ADB:Bauer, Bruno

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Artikel „Bauer, Bruno“ von Max Heinze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 46 (1902), S. 236–237, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bauer,_Bruno&oldid=- (Version vom 18. Juni 2019, 05:36 Uhr UTC)
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Band 46 (1902), S. 236–237 (Quelle).
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Bauer: Bruno B. war geboren am 9. September 1809 zu Eisenberg, in Sachsen-Altenburg, der Geburtsstadt des Philosophen Christian Friedrich Krause, als Sohn eines Porzellanmalers. Allgemeiner bekannt wurde B. durch seine Kritik des Neuen Testaments, die freilich am Anfang nicht so radical war, wie später. Als vielseitiger und beweglicher Geist wandte er sich aber auch anderen Seiten, namentlich der Geschichte und Politik zu. Seine Ausbildung erhielt er namentlich in Berlin, wo er Fr. A. Vatke hörte, sich aber besonders an Marheineke anschloß, der zur Rechten der Hegel’schen Schule gezählt wurde. Als Schüler Marheineke’s erkannte B. die Wahrheit der Religion allerdings an, sah aber in ihr doch nur die niedere Form der Vorstellung, die sich in der Philosophie zum Wissen erheben müsse. 1834 wurde er Licentiat der Theologie und habilitirte sich in Berlin, veröffentlichte „Kritik der Geschichte der Offenbarung“ (2 Bde., Berlin 1838) und redigirte auch zwei Jahre lang die „Zeitschrift für speculative Theologie“ (1836–1838). Seine Neigung nach links zeigte er schon in der Schrift „Herr Hengstenberg. Kritische Briefe über den Gegensatz des Gesetzes und des Evangeliums“ (Berlin 1839). Sehr radical waren seine Schriften: „Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes“ (Leipzig 1840) und „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker“ (1841 bis 42), sowie „Die Posaune des jüngsten Gerichts wider Hegel den Atheisten und Antichristen“ (anonym, Leipzig 1841). Infolge dieser Veröffentlichungen wurden die theologischen Facultäten der Universitäten Preußens vom Ministerium Eichhorn befragt, ob B., der im J. 1839 nach Bonn als Privatdocent versetzt worden war, noch für fähig und würdig erachtet werden könne, an einer Universität Theologie zu lehren. Eine Uebereinstimmung in den Antworten der Facultäten wurde nicht erzielt, aber trotzdem die venia legendi B. entzogen. Zu seiner Rechtfertigung schrieb dieser: „Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit“ (Zürich 1843); sein Bruder Edgar B. versuchte ihn zu vertheidigen in der Schrift: „Bruno Bauer und seine Gegner“ (Berlin 1842), sowie auch O. F. Gruppe für ihn eintrat in: „Bruno Bauer und die akademische Lehrfreiheit“ (Berlin 1842). Zwar wandte sich B. jetzt mehr der Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu, sowie politischen und kirchlichen Fragen, wovon namentlich seine Schrift: „Geschichte der Politik, Cultur und Aufklärung des 18. Jahrhunderts“ (4 Bde., Berlin 1843) zeugt, vernachlässigte aber auch die biblische Kritik in negativem Sinne nicht, wie seine Werke: „Kritik der Evangelien“ (4 Bde., Berlin 1850–1852), „Kritik der paulinischen Briefe“ (Berlin 1850–1852), „Apostelgeschichte“ (Berlin 1850) beweisen. Seine Ansichten laufen darauf hinaus, daß die Schrift des Marcus als schöpferisches Urevangelium zu gelten habe, und so der eigentliche Ausgangspunkt der evangelischen Geschichte das Selbstbewußtsein des Urevangelisten Marcus sei, in welchem sich das Bild Christi erzeugt habe, und daß die andern Evangelisten dieses nur [237] in ganz verfehlter Form wiedergegeben hätten. Der christliche Glaube ist so nichts als eine Quelle der Lüge und Betrugs. In der Kritik der paulinischen Briefe ging er noch über Ferd. Christ. Baur, das Haupt der Tübinger Schule, hinaus, indem er auch die von diesem noch als Schriften des Paulus anerkannten vier Briefe für unecht erklärte. In seinen späteren Schriften: „Philo, Strauß und Renan und das Urchristenthum“ (Berlin 1874), „Christus und die Cäsaren, der Ursprung des Christenthums aus dem römischen Griechenthum“ (Berlin 1877) sucht er die Entstehung des Christenthums aus der ganz und gar stoisch und alexandrinisch gearteten Bildung der römischen Kaiserzeit, zu erklären: das Christenthum ist nichts als der jüdisch umgewandelte Stoicismus; Christus und Paulus sind für dasselbe viel weniger bedeutend als Philo und namentlich Seneca. Es ist in diesen Ansichten, so einseitig sie auch sein mögen, doch manches vorausgegriffen, was nicht nur in Holland, sondern auch in Deutschland mehr und mehr anerkannt worden ist. In philosophischer Beziehung vertrat B. den Standpunkt der reinen Kritik, der alles Sittliche und Religiöse, sowie auch jeglichen staatlichen Organismus negirte, sowie den des Atheismus und Subjectivismus. In späterer Zeit neigte er sich der conservativen Richtung, ja der reactionären zu, wie seine Artikel in dem Staatslexikon Wagener’s zeigen. Aus den letzten Jahren seines Lebens rühren her: „Einfluß des englischen Quäkerthums auf die deutsche Cultur und auf das englisch-russische Project einer Weltkirche“ (Berlin 1878), „Zur Orientirung über die Bismarck’sche Aera“ (Chemnitz 1880) und „Disraelis romantischer und Bismarcks socialistischer Imperialismus“ (Chemnitz 1881). Er starb am 13. April 1882 in Rixdorf bei Berlin, an welchem Orte er lange Jahre seiner wissenschaftlichen und schriftstellerischen Thätigkeit gelebt hatte. Sein Charakter wird von den Wenigen, die ihn genauer kannten, sehr gerühmt, namentlich wird die bescheidene Zurückhaltung in seinem Wesen hervorgehoben.

S. den Art. über Bruno Bauer von Wold. Schmidt i. d. Theologischen Real-Encyklopädie.