ADB:Hocker, Jodocus

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Artikel „Hocker, Jodocus“ von Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 534–536, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hocker,_Jodocus&oldid=- (Version vom 10. Dezember 2019, 13:52 Uhr UTC)
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Hocker: Jodocus (nicht Hieronymus) H., lutherischer Theologe um die Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde zu Osnabrück geboren. Sein Geburtsjahr konnte bis jetzt nicht ermittelt werden, auch die Nachrichten über seinen äußeren Lebensgang sind sehr dürftig. Nachdem er eine Zeit lang Conrector an der Schule des Joh. Glandorp zu Goslar, dann Lehrer in Lemgo gewesen war, wurde er in letzterer Stadt Prediger an der Johanniskirche und starb als solcher sowie vielfach schriftstellerisch beschäftigt im J. 1566 an der Pest, zugleich mit seiner Frau und fünf Kindern. Hamelmann nennt ihn einen Mann „judicio, lectione, studio et doctrina Theologiae celebris“. Unter seinen zum Theil erst nach seinem Tode erschienenen Schriften, die zu ihrer Zeit sämmtlich eine sehr beifällige Aufnahme fanden, zeichnet sich besonders aus seine Abhandlung „Von beiden Schlüsseln der Kirche, mit einer Vorrede Cyriaci Spangenberg“. Die Schrift wurde zu Ursel 1568 gedruckt, wobei es nur auffallend bleibt, daß bei den damaligen kirchlichen Zerwürfnissen gerade die heftigsten Gegenschriften der akatholischen Polemiker auf kirchlichem Gebiete, wie des groben Flacius Illyricus und des noch gröberen Nigrinus u. A. und ebenso des wenig feineren H. in dieser seiner Abhandlung („aus Luther zusammengetragen“) aus einer Druckerei hervorgehen konnten und durften, die unter katholischer Oberhoheit stand; über diese zu Ursel (jetzt Ober-Ursel in Nassau) von 1557–1633 bestandene sehr ansehnliche Druckerei vgl. Serapeum 1868, 92 ff. Noch größere Verbreitung jedoch fanden seine zwei zu den sogenannten „Teufelsbüchern“ zählenden Schriften „Der Bannteuffel“ und „Der Teufel selbs“ (die erstere Magdeburg 1564, dann Ursel 1568; die letztere Ursel 1568, auch Frankfurt a. M. 1627 und 1686). Die Veranlassung zur Abfassung der ersteren Schrift erzählt ausführlich Hamelmann S. 1044 und 1153–54, die letztere erschien in drei Theilen, von deren drittem Hamelmann selbst Verfasser ist. Auch einen „Zauberteuffel“ hatte H. vor zu schreiben, womit ihm jedoch 1563 L. Milichius zuvorkam, der auch einen „Schrapteuffel“ drucken ließ. In allen diesen „Teufelbüchern“ aber, für die Cultur- und Sittengeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts von hohem lehrreichem Interesse, wurden, wie auch H. in seinem „Bannteuffel“ that, vorerst moralisirend, später auch auf satyrische Weise allerhand Laster, Untugenden und anstößige Gewohnheiten in Reimen und Prosa durch Teufelsnamen geächtet und gebrandmarkt und hierdurch eine Art nicht blos kirchlich-erbaulicher, sondern auch theilweise höchst ergötzlicher Unterhaltungslectüre geschaffen, die in ihren Ausläufen bis in das 18. Jahrhundert und mit allerdings veränderter Tendenz bis in die gegenwärtige Zeit sich erstreckt. Den ersten Anstoß für diesen Litteraturzweig [535] hatte, wie für die Tischreden und Anekdoten berühmter Männer, die Pasquille, das Schauspiel und die geistlichen Lieder auch hier Luther gegeben, der 1540 eine wahrscheinlich von Sebast. Murrho verfaßte und 1489 gedruckte lateinische Epistel über das Elend der Pfarrer („De miseria Curatorum et Plebanorum“, Wolfii lectt. memor. I. 906), worin die armen Landgeistlichen von neun Teufeln, darunter der Bischof selbst, gequält werden, mit einer Vorrede begleitet, wieder abdrucken ließ. In rascher Folge erschienen nun von 1545 an eine so große Menge von „Teufeln“, daß bereits 1569 der Buchdrucker Peter Schmid zu Frankfurt a. M. die bis dahin verfaßten Schriften dieser Art in einem eigenen Foliobande vereinigte, welcher 20 und in einer neuen Auflage von 1579 (wiederholt 1587) 4 weitere Teufel unter dem verlockenden Titel „Theatrum Diabolorum“ der Leserwelt darbot. Unter diesen befinden sich u. A. und hatten schon vorher wiederholte Auflagen erlebt: der Hosenteufel (wider die Pluderhosen), wider die zehn Teufel, womit die bösen Weiber besessen sind, der Saufteufel, der Faulteufel, der heilige, kluge und gelehrte Teufel, der Spielteufel, der Hurenteufel, der melancholische Teufel, der Gerichtsteufel etc. (vgl. auch d. Art. Hayneccius, Martin). Es ist billig zu verwundern, daß trotz der großen Menge dieser Teufel nicht auch jene von Anhängern Luther’s in eigenen Büchern behandelt wurden, deren dieser, der doch der Veranlasser dieser Schriften war, und, wie bekannt, mit dem Teufel nicht wenig zu schaffen hatte, in seinen Werken Erwähnung thut. Er kennt einen „Schewteufel“ (Werke: Jena III, 480a), „Werkteufel“ (IV, 416b), „Teutschen Teufel“ (vnser teutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch sein vnd muß Sauff heißen, daß er so durstig und hellig ist“, VI, 167a), einen „ABC-Teufel“ (VI, 341a), „Reisteufel“ (VII, 283b) und einen „Wallfahrtsteufel“ (VIII, 41b). Uebrigens wurden alle Teufelbücher, insoweit sie bis 1565 erschienen waren, durch ein Mandat Herzog Albrechts aus diesem Jahre (Catalogus der Bücher … erlaubt seyndt. München o. J. Bl. 111a), „im Landt zu Bayern offentlich fayl zu haben vnd zu verkauffen“ mit folgenden Worten streng verboten: „Item alle die Newen Tractätl, die inn Teuffels namen intitulirt seyndt, als Hosen Teuffel, Spil Teuffel etc. Dann ob wol alle das ansehen haben, als ob sie allerding Politisch, vnnd allein gueter zucht halben geschrieben seyen. So seindt sie doch der ergerlichen Exempel vnd anzug halben nit zu leiden, vnd fast also geschaffen, daß sie deme, dessen Titl sie tragen, zu seinem Reich am maisten dienen, vnnd ist nit noth das Christlich Völcklein durch Teuffels Buechlein von lastern abzutreiben, weil sonsten der hailsamen guten schrifften, bey der Catholischen Christlichen Kirchen, eben genueg darzu vorhanden“. Die Anzahl sämmtlicher von 1545–1791 veröffentlichten Schriften dieser Art beläuft sich nach Ebert und Goedeke auf 56, eine Zahl, die jedoch hinter dem wirklichen Bestande weit zurückbleibt; ich erwähne an dieser Stelle aus einer größeren Menge nur und zwar von älteren: „Der Geldteufel“, 1538 (Scheible, Schaltjahr IV, 616); „Der mittertägliche (sic) Teufel“ (Handschr. v. J. 1540, Cod. Monac. I. 971); „Der Kleiderteufel von J. Elbinger“, 1629; „Der Staatsteufel“ (Schauspiel 1668: Gottsched, nöth. Vorrath 255); „Der Teufel in der Franciscanerkutte“ (ps. Madrid 1786) und neben wissenschaftlichen Werken der jüngsten Zeit wie: „Der Satan in der christlichen Poesie“ (Westermann’s Monatshefte 1860, Nr. 46, 434); „J. Disselhoff, Die Geschichte des Teufels, Berlin 1868 (wissenschaftliche Begründung eines persönlichen Teufels); G. Roskoff, Geschichte des Teufels“, Leipzig 1869 (Vorstellung eines bösen Wesens nach ihrem Ursprunge und ihrer weiteren Entwickelung bis zu den Anschauungen der Gegenwart); Der Teufel auf der Bühne (Zeitschr. Europa 1869, Nr. 52); Der Theaterteufel von K. Heigel (Leipz. 1878); auch Der Geldteufel von Moeck (Urfahr-Linz 1878). Auch andere Völker und [536] besonders die Franzosen entbehren ihres „Teufels“ in dieser Gestalt nicht und schrieben nach dem Vorgange des „Diable boiteux“ von Le Sage ihre jedoch ausschließlich höchst weltlichen Teufel: Le Diable femme, le diable circoncis, le diable tondu (Nancy 1708), le diable procureur (Par. 1700), le diable hermite (Amsterd. 1741), le diable cosmopolite (1761), eine gereimte Satyre vom J. 1589 ist betitelt: „La grande Diablerie“. Es erübrigt noch, auf den bedeutenden Werth hinzuweisen, den diese Teufellitteratur dem Sprachforscher gewährt. Wie die theologische Litteratur des Reformationszeitalters im Allgemeinen und insbesondere die Postillen und Gelegenheitsschriften des 16. Jahrhunderts als die reichsten proverbialen Quellen sich darstellen, so gewähren auch die erwähnten Abhandlungen, der Natur ihrer Themen gemäß, eine überraschend große Ausbeute an Sprichwörtern, sprichwörtlichen Redensarten, Anspielungen, Vergleichungen und was alles sonst zu ihnen in näherer oder fernerer Verbindung steht. Ihre Zahl beläuft sich (Theatr. Diabol. 1575) auf 586 mitunter der seltensten nach Form und Inhalt, wovon auf H. allein in seinen beiden „Teufeln“ 62 entfallen.

Gervinus, Gesch. d. d. Dichtung, III. 17–18. Zarncke, Narrenschiff, CXXXVII. Goedeke, Grundriß, I. 380. H. Hamelmann, Op. genealog. histor. p. 220, 1078, 1153–54. Clessius, Elenchus, II. 79.