ADB:Faißt, Immanuel

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Artikel „Faißt, Immanuel“ von Hermann Fischer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 485–487, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Fai%C3%9Ft,_Immanuel&oldid=2510780 (Version vom 13. Dezember 2018, 00:24 Uhr UTC)
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Faißt: Immanuel F., Musiker, 1823–1894. – F. wurde am 13. October 1823 in Eßlingen als Sohn eines Schullehrers geboren. Obwol sich seine musikalische Begabung sehr früh deutlich zeigte, wurde er doch für das Studium der protestantischen Theologie bestimmt und hat nach der Lateinschule seiner Vaterstadt 1836–1840 das niedere theologische Seminar Schönthal, 1840–1844 das Tübinger Stift durchlaufen und im Sommer 1844 die erste theologische Dienstprüfung bestanden. Dieser Schulung verdankte er seine gründliche und umfassende gelehrte Bildung, die ihm auch in seinem späteren Berufe Richtung und Sicherheit der Ausübung gab. Er war in Tübingen die Seele aller musikalischen Bestrebungen, die festeste Stütze Silcher’s, dem er in manchen Dingen schon damals überlegen war. Nach Absolvirung des theologischen Studiums ergriff er aber die Musik als Lebensberuf und ging, durch ein Stipendium für das Studium der Kirchenmusik unterstützt, im [486] Herbst 1844 zu Mendelssohn nach Berlin. Als dieser bald nach Leipzig übersiedelte, empfahl er ihn als Schüler an Dehn, der neben den Organisten Haupt und Thiele sein Lehrer wurde. Schon in Berlin, dann auf der Heimreise 1846 in Leipzig, Dresden, Prag, Wien, München gab er Orgelconcerte, die mit großem Beifall aufgenommen wurden. Im Herbst 1846 ließ sich F. als Privatlehrer der Musik in Stuttgart nieder, wurde aber rasch zu den verschiedensten wichtigen Unternehmungen herbeigezogen. Schon im J. 1847 wurde er Dirigent des „Vereins für classische Kirchenmusik“, der ein Jahr zuvor als „Verein für alte Kirchenmusik“ von Aloys Schmitt gegründet worden war. Diesen Posten, der seiner Natur und Fähigkeit ganz besonders entsprach, hat F. bis 1891 behauptet und dem Verein unter den deutschen Kirchengesangvereinen eine der ersten Stellen errungen. Streng, doch nicht engherzig in der Wahl der Musikwerke, war er unermüdlich eifrig im Einüben und Dirigiren; seinem Singchor anzugehören war eine wahre Freude, eine noch größere, von ihm gelobt zu werden; sein feines und geübtes Ohr war unbestechlich, seine Beherrschung der Partitur staunenswerth. Zumal die großen Meister seines eigentlichsten Faches, Bach und Händel, konnten nicht wol besser zu Gehör gebracht werden als durch seine Leitung. So war auch selbstverständlich, daß der erste, je ein großes Oratorium Händel’s enthaltende Abend der drei ersten Stuttgarter Musikfeste 1885, 1888 und 1891 von ihm geleitet wurde. Nicht viel später wurde F. Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes, blieb es aber nur bis 1857; ebenso war er nicht nur 1849 unter den Gründern des Schwäbischen Sängerbundes, sondern auch bis 1892 Ausschußmitglied desselben und Dirigent der allermeisten schwäbischen Liederfeste oder anderer vom Bunde veranstalteten Musikproductionen; ebenso hat er drei Mal Feste des pfälzischen Sängerbunds dirigirt, beim eidgenössischen als Preisrichter mitgewirkt und sich 1862 an der Gründung des allgemeinen deutschen Sängerbunds betheiligt. So ist er auch Ehrenmitglied einer ganzen Anzahl größerer und kleinerer Männergesangvereine geworden und 1878 Mitglied des musikalisch-technischen Ausschusses des evangelischen Kirchengesangvereine. Auf seinem Leibinstrument, der Orgel, hat er in jüngeren Jahren noch einige Concerte in Leipzig, Dresden, Baden, der Schweiz gegeben; später war er lange Zeit Organist an der Stuttgarter Stiftskirche und Dirigent des Stiftschors, daneben Leiter der staatlichen Orgelschule. Den Stuttgarter Orchesterverein hat er 1858–1860 dirigirt. Von 1849 an war er Gesangslehrer am Katharinenstift. In den Mittelpunkt des Stuttgarter Musiklebens kam F. 1857 durch die Gründung der Musikschule (später „Conservatorium“), an der er sofort Lehrer, von 1859 an neben Lebert Vorstand wurde; er hat dort Orgelspiel, Chorgesang, Zusammenspiel und Compositionslehre gelehrt. Endlich war er seit 1855 Mitglied der Prüfungscommission für die evangelischen Volksschullehrer, seit 1872 des von Reichswegen eingesetzten musikalischen Sachverständigenvereins für Württemberg. Am 25. Januar 1849 hat sich F. bei der philosophischen Facultät Tübingen den Doctorgrad durch seine „Beiträge zur Geschichte der Claviersonate“ erworben; seit 1856 hatte er den Titel Professor. – Die Vereinigung so vieler, zum Theil sehr zeitraubender Aemter hätte eine schwächere Natur früh erschöpfen müssen. Körperkraft und Willensstärke hielt ihn aufrecht, obwol er schon in gesunden Tagen die Ueberanstrengung durch Schlaflosigkeit büßen mußte. Vom Musikfest 1891 an aber kränkelte er und ist am 5. Juni 1894 von schwerem Leiden durch den Tod erlöst worden.

Faißt’s Grundeigenschaften waren Kraft, Wahrhaftigkeit und Gründlichkeit. Sie charakterisiren auch seine ganze Künstlerthätigkeit. Er war ausgezeichnet [487] durch markige Energie und solide Arbeit in seinen Compositionen, zweifellos bedeutender aber als Dirigent, am bedeutendsten wol als Lehrer. Die Menge von musikalischer Bildung, die er verbreitet hat, ist kaum übersehbar, und so streng er als Dirigent und Lehrer war, so gerne gehorchte man ihm, weil er von sich selbst am allermeisten forderte. – Auf Nennung seiner Compositionen muß ich verzichten; sie erstrecken sich auf Orgel, Clavier, Gesang, gemischten und Männerchor, Orchester, und haben ihre Hauptstärke in der kirchlichen Tonkunst. Besonders bedeutend sind seine Bearbeitungen fremder Werke und seine musikpädagogischen Werke. So hat er für die große Händel-Ausgabe einige Clavierauszüge geliefert, schon in Berlin einen von Haydn’s „Schöpfung“ gemacht. Am bekanntesten ist die instructive Ausgabe classischer Clavierwerke geworden, die er mit Lebert u. A. zusammen bei Cotta herausgegeben hat. Mit Ludwig Stark zusammen gab er 1880–1883 eine „Elementar- und Chorgesangschule“ heraus und schrieb 1881 „Zur Hebung des Gesangsunterrichts in den evangelischen Volksschulen Württembergs“. Sonst besonders Hymnologisches: 1850 „25 Chormelodien der evangelischen Kirche aus dem 16. und 17. Jahrhundert, in ihrer ursprünglichen Form herausgegeben“; 1854 „Die Melodien des deutschen evangelischen Kirchengesangbuchs in vierstimmigem Satze“ (mit Tucher und J. Zahn); 1876 dritte Auflage des „Choralbuchs für die evangelische Kirche in Württemberg“. – In Faißt’s Jugend fallen einige Beiträge in Schumann’s Zeitschrift für Musik; über Kirchentonarten in der Musikalischen Zeitschrift; „Zur Geschichte der Claviersonate“ (Doctorarbeit, s. o.) in Dehn’s Cäcilia, Bd. 25 u. 26.

Schwäbischer Merkur 1894, S. 1145 (von Otto Elben). – Lehrer-Bote 1894, S. 53–55, 61–64 und Neue Musik-Zeitung 1894, S. 148 f. (von Heinrich Lang). – Korrespondenzblatt des evangel. Kirchengesangvereins 1894, Nr. 7 (von Heinrich Köstlin). – S. Kümmerle, Encyklopädie der evangelischen Kirchenmusik (1888), Band 1, S. 394–396. – Württembergisches Magisterbuch.