Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Ludwig Heinrich Christoph Hölty

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Ludwig Heinrich Christoph Hölty
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 187–188
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-187.jpg


Ludwig Heinrich Christoph Hölty.
Geb. d. 21. Dez. 1748, gest. d. 1. Sept. 1776.


Hölty’s Name ist noch immer vielen ein reiner, lieblicher Klang, der sich harmonisch in sanfte elegische Gemüthsstimmung einwebt, deren vorzüglichster Träger und Erreger dieser Dichter war, daher auch Lieblingssänger der deutschen Frauen- und Jungfrauenwelt, die durch zarte Schwärmerei so leicht zu gewinnen und hinzureißen ist, die das sanfte liebt, zumal wenn es aus innerster Empfindung hervorbricht, nicht angekünstelt ist.

Der Hannoversche Ort Mariensee ward Hölty’s Geburtsort; der Vater lebte dort als Seelsorger, und pflegte mit Liebe des Sohnes Jugend, der früh sich entwickelnde Geisteskräfte zeigte, aber auch früh die Schmerzen des Lebens kostete. Der Verlust der geliebten Mutter in seinem neunten Jahre erschütterte ihn tief; eine bösartige Blatternkrankheit, welche ihn der Gefahr des erblindens nahe brächte, legte den Grund zu nachhaltigem Siechthum, und beides weckte in ihm jene melancholische Stimmung, die seine Dichtungen durchweht, dabei aber lernte er mit vielem Fleiße, und machte auf der Schule zu Zelle, wohin sein Vater ihn im 17. Lebensjahre sandte, die besten Fortschritte in ältern und neuern Sprachen, so daß er wohl vorbereitet 1769 die Hochschule Göttingen beziehen konnte. Er wollte Theologie studiren, eine Wissenschaft, die dem schon in der Jugend genährten Ernst am meisten zusagte, denn von je war Hölty ein Freund stiller Einsamkeit, ländlicher Natur, melancholischer Dorfkirchhöfe, und dabei war er von jener Sanftmuth und Opferfähigkeit des Charakters, die einem Landgeistlichen so wohl anstehen. Durch wahrhaft frommen und religiösen Sinn war des Jünglings Gemüth über die mannichfaltigen Entbehrungen gehoben, die das Leben ihm auferlegte. Der unbemittelte Vater vermochte ihm wenig Unterstützung zu bieten, Hölty mußte sich den theilweisen Unterhalt erst durch Stundengeben verdienen. Er hatte schon einige Jahre zu Göttingen zugebracht, als er den Herzensbund mit den poetischen Freunden schloß, der unter dem Namen des Hainbundes bekannt ist, und zu welchem Miller, Boie, Voß, Overbeck, Cramer, Leisewitz, Bürger und die beiden Grafen Stolberg gehörten. Jedenfalls war von allen Hölty der stillste und sinnigste, und nahm die poetischen Anregungen [Ξ] des jugendlichen Dichterkreises tief in sein Gemüth auf, verarbeitete sie zu seinen schönsten Dichtungen.

Hölty war von einfacher, fast schüchterner, wenig versprechender und wenig anziehender Persönlichkeit, eifrig, fleißig, neu- und wißbegierig, äußerst leselustig, und erwarb sich eine Fülle von Kenntnissen, vor allem aber war er ganz Dichter, nebenbei übersetzte er auch manches aus dem englischen; in mancher Dichtweise war er unübertrefflich, in der Ballade, die er wenig achtete, blieb er hinter andern zurück; einige seiner Balladen, wie »Adelstan und Röschen« und »die Nonne«, erscheinen heutiges Tages geradezu geschmacklos, aber es ging die damalige Balladendichtung, wie selbst jene von Bürger und den Stolbergen darthun, darauf aus, Schauer zu häufen, ohne sich viel um den ethischen Gehalt der dazu gebrauchten Mittel und Bilder zu kümmern. Hölty’s Triumph und Größe bestehen in der gefühlvollen Elegie, und in der gemüthvollen Erhebung. Sein Lied: »Wer wollte sich mit Grillen plagen«, dieser volle Gegensatz zu all den vielen Trauer- und Thränenliedern lebt unsterblich fort im Volksmund und sichert Hölty eine Ehrenstelle auch unter den deutschen Volksdichtern. Leider neigte sich des Dichters reines Leben früh zum Ende. Er war schon nicht völlig gesund zur Hochschule gekommen, und das erste Jahr auf derselben hatte ein anhaltender Husten mit Seitenstechen verbunden, getrübt; im letzten, in dessen Herbst er den abgehenden Freund Miller nach Leipzig begleitet hatte, stellte sich Bluthusten ein. Mit aller Freundeswärme rieth Voß einen Arzt zu Rathe zu ziehen, allein anfangs wollte Hölty, der sein Uebel für nicht bedeutend hielt, dieß nicht thun, bis endlich die Freunde vereint in ihn drangen. Der Ausspruch des Arztes war so, daß Hölty auf dem Rückwege von ihm – bitterlich weinte. Den Winter über wurde nun zwar eine Cur gebraucht, allein diese Jahreszeit ist für Brustleidende nicht die Hoffnung gebende, und der Frühling des Jahres 1775 brächte eine neue heftige Gemüthserschütterung, Hölty’s Vater starb, und er begab sich nun über Hannover nach Mariensee, wo er sich einer ärztlichen Cur unterzog, sich aber auch zugleich schmerzlich einsam fühlte, da sein für Freundschaft glühendes Gemüth dort den gewohnten Umgang schwer entbehrte. Ein Besuch bei Voß, der jetzt in Wandsbeck wohnte, war eine seiner letzten Lebensfreuden. Nachdem er sich 1778 nach Hannover begeben, nahm die floride Pytisis so schnell überhand, daß er schon am 1. September d. J., erst achtundzwanzig Jahre alt, endete.

Da der Dichter nicht selbst die Freude erlebt hatte, die vorbereitete Sammlung seiner Poesien erscheinen zu sehen, so unterzogen sich Freunde derselben; von diesen Freunden leistete aber ein gewisser Geißler jun. dem Verstorbenen einen schlimmen Dienst, indem er eine zusammengeraffte, mit vielem nicht ächten vermehrte Sammlung veranstaltete, dann aber gaben Friedrich Leopold, Graf von Stolberg und Heinrich Voß eine würdige und geläuterte Sammlung von Hölty’s Gedichten heraus, welche mehrere neue Auflagen erlebte. Auch der Wiener Nachdruck bemächtigte sich des empfindungsvollen Lieblingsdichters eines großen Theiles der deutschen Nation, doch in besserer als gewöhnlicher Weise, er veranstaltete eine Prachtausgabe.

Hölty’s früher Tod bewährte den Grundzug, der durch die meisten von Hölty’s Dichtungen schauert: Das Leben hat von der Jugend an nur Kampf zu bestehen mit feindlichen Gewalten, Liebe und Poesie nahen ihm schützend und tröstend – bis es dennoch früh im süßen Tode unterliegt.