ADB:Dessauer, Josef

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Artikel „Dessauer, Joseph“ von Rudolf Müller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 5 (1877), S. 74–75, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dessauer,_Josef&oldid=- (Version vom 24. Juli 2019, 09:09 Uhr UTC)
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Dessauer: Joseph D., Claviervirtuose und Compositeur, geb. 28. Mai 1798 zu Prag, † am 8. Juli 1876 zu Mödling bei Wien, war Schüler des Prager Conservatoriendirectors Friedr. Dionys Weber, und besuchte, wie Jul. Schulhof, Ed. Hanslik[WS 1] u. A. zum Abschlusse ihres anderweitigen Unterrichtes einen Cursus bei Wenz. Tomaschek behufs des sogen. höheren Vortrag. Damit offenbar schon entschieden für den Eintritt in die Künstlerlaufbahn, mußte sich der 20jährige D. doch vorläufig noch von seinen Eltern beim Kaufmannsstande zurückhalten lassen, bis es ihm 1821 gelegenheitlich einer Reise nach Neapel gelungen war, sich dort als Virtuose hervorzuthun. Von da ab ausschließlich Musiker, folgten dem Uebertritte auf freie Bahn sofort auch eine Reihe gefälliger Compositionen – Lieder, Trios, Quartetten etc., durch welche zunächst wieder den Prager Kunstrichtern die Anerkennung abgewonnen wurde. Zu weitergreifenden Erfolgen führten allerdings erst die 1831 u. 1832 unternommenen Reisen, mit längerem Aufenthalte in Italien, Frankreich und England. Die meiste Bedeutung bleibt indeß seinem Verweilen in Paris zuzuschreiben. Nicht blos weil es ihm hier möglich geworden, gegenüber dem melodiös gering entwickelten „chant“ der Franzosen, dem Liede im Sinne der Deutschen Eingang und Geltung zu Verschaffen, als vielmehr wegen der im Gegensatze hierzu an D. selber vollzogenen Bekehrung zur neufranzösischen Schule. Zwar noch weniger ausgesprochen in seiner ersten, 1836, in den Festtagen der Krönung Kaiser Ferdinands I. zum Könige von Böhmen in Prag zur Aufführung gekommenen Oper „Lidwinna“, tritt diese neue Aneignung desto entschiedener in der folgenden, 1838 für das Dresdener Hoftheater vollendeten komischen Oper „Der Besuch in Saint Cyr“ zu Tage. Doch abgesehen von diesem wahrnehmbaren Einflusse von Halévy,[WS 2] namentlich von Adam[WS 3], dem Componisten des „Postillon von Lonjumeau“, hebt sich diese Oper, unterstützt durch ein treffliches Libretto vom geistreichen Lustspieldichter Bauernfeld, fast durchweg über die Gewöhnlichkeit und bezeichnet jedenfalls auch den Höhepunkt der Künstlerschaft Dessauer’s. Eine nächste, ernste Oper „Paquita“ mit Text von Otto Prechtler – 1851 am Hofoperntheater in Wien zur Aufführung gebracht – erreichte gleich wenig die Höhe der vorigen, wie die nachfolgende komische „Dominga oder die Schmuggler in den Pyrenäen“. Unabhängiger und darum originelleren Wesens zeigt sich D. in seinen Liedercompositionen, in welchen er meist wieder auf seine ursprüngliche deutsche Schulung zurückkommt, und in feinfühligster Weise Gedichte von Eichendorf, Brentano, Wilh. [75] Müller, Geibel etc. musikalisch interpretirt. – Als Mensch nach Art alter Junggesellen ein Sonderling, unterlag D. z. B. der eigenthümlichen Selbstqual, daß er, sobald von irgend einem Aufsehen erregenden Krankheitsfalle, besonders vom Ausbruche einer Epidemie die Rede war, sich für den nächst Gefährdeten hielt, und immer erst durch das herzhafteste Auslachen und den Hinweis auf sein wohlbehäbiges Aussehen zu Humor gebracht werden konnte. Uebrigens hatte er mit seiner hohen gutbeleibten Gestalt, abgeschlossen von einem, gleichfalls in größerm Umfange angelegten Haupte, mit weitgreifender breiter Stirn, dunklen ausdrucksvollen Augen, etwas ungewöhnlich Gewinnendes und geistig Anregendes, weshalb er denn auch trotz seiner gewissermaßen berüchtigten Ungeselligkeit stets gerne gesucht blieb. Seine früheren Claviercompositionen erschienen in Mailand, spätere nebst einigen Romanzen: „Le ciel est pur“, „Le contrebandier“ etc. bei M. Schlesinger in Paris; die Mehrzahl seiner deutschen Gesänge verlegte Pietro Mechetti in Wien.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Eduard Hanslick (1825–1904), Wiener Musikkritiker.
  2. Jacques Fromental Halévy (1799–1862), französischer Komponist.
  3. Adolphe Charles Adam (1803–1856), französischer Komponist.