Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Rudolf II., deutscher Kaiser

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Rudolf II., deutscher Kaiser
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 313–314
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-313.jpg


Rudolf II., deutscher Kaiser.
Geb. d. 18. Juli 1552, gest. d. 20. Jan. 1612.


Der gelehrte Sohn Kaiser Maximilian’s II. und der Maria von Oesterreich, Carls V. mehr unglücklicher als glücklicher Enkel, in der Hofburg zu Wien geboren und für den Thron erzogen, ohne den innern geistigen Beruf in sich zu haben, demselben eine Zierde zu sein.

Rudolfs Leben fiel in die Zwischenzeit zwischen den Reformationskriegen und dem dreißigjährigen Krieg, eine Zeit, deren Beginn noch mannigfach stürmisch bewegt war, bis mehr und mehr eine Schwüle eintrat, die den Ausbruch neuer noch heftigerer Stürme befürchten ließ. Rudolf war Jesuitenschüler, und erhielt in Spanien seine Erziehung, daher ward Unduldsamkeit gegen andere Glaubensrichtungen, als die der alleinseligmachenden katholischen frühzeitig in seine Seele gepflanzt, außerdem aber neigte sein Sinn sich zu den Wissenschaften der Mathematik und Physik, der Astronomie und Astrologie mit großer Vorliebe hin, Wissenschaften, welche zu seiner Zeit immer noch von Fürsten und Gelehrten, oft genug freilich nur als geistige Spielwerke und Steckenpferde gepflegt wurden, und er erlangte in diesen Wissenschaften weit mehr Kenntnisse, als in der Kunst zu regieren, und Länder und Völker durch weise Gesetze und wohlwollende Fürsorge zu beglücken. Durch alle Stadien seines Regentenlebens – Rudolf wurde 1572 König von Ungarn, 1575 König von Böhmen, 1576 deutscher Kaiser – war er ein Gelehrter auf dem Throne, dem der Stand der Gestirne wichtiger war, als der Stand der politischen Angelegenheiten in seinen Reichen. Mit besonderer Neigung Alchymist, suchte Rudolf den Stein der Weisen, während sein Herz versteinerte gegen die Bitten seiner protestantischen Unterthanen um Glaubensfreiheit oder mindestens um Duldung. Da der Kaiser diese nicht gewährte, vielmehr nach allen Seiten hin sie unterdrückte, sowohl in Oesterreich, wie in Böhmen, so entstanden überall Unruhen und Aufstände, welche, wenn es auch gelang, sie mit Gewalt der Waffen zu bewältigen und nieder zu halten, heimlich fortglimmten, und den verderblichen Brand vorbereiten, schüren und nähren halfen, der 6 Jahre nach Rudolfs II. Ableben in hellen Flammen emporschlug und dreißig Jahre lang für Deutschland zur Gottesgeißel wurde.

[Ξ] Vom Jahre 1580 bis 1606 dauerten die Aachenschen Religionshändel, die mit der Austreibung der Protestanten aus dieser Reichsstadt endeten; 1582 begannen die Religionswirren in Cöln, gegen Erzbischof Gebhard, den der Papst entsetzte; Rudolf bestätigte die Entsetzung und kränkte die Protestanten dort, wie jene zu Augsburg, Straßburg und in der Mark Brandenburg in ihren Rechten.

Die Erb- und Lehensfolge in den Landen Jülich und Cleve, auf welche Lande der Kaiser Sequestration legte, hätte nahezu einen Krieg veranlaßt, und weckte die protestantische Union, die 1609 in Schwäbisch Hall errichtet wurde, welcher die katholische sogenannte »heilige« Liga entgegentrat. Dem türkischen Kaiser war die Verwirrung im deutschen Reiche willkommen, und er begann in Ungarn einzufallen und das Land zu verheeren, der Türkenkrieg währte von 1593 bis 1606.

Der arme, that- und rathlose Kaiser war überall verhaßt; die mindeste Ursache, ihn zu lieben, hatten die Ungarn; sie verlangten des Kaisers Bruder Erzherzog Matthias zum Statthalter, und aus dem Statthalter wurde nach wenigen Jahren ihr König. Auch in Böhmen ward Unruhe rege, die Protestanten forderten mit Ungestüm Religionsfreiheit; Rudolf wollte den Böhmen seinen Bruder Erzherzog Leopold zum Statthalter aufdringen, der sie in Schranken halten sollte; dieser rückte mit einem Heere heran und bemächtigte sich der Kleinseite Prags, während die Altstadt ihn tapfer abwehrte, bis der zu Hülfe gerufene Matthias mit seinen Ungarn herbei eilte, Prag entsetzte, und 1611 auch Böhmens Königskrone auf seinem Haupte sah.

Die Fürsten und Wähler des deutschen Reiches waren des Wirrsals unter einem thatlosen und ohnmächtigen Reichsoberhaupte ebenfalls müde, und thaten Schritte, eine neue Wahl vorzunehmen, doch sollte dem Kaiser das Recht des Vorschlags zustehen. Indeß liebte dieser nichts mehr als die Ruhe und den Frieden wissenschaftlicher Beschäftigungen, umgab sich mit Astronomen, Astrologen, Magikern und Alchymisten, wie Tycho de Brahe, Keppler, Deo, wie mit Malern und Mechanikern, in deren Kreise ihm wohler war, als im Staatsrathe. Rudolfs Regiment war ein Regiment der Minister, in deren Wahl er noch dazu höchst unglücklich war, und es ging auch da, wie es stets geht, wenn ein Regent nicht Augen hat zum sehen und Ohren zum hören. Die Minister ließen den Laboranten auf dem Throne laboriren und nach den Sternen sehn, und regierten an seiner Statt das Reich, daß es zum erbarmen war. Dabei wurde der Kaiser immer verschlossener, menschenscheuer und fast tiefsinnig, auch vom äußersten Mißtrauen beherrscht, da ihm Tycho de Brahe aus den Sternen prophezeit, daß ihm von seinen nahen Verwandten Unheil drohe, eine Prophezeiung, die sich freilich mit voller Wahrheit erfüllte, denn seine Brüder entsetzten ihn förmlich der Regierung seiner Erblande. Rudolf ging nun nicht einmal mehr in die Kirche; er erging sich auf wohlverwahrten Gängen, wo niemand ihm nahen, oder ihn sehen konnte. Endlich starb ihm auch noch zuletzt ein Liebling, ein zahmer Löwe, über dessen Tod sich der deutsche Kaiser so mächtig grämte, daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß des Thieres Ableben Antheil am bald darauf erfolgten Tode Rudolf’s II. hatte, und so folgte ihm denn jener Matthias, dem, wie sehr er sich mit Macht umgab und solche an sich riß, die Sterne auch nicht glückverkündend strahlten.