ADB:Heyden, Sebald

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Artikel „Heyden, Sebald“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 352–353, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heyden,_Sebald&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 17:53 Uhr UTC)
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Heyden: Sebald H. (in dieser Form steht der Name im Nominativ auf dem Titel der ars canendi: sonst auch Heiden, vielleicht ursprünglich Heyd oder Heid; der ihm hie und da beigelegte Vorname Sebastian beruht auf Irrthum), ein berühmter Schulmann des 16. Jahrhunderts, verdient um die Kirchenverbesserung und noch mehr um die Musikwissenschaft. Ueber seine Geburt schwanken die Angaben. Ein von Will im Nürnberger Gelehrten-Lexikon citirter „Hirsch“ läßt ihn am 18. Dec. 1499 zu Bruck an der Rednitz geboren werden; nach Andern wäre er zu Nürnberg selbst 1498, nach Will’s Muthmaßung 1494, nach derjenigen Zeltner’s (s. u.) 1488 geboren. Er entstmmte einer alten Nürnberger Patricier–Familie. Nachdem er in Nürnberg die Lorenz- und Sebaldschule besucht hatte, studirte er zu Ingolstadt und erwarb sich den Magistertitel, versah darauf kurze Zeit den Schuldienst in einer kleinen Stadt Steiermarks und einen Cantordienst in Bruck a. d. Leitha (sofern hierbei nicht eine Verwechslung mit seinem muthmaßlichen Geburtsort Bruck im Spiel sein sollte; oder umgekehrt? oder sofern nicht Bruck in Steiermark gemeint und dies eben jene kleine Stadt wäre, in der er vorher einen Schuldienst versah). Im Jahre 1520 berief ihn Nürnberg zum Rector der Spitalschule. Schon damals zeigte er seine Hinneigung zur Reformation, indem er den Mariengesang „Salve regina“ in einen dem Evangelio gemäßen Lobgesang auf Christum umänderte, wofür ihn der Franciscaner Kaspar Schatzgeyer heftig verfolgte. Dies hinderte aber die Nürnberger nicht, ihn 1524 als Nachfolger Joh. Denk’s (s. Bd. V. S. 53) zum Rector der Sebaldschule zu befördern, die er in so hohen Flor brachte, daß sie 1544 von fast 400 Schülern besucht ward: Er führte dort zuerst den Unterricht im Griechischen ein. – 1525 wohnte er dem Religionsgespräch auf dem Nürnberger Rathhaussaal als Protocollführer bei, sowie noch 1554 dem Gespräch in Anlaß der Osiandrischen Streitigkeiten. In der Abendmahlslehre schien sich H. mehr den Ansichten Melanchthon’s zuzuneigen, ohne daß er dafür zur Verantwortung gezogen worden wäre. 1523 in den Ehestand getreten, ward er Vater von 8 Kindern, von denen Christian Professor der [353] Mathematik und Johann Organist zu Nürnberg wurde. – H. starb am 9. Juli 1561.

Neben seinen zahlreichen gelehrten Schriften, deren Verzeichniß bei Ersch und Gruber (s. u.) zu finden ist, sind es hauptsächlich seine geistlichen Lieder und sein theoretisches Werk über Musik, welche ihm einen dauernden Namen sichern. Letzteres, zuerst als „Musicae, id est artis canendi, libri duo. Autor Sebaldus Heyden.“ Norimbergae 1537. (2. Aufl. 1540) erschienen, verdient vermöge seiner klaren Darstellung und seiner vortrefflichen Musikbeispiele noch heute die höchste Beachtung. Ihm vorzüglich entnimmt Bellermann in seiner Schrift über die Mensuralnoten und Tactzeichen des 15. und 16. Jahrhunderts (Berlin 1858) seine Lehren und Beispiele. – Heyden’s geistliche Lieder erschienen zunächst in wiederholten Einzeldrucken; der älteste, falls nicht die Titeleinfassung, welche die Jahreszahl enthält, einem ältern Werke entlehnt ist, schon im Jahre 1525. Es ist dies eine sog. Passion, d. h. eine poetische Erzählung von dem Leiden Jesu, in 23 zwölfzeiligen Strophen, mit dem Anfang: „O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß äußert und kam auf Erden“, ein Lied, das bald ungemein verbreitet ward und das trotz seiner Länge früher in vielen Gesangbüchern Aufnahme gefunden hat und dem jetzt bekannteren Paul Gerhardt’schen „O Mensch, beweine deine Sünd“ zu Grunde liegt. Sein Abendmahlslied: „Als Jesus Christus unser Herr“ findet sich zuerst in Veit Dietrich’s Agendbüchlein 1545. Im Ganzen kamen sieben seiner Lieder, die Goedeke und Koch nach ihrem Anfange anführen und die Wackernagel nach den frühsten Drucken hat vollständig abdrucken lassen, in den Nürnberger Kirchen in Gebrauch; bis auf zwei oder drei waren sie dann auch in manchen andern deutschen Kirchen bis ins vorige Jahrhundert hinein bekannt; die „Passion“ fand selbst bei Katholiken Eingang. Das zuerst im Enchiridion, Lübeck 1545, gedruckte Lied: „O Mynsche, wyl gedencken myn bytter lydent grot“ wird ihm nur aus Versehen ab und an zugeschrieben.

G. G. Zeltner, Kurze Erläuterung der Nürnb. Schul- und Reformationsgeschichte aus Leben und Schriften Seb. Heyden. Nürnberg 1732. 4°. – Will, Nürnb. Gelehrtenlexikon. – Rotermund bei Ersch und Gruber VII (1830) S. 364. – Goedecke, Grundriß, S. 177. – Koch, Gesch. des Kirchenlieds (3. Aufl.) 1. S. 326 f. II. S. 471 f. – Wackernagel, III. S. 553 ff. – Ueber die Verbreitung seiner Lieder vgl. vor Allen Fischer, Kirchenliederlex. an den II. S. 446 citirten Stellen.