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Ein Virtuos der Bühnenwelt

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Textdaten
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Autor: Robert Heller
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Titel: Ein Virtuos der Bühnenwelt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 203–205
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Friedrich Haase
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Ein Virtuos der Bühnenwelt.
Von Robert Heller.


Erinnert Ihr Euch noch der geheimnißvollleuchtenden Augen Ludwig Tieck’s und der bezaubernden Persönlichkeit eines Dichters, welcher die wunderbare Anziehungskraft, die er auf die vornehmsten Geister seiner zeitgenössischen Umgebung ausübte, wahrhaftig ebenso stark aus der romantischen Anmuth seiner geselligen Erscheinung, wie aus der Märchenpoesie und dem polemischen Reiz seiner Schriften schöpfte? Auf Veranlassung König Friedrich Wilhelm’s des Vierten, in dessen Hausdienst der Vater Friedrich Haase’s stand, ist Ludwig Tieck um die Mitte der Vierziger Jahre des gegenwärtigen Jahrhunderts der erste Kunstbildner des Schauspielers gewesen, den wir den Lesern der Gartenlaube hiermit vorstellen.

Fritz Haase, der in neuester Zeit durch sein Gastspiel in Süddeutschland und der Schweiz die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, hat aber mit Tieck nicht blos den Berliner Geburtsort gemein, sondern er hat auch etwas in seinen Augen und einen ästhetisch feinen, schalkhaft ironischen Zug in seinem menschlichen und theatralischen Wesen, wodurch er persönlich an den großen Romantiker erinnert. Der Vergleich mit dem poetischen Meister, wie verherrlichend er für den Jünger einer unselbstständigen, weil nur nach gegebenen Mustern schaffenden Kunst erscheint, hat jedoch nicht blos seine schmeichelhaften Seiten. Wie sich Tieck zu Goethe, Schiller und Lessing, wie sich die zersetzende Romantik überhaupt zur classischen Schöpfung verhält, so verhalten sich auch die Schauspieler modernen Stils zu den Vertretern der naiv gläubigen Schule von ehedem, und Haase ist der Modernste unter den ersteren. Das scharfsinnig Combinirte muß häufig in ihren Leistungen das einfach Plastische ersetzen, was seinen hohen Geist im Gegenstande selbst ausdrückt. Ihre Bildung vermittelt nicht blos den Genuß am Werke, sie gestaltet ihn auch nach individueller Willkür um. Die Darsteller alter Schule spielten vor Allem den Reiz des Stückes aus, die Modernen geben in ihrer Charakteristik die bestechenden Eigenthümlichkeiten ihres Naturells zum Besten. Tadeln wir sie um dieses subjectiven Behagens willen, so ist die Rechtfertigung leicht bei der Hand, denn dann verlangen sie nach neuen dramatischen Werken von der Größe der classischen Epoche. Da wäre es den Schauspielern leicht geworden, aus dem frischen Holze in kindlicher Einfalt die für die Dauer gültigen Muster zu schneiden, ganz aufzugehen in der Sache, die dem Volke völlig neue Offenbarung war. Aber jetzt? Das Interesse an den Werken sei längst ein unveränderlich feststehendes geworden und so müsse denn das Interesse am Schauspieler aushelfen. In der That fragt heute das Publicum nicht sowohl: was wird von Shakespeare oder Goethe gegeben? sondern: wer giebt den Mephistopheles? wer tritt als Othello auf?

Aus Weimar, wohin Haase 1846 zunächst von Berlin aus zum Theater gegangen war, hörten wir von ihm noch nicht, eben so wenig von seiner Wirksamkeit in Prag, wo er 1850 ein wachsendes Interesse an seine Bühnengestalt zu fesseln wußte, sondern erst einige Jahre später wurde uns sein Name hier und da von Bühnenfreunden zugetragen, die ihn in München hatten spielen sehen, wo jener Zeit Dingelstedt’s Hand das Steuer der Intendanz führte und Haase Dingelstedt’s verzogener Liebling war. So fragte zuvörderst eine Dame, ob uns der Münchener Hofschauspieler bekannt sei, der sich so elegant zu kleiden und seine zierlich gebaute Gestalt so aristokratisch nachlässig auf der Bühne zu bewegen wisse. – „In München?“ rief ich. „Nein! das ist die Stadt der derben Nahrungsmittel und eckigen Lebensformen. Wie sollte ein dortiger Schauspieler dermaßen aus der Art geschlagen sein!“ – Aber es hatte seine Richtigkeit mit der einnehmenden Erscheinung Haase’s; der Ruf feierte ihn alsbald um größerer Eigenschaften willen, als jener Dame zu seiner Empfehlung bemerklich geworden waren. In Hamburg hatten wir gerade eine der hier regelmäßig wiederkehrenden Krisen des Stadttheaters zu bestehen. „Wenn wir ein Mitglied wie Friedrich Haase hier an die Spitze zu bringen suchten,“ meinte ein Matador unserer Hamburger Kaufmanns- und Umgangswelt, „der hätte nicht nur das Theaterpublicum für sich, mit seinen liebenswürdigen Manieren gewänne er auch die Gesellschaft.“ – „Ist er denn aus seinen contractlichen Händeln mit Dingelstedt und der baierischen Hoftheater-Intendanz heraus?“ So lautete meine dadurch gegen Haase verstimmte Entgegnung. „Muß doch sein. Ich sah ihn als Grafen Thorane in Gutzkow’s „Königslieutenant“, fuhr jener fort. „Das Stück hat für mich etwas seltsam Verkünsteltes und in der französirenden Titelrolle stieß es mich bisher geradezu ab. Aber so wie Haase diesen Grafen Thorane giebt, wirkt er mit einem eigenthümlichen Schmelz des Wesens, mit einer ungezierten Vornehmheit und einer chevaleresken Herzensgüte, die mit der Hofmeistermiene versöhnt, womit der Graf auf unsere Nation und Politik herabblickt. Die Frauen sind allein schon von den Spitzen entzückt, die Haase bei dieser Gelegenheit als Busenstreifen und Manschetten trägt.“

Der gefeierte Elegant der Münchener Bühne befand sich also jetzt in Frankfurt a. M. Die Damen schwärmten für seine weiße Hand und Wäsche, und, was mehr war, auf bedeutende Männer

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Friedrich Haase’s Charakterköpfe.
Originalzeichnung von Herbert König.

1. Friedrich Haase. 2. als Richard III. 3. Jeremias Knabe (Im Vorzimmer Sr. Excellenz). 4. Siegel (Vetter). 5. Edward Gibbon (Englisch). 6. Graf Thorane (Der Königslieutenant). 7. Rath Fein (Ein höflicher Mann). 8. Ludwig XI. 9. Timotheus Bloom (Rosenmüller und Finke). 10. Shylock (Kaufmann von Venedig). 11. Chevalier Rocheferrière (Partie Piquet). 12. Cromwell (Cromwell’s Ende). 13. Graf Klingsberg (Die beiden Klingsberg). 14. Bonjour (Wiener in Paris).

[205] brachte er einen bedeutenden Eindruck hervor. Von München hatte sich Haase nämlich unter Umständen getrennt, die von Weitem unleidlich erscheinen, weil sie wie ein von ihm verschuldeter Vertrauensbruch aussahen. Die heilige Hermandad des Cartellvereins processirte hinter ihm drein und in den Zeitungen wechselten Erklärungen und Gegenerklärungen mit einander ab, in denen immer diejenige Partei Recht behielt, die gerade am Worte war. Dies Zerwürfniß war eben nur zum Schweigen, aber noch nicht zur Ausgleichung gebracht, als eines schönen Mittags Fritz Haase in eigener Person bei mir in Hamburg erschien. Er wollte dem Stadttheater ein paar Frankfurter Urlaubswochen zu Gastspielen zuwenden. Der Empfang des schlanken, braunäugigen Herrn war von meiner Seite ein gezwungen freundlicher. Das ihm gespendete Lob hatte doch ein starkes Gegengewicht in meinem Gemüth an dem Aerger gefunden, den Haase den Münchnern, oder vielmehr, den er Dingelstedt bereitet hatte. Das ist also wieder Einer von den hochfliegenden und unruhigen Schauspielern. Der geordnete Dienst der Kunst und eine der Kunstanstalt untergeordnete Wirksamkeit genügt ihnen nicht. Sie wollen die alleinherrschenden Virtuosen sein. Dabei musterte ich die Formen seiner Tracht und seines Benehmens mit dem Mißtrauen, daß ich einen dandyhaften Günstling der Frauen in Haase erblickte. Mein Besuch war allerdings sehr sorgfältig nach der letzten Mode gekleidet, allein der elegante Rahmen war der Portraitgestalt so geschmackvoll angepaßt, daß die Ausstattung des Bildes dem Charakter desselben entsprach. So wählt kein Geck seinen Schnitt und seine Farben, und ein harmonischer Sinn für Aeußerlichkeit hat für die Bühne ihren großen Werth.

Die üblichen Höflichkeiten einer ersten Begegnung waren ausgetauscht, das Gespräch pausirte nach den Worten, womit ich dem Gaste gutes Glück zu seinem Auftreten gewünscht, als Friedrich Haase, anstatt mit einer pflichtschuldigen Verbeugung abzugehen, sich zu einem festen Sitze niederließ. „Es wird mir also schwer werden, Ihre Voreingenommenheit gegen mich zu überwinden,“ sagte er und trocknete sich die Stirn mit dem Tuche ab, als ob ein großer Angstschweiß darauf säße. Der Schelm! So gut wußte er das Verschwiegene zu errathen und so gewiß war er seiner Mittel, nicht anders denn als Sieger über meine Zurückhaltung vom Platze zu weichen!

Sein Vorhaben gelang ihm eben so rasch wie vollständig. Er lieferte in Kurzem eine so unumwundene Darlegung seiner künstlerischen Absichten und persönlichen Verhältnisse, als ob wir seit jeher die innigst Vertrauten gewesen und ihm diese Generalbeichte daher ein dringendes Herzensbedürfniß sei! Beileibe, daß er die Irrthümer seiner Handlungsweise beschönigt oder die Fehler derselben verborgen hätte! Gerade das gefährlich Mißzudeutende gab er mit einer Offenheit preis, welche wir eine rührend kindliche nennen würden, wäre sie nicht eine so überlegen kluge gewesen. Denn seine Aufrichtigkeit sprach sich mit einem Humor aus, der den Zuhörer unwiderstehlich zu der Partei des Humoristen hinüberzog. Haase ist nicht nur der vorgeschriebenen Rede, des Vortrags auf der Bühne Meister; sein freies Wort ist eben so sauber und den Gegenstand mit Anmuth „deckend“ wie sein Kleid. Dazu die pfiffige Frömmigkeit in seinem Blick, mag er das Auge niederschlagen oder erheben. Freilich blieb, er mochte sich erklären, wie er wollte, an seiner Künstlerschaft ein brennender Zug zum Virtuosenthum haften – wo sind wir denn noch so naiv in unserer ganzen Bildungswelt, daß es anders sein könnte an einem Kinde dieser Zeit? schien eine demüthige Senkung der Wimpern dabei zu fragen – und freilich behielt die Münchner Fahnenflucht ihre bürgerlich anstößige Seite. Aber ist das Virtuosenthum, das zu erweiterter künstlerischer Wirkung führt, am Schauspieler stärker als am Musiker oder am Maler zu tadeln? Der Münchner Contractzwiespalt endlich ist später und er ist mittels einer männlichen Buße gesühnt worden, zu der wir rathend und vermittelnd selber beigetragen haben.

Haase trat damals in Hamburg auf den Bretern des Stadttheaters und ein paar Jahre später in der Thalia auf, in welcher letztern wir eine Bühne von seltener Tüchtigkeit für das Conversationsstück besitzen. Einen Schauspieler in der Mannigfaltigkeit seiner Gebilde zu beschreiben, das ist eine schwere Aufgabe.

Sein Talent beherrscht vom verschlagenen Bolingbroke in „Ein Glas Wasser“ an die mit einer farbensatten Charakteristik zu Werke gehenden Liebhaberpartien bis auf den alten Klingsberg, in welcher Kotzebue’schen Figur Haase unter Anderem durch den souverän-herablassenden Ton für den Standpunkt Propaganda macht, von welchem aus der Graf der gemeinen Moralpredigt die Abgestandenheit ihres Wesens entgegenseufzt. Sein Marinelli ist ein höfischer Schmarotzer vom feinsten Schliff und sein Carlos in „Clavigo“ vollends hat den Stempel einer Geselligkeit, daß wir den einen oder den anderen unserer wohlwollendsten Hausfreunde in ihm zu erkennen glauben. Aber selbst mit seinem Franz Moor ließe es sich noch leben. Er ist kein zähnefletschender Popanz. Haase’s Bösewichte sind nur Bösewichte aus äußerster Nothwendigkeit ihrer Einsicht und ihrer verzweifeltsten Lagen. Stürbe Carl Moor an einem Duell in Leipzig, so würden wir in Franz einen ganz erträglichen Majoratsherrn der Familie Moor besitzen. Ist das nicht ein Humanitätsfortschritt der Kunst in Parallele mit dem Leben? In den kranken Erscheinungen, die Haase in den verknöcherten Edelmannsvorurtheilen eines Rocheferrière oder in dem von seinem Gewissen gequälten Lord Harleigh zur Anschauung bringt, wird dem Wunsche des Zuschauers von vornherein sympathisch durch einen Wegweiser zur Genesung genug gethan. Einen Tartüffe von Molière dagegen oder dessen Geizhals spielt Haase auch in der Methode des Verfassers, die in dieser einen Persönlichkeit einmal alles Unkraut desselben Charakters zum vollen Schusse aufsprießen lassen will. Haase’s Richard der Dritte ist ein so bestechender Unhold, daß er sich nicht allein durch irgend welche Hinterthür in’s Herz der unglücklichen Anna stiehlt. Mit seiner dämonischen Laune schmeichelt er sich so zuversichtlich auch beim Zuschauer ein, daß dieser der Ueberlegenheit des abgebrühten Schurken einen Beifall staunenden Ergötzens schenkt, so lange Richard seine Blutwirthschaft im Großen wider die Widerstände seiner Usurpation treibt. Mit Entsetzen erkennen sie das Gebiß des Wolfs erst wieder, wenn es aus der heuchlerischen Schafsmaske hervor auch gegen den Freund Buckingham und mit einem „Kopf ab!“ wider den Helfer Hastings schnappt. So sucht seine Kunst auch im Historischen das Individuelle darzustellen. Im Leben der Gegenwart ist es das markirt Gesellschaftliche, welches er mit ausdauerndem Nachdruck zu wechselnder Gestaltung bringt.

Eine Bemerkung zum Schluß an die Anatomen. Wenn Haase den Elias Krumm giebt, so hat er einen räthselhaft perspectivischen Hals. So lange es gut geht mit den Aussichten des Candidaten, schiebt sich ein Scharnier nach dem andern empor, so daß der Kopf des Krumm auf dem Gipfelpunkte seiner Pfarramts-Seligkeit wie auf einem Schwanenhalse hin und her schwankt. Aber dann tritt die Wendung ein und der heuchlerische Kerl geht mit einem Nacken ab, unter welchem nur der Höcker fehlt. Alles was Hals heißt ist ihm dermaßen in die Halsbinde gefallen, als ob der Kopf in den Schultern eingemauert wäre.

Für Auszeichnungen ist Haase nicht unempfänglich. Literarische Verherrlichungen verstimmen ihn keineswegs, und die Ordensfarben von Oldenburg und Coburg trägt er gewissenhaft im Knopfloche.