ADB:Kerner, Georg

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Artikel „Kerner, Johann Georg“ von Adolf Wohlwill in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 640–643, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kerner,_Georg&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 02:18 Uhr UTC)
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Kerner: Johann Georg K., von einer gewissen typischen Bedeutung unter den deutschen Parteigängern der französischen Revolution (ein älterer Bruder von Justinus K.), wurde am 9. April 1770 als Sohn des württembergischen Regierungsraths und Oberamtmanns Christof Ludwig K. in Ludwigsburg geboren, trat am 14. Juni 1779 in die Karlsschule ein und erlangte an derselben um Ostern 1791 die medicinische Doctorwürde. Schon als Akademiker von den Ideen der französischen Revolution mächtig ergriffen, gehörte er zu jener Gruppe der Karlsschüler, welche durch ihre muthwilligen politischen Kundgebungen dem herzoglichen Stifter der Anstalt Aergerniß bereiteten. Auch waren es vorzugsweise seine politischen Sympathien, [641] welche K. veranlaßten, behufs weiterer medicinischer Ausbildung im Sommer 1791 nach Straßburg überzusiedeln. Sein Auftreten in der dortigen „Gesellschaft der Constitutionsfreunde“ hatte jedoch die Folge, daß ihm alsbald die Unterstützung des Herzogs entzogen ward. Er entschloß sich deshalb Ende des Jahres zu Fuß nach Paris zu wandern, wo er als Augenzeuge der großen revolutionären Ereignisse – und mehrfach an denselben persönlich betheiligt – zunächst bis zum Frühjahr 1794 verweilte. Abgesehen von seinen Beziehungen zu manchen aus der Geschichte des Zeitalters bekannten Franzosen, verkehrte er damals insbesondere mit den namhaftesten der deutschen Revolutionsfreunde: mit Georg Forster und Adam Lux, mit Oelsner und dem Grafen Schlabrendorf. An den letzteren fesselte ihn dauernd innige Freundschaft und Verehrung. Auch die für K. so folgenreiche vertraute Verbindung mit seinem württembergischen Landsmann Karl F. Reinhard stammt aus diesen Jahren. Wie fast durchweg bei den genannten Männern, war auch bei ihm dem ersten überschwänglichen Enthusiasmus für die Erhebung Frankreichs eine kritischere Periode gefolgt. Kerner’s idealistische Denkungsart wurde ebenso sehr durch die unlauteren Mittel, wie durch die selbstsüchtigen Ziele vieler seiner angeblichen Gesinnungsgenossen zurückgestoßen. Als dem verfassungsmäßigen Königthum Gefahr drohte, gesellte er sich muthig den Vertheidigern desselben zu. Einen Deputirten, der in der Nationalversammlung für Lafayette gestimmt hatte, rettete er vor der Wuth einer fanatisirten Schaar; und am Abend des 9. August 1792 begab er sich als Nationalgardist nach den Tuilerien, um Ludwig XVI. beschützen zu helfen. Seine Entrüstung über die September-Blutthaten und die ferneren Gewaltmaßregeln der Schreckensmänner trieb ihn während des folgenden Zeitraumes auf die Seite der Girondisten. Der jugendliche Ungestüm, mit welchem er seine Gesinnungen zu bekunden pflegte, brachte ihm damals Gefängniß und Guillotine in nahe Aussicht. Einen vorübergehenden Schutz gewährte es ihm, daß er eine Zeit lang als Arzt an einem auf Kosten der dänischen und schwedischen Gesandtschaft eingerichteten Krankenhaus thätig war; doch bald auch in dieser Stellung nicht in hinreichender Sicherheit, sah er sich veranlaßt, im Mai 1794 eine Zuflucht in der Schweiz zu suchen. Die gemachten Erfahrungen beeinträchtigten indessen Kerner’s Sympathien für Frankreich keineswegs. In der Zeit, da die inneren Zustände des Landes ihn mit Abscheu erfüllten, erwartete er alles Heil von den Siegen der republikanischen Heere, und vollends seit dem Sturze Robespierre’s schwelgte er in der Hoffnung, daß die Ideen der französischen Revolution in ganz Europa und vor Allem in Deutschland zur Herrschaft gelangen würden. So in der Unklarheit der damals verbreiteten kosmopolitischen Anschauungen befangen, gab er sich dazu her, von der Schweiz aus im Auftrage der dortigen französischen Gesandtschaft eine geheime Correspondenz mit den benachbarten Theilen Deutschlands zu unterhalten, und versuchte während eines zweimaligen kürzeren Aufenthaltes in seiner schwäbischen Heimath (gegen Ende 1794) daselbst im französischen Interesse zu wirken und namentlich die Neutralität Württembergs im Coalitionskriege herbeizuführen. Da diese Bemühungen scheiterten und K. in der Schweiz bei den extremen Demokraten auf Mißtrauen, bei den Aristokraten auf entschiedene Feindschaft gestoßen war, kehrte er im Anfang 1795 nach Paris zurück. Während des Aufstandes vom ersten Prairial d. J. vermochte er hier nur mit genauer Noth einem blutdürstigen Volkshaufen zu entrinnen. – Kerner’s Lebensgeschichte in der Zeit vom Herbst 1795 bis zum Herbst 1801 ist mit derjenigen K. F. Reinhard’s verknüpft, da er diesem während der Dauer seiner Functionen als bevollmächtigter Minister bei den Hansestädten (1795–98), als Gesandter und dann als Civilcommissar in Florenz (1798 und 1799), als Minister des Auswärtigen in Paris (1799) [642] und als Gesandter in Bern (bis 1801) Secretärdienste leistete. Kerner’s Stellung entbehrte während des größeren Theils dieser Periode des öffentlichen Charakters; nur in Bern war er in mehr officieller Weise der französischen Gesandtschaft attachirt. Trotzdem wurden ihm bereits in Hamburg, sowie in Florenz und Paris manche nicht unwichtige Missionen von Reinhard übertragen. Daneben fand K. vielfache Gelegenheit, auch selbständig seinen Eifer für die Sache der Republik an den Tag zu legen, nicht nur durch propagandistische Beredtsamkeit, sondern auch gelegentlich durch die That. So betheiligte er sich z. B. in Italien an der Bekämpfung der contrerevolutionären Aretiner und wurde dabei durch einen Schuß in die Achsel getroffen. Erst das Aufkommen des militärischen Despotismus entfremdete ihm Frankreich und veranlaßte ihn, getrennt von Reinhard, einen eigenen Lebenspfad zu suchen (gegen Ende 1801). Nach einem kurzen Aufenthalt in Holland ließ K. sich in Hamburg nieder. Er begründete hier eine Zeitschrift „Der Nordstern“, die jedoch wegen ihrer zahlreichen verhüllten und offenen Angriffe gegen Bonaparte in einer Stadt, welche erst jüngst ihren Frieden mit Frankreich geschlossen, nur kurze Zeit geduldet werden konnte (vom März bis Juli 1802). K. begab sich nunmehr nach dem Norden. Ein mehrmonatlicher Aufenthalt im südlichen Schweden gewährte ihm die Anregung zu seinem gewandt geschriebenen und mit zahlreichen historisch-politischen Excursen ausgestatteten Buch „Reise über den Sund“ (Tübingen 1803). Nachdem er alsdann an der Universität in Kopenhagen seine medicinischen Kenntnisse aufzufrischen und zu ergänzen bemüht gewesen, kehrte er im August 1803 nach Hamburg zurück, um sich der ärztlichen Praxis zu widmen. Der „Electricitätsträger“ und „kometenartige Geist“, wie ihn J. G. Rist genannt hat, gewöhnte sich jetzt an ein friedliches bürgerliches Dasein, obwol eine gewisse excentrische Unruhe seinem Wesen stets eigen blieb. Der auch während seiner bisherigen Laufbahn wiederholt hervorgetretene Drang nach hingebungsvoller und aufopfernder Wirksamkeit aber fand reiche Gelegenheit sich zu bethätigen. Insbesondere als Arzt der hamburgischen Armenanstalt und des Entbindungshauses, sowie durch seinen Eifer für Verbreitung des Impfens erwarb er sich mannigfache Verdienste. Indessen hörte er nicht auf, seine Gedanken und Fähigkeiten dem Gebiete der Politik zuzuwenden. Von 1807–1810 als Agent des Bremischen Senats bei den französischen Autoritäten in Hamburg accreditirt und zeitweilig in ähnlicher Weise – wenn auch minder officiell – mit der Wahrung der Interessen Lübecks betraut, verstand er es, die Milderung mancher Härten, die Herabdrückung mancher ungebührlichen Forderung zu erreichen. Hierbei war es ihm von großem Werth, daß er mit verschiedenen der in Hamburg functionirenden Franzosen von früherer Zeit her bekannt war. Diese Beziehungen verhinderten jedoch nicht, daß er gelegentlich seinen ingrimmigen Haß wider die französische Zwingherrschaft kundgab und gegen Napoleon selbst jenes von gluthvoller Leidenschaft beseelte Gedicht „Das blaue Fieber“ schleuderte, dessen Verse die deutschen Diplomaten und Staatsmänner im J. 1814 auf ihrem Zuge nach Paris im Munde führten. – Auch in der Zeit, da K. Frankreich als sein Vaterland betrachtet und da er wol mit Talleyrand im Bremer Rathskeller auf die Annectirung des linken Rheinufers angestoßen, hatte er – wie seine nächsten Freunde bezeugen – nicht vermocht, sich zum Franzosen zu bilden und seine deutsche Gemüthsart zu verleugnen. In seinem letzten Lebensjahrzehnt kam auch deutsche Gesinnung bei ihm immer mehr zur Geltung. Wie die Weltlage im Allgemeinen, so erfüllte insbesondere Deutschlands Erniedrigung ihn mit tiefstem Schmerz, der durch keine freudige Voraussicht einer besseren deutschen Zukunft gelindert wurde. Vergeblich versuchte er seine schwermuthsvolle Stimmung durch Aufbieten aller Kräfte für das Wohl seiner Mitmenschen zu bewältigen. Der Gram über [643] die öffentlichen Zustände, verbunden mit dem Uebermaß der Anstrengung, welche er sich in der Ausübung seines Berufs zumuthete, haben sein Lebensende beschleunigt. Er starb in Hamburg am 7. April 1812.

Vgl. Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit, Braunschweig 1849; die auf Georg K. bezüglichen Abschnitte entbehren im Einzelnen der Genauigkeit. – Das Obige meist nach den Papieren aus Georg Kerner’s Nachlaß und anderen handschriftlichen Quellen.[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 643. Z. 7 v. o.: Vgl. hierzu Ad. Wohlwill: Zur Biographie Kerner’s. In: Mittheilungen des Ver. f. hamb. Gesch. 1882 Nr. 12. [Bd. 17, S. 795]