ADB:Marci von Kronland, Johann Marcus

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Artikel „Marci, Johannes Marcus, genannt von Kronland“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 301–302, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Marci_von_Kronland,_Johann_Marcus&oldid=- (Version vom 24. April 2024, 09:41 Uhr UTC)
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Marci: Johannes Marcus M., genannt von Kronland, geb. am 13. Juni 1595 in Landskron in Böhmen, † am 30. Decbr. 1667 in Prag, hatte das Gymnasium zu Olmütz besucht und begab sich dann an die Universität Prag, wo er in den Jesuitenorden einzutreten beabsichtigte, aber in Folge seiner Kränklichkeit (er galt als phthisisch und war augenleidend) nicht aufgenommen wurde; auch mußte er auf den theologischen Beruf überhaupt verzichten, da ihm seine schwache Brust und Stimme das Predigen unmöglich machten. Somit ergriff er nun das Studium der Medicin, in welchem er so rasche Fortschritte machte, daß er alsbald nach absolvirter Universität (wahrscheinlich um 1620) eine Professur in Prag und die Stelle eines Physikus erhielt. Von einem außerordentlichen Wissensdurste getrieben, warf er sich zunächst auf das Studium der französischen, italienischen und spanischen Sprache, zu welchem Behufe er auch Reisen unternahm, und in Rom wurde er (1640) durch Athanasius Kircher auf die orientalischen Sprachen hingewiesen, unter welchen er hauptsächlich das Arabische bevorzugte; hierauf eignete er sich, um die Schriften des Aristoteles studiren zu können, das Griechische an, dann warf er sich auf die Kabbala, worauf eine einläßliche Beschäftigung mit Geometrie und Astronomie folgte, welch letztere er so lieb gewann, daß er sich auf dem Dache seines Wohnhauses eine Sternwarte einrichtete; endlich auch die Alchimie betrieb er in einer Weise, daß die öffentliche Meinung ihm die Fähigkeit des Goldmachens zuschrieb. An der Universität stand er in hohem Ansehen und wurde öfters (1642, 1651, 1654) mit Aufträgen behufs Schlichtung der durch die Jesuiten heworgerufenen Mißhelligkeiten betraut; im J. 1658 ernannte ihn Kaiser Ferdinand III. zu seinem Leibarzte und verlieh ihm zugleich die Würde eines Comes palatinus (eine Ehrenbezeugung, welche im 17. Jahrhundert sehr häufig [302] vorkam). Was M. in seiner Jugend geplant hatte, verwirklichte er noch kurz vor seinem Tode, indem er während seiner letzten Krankheit in den Jesuitenorden eintrat. Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte begonnen mit: „Idearum operatricium idea seu hypotyposis et detectio illius occultae virtutis, quae semina foecundat“ (1635), dann folgte „De proportione motus seu regula sphygmica ad celeritatem et tarditatem pulsuum absque errore metiendam“ (1639), hieraus „De causis naturalibus pluviae purpureae Bruxelensis“ (1647) und „Thaumantias, liber de arcu celesti deque colorum apparentium natura ortu et causis“ (1648), eine Schrift, über welche sich Goethe in der Geschichte der Farbenlehre (WW. Bd. LIII, S. 205 ff.) ausführlicher äußert; ferner: „De Proportione motus figurarum rectilinearum et circuli quadratura ex motu“ (1648), wobei das in der damaligen mathematischen Litteratur hervorragende sogen. Tangentenproblem zu Grund lag, mit welchem sich die Quadratur der Curven und die Cubatur der krummen Flächen verband, „De longitudine seu differentia inter duos meridianos“ (1650), „Labyrinthus, in quo via ad circuli quadraturam pluribus modis exhibetur“ (1654). Zuletzt kehrte er wieder zu dem naturphilosophischen Gedankenkreise seiner Erstlingsschrift zurück in „Philosophia vetus restituta“ (1662). Nach seinem Tode erschienen die medicinischen Schriften „Liturgia mentis seu disceptatio medica philosophica et optica de natura epilepsiae, illius ortu et causis, cui accessit tractatus medicus de natura urinae“ (1678) herausgegeben von J. Dobrzensky, welcher angeblich noch ein weiteres Werk Marci’s, nämlich „Orthographia seu philosophia impulsus universalis“ veröffentlicht haben soll. In merkwürdiger Weise vereinigte der gewiß hochbegabte M. gegensätzliche Richtungen in sich. Als praktischer Arzt suchte er sich einerseits in allen möglichen Wunderkuren zu bethätigen und andererseits verwarf er alle Arzneien, so daß er unter dem Hinweise, daß er 30 Jahre lang kein Heilmittel eingenommen, dem Kaiser Ferdinand III. den gleichen Rath gab; hinwiederum aber schlug er einmal vor, alle Krankheiten lediglich durch böhmische Siegelerde zu heilen, ja ein andermal erzählt er, daß er durch eine von einem Jesuiten geweihte Münze von einer schweren Krankheit curirt worden sei. Nicht unähnlich verhält es sich mit seinen zwei naturphilosophischen Schriften, in welchen eine wunderbare Mischung von Naturforschung und Aberglauben waltet. Er knüpft bald an Duns Scotus bald an Thomas von Aquino an und zugleich stützt er sich auf Paracelsus und auf Van Helmont den Aelteren, ja auch auf den Hermes Trismegistos; er bekämpft den Aristoteles und den Galenus, glaubt aber doch auch aus Demokritos, Anaxagoras und Hippokrates den Weg zu einem eigenthümlichen Neuplatonismus finden zu können. Sein Grundgedanke zeigt immerhin noch die meiste Verwandtschaft mit Paracelsus und in geringerem Grade mit Van Helmont. Eine plastische Kraft der Organismen wird mystisch als die Samen-Idee derselben bezeichnet und auf eine letzte untheilbare Einheit, welche alles Einzelne umfaßt, nämlich auf eine Weltseele zurückgeführt; als Vorstellungen der Weltseele sind jene Ideen die Ursache der Gesundheit und ebenso auch der Krankheiten, welchen somit nahezu eine selbständige Wesenheit zugeschrieben wird. Während Evolution aus der Weltseele und Involution in dieselbe ihm als Erklärungsgrund des gesammten Entstehens und Vergehens gelten und sonach der Grundsatz „Omnia in Omnibus“ durch beständige Metamorphose sich verwirklicht, verbindet er hiermit doch wieder den Glauben an persönliche Geister in der Natur und eine immaterielle Postexistenz der menschlichen Seele.

Dobrzensky in der Vorrede zur erwähnten Liturgia mentis (1678). Pelzel, Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrten (1773), Band I, S. 80; Guhrauer in der von Fichte und Ulrici herausgegebenen[WS 1] Zeitschrift f. Philos. 1852, S. 241 ff. S. Barach, Hier. Hirnhaim (1863), S. 17 ff.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: herausgebenen