ADB:Schein, Johann Hermann

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Artikel „Schein, Johann Hermann“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 715–718, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schein,_Johann_Hermann&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 14:09 Uhr UTC)
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Schein: Johann Hermann S. war einer der berühmten drei S im 17. Jahrhundert, nämlich Scheidt, Schein, Schütz, die auch alle drei geborene [716] Sachsen waren und deren Wirksamkeit ebenfalls Sachsen angehörte. S. war am 20. Januar 1586 in Grünhain im Meißnischen geboren und starb am 19. November 1630 in Leipzig. Ein Leichensermon, der in den Monatsheften für Musikgeschichte, Bd. 3 S. 26, abgedruckt ist, giebt uns über den äußeren Lebenslauf Schein’s genaue Kunde. Sein Vater war am obigen Orte Prediger, starb aber schon im Jahre 1593. Die Mutter zog nun mit ihrem Sohne nach Dresden und dieser wurde 1599 Cantoreiknabe in der kurfürstlichen Capelle und Schüler Roger Michael’s. Die Erziehung der Cantoreiknaben erstreckte sich damals nicht nur bis zur Zeit des Mutirens, sondern der Kurfürst sorgte auch dafür, daß sie später etwas tüchtiges lernten, um dann entweder als Staatsbeamte oder als Musiker in seinem Lande zu wirken. S. wurde daher nach dem Mutiren der Stimme am 18. Mai 1603 nach Schulpforta geschickt, kehrte am 26. April 1607 nach Dresden zurück und bezog nun die Universität in Leipzig, auf der er 4 Jahre lang Jura studirte. Die Musik ließ er dabei nicht ruhen, im Gegentheil huldigte er ihr eifrig und benutzte jede Gelegenheit, wo er etwas lernen oder Beweise seiner Kunstfertigkeit ablegen konnte. Besonders als Componist trat er in den Kreisen seiner Commilitonen öfter auf und errang sich damit manche fröhliche Stunde. Unbemittelt wie er war, mußte er nach abgelegten Studienjahren sein Geld als Hauslehrer, oder wie es damals hieß, als Präceptor verdienen. Das Glück wollte es, daß ihn ein reicher und musikliebender kurfürstlich sächsischer Hauptmann zu Weißenfels, Gottfried v. Wolffersdorf, in Dienst nahm, bei dem er nicht nur die Kinder zu unterrichten hatte, sondern auch als Hausmusikdirector eine vielseitige Thätigkeit entwickeln konnte. Nachdem er hier zwei Jahre verblieben war, erhielt er vom Herzoge von Sachsen-Weimar, Johann Ernst dem Jüngeren, die Aufforderung, die erledigte Capellmeisterstelle zu übernehmen. Zwar stand er zum Kurfürsten von Sachsen in einem abhängigen Verhältnisse und mußte dessen Erlaubniß haben, um seine Kräfte anderweitig zu verwerthen; aber der Kurfürst scheint ihm, da wohl zur Zeit keine passende Stelle in seiner Capelle offen war, nichts in den Weg gelegt zu haben. Gewöhnlich behielt sich der Kurfürst vor, diejenigen, die auf seine Kosten erzogen waren, auf Zeit zu entlassen, bis er ihrer bedürfe. Die Kurfürsten haben derartige Erlaubniß oft ertheilt und wie es scheint mit einer gewissen Genugthuung. S. trat die neue Stellung am Weimarer Hofe am 21. Mai 1615 an und fand hier reichlich Gelegenheit, seine Talente zu verwerthen und sich die Achtung seines Fürsten zu erwerben. In gesicherter Stellung, konnte er nun daran denken, sich einen eigenen Heerd zu gründen und daß sein Herz lange zuvor schon gewählt hatte, beweist der Umstand, daß er sich seine Braut aus Dresden heimholte und zwar die Tochter des kurfürstl. sächs. Rentsecretärs Hösel. Die Hochzeit fand am 12. Februar 1616 in Weimar statt. Er zeugte in seiner Ehe fünf Kinder, von denen zwei Söhne sich wissenschaftlichen Fächern zuwendeten. In einer zweiten Ehe, die er um 1625 einging, abermals vier Kinder, die aber alle in jungen Jahren starben. Nachdem 1615 in Leipzig Sethus Calvisius gestorben war, Cantor und Musikdirector an St. Thomas, schritt man im folgenden Jahre zu einer Neuwahl, und es ist bezeichnend für Schein’s Leistungen, daß man ihn zum Nachfolger eines so hochgeachteten Mannes wählte. Das Datum seines Eintritts in das neue Amt ist bis jetzt nicht bekannt und man weiß nur, daß er es 1616 antrat. Er erhielt auch nicht gleich den Titel eines Musikdirectors, sondern nennt sich bis ins Jahr 1622 nur Musicus und Cantor an St. Thomae zu Leipzig, erst seit 1623 bezeichnet er sich auf den Titeln seiner Drucke mit „Music-Director in Leipzig“. – Schon als Student in Leipzig ließ er 1609 eine Sammlung weltlicher Lieder drucken, die er dem Rath und Baumeister Wolfg. Lebzeltern in Leipzig widmete. Die frühe [717] Anknüpfung mit den Leipziger Stadträthen hat ihm die erwünschte Erreichung der Cantorstelle bei Zeiten geebnet. So dedicirte er 1611, als er in Weißenfels lebte, dem Bürgermeister Mayer von Leipzig einen „Friedens Wunsch“ (Votum pro pace à 9 overo 14 voc.) zum Beginne des neuen Jahres. Man kannte daher sein Compositionstalent in Leipzig sehr wohl und wußte es zu schätzen. Von 1615 ab, als er sich in Weimar befand, entwickelte er eine staunenswerthe Fruchtbarkeit. So erschienen 1615 in Leipzig bei Lamberg 31 Motetten zu 5–12 Stimmen, 1617 ebendort eine Sammlung Paduanen und Gagliarden für 5 Instrumente. Vom Kriegsjahr 1618 ab erschienen neben einer großen Anzahl Gelegenheitsgesängen, die stets auf Kosten der Angesungenen gedruckt wurden, fast sämmtliche Werke im Selbstverlage, gedruckt von Glück in Leipzig und waren oft recht umfangreich, so das „Cantional oder Gesangbuch Augsburgischer Confession für Leipzig“ im 4–6stimmigen Tonsatze, welches 536 Seiten umfaßt. Entweder war seine Frau vermögend, oder seine Werke fanden trotz der Kriegszeit einen guten Absatz, denn der damalige Gehalt an der Thomasschule reichte gerade nur zum Lebensunterhalte aus. Es ist übrigens recht bezeichnend für die damalige Geschäftswelt, daß sie sich muthlos von jedem Unternehmen fern hielt, während der Künstler selbst rüstig weiter schaffte und selbst die kaufmännischen Sorgen noch übernahm. Trotzdem S. nie in Italien war, kannte er die neuere Richtung der Italiener sehr wohl und schon in seiner ersten Sammlung geistlicher Concerte, die nach Winterfeld (II, 231) 1612 erschienen, soll er die italienische neue Form angewendet haben, ebenso in dem 1615 erschienenen „Cymbalum Sionium sive Cantiones sacrae“. Winterfeld’s Aussage zu bezweifeln liegt mir fern, da er sich stets als ein gewissenhafter Historiker bewiesen hat, da aber den beiden Werken, soweit ich sie kenne, der Bassus continuus fehlt, der unbedingt zu der neueren Richtung im Tonsatze gehört, so ist jedenfalls Winterfeld’s Urtheil auffallend. Erst in den 1618 erschienenen „Opella nova, geistliche Concerten mit 3–5 Stimmen zusampt dem General Baß auff italienische Invention componirt“ ist die Nachbildung der italienischen Form schon durch den Wortlaut des Titels documentirt. S. schließt sich mit Vorliebe dem deutschen geistlichen Liede an und hat darin Musterhaftes geleistet, sowol im einfachen mehrstimmigen Choralsatze, als in der Concertform, wie man sie damals bezeichnete. Letztere nahm die Kirchenmelodie als Grundlage zu einem weit ausgesponnenen Tonsatze, in dem eine oder mehrere Singstimmen, begleitet von Instrumentalstimmen, mit Zwischensätzen unterbrochen, oft aus mehreren Sätzen bestehend, die Kirchenmelodie strenger oder freier behandelten, oder wie man einst sagt, „concertweise setzten“. Diese Form wurde zu Schein’s Zeit so beliebt, daß sie die Motette fast verdrängte, bis letztere dann in der Cantatenform wieder erstand, wenn gleich nach Inhalt und Form in sehr veränderter Gestalt. S. ist aber auch Dichter von Kirchenliedern und erfand neue Weisen, die dann in andere Gesangbücher übergingen. Ausführliches theilt hierüber v. Winterfeld in seinem evangelischen Kirchengesange II, 239 mit. Hier sei auch dessen Urtheil über Schein’s Bedeutung im Choralsatze mitgetheilt, da das Urtheil eines so gründlichen Kenners stets von Werth bleiben wird. Er schreibt S. 236 u. 238: „Zeitgenossen loben Schein’s Tonsatz als sehr natürlich und lieblich: unsere Zeit hat dieses Lob dahin noch gesteigert, daß er ganz köstlich, musterhaft, echt kirchlich sei. Mir erscheint in ihm bereits ein Verfall der älteren, kirchlichen Kunst, der freilich wiederum mit dem Anbrechen einer neuen Zeit zusammenhängt. Ich möchte daher nicht wagen, S. als hohes Muster im Choralsatze aufzustellen. Es treten bei ihm Vorandeutungen einer neuen Zeit hervor, die auf den Trümmern einer älteren Kunstrichtung sich gründet, Ahnungen ihrer Vorzüge wie Gebrechen; sie erscheinen bei ihm getragen von gründlicher meisterlicher [718] Kunstfertigkeit, einer wahrhaften Begeisterung für seinen Beruf, einem frommen und reinen Gemüth.“ Die neuere Zeit hat von seinen zahlreichen weltlichen Compositionen nur Weniges wieder durch den Druck bekannt gemacht, während viele seiner Choralsätze in zahlreichen Sammelwerken Aufnahme gefunden haben. Ein Verzeichniß der Ausgaben ist in meinem 1871 erschienenen Verzeichniß und Nachträge in den Monatsheften für Musikgeschichte, Bd. IX, zu finden.