Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Justus Möser

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Justus Möser
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 265–266
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Justus Möser.
Geb. d. 14. Dez. 1720, gest. d. 7. Jan. 1794.


Möser’s Name hat noch so hellen Klang im Vaterlande, daß es nur der Nennung desselben bedarf, um das Bild eines gefeierten deutschen Gelehrten, Staatsmannes und Patrioten frisch zu beleben. Er wurde zu Osnabrück geboren, wo sein Vater das Doppelamt eines Consistorialpräsidenten und Kanzleidirektors bekleidete. Als Knabe war Justus sehr aufgeweckt und munter, und tummelte sich mit Altersgenossen fleißig in Feld und Garten. Ueber sein Knabenleben hat er selbst berichtet. Aus Furcht vor Strafe entwich er in seinem 14. Jahre seinen Aeltern und lief nach Münster; hungernd und fast bettelnd ging er zurück, und die Strafe wurde ihm erlassen, man war froh, ihn wieder zu haben. Sein Lebenslauf war auch nicht, wie er sich selbst ausdrückt, von gelehrten Streichen leer. »Der nachherige Senior Bertling in Danzig, der Helmstädt’sche Professor Lodtmann und ich, wir haben im 12. Jahre unsers Alters eine gelehrte Gesellschaft errichtet«. Die kleinen Gelehrten erfanden sich eine eigene Sprache, in der sie Ausarbeitungen niederschreiben wollten, und fertigten sich eine Grammatik und ein Wörterbuch derselben an. Einer ihrer Lehrer prügelte den Knaben ihre neusprachliche Bestrebung aus dem Sinne. Möser’s Phantasie war äußerst lebhaft und sehr nervös gereizt. Er pflegte sich gern selbst zu beobachten. Er lernte rasch, wenn auch nicht allzu fleißig, und besuchte die Hochschule zu Jena 1740 und 1741, wo er die Rechtswissenschaft studirte und darauf 1742 dieses für seinen Geist und für seine Begabung gleich anziehende Studium zu Göttingen fortsetzte. Nach der Rückkehr in die Vaterstadt trat Möser in derselben zuerst als Anwalt auf und fand Anlaß, in wichtigen Angelegenheiten Sachwalter der Stadt Osnabrück selbst zu werden, die ihn 1747 zum advocatus patriae wählte, worauf nicht lange darauf auch die Landritterschaft ihn zu ihrem ständischen Secretair und Landstand auserkor. Möser entsprach nach jeder Richtung seiner Aemter und Geschäftszweige hin dem ihm zu Theil gewordenen Vertrauen, und machte sich mitten in seinen Amtsgeschäften auch durch zahlreiche geschichtliche, publicistische, juristische und volkstümliche Schriften den geachetsten Namen, ohne daß ihm daran gelegen war, [Ξ] als Schriftsteller zu glänzen. Sein Styl aber, einfach und allverständlich, erhob ihn zum Range eines der ersten deutschen Prosaisten seiner Zeit. Von reiner Vaterlandsliebe erfüllt, schrieb er das Intelligenzblatt Osnabrücks vom Jahre 1766 bis 1782, und suchte in demselben sein Publikum für guten Geschmack, Antheil am Vaterlande, häuslichen Sinn und dergleichen zu gewinnen. Er behandelte seine Gegenstände oft mit köstlichem Humor und unvergleichlicher Laune. Aus den zahlreichen Leitartikeln jener Intelligenzblätter entstand das Sammelwerk Möser’s: »Patriotische Phantasien«, Phantasien, die oft sehr nackte Wahrheiten enthielten und nichts weniger als poetische Fiktionen waren. Dieselben erschienen in zwei Theilen zuerst 1775 und 1776, eine neue Auflage folgte bald, ebenso der dritte und vierte Theil 1776 und 1786, und endlich besorgte noch 1801 Möser’s Tochter eine dritte vermehrte Auflage. Goethe, welcher Möser sehr verehrte, stand mit dieser Tochter in anziehendem Briefwechsel. Möser wollte auch der sehr gründliche Geschichtschreiber seines Vaterlandes, des Bisthums Osnabrück, werden, zu dessen Geschichte er schon in jüngern Jahren Materialien gesammelt, allein er legte die Ausführung des verdienstvollen Werkezu weitschichtig an und führte es nur bis zum Jahre 1192. Es erschien seine Osnabrückische Geschichte mit Urkunden in 2 Theilen und wurde einigemale neu aufgelegt. Möser’s Geist weckte gleichsam eine eigenthümliche patriotisch strebsame Osnabrückische Gelehrtenzunft, deren Richtung sich noch immer kund gibt und die dem kleinen engen Vaterlande, dem sie ihre Thätigkeit vorzugsweise zuwandte, sehr zu Gute kam. Gleichstrebende ältere und jüngere Genossen, wie z. B. der angeführte Doctor Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann, sein bester Jugendfreund, der als Professor zu Helmstädt in der Blüthe seiner Jahre starb und nach Mösers eigenen Aeußerungen letzteren an Wissen noch übertraf, Abt Jerusalem (ein Verwandter Möser’s) lebten theils in der Heimath, theils später auf den Hochschulen Jena und Göttingen mit Möser im trauten Bunde, und entfalteten in einem würdigen Wirken alle patriotischen Tugenden, die sich besonders in der auch für Osnabrück unheilvollen Periode des siebenjährigen Krieges erprobten. Der thätige Möser an der Spitze der wackersten Mitbürger rettete und ersparte dem Lande große Summen, half der Noth steuern, wo er konnte, und sah sich mit dem größten Vertrauen des Herzogs Ferdinand von Braunschweig beehrt, nicht minder aber auch mit dem des später nach seiner Minderjährigkeit als protestantischer Bischof Osnabrücks zur Regierung gelangten Prinzen von Großbritannien. Möser vereinte in seiner Person Aemter, dir in jetziger Zeit zu vereinen Sache der Unmöglichkeit sein würde, zu allseitiger Zufriedenheit. Er war gleichsam, nachdem er 1762 Justitiarius beim Criminalgericht zu Osnabrück geworden, obschon nicht dem Titel nach, geheimer Rath und Staatsminister, hieß von 1768 an geheimer Regierungsreferendar, von 1783 an aber geheimer Justizrath und vertrat sonach die Rechte seines Landesherrn oder, wie man jetzt sagen würde, die der Regierung, und als thätiges Mitglied der Landstandschaft die der Stände – von denen des Volkes war freilich damals noch nicht die Rede. Die hohe Redlichkeit, die staatsmännische Einsicht, die große Uneigennützigkeit und treue Pflichterfüllung Möser’s, die nicht nach freien Wohnungen und Landtagsdiäten mit nichts weniger als patriotischem Heißhunger angelte, wie die jüngste Zeit ihn erst gebar, waren es, die ihm eine so einzige Stellung behaupten ließen und ihn über alle mißlichen und gefährlichen Klippen derselben führten. Mit hoher und rührender Thellnahme beging die Osnabrückische Ritterschaft im Jahre 1792 Möser’s fünfzigjähriges Dienstjubiläum, weihte ihm öffentlichen Dank für seine treuvaterländische Gesinnung und einsichtvolle Leitung der Staatsgeschäfte, und für sein geräuschloses wahrhaft nützliches Wirken, der durch seinen Geist das engere Vaterland auch dem Ausland ehrenvollst in das Gedächtniß gebracht habe. Unter Möser’s zahlreichen Verdiensten war nicht das kleinste, daß er es war, der im Fürstenthum Osnabrück zuerst und vielen andern deutschen Ländern voraus die Abschaffung der Tortur bewirkte.

Möser war glücklich verheirathet, verlor aber seine treue Hausfrau im Jahre 1787; seine Tochter Frau Jenny von Voigts jedoch widmete ihm die liebevollste Pflege, und da er einer guten Gesundheit sich erfreute, erlebte er ein glückliches Alter. Zu seiner Erholung und um sich im gemüthlichen Umgang mit Freunden zu erfrischen, besuchte Möser alljährlich Pyrmont, allem er nahm keine Bäder, zumal er einem einzigen unvorsichtigen kalten Bade ein Uebel zuschrieb, das die Jahre ihm brachten, und dem Pyrmonter Wasser that er auch keinen Abbruch, denn er trank keins. Mit heiterer Ruhe gab er, als er das nahen des Todesengels fühlte, den Auftrag, seiner kindlich treuen Tochter für alle ihre ihm zugewendete aufopfernde Liebe zu danken, und entschlief im eigentlichsten Sinne des Wortes sanft und ruhig, wie ein ächter Weiser.

Osnabrück, Justus Möser’s Vaterstadt, hat ihm ein ehrendes Denkmal errichtet.