ADB:Grueber, Bernhard

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Artikel „Grueber, Bernhard“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 577–581, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Grueber,_Bernhard&oldid=- (Version vom 18. Juni 2019, 13:26 Uhr UTC)
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Grueber: Bernhard G., Baumeister und Kunsthistoriker, geboren am 27. März 1806 zu Donauwörth, kam mit seinem Vater, der eine Stelle [578] an der Staatsschuldentilgungs-Commission erhielt, schon 1812 nach München, wo der fleißige Junge an Lateinschule und Gymnasium den Grund legte zu einer umfassenden wissenschaftlichen Bildung. Dann trieb ihn eine mächtige Vorliebe für die Kunst an die Akademie, wo er sich zunächst der Malerei widmete, bald aber die Baukunst zum Lebensberuf erkor; namentlich fesselte ihn die mittelalterliche Architektur, deren Schönheit dem achtzehnjährigen Jüngling auf einer Rheinreise aufgegangen war. Das Glück führte ihn 1830 zu Jos. Daniel Ohlmüller, welcher damals mit den Plänen für die spitzbogige Auerkirche beschäftigt war und bei Ausführung dieses herrlichen Baues den strebsamen G. theoretisch und praktisch in seinem Bureau verwendete. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Lithographien Grueber’s, z. B. die Ansicht des auf dem alten Burgplatz zu Wittelsbach durch Ohlmüller errichteten Denkmals; auch in Radirung und Kupferstich scheint er sich bethätigt zu haben. Bald darauf leitete G. die Vorarbeiten zu der von König Ludwig I. veranlaßten Restauration des berühmten Regensburger Domes, wobei er sich eine heftige Erkältung zuzog, die ein dauerndes Gehörleiden zur Folge hatte, welches ihm den lebendigen Austausch mit der Mitwelt sehr erschwerte und leider zeitlebens wesentlich beeinträchtigte. Im J. 1833 erhielt G. die Stelle eines Lehrers für Zeichnen und Bossiren an der Gewerbeschule zu Regensburg: für die Bedürfnisse dieser Anstalt gab er eine „Allgemeine Zeichnungsschule“ heraus und schrieb 1841 das Programm über „Die künstlichen Gewerbe in ihrer Ausübung durch Handwerker und Fabrikanten“ (Stadt am Hof 1841), in welchem er, längst bevor anderswo das Kunsthandwerk wieder entdeckt wurde, sehr beherzenswerthe und mannhafte Worte sprach. Zur Erweiterung seiner architektonischen Studien ging G. 1834 und 1837 nach Italien; die Ausbeute davon legte er in einem höchst instructiven, für das Wiederaufleben des Spitzbogenstiles bahnbrechenden Werke nieder: „Vergleichende Sammlungen für christliche Baukunst“, dessen erster Band (Augsburg 1839) die Ornamente und der zweite (ebendaselbst 1841) die Constructionslehre enthält; jeder ist durch 50 lithographische Tafeln erläutert, wozu der Verfasser das von ihm gesammelte Material mit größter Treue in mustergültiger Weise verarbeitete. Die Dedication trug den Namen des Kronprinzen Maximilian. In der Arabesken-Umrahmung des ersten Titelblattes brachte G. sein Porträt an, wie er uns auch auf einer Büste entgegentritt, welche Ludwig Foltz, damals sein College an derselben Anstalt, in Lebensgröße modellirte; das Titelblatt des zweiten Theiles bringt in dankbarer Erinnerung das Bildniß seines, mitten im unvollendeten Schaffen schon am 22. April 1839 gestorbenen Lehrmeisters Ohlmüller. Eine andere werthvolle Schrift veröffentlichte G. über „Das Stift des hl. Johannes des Täufers in Monza“ (Regensburg 1840), eine mit elf Abbildungen belegte Studie zur Geschichte Theudilinda’s (Dietlint) von Baiern und der Kunstbildung ihrer Zeit. Außerdem gab G. heraus ein „Donau-Panorama von Ulm bis Wien“ mit Karte und Ansichten (gestochen von H. Winkler), eine Monographie über die „Walhalla“ und den „Dom in Regensburg“ (ebendaselbst 1844), beide durch Grundrisse, Prospecte und Innenansichten in Stahlstichen erläutert. Ferner und zwar mit Adalbert Müller gemeinsam, die „Erinnerungen an Regensburg“ (1845) und die Beschreibung „Der Bayerische Wald“ (1846), beide mit zahlreichen Stahlstichen nach Grueber’s Zeichnungen illustrirt, heute noch für Touristen ein willkommener Führer. Der Wunsch, seine gediegenen Kenntnisse und vielseitigen Fähigkeiten im Baufach als selbständig ausübender Künstler zu bewähren, veranlaßte ihn nach zwölfjähriger Thätigkeit seine untergeordnete Wirksamkeit aufzugeben. Schon 1842 hatte G. im Auftrag des Fürsten Hugo Salm in dessen Palast zu Prag einen [579] Saal erbaut. Infolge dieser Leistung erhielt er 1844 einen ehrenvollen Ruf als Professor der Baukunst an der Landesakademie zu Prag, womit sich für ihn große künstlerische Aufgaben im kirchlichen wie im profanen Fache eröffneten. Von Neubauten entstanden neben anderen kleineren Leistungen: das Hauptschulgebäude zu Tetschen (1846); die Friedhofkirche mit der Berger’schen Familiengruft in St. Johann; das Palais des Freiherrn v. Aerenthal zu Prag (1847 und 1848); die große spitzbogige Marienkirche zu Turnau (1850); das Schloß Blatna und die Familiengruft der Ritter von Brinitz in Politschan (1853–1855); die Südfronte des Rathhauses in Prag (1856–1857); das ungeheure, ganz aus Quadern erbaute Schloß Groß-Skal. Auch lieferte G. die Pläne für das fürstlich Schwarzenberg’sche Schloß Worlik; die fürstlich Rohan’sche Residenz Sichrow und die Pfeiler der Kettenbrücke zu Tetschen. Auch unternahm G. die Restaurationsarbeiten des Domes zu Kuttenberg und den gewaltigen Sockelbau des Radetzky-Denkmals.

Neben dieser, einen Mann vollauf beanspruchenden Bauthätigkeit übte er sein Lehramt und bethätigte sein wissenschaftliches Interesse für die Kunst und ihre historische Entwicklung. Seine Gewohnheit, überall und bei jeder Gelegenheit alte Kunstwerke zu zeichnen und die erforderlichen Notizen und Urkunden zu sammeln, führte ihn auf ein früher in Böhmen kaum noch betretenes Gebiet; die Ausbeute wuchs beträchtlich auf den vielfachen Reisen nach allen Theilen des Landes. G. machte Aufnahmen, Risse und Durchschnitte von Kirchen, Schlössern und Burgen, zeichnete Sculpturen, Geräthschaften und Bilder, alles mit unermüdlicher, kundiger Hand, verständnißinniger Treue und strengem Stilgefühl. Mit dem Wachsen seiner Schätze entstand das Bedürfniß des Ordnens und Verarbeitens. So drängte sich die Feder von selbst in die Hand. Zuerst erschien die „Charakteristik der Baudenkmale Böhmens“ (Wien 1856), die „Baudenkmale der Stadt Kuttenberg“ (1861) und die werthvollen Untersuchungen über „Die Kaiserburg zu Eger und die an dieses Bauwerk sich anschließenden Denkmale“ (Prag und Leipzig 1864 bei Brockhaus), ferner die mustergültige Monographie über „Die Kathedrale des hl. Veit zu Prag und die Kunstthätigkeit Kaiser Karl’s IV.“ (Prag 1869), eine zwar kleine Abhandlung, welche aber das Resultat von mehr als zwanzigjährigen Beobachtungen, Messungen und Studien bietet, dazu ganz charakteristisch für den Verfasser, so schmucklos und schlicht und dabei doch so schön geschrieben, mit solcher Fachliebe und Sachkenntniß, daß sie in dem Leser eine wahre Freude und inniges Verständniß für dieses Kunstwerk entzündet. Diese gewinnende Gabe spricht auch aus jenem Werke, welches das wohlgesichtete Resultat dreißigjähriger Arbeit und eines auf einem Flächenraum von 1500 Quadratmeilen gesammelten Materials enthält. Das wirklich epochemachende Unternehmen, welches die Reichthümer dieses Landes erschloß und zur Kenntniß der Kunstgeschichte brachte, das Hauptwerk seines Lebens, Forschens und Schaffens, erschien, ausgestattet mit zahlreichen Holzschnitten, unter dem Titel „Die Kunst des Mittelalters in Böhmen“ in vier stattlichen Quartbänden (Wien 1871 bis 1879, mit Unterstützung des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht durch die k. k. Centralcommission für Erhaltung der Baudenkmale). Als der im stillen St. Johann in Pongau ausruhende Autor die an den „hohen Landtag des Königreichs Böhmen“ gerichtete Dedication schrieb (Juli 1879), mochte in seiner Seele wol ein Strahl der Freude aufblitzen, ein Werk „aere perennius“ vollendet zu haben. Der erste Band (1871) umfaßt die Zeit des romanischen Stiles von 1070–1230; der zweite den Uebergang zur Gothik von 1230–1310; der nächste (1877) die Glanzperiode der Luxemburger 1310–1437; den Schluß bildet die Spätgothik von 1437–1600. „Damit [580] erschloß G. die Kunstgeschichte Böhmens zuerst weiteren Kreisen in einer Vollständigkeit, die als Resultat des Fleißes einer einzelnen Arbeitskraft erstaunlich ist; er besaß alle Eigenschaften zur Lösung dieser enormen Aufgabe: Die Praktik des ausübenden Architekten, die gute Schule der künstlerischen Forschungsmethode und dazu die schriftstellerischen Eigenschaften einer lebendigen Darstellung und eines sachlich angemessenen Stils, der auch in der Detailuntersuchung nie trocken wurde und dem man die frische Kraft des Auges stets anfühlte.“ In eingehender, sachkundiger Weise hat Lübke die einzelnen Bände jedesmal in den Beilagen der „Allgemeinen Zeitung“ 1871 (Beil. 284), 1875 (Beil. 180), 1881 (Beil. 189) ausführlich zur wohlverdienten Würdigung gebracht.

Nebenbei entstand das instructive Buch über die „Baumaterialienlehre“ (Berlin 1863), worin G. seine praktischen Erfahrungen niederlegte, und eine Reihe anderer kunst- und culturhistorischer Untersuchungen, z. B. über „Das deutsche und slavische Bauernhaus in Böhmen“ und die werthvolle Abhandlung über „Kaiser Ludwig der Bayer, Karl IV. und die Gralsage“ (1871), feinfühlige Arbeiten, welche G. theils in den Mittheilungen der k. k. Centralcommission, theils in den „Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen“ niederlegte. Leider fand der hochverdiente Mann gerade in dem Lande, dessen Geschichte er so glorreich in Wort und Werk an den Tag brachte, nicht die verdiente Würdigung. Der dualistische Hader wurde auch ihm verderblich. Die Prager Kunstakademie, welche keine Staatsanstalt ist, sondern nur als Landesstiftung unterhalten wird, schob ihn, als die Tschechen die Majorität erhielten, ohne Pension hinaus. Doch ehrte ihn der Kaiser durch einen Gnadengehalt.

Müde der unausgesetzten Verdächtigungen und ebenso grundlosen wie hämischen Angriffe, räumte G. das ihm so theuer gewordene Böhmen, welches er wie kein anderer durchforscht und beschrieben hatte und übersiedelte erst nach Freising und bald darauf nach München. Hier vollendete er sein Werk zu Ehren des gegen die Deutschen nur zu oft ungastlichen Landes (wie häßlich hatte man dem Holbein-Biographen Alfred Woltmann seine für Böhmens Kunstgeschichte so begeisterten Vorträge vergällt) und brachte sein längst geplantes Buch über „Die Elemente der Kunstthätigkeit“ (Leipzig 1875) zum Abschluß. Auch arbeitete G. trotz seiner herben Erfahrungen mit alter Lust an einem fünften Bande seines Werkes, worin die Periode der Renaissance in Böhmen in gleicher Weise geschildert werden sollte. Mit rastlosem Fleiße traf G. die Vorarbeiten zu einer „Geschichte der Ornamentik“, wozu er die Tafeln selbst zeichnete, da das k. k. Ministerium des Unterrichts zur Herausgabe derselben die fördernde Hand zu bieten versprach. Dem praktischen Baufach hatte er entsagt, als seine Concurrenzarbeiten, erst bei der Wiener Votivkirche, dann bei dem Münchener Akademieneubau nicht die gewünschte Beachtung fanden. Dagegen nahm sein unablässig wogender Geist einen neuen Schwung nach dem Bereich der ihm immerdar willig zu Gebote stehenden Poesie: er dichtete einen Cyclus nach Moriz v. Schwind’s „Melusine“, schrieb allerlei noch ungedruckte Novellen und hatte gerade die Ausarbeitung eines Lustspieles begonnen, als ein altes, scheinbar beruhigtes Magenübel wieder aufbrach, welches ihn nach kurzen, schweren Leiden am 12. October 1882 dem Tode überlieferte. Eine kleine Schrift über „Die Wallfahrtsbilder zu Polling und Ettal“ (Regensburg 1882), worin er das vom Kaiser Ludwig dem Baier aus Pisa mitgebrachte kostbare Sculpturwerk und das merkwürdige Crucifix zu Polling einer kunsthistorischen Kritik unterzog, war als letzte Arbeit kurz vorher erschienen. Auch an der zweiten Auflage von Lübke’s „Geschichte der Renaissance“ (Stuttgart [581] 1882) hatte G. sich mit Rath und That betheiligt, ebenso wie er früher zu der von Hermann Schmid besorgten neuen Ausgabe des „Malerischen Baiern“ allerlei Beiträge in Bild und Wort geliefert hatte.

G. war Künstler in jeder Richtung, abgesehen von der Musik, die ihm durch seine Schwerhörigkeit leider verschlossen blieb. Eine anhaltende Frische und Heiterkeit, ein tiefes Verständniß der Natur begleitete ihn und verklärte sein ganzes Leben, trotz vielen schweren Erfahrungen. Glänzende Auszeichnungen, wie der seltene Mann sie hätte erheischen können und sie anderen von selbst in den Schoß fallen, hatten ihn nie erreicht. Daß Undank der Welt Lohn ist, scheint sich an ihm gerade in dem Lande, zu dessen Ehre und Ruhm er wie wenige andere mannhaft beitrug, bewährt zu haben. – Seit dem 24. April 1842 mit einer Tochter des Kreisgerichtsarztes Dr. Joh. Suibert Seibertz zu Arnsberg verheirathet, freute er sich zahlreicher Kinder und Enkel. Sein ältester Sohn Dr. Erwin Grueber, welcher lange als Professor zu Oxford wirkte, zählt nun zu den Zierden der juridischen Facultät an der Universität München. Dessen reichbegabter Bruder, der Genremaler Albrecht Grueber (s. den vorstehenden Artikel), folgte am 24. August 1888 dem Vater ins Grab.

Vgl. Nagler. 1837. V, 402. – Wurzbach, Biogr. Lexikon. 1859. V, 389. – Nekrologe in Beil. 311 d. Allgem. Ztg. v. 7. November 1882 und in Lützow’s Zeitschrift 1883. XVIII, 224 ff. – Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, Prag 1883. XXI, 274 ff. – Singer. 1896. II, 95.