ADB:Liebermann, Leopold

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Artikel „Liebermann, Leopold“ von Franz Heinrich Reusch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 578–580, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Liebermann,_Leopold&oldid=- (Version vom 19. November 2019, 12:39 Uhr UTC)
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Liebermann: (Bruno Franz) Leopold L., katholischer Theologe, geboren am 12. October 1759 zu Molsheim, † am 11. November 1844 zu Straßburg. Sein Vater war Schullehrer in Molsheim, einem Städtchen etwa vier Stunden von Straßburg entfernt. In dem dortigen, meist von Exjesuiten geleiteten, Collegium vorbereitet, trat L. 1776 in das Priesterseminar zu Straßburg. Im December 1780 wurde er zum Subdiakon geweiht und, da er das für die Priesterweihe erforderliche Alter noch nicht erreicht hatte, vorläufig als Lehrer in dem Collegium zu Molsheim beschäftigt. Am 17. Mai 1782 wurde er zum Licentiaten der Theologie promovirt, am 25. Mai zum Diakon, am 14. Juni zum Priester geweiht und nun zunächst Kaplan in Hohengöft, bald darauf Director (Repetent) im Seminar und 1784 zugleich Sonntagsprediger im Münster zu Straßburg. 1787 wurde er Pfarrer zu Ernolsheim in der Nähe seiner Heimath. Da er 1791 den Eid auf die Civilconstitution des Klerus verweigerte, wurde er abgesetzt und mußte 1792 das Land verlassen. Im Auftrage seines Bischofs, des Cardinals Rohan, der sich nach Ettenheim-Münster geflüchtet, ging er nach der Prämonstratenser-Abtei Allerheiligen im Schwarzwald und unterrichtete mit einem anderen Priester, namens Beckmann, neun elsässische Candidaten des geistlichen Standes; er trug ihnen namentlich Dogmatik und Kirchenrecht vor. Im J. 1795 kehrte er, zugleich als außerordentlicher bischöflicher Commissar bestellt, nach Ernolsheim zurück, mußte sich aber in diesem Jahre und wieder vom September 1797 bis 25. August 1800 verborgen halten und konnte nur heimlich seine Gemeinde pastoriren. Anfangs 1801 wurde er als Prediger im Münster und Secretär des Bisthumsverwesers Hirn nach Straßburg berufen. Da er gegen den neuen im Juni 1802 in Straßburg installirten, früher constitutionellen Bischof Saurine mit anderen streng kirchlichen Geistlichen opponirte, wurde er im Mai 1803 auf seine Pfarrei zurückgeschickt. [579] Am 13. März 1805 wurde er unter der (ganz unbegründeten) Beschuldigung, im Bunde mit den Feinden des Staates (dem Herzog von Enghien) gestanden zu haben, verhaftet, nach Paris geführt und dort 8 Monate gefangen gehalten. Sein Freund Colmar, der 1802 Bischof von Mainz geworden, verwendete sich für ihn bei dem Minister Portalis, und L. wurde freigelassen, mit dem Vorbehalt, daß er das Elsaß nicht betrete und sich mindestens 40 Stunden von Straßburg entfernt halte; auch mußte sich Colmar für ihn verbürgen. Colmar berief ihn nun nach Mainz und ernannte ihn 1805 zum geistlichen Rath und zum Superior des von ihm errichteten Seminars, mit welchem später auch ein Knabenseminar verbunden wurde. Ehe er dieses Amt antrat, mußte er den in den organischen Artikeln vorgeschriebenen Revers unterschreiben, daß er gemäß der (gallicanischen) Declaration von 1682 lehren wolle. 1806 erhielt er ein Canonicat und von der kaiserlichen Universität zu Paris die theologische Doctorwürde. Er trug im Seminar Pastoraltheologie und Kirchenrecht – nach den in Allerheiligen ausgearbeiteten (nicht gedruckten) Institutiones juris canonici, – von 1812 an auch Dogmatik vor. Daneben predigte er fleißig im Dome und sonst. 1813 und 14 pflegte er mit Colmar und seinen Schülern mit großer Aufopferung die Typhuskranken, wurde angesteckt und war dem Tode nahe. – Als Vorsteher der geistlichen Bildungsanstalt zu Mainz hat L. segensreich gewirkt: die späteren Bischöfe Räß, Weis und Geissel. ferner Klee, Lüft, Lennig, Remling, Nickel u. A. waren seine Schüler. – Nach der neuen Circumscription der oberrheinischen Kirchenprovinz im J. 1821 befand sich L. auf der Liste der 14 Geistlichen, welche Cardinal Consalvi für die fünf Bisthümer empfahl. Im J. 1823 wollte der Großalmosenier Cardinal Croy, Erzbischof von Rouen, ihn dem Könige von Frankreich für das Bisthum Metz vorschlagen. L. lehnte aber ab wegen seines vorgerückten Alters und des Mangels an Fertigkeit in der französischen Sprache. – 1824 folgte er einem Rufe des Bischofs Tharin nach Straßburg und wurde dort Domcapitular und Generalvicar 1824–28 auch, als Stellvertreter des Bischofs, Präsident der Schulcommission für die katholischen Volksschulen der Diöcese). Er bekleidete dieses Amt auch unter Tharin’s beiden Nachfolgern, Lepappe de Trevern und Räß (seinem frühern Schüler). 1838 wurde er in die Differenzen des Bischofs de Trevern mit dem Abbé Bautain verwickelt: er war Vorsitzender der Commission, welche Bautain’s philosophisch-theologisches System begutachtete. – L. hat sich einen Platz in der theologischen Litteraturgeschichte gesichert durch sein Lehrbuch der Dogmatik, welches unter dem Titel „Institutiones theologicae“ in 5 Bänden in den J. 1819–27 zuerst, im Todesjahre des Verfassers, 1844, in sechster Auflage, seitdem noch in wiederholten Abdrücken, 1869 in zehnter Auflage in zwei Bänden erschienen[WS 1] ist. (Vgl. Werner, Gesch. d. kath. Theologie, S. 403. Litt. Handw. 1870, 273.) Das Buch wurde einige Decennien an vielen theologischen Lehranstalten nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern als Lehrbuch gebraucht. Im J. 1831 schrieb, wie Liebermann’s Biograph, Guerber (s. u.), S. 305 berichtet, der Rector der Propaganda, Graf Reisach, der spätere Cardinal, an L.: dem Plane, das Buch in Rom als Lehrbuch einzuführen, stehe nur der Umstand entgegen, daß L. „die römischen Meinungen, besonders die Infallibilität des Papstes, nicht vertheidige, sondern als unentschieden aufstelle, während man in Rom diese Meinungen bisher stets, wenn auch nicht als zum Glauben gehörig, doch als gewiß und wahr vertheidigt habe“. Er schlug ihm vor, „den betreffenden Bogen zu ändern, was er um so leichter thun könne, da die fatalen gallicanischen Meinungen immer mehr in Mißcredit kämen und L. selbst persönlich den Papst für unfehlbar halte“. In einem Briefe vom J. 1833 schreibt Reisach: man werde das Buch im nächsten [580] Jahre als Schulbuch gebrauchen und als Anhang über die Infallibilität des Papstes und über die facta dogmatica aus Sardagna die betreffende Abhandlung beidrucken lassen, vielleicht auch eine neue Auflage veranstalten. Wenn dieses geschehen, so ist das Buch von L. in Rom sehr bald, allmählich auch in vielen anderen (außerdeutschen) Lehranstalten durch das (wissenschaftlich viel tiefer stehende) dogmatische Lehrbuch des Jesuiten Joh. Perrone verdrängt worden, welches zuerst Rom 1835–39, seitdem in einigen 30 Auflagen erschienen ist. – Bezüglich eines anderen Punktes, der Lehre von der unbefleckten Empfängniß Mariä – die L. zwar als eine richtige, aber als eine solche Ansicht bezeichnet, die nicht zum Glauben gehöre und nicht als Glaubenssatz definirt werden könne – ist L. nach der Definition Pius’ IX. vom 8. Decbr. 1854 von den Mainzer Theologen in der Weise corrigirt worden, daß sie den späteren Auflagen seines Buches, dessen Text unverändert blieb, eine (auch separat ausgegebene) Appendix beifügten. – In der Revolutionszeit hat L. anonym einige Broschüren drucken lassen, eine über die Einziehung der Kirchengüter unter dem Namen „Hans Bessergemeint“ (gegen eine Broschüre von „Hans Wohlgemeint“) und 1801 eine „Response à Mgr. Saurine, évêque de Strasbourg“, gegen dessen ersten Hirtenbrief. Von seinen Predigten ließ L. die Trauerrede auf den Bischof Colmar, 1818, und acht in Mainz 1807 gehaltene Predigten über die Gaben des hl. Geistes (in der von seinen Schülern Räß und Weis herausgegebenen „Neuen Bibliothek der katholischen Kanzelberedsamkeit“, 2. Bd. 1834) drucken. Nach seinem Tode erschienen noch drei Bände Predigten „herausgegeben von Freunden und Verehrern des Verewigten“, 1851–53; der Herausgeber, Fr. Sausen, hat aber willkürlich daran geändert und Predigten aufgenommen, die nicht von L. sind (Guerber, S. 316). – Die Zeitschrift „Der Katholik“ ist nicht von L., sondern von seinem Schüler Räß 1821 begründet worden, und in den J. 1825 und 26, in welchen sie in Straßburg erschien, war er nur nominell (in Wirklichkeit Joseph Görres) der Redacteur derselben; er hat aber Beiträge geliefert; gleich der erste Aufsatz des ersten Bandes, über religiöse Erziehung, ist von ihm.

Nicht zu verwechseln mit L. ist ein anderer Elsässer, Franz Libermann. Er wurde geboren zu Zabern am 24. März 1803 als Sohn des dortigen Rabbiners Lazarus L., ließ sich 1826 in Paris taufen und erhielt statt des Vornamens Jakob den Vornamen Maria Paul Franz – bei der Conversion seines Bruders, des Arztes Samson L. zu Straßburg, im J. 1824 war der Generalvicar Liebermann betheiligt; noch zwei andere Brüder wurden vor Jakob Christen, – im Seminar St. Sulpice Theologie studirte, 1841 Priester wurde und eine „Congregation zum hl. Herzen Mariä“ zur Bekehrung und Pastoration der Neger, besonders in den französischen Colonien, gründete, welche sich 1848 mit der im 17. Jahrhundert zu demselben Zwecke gegründeten „Congregation vom hl. Geiste“ vereinigte. Er starb als Generalsuperior dieser Congregation zu Paris am 2. Febr. 1852. Vgl. Vie du R. P. Libermann (von Dom Pitra, später Cardinal) 1855 (2. Ed. 1872). Rosenthal, Convertitenbilder, III. I, 83.

Felder-Waitzenegger, Gelehrtenlexikon, III. 287 (wahrscheinlich Selbstbiographie). J. Guerber, Bruno Franz Leopold Liebermann, 1880.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erschien