ADB:Bernhardt, Josef

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Artikel „Bernhardt, Joseph“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 46 (1902), S. 430–432, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bernhardt,_Josef&oldid=- (Version vom 16. Oktober 2019, 10:02 Uhr UTC)
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Bernhardt: Joseph B., Porträtmaler, geboren am 15. September 1805 zu Theuern bei Amberg als der Sohn eines Rechnungscommissärs. Da der Vater früh starb, so bot der wackere Sohn alles auf, um der Mutter die Sorge für die zahlreiche Familie zu erleichtern, er gab mit dreizehn Jahren Clavierunterricht und übte sich unausgesetzt im Zeichnen. Mit seinen kleinen Ersparnissen [431] wagte er sich auf die Münchener Akademie. Nebenbei sein musikalisches Talent weiter bildend, zeichnete er Ansichten der Stadt für einen Verleger, auch später noch eine große Militärparade (1840) und einen Prospect mit der Feldherrnhalle und Theatinerkirche (1850). Durch seine Aquarell-Bildnisse erregte er die Aufmerksamkeit Jos. v. Stieler’s, der ihn edelmüthig zu sich nahm, ihn sein Bestes lehrte und so lange im Atelier behielt, bis B. im Stande war, auf eigenen Füßen weiter zu streben. Ein Porträt des stadtbekannten und kunstsinnigen Bäckers Anton Seidl (gestorben am 6. Februar 1869, Vater des Architekten Gabriel Seidl) fand zu Anfang der dreißiger Jahre große Anerkennung im Kunstverein; bald folgten die Bildnisse anderer Persönlichkeiten aus den höheren und höchsten Ständen: der Frau Mathilde Wegmaier (lithogr. von Hanfstängl), des Präsidenten Karl Grafen v. Arco und dessen Gattin (lithogr. von D. Haitz), des Grafen Saporta (lithogr. von Fertig), des Karl Ludwig Freiherrn v. Lotzbeck (lithogr. von Melcher), Sr. k. Hoheit des Prinzen Luitpold, des Herrn Sulpiz Boisserée (Kunstblatt 1842, S. 152), des berühmten Germanisten Andreas Schmeller (1849, lithogr. von Melcher), des Appellrath von Seiffert-Kurz; die Spitzen der Aristokratie, Wissenschaft oder Schönheit, saßen geduldig wartend vor seiner Staffelei. Die Bestellungen mehrten sich, auch die Zahl der Schüler. Absonderliche Förderung brachte eine Reise nach Paris. Der vielumworbene und gefeierte Künstler miethete im Neubau des sogenannten Utzschneiderhauses die Bel-Etage und etablirte seine Ateliers auf großem Fuße. Es waren so an zwanzig bis vierundzwanzig Eleven, je ein Quartett in einem Zimmer, untergebracht. Dazu kam aber noch eine große Zahl in der Stadt zerstreuter Schüler und Schülerinnen, welche er fleißig besuchte und corrigirte. Im Hause hielt die Gattin des Künstlers bei Damenporträts strenge Surveillance. Unter den Scholaren herrschte der regste Eifer. B. strebte, um einen Schritt seine Vorgänger überbietend, nach einem tiefen, satten Colorit, wozu die französischen Vorbilder nicht ohne Einfluß blieben. In der Zeit der Restauration malte man die Menschen mit vergnügten, süßen, lächelnden Sonntagsgesichtern, in nagelneu schillernden Gewändern. Gegen B. wurden schon Stimmen laut, ob des allzugroßen „Realismus“, ein Vorwurf, welcher unsere Gegenwart nur heiter stimmt, da wir Asphalt-Experimente lieben und Liebig’s Wort vom Zeitalter der Seife verspotten. B. wurde, wie der vielfach verwandte Bildhauer Halbig, des „Naturalismus“ angeklagt, während die Nachwelt seine Büsten unnöthiger Weise als „Haubenstöcke“ verhöhnte. Betreff der „Auffassung“ gehörte B. „zu denen, die mit der Gewalt der Täuschung den Beschauer treffen, aber nicht, indem sie uns bloß ein treues Abbild des äußeren Menschen geben, sondern durch die Offenbarung von Seele und Charakter, so daß der Mensch mit Blick und Mund uns wirklich anspricht“ (vgl. Eggers’ „Deutsches Kunstblatt“ 1854 S. 362). Unsere Gegenwart hegt dieselbe Tendenz, nur mit anderen Mitteln. – Was B. sehr zu statten kam, war die wohlthuend ansprechende Routine des feinen Weltmannes und eine männlich schöne Erscheinung. In Repräsentation gewandt und geistvoll in der Rede, auf dem glatten Parquet des Palastes ebenso „zu Hause“ wie im eigenen Atelier, war B. gemacht zum Maler des High-life und des Salons. Er wurde Mode und nach der schnelllebigen Unsitte derselben, ebenso rasch beiseite geschoben, sobald ein anderes Gestirn die Gunst des „bon ton“ genoß. Zwar schuf B. noch viele treffliche Porträts, die des Prinzen Karl von Baiern, der Könige Ludwig I., Maximilian II. und Ludwig II., des Grafen Yrsch nebst Gattin, der Gräfin Falkenhain, geb. Fürstin Oettingen-Wallerstein (lithogr. von Melcher), des Grafen zu Sayn-Wittgenstein (lithogr. von Fertig), der Fürsten von Thurn und Taxis und Hohenlohe-Schillingsfürst, des Tondichters Richard Wagner u. s. w. Es kamen viele Bestellungen [432] und Aufträge aus der Ferne, von gekrönten Häuptern und Potentaten, sein Ruf hatte auswärts noch guten Klang, während er in der Heimath schon der Vergessenheit zusteuerte. Seine Schule – treffliche Namen gingen daraus hervor, wie Paul Martin, Jos. Miller, Ludwig Neustätter, Richard Lauchert, Pankraz Körle, G. Sallinger, Jos. Resch, Frl. Mathilde Sprandel aus Neu-Ulm und viele Andere – löste sich auf, der Meister sehnte sich von München weg und ergriff freudig 1865 die Stelle eines Schloßverwalters in Aschaffenburg, anscheinend eine Sinecure, welche ihm jedoch in unerwarteter Weise zu schaffen gab, als 1866 der preußische Generalstab mit täglich etwa 800–900 Mann im königlichen Schlosse einquartirt wurde. Unfähig, allen Anforderungen augenblicklich Genüge zu leisten, rettete ihn nur sein gerade noch rechtzeitig entdeckter „Rother Adler-Orden“ vor mehr als unliebsamen Erfahrungen. Dann genoß er das verdiente „otium cum dignitate“, ohne den Pinsel niederzulegen, da mannigfaltige Aufträge immer noch an seine Thüre pochten, selbst nachdem B. seines Dienstes enthoben, 1883 nach Nymphenburg übersiedelte, wo ihn unmittelbar vor der Staffelei der Tod am 12. März 1885 überraschte.

Vgl. Vincenz Müller, Handbuch von München. 1845, S. 123. – Raczynski II, 438. – Nagler, Monogrammisten, 1858, I, 692 (Nr. 1568). – Lützow’s Zeitschrift, 1885. XX, 477. – Beilage 275 d. Allgem. Ztg. v. 4. October 1885. – Jul. Meyer, Künstler-Lexikon, 1885. III, 657. – Müller-Singer 1895. I, 113. – Fr. v. Boetticher, Malerwerke, 1895. I, 85.