ADB:Tucher, Gottlieb Freiherr von

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Artikel „Tucher, Gottlieb Freiherr von“ von Johannes Zahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 767–770, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tucher,_Gottlieb_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 15:05 Uhr UTC)
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Tucher: Christoph Karl Gottlieb Sigmund Freiherr v. T. von Simmelsdorf, ein Mann, der sich um die Geschichte der Kirchenmusik, besonders um die Wiederbelebung des evangelischen Kirchengesangs in Deutschland höchst verdient gemacht hat, Sprößling des altberühmten Patriciergeschlechtes derer v. T., wurde am 19. Mai 1798 in Nürnberg seinem Vater dem Bürgermeister Jobst Wilhelm als das sechste Kind geboren, welchem noch fünf Geschwister nachfolgten. Sein Vater, durch seine vielseitigen Berufspflichten vollauf in Anspruch genommen, mußte die Kindererziehung seiner vortrefflichen Gemahlin, einer geborenen Freiin v. Haller von Hallerstein überlassen und starb schon im J. 1815. Sein Sohn Gottlieb besuchte unter dem Rectorat des Philosophen Hegel, dem Gatten seiner ältesten Schwester, das Gymnasium seiner Vaterstadt und erhielt durch denselben damals, wie auch später in Berlin mannigfache geistige Anregung. Nachdem er diese Anstalt im J. 1816 absolvirt hatte, bezog er die Universität Erlangen und dann 1817 bis April 1819 Heidelberg, um Rechtswissenschaft zu studiren, doch beschäftigte er sich zugleich mit dem Studium der Mathematik, der Naturwissenschaft und der Philosophie. Nachdem er sich eine Zeit lang in seinem elterlichen Hause aufgehalten hatte, die gewonnenen Kenntnisse gründlich zu verarbeiten, setzte er seine Studien in Erlangen 1819 bis März 1821, und dann April 1821–22 in Berlin fort. In Heidelberg sowie in Berlin erhielt seine Neigung zur Musik durch den Umgang dort mit Thibaut und hier durch den Unterricht B. Klein’s in der Musiktheorie reiche Nahrung und führte ihn vorzugsweise zum Studium der älteren Kirchenmusik. Im J. 1822 beendigte er in Erlangen seine Universitätsstudien, prakticirte hierauf in Dinkelsbühl und Schwabach, und legte 1824 das juristische Staatsexamen ab. Danach machte er eine längere Reise durch Italien, war 1825 als Accessist am Stadt- und Kreisgericht Nürnberg, 1827 beim Appellationsgericht in Ansbach und 1828 wieder am Stadtgericht in Nürnberg thätig. 1833 wurde er als Assessor und 1839 als Rath des Kreis- und Stadtgerichts in Schweinfurt und 1841 in letzterer Eigenschaft in Nürnberg angestellt. 1849 wurde er als Rath des Appellationsgerichts in Neuburg a. D. und 1856 als Rath des Oberappellationsgerichts in München berufen. 1867 trat er in den Ruhestand und starb zu München am 17. Februar 1877. Er hatte sich 1828 mit seiner Cousine, einer Freiin v. Haller verheirathet; welche ihm nach einer glücklichen jedoch kinderlosen Ehe 1834 durch den Tod entrissen wurde. 1836 vermählte er sich mit der Freiin Thekla von Gemmingen, welche gegenwärtig noch am Leben ist. Dieser Ehe entsproßten 4 Söhne und 5 Töchter, von welchen jedoch nur 2 Söhne und 2 Töchter den Vater überlebten.

In die Zeit seines Aufenthaltes in Nürnberg, seit 1828, fällt seine Thätigkeit für den Findling Kaspar Hauser, für den ihn der damalige Präsident des [768] Appellationsgerichtes, Staatsrath Feuerbach, lebhaft zu interessiren wußte. Im December 1829 wurde T. zu Kaspar Hauser’s gerichtlichem Vormund ernannt. Nach zweijähriger zwar interessanter aber mühevoller Thätigkeit legte er diese Stelle im December 1831 nieder, nachdem durch Einwirkung mancher Persönlichkeiten, namentlich Lord Stanhope’s, sein Verhältniß zu Hauser so gestört war, daß an einen gedeihlichen Einfluß auf ihn nicht mehr gedacht werden konnte. Wiewol es T. als tüchtiger Jurist zur angesehensten Stellung in der höchsten Gerichtsbehörde gebracht hat, so liegt doch seine hervorragendste Bedeutung auf einem anderen Gebiete, nämlich auf dem der Kirchenmusik. In seiner Jugend scheint er keine besondere Neigung zur Musik gehabt zu haben; er bat einst seine Mutter, die Musikstunden aufgeben zu dürfen. In einem Brief an Winterfeld sagt T. er habe mit solchem Eifer das Flötenspiel getrieben, daß es ihm zuletzt zum Ekel geworden sei; erst in seinem 22. Lebensjahre sei er zum Studium der Musik gekommen und zwar habe er zunächst das Clavierspielen gelernt und zwar vornehmlich Choräle gespielt. Dabei habe er Generalbaß und Contrapunkt für sich ohne Lehrer zu erlernen versucht, freilich mit vielen Umwegen und Zeitverlust. Beim Choralspielen sei er auf die alten Tonarten und auf die Werke älterer Componisten aufmerksam geworden, habe sich ältere Kirchencompositionen abgeschrieben. Im J. 1824 hielt er sich, wie erwähnt, längere Zeit in Italien auf, machte in Rom durch Bunsen die Bekanntschaft des päpstlichen Capellmeisters Baini und wurde durch das Anhören der Gesänge in der päpstlichen Capelle mit hoher Begeisterung erfüllt. Er verschaffte sich in Rom Abschriften alter Kirchenmusiken, insbesondere aus der musikalischen Bibliothek des Abbate Fortunato Santini; und auch später noch vermittelte ihm sein Freund, der Maler Julius Schnorr von Carolsfeld manche Abschriften alter Kirchengesänge. Nach seiner Rückkehr aus Italien suchte er die von ihm hochgeschätzten Gesänge von Palestrina und seiner Schule in Deutschland zu verbreiten. Eine Sammlung derselben in 2 Heften übergab er dem Musikalienhändler Artaria in Wien zum Verlag. Artaria gab das Manuscript Beethoven zur Durchsicht, der für diese ihm bis dahin unbekannten Gesänge so großes Interesse zeigte, daß er sie sehr lange in Händen behielt, und dadurch die Veröffentlichung verzögerte. Deshalb widmete T. dann diese 2 Hefte am 21. September 1826 Beethoven, der die Dedication am 28. Februar 1827 laut einer eigenhändig unterzeichneten Zuschrift dankend annahm.

Von dieser Zeit an war T. unablässig bemüht, eine möglichst reichhaltige Sammlung älterer Kirchenmusik zusammen zu bringen, vermuthlich um sie einst durch die Presse zu veröffentlichen. Wir sehen ihn in dieser Angelegenheit in Correspondenz mit vielen bekannten Musikschriftstellern und Musikern, wie Thibaut in Heidelberg, Friedrich Schneider in Dessau, Kocher in Stuttgart, Winterfeld in Breslau, später in Berlin, Zelter in Berlin, Stiftsprediger Hauber in München, Pölchau in Berlin, Kriegsrath St. Julien in Karlsruhe u. A. Eine Zeit lang hegte er den Gedanken, die Composition Palestrina’s über das Hohe Lied herauszugeben. Aber weder dieses Vorhaben, noch der Plan, eine umfangreiche Sammlung altclassischer, insbesondere italienischer Kirchenmusik zu veröffentlichen, kam zur Ausführung, da die Aufmerksamkeit Tucher’s nach einer andern Seite gelenkt wurde. Durch die Sammlung von Chorälen aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Becker und Billroth 1831 auf die Eigenart der evangelischen Kirchenmelodien hingewiesen, wurde T. 1834 durch die Bekanntschaft mit dem Zinkeisenschen Kirchengesangbuch für den alten evangelischen Choral begeistert. Er harmonisirte manche der darin enthaltenen Melodien, verschaffte sich die mehrstimmigen Tonwerke von M. Prätorius, Hasler, Calvisius, Stade, Vulpius u. s. w. und verglich dann seine Harmonisationen mit denen dieser alten Musiker, was, wie [769] er gesteht, zu seiner Beschämung ausschlug. Er bemühte sich von dieser Zeit an sich alle Quellen der ev. Kirchenmelodien zu verschaffen und unterhielt deswegen einen lebhaften Briefwechsel mit Winterfeld in Berlin, G. v. Ditfurth in Theres und insbesondere mit C. F. Becker in Leipzig. Er faßte nunmehr den Plan, eine Sammlung von Melodien des ersten Jahrhunderts der Reformation mit vierstimmigen Tonsätzen herauszugeben, in denen, wie er Thibaut 1838 schreibt, nichts verbessert werden, aber alles weggelassen werden sollte, was uns absolut verletzend und störend erscheint, das dafür einzusetzende aber solle von der Art sein, daß es auch von den alten Componisten so gesetzt sein könnte. Von dieser Sammlung erschien mit dem Titel: „Schatz des evangelischen Kirchengesangs im ersten Jahrhundert der Reformation“ im J. 1840 ein Probeheft, 42 Melodien enthaltend, wodurch T. das Urtheil der Kunstverständigen über seine Bestrebungen erfahren und Vorschläge zu etwaigen Verbesserungen gewinnen wollte. Er fand viele freudige Zustimmung, doch auch entschiedenen Widerspruch, zumal von André in Offenbach. Die Jahre 1840–47 verwendete T. zur Ausarbeitung der vollständigen Sammlung, zu deren Verlag sich Breitkopf und Härtel, jedoch ohne Entrichtung von Honorar, bereit erklärten, und welche dann in dem für alle Friedenswerke so ungünstigen Jahre 1848 erschien und die als Tucher’s bedeutendstes musikalisches Werk anzusehen ist. Es besteht aus zwei Theilen; der erste, das „Liederbuch“, enthält 622 Kirchenlieder, der zweite, das „Melodienbuch“, 469 Melodien in vierstimmigen Tonsätzen, von denen die größere Zahl von Tonsätzen aus der Zeit zwischen 1590 und 1630 herrührt, insbesondere von Calvisius, Mich. Prätorius, Hasler, Vulpius, Gesius, Schein und Landgraf Moritz. Eine ziemliche Zahl (119), für welche T. keine, oder keine gute Harmonisation vorfand, sind von Herrn v. Ditfurth und von C. F. Becker in Leipzig im Stil der alten Meister harmonisirt. Das bahnbrechende Werk, dessen Verlag von Tauchnitz und Brockhaus abgelehnt, endlich von Breitkopf und Härtel übernommen war, wurde alsbald zur wichtigen Fundgrube für die späteren Bearbeiter von Choralbüchern. In besonderem Maaße trug es aber noch zur Anregung der Frage des rhythmischen Choralgesanges bei. Schon 1846 hatte das bairische Oberconsistorium 12 revidirte Choräle in rhythmischer Bearbeitung versuchsweise hinausgegeben und im nächsten Jahr in einem 2. Heft noch weitere 16 folgen lassen. v. T. gab hierzu Rathschläge über Auswahl, Redaction und Harmonisirung dieser 12 und 16 revid. Choräle, sowie über die Redaction des für die Gemeinden bestimmten Begleitschreibens. Nachdem man schon im October 1847 in Nürnberg bei T. zu einer Berathung über jene 16 revidirten Choräle zusammengekommen war, kam es am 17. September 1850 unter Tucher’s Vorsitz zu einer Versammlung in Gunzenhausen, an welcher Layriz, Jubitz, Kraußold, Wiener, Zahn, Schüßler Theil nahmen. Als 1848 Gust. Adolf Wiener sein Gesangbuch herausgab, vermuthete man, daß dieses zur Einführung in Baiern kommen werde; die Generalsynode jedoch entschied sich für ein anderes von einer Commission bearbeitetes Gesangbuch, für welches die Melodien des Wienerschen großentheils verwendet werden konnten, welches aber noch eine Zahl anderer Melodien erforderte. Für die Herstellung dieses Choralbuchs wurde Zahn beauftragt, welcher unter Beirath von T. das Melodienbuch bearbeitet hat. Es ist das „Revidirte vierstimmige Kirchenmelodiebuch. Im Auftrag des protestant. Oberconsistoriums zu München in Verbindung mit mehreren bearbeitet und herausgegeben von Johannes Zahn“, 1852. Als nun die Eisenacher Kirchenconferenz die Ausarbeitung eines Kirchenliederbuches beschlossen hatte, um zunächst für die alten Kernmelodien eine einheitliche Form anzubahnen, wurde T. vom Consistorialrath Grüneisen in Stuttgart aufgefordert, an der Redaction [770] Theil zu nehmen, Dies lehnte er zwar aus Mangel an Zeit ab, erklärte sich aber bereit, den Gang der Sache zu controliren, indem er für die Feststellung der Melodien Zahn vorschlug, der sich dazu mit Faißt verband. Beide begaben sich zu T., mit dem sie dann die Melodien bestimmten und die Harmonisirung besorgten. So entstand das „Deutsche evangelische Kirchengesangbuch in 150 Kernliedern“ und das dazu gehörende Choralbuch: „Die Melodien des deutschen evangelischen Kirchengesangbuchs in vierstimmigem Satze für Orgel und für Chorgesang. Aus Auftrag der deutschen evangelischen Kirchenconferenz zu Eisenach, bearbeitet von G. Frhrn. v. T., Emanuel Faißt und Johannes Zahn,“ 1854. Dieses Werk fand nun sofort in der bairischen Kirche seine Verwerthung, in dem Gesangbuch für die ev. luth. Kirche von 1854 und seinem vierstimmigen Melodienbuch, welches wiederum Zahn auf Grundlage des Kirchenmelodienbuches von 1852 bearbeitete. Durch diese Werke wird Tucher’s Name für immer an die Geschichte des evangelischen Gesanges geknüpft bleiben.

Seine vor allem in den späteren Jahren scharf ausgeprägte religiöse Richtung erhielt T. hauptsächlich durch den Verkehr mit Löhe (A. D. B. XIX, 116), den er in Nürnberg als Verweser von St. Aegidien schätzen gelernt hatte, und dessen Werk für innere Mission er kräftig unterstützte. So war es in seinen letzten Lebensjahren hauptsächlich sein Werk, daß in München eine Station der Neuendettelsauer Diakonissenanstalt gegründet wurde.