang bannen; der vollste musikalische Ausdruck der Gedanken und Gefühle und die reinste Wahrheit waren die Endziele seines kräftigen Strebens. Die erste Oper, mit welcher Gluck vor das Publikum trat und es entzückte, war Artaxerxes, schon ein Werk voll Mannesreife, den Text begreifend und richtig würdigend, nicht ihn unterordnend und nicht, wie so viele Tondichter thun, ihn als den todten Leichnam betrachtend, dem sie erst Leben und Seele einhauchen, indem sie ihn mit der möglichsten Willkühr mißhandeln und verstümmeln oder durch endlose selbstgefällige Wiederholungen ihn ausspinnen und dehnen. Alles, was bisher für ansprechend und schön gegolten hatte, die wälschen Schnörkel und unnützes Beiwerk, verwarf Gluck und gründete sich dauernden Ruhm auch durch seine folgenden Opern: Demetrius, der Sturz der Giganten, zuerst 1745 in London zur Aufführung gebracht, dann Orpheus, Alzeste, Armida. Kopenhagen, Wien und Paris sahen nun nacheinander den großen Tonkünstler in ihren Mauern, und in letzter Stadt kam Glucks unsterbliche Iphigenie in Aulis, Text von dem französischen Dichter Bailli de Rouet zur Aufführung, alle Herzen entzückend, obschon der Aufführung Anfangs große Schwierigkeiten entgegengethürmt [Ξ] wurden, wie das kaum anders sein konnte, die Pariser einem Ausländer, einem Deutschen gegenüber. Aber da erschien Gluck, der nun schon ein Mann von 60 Jahren war, kam, ward gehört und siegte. Bald verdrängten auf eine Zeit lang seine aus dem italienischen in das französische übertragenen Opern alle übrigen, eine großartige Umwandlung des Geschmackes in der theatralischen Musik erfolgte, wie sie auch in der Gegenwart uns bevorsteht, wenn auch viele dieß noch bestreiten und an die neue Epoche der dramatischen Musik nicht glauben wollen. Die entzückten Franzosen setzten Gluck eine Pension von 6000 Livres auf Lebenszeit aus, ernannten ihn zum Pensionair der Akademie der Musik, und stellten seine Büste neben denen ihrer größten und gefeiertsten Tonkünstler auf. Binnen 2 Jahren ging Iphigenie 170 mal über die Bühne der großen Oper, ein damals außerordentlicher Erfolg. Gluck schuf noch die Opern Iphigenie in Tauris und Echo und Narciß, welche ebenfals den größten Beifall fanden. Mit einem ansehnlichen Vermögen, denn seine Werke wurden sehr gut honorirt, ging Gluck im Jahre 1787 nach Wien zurück; er war ein Freund Mozarts, dessen Stern damals im Zenith des Ruhmes Deutschland bestrahlte, und früher als die Freunde ahneten, ging Glucks Lebensstern unter, noch in demselben Jahre. Was Gluck so groß, seinen Ruhm und seine Werke so dauernd machte, war die Würdigung des deklamatorischen Ausdrucks; er opferte den Text nicht den Launen der Sänger, denen ganz einerlei ist, ob sie Unsinn singen, wenn sie nur schön singen. Daher fand er auch Gegner; solche, die nur Melodie und nichts als Melodie von der Oper forderten, und die ihn nicht begriffen, nicht die Höhe seiner Originalität, nicht die Tiefe des künstlerischen Geistes seiner Tonschöpfungen. Klassisch einfach und großartig, mächtig ergreifend und überwältigend wirkt Glucks Musik heute noch. Keiner bat Gluck übertroffen, wenige reichen an ihn hinan. Zu diesen wenigen zählt in der Neuzeit Richard Wagner, der Dichter und Tonsetzer des Lohengrin, des Tannhäuser. In ihm lebt Glucks Genius, er wird die deutsche Oper läutern, oder in seinem hohen Streben untergehen; in beiden Fällen wird es ihm ergehen wie es Gluck erging, er wird mehr bewundert, als geliebt sterben.