Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Hans Sachs

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Hans Sachs
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 315–316
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Hans Sachs.
Geb. d. 5. Nov. 1494, gest. d. 25. Jan. 1576.


Ein höchst ehrenhafter deutscher Dichter und Meistersänger, ein Mann aus dem Volke; auch er war ein Förderer der Reformation, ohne Fürst, ohne Ritter, ohne Theolog zu sein; durch die Macht der Poesie verbreitete und verherrlichte er die Wahrheit und ihre Siege.

Hans Sachs, der Sohn eines Schneiders, erblickte in Nürnberg das Licht des Tages. Der Vater war ein redlicher Mann, wollte den Sohn was rechtes lernen lassen und that ihn im 15. Jahre auf eine gelehrte Schule der Stadt, aber nicht lange, denn der Jüngling war kränklich und schwächlich. Die Studien schienen ihn allzusehr anzustrengen; ein stilles friedliches Handwerk sollte ihn nun beschäftigen und ihm den goldenen Boden sichern. Was aber der fähige Jüngling mitbrachte aus der Schule auf den Schuhmacherschemel, viel und mancherlei erlerntes in der Art, wie zu seiner Zeit die Wissenschaften gelehrt wurden, das trieb doch in ihm seine stillen Blüthen, kehrte sich nach innen, da es nicht nach außen strahlen durfte, und wurde – Poesie.

Nun blühte in Nürnberg vorzugsweise vor vielen andern deutschen Städten die Kunst der Meistersingerei, zwar in strengen, schulgerechten, ja steifen Formen, indeß sie blühte doch, Sachs erlernte sie, ein Weber Namens Nunnenbeck lehrte sie ihm; er trug die Kunst im Herzen und im Gemüthe und weit hinaus in das Leben, auf die fröhliche Wanderschaft. Südwärts zog es ihn auf dieser nach Regensburg zunächst, nach Passau dann auf der Donau Wellen und Wogen in das reizende Salzkammergut, dann durch den Böhmerwald über manches Gebirg nach dem Sachsen-, dem Thüringerlande.

Sachs hielt sich als ein recht frommer Wandergesell ehrbar und züchtig, siegte der Versuchung ob, mit schwärmenden Gesellen ein nicht tadelfreies Leben zu führen, welche Versuchung ihm einige mal nahe trat, zumal da er zum Waidgesellen des jagdlustigen Kaiser Maximilian sich hatte annehmen lassen und auf den Alphöhen Tyrols des Jägersmannen freie Lust und Weide kennen lernte. Da zog’s ihn heimwärts, er nahm den Weg über München, sang in der dortigen [Ξ] Meistersängerschule mit Beifall, ein Jüngling nur erst von 20 Jahren, und ward abermals von der Liebe gefesselt, lernte alle Schmerzen vergeblicher Minne kennen, durchwanderte noch manchen schönen deutschen Gau und manche deutsche Stadt, ward in Frankfurt »Sang- und Schwertmeister«, fuhr den Rhein hinab, sah Köln und Aachen, sah die Städte der deutschen Hansa, kehrte über Leipzig durch Sachsen, den Harz und Thüringen wieder in sein gesegnetes Frankenland zurück und that sich häuslich und behaglich nieder, freite ein tugendsames Weib und begann mit gleicher Liebe und stets gleicher Treue seine Sangeskunst und sein Handwerk zugleich zu üben.

Dem reichen poetischen Geist des nürnberger Sängers wurde die ganze Welt und alles Leben zum Gedicht; wie hätte es nicht der Goldstrahl neuer, geläuterter Christuslehre werden sollen? Luther’s Ruhm begann Deutschland zu erfüllen; in Nürnberg fand die neue Lehre guten Boden; eifrig las Sachs die Schriften des Reformators, wie sie einzeln als fliegende Blätter von Hand zu Hand gingen und flogen, und von Land zu Land. Da rührte auch Sachs seine Harfe und sang ein hohes Lied: »Die wittenbergische Nachtigal«, die flog gar weit und schlug gar hell und schön, und weckte neuen Sang, und half Luther’s Werk gar mächtig fördern und verbreiten.

Bilderreich, der Sprache mächtig, gedankenkühn schuf nun Hans Sachs Werk auf Werk in Reim und Prosa, und ließ jedes auch so einzeln hinausziehen, oft nur auf Einzelbogen mit Holzschnittzier von guten Meistern, wie Luther mit den seinen that; Lehren und Fabeln, Satiren und Gebräche, fromme Lieder und weltliche Scherzreime, wie es kam, und wurde immer bekannter, immer berühmter, immer bedeutender. Der Magistrat Nürnbergs, aus Furcht vor des Kaisers Ungnade, und einige Finsterlinge aus angeborener Lichtscheu hätten ihm gerne sein Singen gewehrt; er ließ sich’s aber nicht wehren, sondern folgte getrost der Gottesstimme in seinem Herzen.

So förderte der deutsche Meister den Gesang, so förderte er die Reformation, so förderte er, neben Luther der begabteste Singer des Vaterlandes, auch dieses Vaterlandes Sprache, insonderheit die hochdeutsche nach dem Vorbild, das Luther in seiner Bibelübersetzung gegeben. Sein geistliches Lied: »Warum betrübst du dich mein Herz«, durchklang alle protestantischen Kirchen, und nicht nur in deutscher Zunge allein, auch in fremde treu übertragen. Dabei studirte er fort und fort Werke der Wissenschaft, war befreundet mit den hochbegabten Gelehrten und Künstlern seiner Vaterstadt, und von ihnen geehrt.

So lebte Sachs ein reges, schönes, dem edelsten und höchsten des Daseins zugewandtes und beglücktes Leben, und lebte sich, stets arbeitssam und thätig, stets schöpferisch, wie voll Jugendkraft und Jugendfrische, hinein in die Jahre höheren Alters. Erst im 64. Lebensjahre kam eine ausgewählte Sammlung seiner Gedichte zur Erscheinung. Dem ersten Bande folgte dann noch ein zweiter, ein dritter nach. – Der Tod hatte ihm sein treues Weib entrissen, er betrauerte sie redlich, fühlte sich aber nicht zu alt, im 68. Jahre wiederum zu heirathen, und brächte noch einen vierten Band seiner Werke zu Stande, durch die er auch die dramatische Kunst der Deutschen, die noch in den Banden der kirchlichen Mysterien und Mönchsschauspiele lag, frei machte und förderte. Sachs schrieb über 6000 Gedichte, darunter sind 63 Fastnachtspiele, 29 weltliche und 28 geistliche Tragödien, 50 weltliche, 26 geistliche Comödien – die alle mehr und minder anschauliche Bilder der Denk- und Handlungsweise, wie der Sitten und Anschauungen seiner Zeit gewähren. Und so lebte er bis in sein 82. Lebensjahr, ja sang noch auf dem Siechbette seinen Lebenslauf als Schwanenlied. – Als seine Zeit vorüber war und Deutschlands Poesie tief schlummerte, wurde Hans Sachs verkannt – aber die neue Zeit erkennt ihn wieder freudig an und schmückt sein Gedächtniß mit unverwelklichem Lorbeer.