ADB:Ovens, Jürgen

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Artikel „Ovens, Jürgen“ von August Sach in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 25 (1887), S. 1–4, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ovens,_J%C3%BCrgen&oldid=- (Version vom 23. August 2019, 11:32 Uhr UTC)
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Ovens: Jürgen O., auch Georg, Juriaen und van Ovens genannt, stammt aus der kleinen, erst 1590 gegründeten Stadt Tönning an der Eider in früher herzoglich gottorpischen Landen, wo sein Vater Owe Broders Rathmann war. Die bisher gebräuchliche holländische Form seines Vornamens erscheint nur auf einzelnen seiner Gemälde; er selbst nennt sich in einer Reihe von Quittungen, die er der Gottorper Kammer ausstellt, stehend Jürgen und wird auch in allen amtlichen Actenstücken jener Zeit nie anders genannt. Die Familienüberlieferung läßt ihn im Jahre 1623 geboren werden, doch ergeben mancherlei historische Erwägungen, daß sein Geburtsjahr etwas früher, noch in das zweite Jahrzehnt fallen dürfte. Ueber seine Jugend- und Lehrjahre ist bis jetzt nichts Sicheres bekannt; wir wissen nur mit einiger Bestimmtheit, daß er um 1642 seine Heimath verließ, um sich in Holland in der Schule Rembrandts als Maler auszubilden. Die seinem Vaterland drohenden Kriegsstürme jener Zeit werden ebensosehr wie die Einwanderung und Rückwanderung holländischer Remonstranten nach dem benachbarten neugegründeten Friedrichstadt neben der Colonisirung Nordstrands, wodurch eine enge Verbindung und ein reger Verkehr mit Holland hervorgerufen war, auf seinen Entschluß von Einfluß gewesen sein. Am Ende des dreißigjährigen Krieges war er noch in Holland; kurz nach demselben fällt anscheinend sein zeitweiliger Aufenthalt am königl. polnischen Hof, dann seine Heirath mit Marie Martens van Mehring. Erst mit dem Anfange der Fünfzigerjahre, als der Herzog Friedrich III. sein Schloß Gottorp zum Sammelplatz von Gelehrten und Künstlern zu erheben begann, Olearius die berühmte Gottorper Bibliothek und ein ethnographisches Museum gründete (1651) und eine Reihe astronomischer und mathematischer Kunstwerke schuf (1652), lassen sich die ersten Beziehungen des Künstlers zu dem Gottorper Hofe nachweisen. O. erhielt damals den Auftrag, das Portrait des Herzogs Christian von Mecklenburg zu malen, der mit der zweiten Tochter des Herzogs Friedrich, Hedwig Eleonore, verlobt war. (Das Portrait in ganzer Figur von Theodor Matham gestochen.) Daraus erklärt sich denn auch hinlänglich sein zeitweiliger Aufenthalt in Mecklenburg. Die Aufhebung der Verlobung und die Verbindung mit dem schwedischen Königshause führte O. in besonderem Auftrage nach Stockholm. Er begleitete die Prinzessin Hedwig Eleonore im September 1654 nach Schweden, nahm an der Vermählung derselben mit Karl X. Gustav theil (24. October) und malte zum Gedächtniß der glänzenden Feierlichkeiten in der Weise Rembrandt’s ein großes Gemälde mit Nachtbeleuchtung und glänzendem Effect (gestochen von Corn. Fischer). Unter den zahlreichen Figuren erscheint auch das Portrait [2] des Künstlers. Ueber eine Anzahl anderer Portraits und Gemälde, die er nach guter Ueberlieferung damals in Stockholm geschaffen, ist uns nichts Sicheres bekannt. Als er im J. 1656 oder erst im Anfang 1657 in seine Heimath zurückkehrte, mochten ihm die kriegerischen Unternehmungen Karl Gustavs gegen Dänemark und die damit drohende Ueberschwemmung der Gottorper Lande für künstlerische Arbeiten am herzoglichen Hofe wenig günstig erscheinen. O. verließ wol hauptsächlich aus diesen Gründen am 25. August 1657 sein Vaterland, ging nach Amsterdam zurück und weilte hier so lange, bis in der Heimath wieder volle Ruhe eingekehrt war. In die Zeit seines zweiten Aufenthaltes in Holland fällt u. a. die Darstellung der „Verschwörung des Claudius Civilis bei einer Abendmahlzeit im Walde zu Schlackerbosch“, welches Bild früher im Rathhause zu Amsterdam aufbewahrt war. Kleinere Arbeiten finden sich noch im Harlemer und Rotterdamer Museum. Eins seiner letzten Werke in Holland scheint das Portrait des Alchymisten Borro (1676 von Peter v. Schuppen gestochen) gewesen zu sein, da es sicher nicht vor 1661, wahrscheinlich erst 1662 entstanden ist. – In denselben Jahren begann der Herzog Christian Albrecht in die Fußstapfen seines kunstliebenden Vaters zu treten, der mitten im Kriege am 14. September 1658 in seiner Festung Tönning gestorben war; die folgende Friedenszeit bis zum Jahre 1675 machte es ihm möglich, all seinen künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen. Nach seiner Heimkehr nahm O. (i. J. 1663) mit seiner Familie in Friedrichstadt seine Wohnung, wohin ihn verwandtschaftliche Beziehungen seiner Frau und die holländische Umgebung ziehen mochten. Von jetzt an beginnt seine reiche künstlerische Thätigkeit; eine erstaunliche Menge von Werken bezeugt ebensosehr sein unermüdliches Schaffen wie die reiche Unterstützung seines herzoglichen Gönners auf Gottorp. Doch ist er niemals eigentlicher Hofmaler gewesen, denn während 1664–75 nimmt diese Stellung ein Johann Müller ein; auch bezog er kein bestimmtes Gehalt aus der herzoglichen Kammer, noch erhielt seine Wittwe später, wie das bei Hofmalern immer der Fall war, eine Pension. Er nennt sich selbst immer Contrefaiter in Friedrichsstadt und wird von den herzoglichen Beamten auch nur so benannt. Seine Stellung war durch ein privilegium exemtionis (1. Nov. 1652 und 10. Juli 1653) bestimmt. Er bekam für die Ausführung jedes einzelnen Auftrages besonders bezahlt. Das erste bis jetzt bekannte Gemälde aus dieser Periode des Künstlers ist der sog. „kleine Altar“, 1664 von dem Kanzler Kielmannsegge dem Dome zu Schleswig geschenkt; es trägt sein Monogramm, enthält eine allegorische Darstellung des Siegs des Christenthums über die Sünde und ist das Gemälde, zu dem der Knabe Jakob Carstens betend hinaufschaute und das er später im Liede besang (Sach, Asmus Jakob Carstens’ Jugend- und Lehrjahre, S. 45). Daß er auch schon damals für den Herzog gearbeitet, bezeugt eine von ihm eigenhändig am 25. November 1664 ausgestellte Quittung über 100 Rthlr. Bei Gelegenheit der Gründung der Kieler Universität (1665) lieferte er ein Porträt des Kanzlers Kielmannsegge; auch scheint er bei den Zeichnungen zu den Kupfertafeln des Foliowerkes betheiligt, in dem Torquatus Frangipani 1666 die Einweihungsfeierlichkeiten beschrieb; jedenfalls liegt dem Titelblatt dazu, worauf die Inauguration dargestellt ist, eine Radirung von seiner Hand zu Grunde. Mit dem Jahre 1664 erhielt O. durch den Herzog den Auftrag, einen Saal seines Schlosses mit Wandgemälden aus der Geschichte des Gottorper Hauses und Schleswig-Holsteins zu schmücken; er begann damit jene 9 großen Compositionen, die seinen Ruhm im 17. Jahrhundert begründeten und als seine Hauptwerke betrachtet werden müssen. Sie wurden nach Vertreibung der Gottorper in dem Audienzzimmer der Königin aufbewahrt, wo sie auch Carstens sah (Sach. Carstens’ Jugend- und Lehrjahre, S. 139). Nach dem Inventar des Schloßes vom Jahre 1827 und dem Berichte [3] von Carstens’ Vetter Jürgensen waren sie nur theilweise mit dem Monogramm des Künstlers versehen, aber alle mit Inschriften des Olearius geziert. Unter denselben wird das zweite in der Reihe, die Vermählung Christians I. mit der Wittwe des Königs Christoph (1448), als ganz im Stile Rembrandt’s ausgeführt, besonders gerühmt. Die Inschriften des Olearius ergeben übrigens, daß alle mit dem Jahre 1671 vollendet gewesen sein müssen. Von anderen Werken, die dieser Zeit angehören, sind bemerkenswerth eine erst 1877 in einem Stifte zu Bredstedt entdeckte Madonna mit Monogramm, aber ohne Jahreszahl, und die „Heilige Familie“ im Dome zu Schleswig, die nach der Inschrift 1670 geschenkt ward; indeß macht das Fehlen eines Monogramms seine Urheberschaft zweifelhaft (vergl. Sach, Carstens, S. 49). Die weitere Thätigkeit des Künstlers am Gottorper Hofe bezieht sich auf die Ausschmückung des sogenannten Lusthauses Amalienburg, das der Herzog 1670 seiner Gemahlin zu Ehren in dem sogenannten Neuwerk errichten ließ. Die Wände des großen viereckigen Hauptsaales wurden mit phantastischen Gemälden, oft lasciver Art, die acht Felder der Decke mit mythologischen Darstellungen in den Jahren 1672 bis 1674 geziert (Carstens’ Jugend- und Lehrjahre, S. 147 ff.). Nach dem Verfall und dem Abbruch des Gebäudes (1822) wurden die Gemälde, 45 an der Zahl, im Schlosse zum Theil in sehr üblem Zustande aufbewahrt. Das Inventar vom Jahre 1827, das darüber Auskunft gibt, führt außerdem noch in einzelnen Zimmern verschiedene Werke von O. auf, z. B. eine „Justitia“, einen „Merkur“, einen „jungen Prinzen vor einem Gitter mit Weinlaub“, von denen letzteres in Privatbesitz übergegangen ist. Zwei kleinere Darstellungen waren schon früher nach Kopenhagen gebracht und dem dortigen Museum einverleibt (Spengler, Katalog, p. 506). Uebrigens ersieht man aus einer Reihe vorliegender Rechnungen, daß O. für seine Arbeiten im J. 1670 und 71 zunächst 2170 Thaler, dann 185 Thaler und 1673 noch 1390 Thaler aus der herzoglichen Kammer ausbezahlt erhielt, gewiß bedeutende Summen, wenn man den damals weit höheren Werth des Geldes in Anschlag bringt.

Die Arbeiten des Künstlers auf Gottorp dauerten bis zum Jahr 1675, wo sie durch den neu ausbrechenden Krieg zwischen dem Herzog Christian Albrecht und dem Könige Christian V. von Dänemark für immer unterbrochen wurden. Kurz vor Beginn des Krieges und während der verrätherischen Gefangennahme des Herzogs zog O. sich ganz nach Friedrichstadt zu seiner Familie zurück und malte hier die schöne Grablege für die lutherische Kirche (1675). Wenn der Künstler nun auch nach der Freilassung des Herzogs nach 1676 nachträglich für gelieferte „Schildereien und Porträte“ 1180 Thaler ausbezahlt erhielt, so ist er doch nicht nach Gottorp zurückgekehrt, um seine Arbeiten wieder aufzunehmen. Die Flucht des Herzogs nach Hamburg (August 1676) hat er noch erlebt. Als derselbe dann 1679 zurückkehrte, war O. schon am 9. December 1678 in Friedrichstadt gestorben; „dies fuit V ante idus Decembres anni vergentis MDCLXXIIX, quum linea suprema scripta fuit“, wie es auf einem langen schwülstigen Epigraph hieß, das ihm früher im Schleswiger Dom errichtet war. (Sach, Geschichte der Stadt Schleswig, S. 188.) Er wurde in einem Familienbegräbniß in der lutherischen Kirche zu Füßen seiner Grablege beigesetzt und hinterließ seiner Wittwe und seinen 8 Kindern ein ziemlich bedeutendes Vermögen in Grundbesitz und baarem Gelde. Nach dem Tode der Mutter in Tönning (1690) crrichteten die Kinder ihren Eltern in der dortigen Kirche ein Epitaph, welches beider Porträte zeigt. Die nach einer zuverlässigen Angabe 1781 noch in Tönning im Privatbesitz vorhandenen Gemälde des Künstlers werden aus dem Nachlaß der Familie stammen.

[4] O. war ohne Frage einer der hervorragendsten Schüler Rembrandt’s; manche seiner Werke gingen früher selbst unter dem Namen seines Lehrers. Wenn er in der Kunstgeschichte bisher keinen besonderen Namen erlangt hat, so begreift sich dies aus den Schicksalen seiner bedeutendsten Werke. Nur sein großes Stockholmer Gemälde und einige Porträts sind durch übrigens sehr seltene Stiche bekannter geworden; sein Gemälde im Dom zu Schleswig sowie seine Grablege in Friedrichstadt haben allein in seiner Heimath seinen Namen bewahrt. Hinlänglich gewürdigt kann er erst werden, seitdem seine Hauptwerke, die großen Gottorper Gemälde, der Kunstgeschichte wieder zugänglich gemacht worden sind. Bis zum Jahre 1851 auf Gottorp aufbewahrt, sind sie damals mit einer größeren Zahl anderer Gemälde nach Kopenhagen geschafft. Der größte Theil der Gemälde aus der Amalienburg wurde dagegen mit den sonst im Schlosse vorhandenen Kunstschätzen am 1. November 1853 auf öffentlicher Auction verkauft und ist seitdem völlig verschollen. In Kopenhagen wagte man wol aus politischen Gründen nicht, die Darstellungen aus der schleswig-holsteinischen Geschichte öffentlich auszustellen; sie waren so völlig vergessen, daß selbst der neueste Kunsthistoriker Dänemarks (Weilbach) sie in seinem Lexikon (1878) mit keinem Werke berührt. Nachdem der Verfasser dieses mehrfach, noch zuletzt in Carstens’ Jugend und Lehrjahre, p. 138 mit Nachdruck auf diese unerklärliche Thatsache hingewiesen, sind sie endlich vor etwa zwei Jahren wieder zum Vorschein gekommen und, wenn wir recht berichtet sind, fünf an der Zahl in Kopenhagen öffentlich ausgestellt.

Durch eine Reihe urkundlicher Quellen sind die kurzen biographischen Notizen in Sach: Neuere Geschichte des Schlosses Gottorp, Schleswig 1866, p. 21, berichtigt. Ueber Ovens’ Einfluß auf Carstens, über die Gemälde im Dom zu Schleswig, in Gottorp und der Amalienburg ist ausführlich gehandelt in Sach, Carstens’ Jugend- und Lehrjahre, p. 45 ff. und 138 ff. Vergl. auch: Neuere Geschichte des Schlosses Gottorp, p. 17 und 20. Urkundliche Nachrichten in Sach, Geschichte der Stadt Schleswig. Schleswig, 1875 p. 188 ff., 322 ff. Weilbach, Dansk Konstnerlexikon, 1878, p. 527. Einige Notizen in Posselt, Die kirchliche Kunst in Schleswig-Holstein. Zeitschrift der Gesellschaft für schlesw.-holst.-lauenburgische Geschichte, Bd. 11. Kiel 1886, p. 301. – Neue Forschungen über J. Ovens von J. Biernatzki in der Kieler Zeitung v. J. 1885, Nr. 10 763, 10 775, 11 015. – Gottorpsche Hofgerichtsacten im Staatsarchiv zu Schleswig.