ADB:Rauwolff, Leonhard

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Artikel „Rauwolf, Leonhard“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 462–465, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rauwolff,_Leonhard&oldid=- (Version vom 17. Juni 2019, 11:15 Uhr UTC)
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Rauwolf: Leonhard R. (Dasylycos), Arzt, Botaniker und namhafter Reisender, als Sohn eines Kaufmanns zu Augsburg geboren, wurde von Jugend an trefflichen Lehrern übergeben, die ihn für das Universitätsstudium vorbereiteten, welchem er in Deutschland (Basel?), dann in Italien und Frankreich sich widmete. 1560 ging er nach Frankreich, 1562 erwarb er sich den Doctorgrad in Valence und studirte dann in Montpellier, dessen berühmten Rondelet er mit Vorliebe als seinen Lehrer bezeichnet, Botanik. In der Gegend von Montpellier, Cette und Frontignan sammelte er ein Herbarium von 600 Arten. Sein Begleiter war in Südfrankreich Jeremias Martius (Mertz) aus Augsburg, der später in seiner Vaterstadt als ein berühmter Arzt lebte. 1563 ging er nach Italien, wo er, nach seiner Pflanzensammlung zu urtheilen, u. a. in Verona, Bologna, Florenz, Parma verweilte und von wo er, den gleichen Zeugen zufolge, über den Gotthard, Luzern, Basel, den Schwarzwald die Heimath wieder gewann. Die Bekanntschaft mit Conrad Gesner war eine der Früchte dieser Reise. Nach Deutschland zurückgekehrt, vermählte sich R. am 26. Febr. 1565 mit Regina Jung und ließ sich zuerst in Augsburg, wo er auch einen Pflanzengarten begründete, später in Aichach, endlich in Kempten als Arzt nieder. Seine Biographen erzählen, wie er, von Liebe zur Wissenschaft der Pflanzen und von dem Wunsche getrieben, die Heimathsorte der wichtigen officinellen Pflanzen des Orients zu erkunden, nach wenigen Jahren „mit Zustimmung und Erlaubniß der Seinigen“ seine große Reise angetreten habe. Seine späteren Schicksale scheinen außerdem anzudeuten, daß es ihm auch an einer gewissen inneren Unruhe nicht gefehlt habe. Von seinem Schwager Manlich, welcher Geschäftsverbindungen mit der Levante unterhielt, ausgestattet, reiste R. am 18. Mai 1573 in Begleitung des Augsburgers Friedrich Rentz über Lindau, Chur, den Splügen, nach Mailand und über Nizza nach Marseille, wo er im Hause seines Schwagers wohnte, bis er am 1. September in Gesellschaft des Ulmer Kaufmanns Ulrich Krafft den Hafen verlassen konnte, um nach Tripolis in Syrien zu fahren. Vom 30. Sept. bis 9. Nov. wurde hier Station gemacht, gesammelt und beobachtet. Das 3. und 4. Capitel seines Buches, Beschreibung der Sitten und Gebräuche der Türken und Schilderung der um Tripolis wachsenden Pflanzen, sind offenbar unter dem ersten Eindruck der fremden Welt geschrieben. Einen zweiten längeren Aufenthalt nahm R. in Aleppo, wo er sich hinreichend mit Sitte und Sprache des Landes vertraut machte, so daß er mit einem neugewonnenen Gefährten, einem Niederländer, im August 1574 im Gewand eines armenischen Kaufmanns und ausgestattet mit einem größeren Waarenvorrath sich nach Bagdad begab. Die Reise ging in Gesellschaft anderer Kaufleute nach Bir, hier wurde ein Schiff bestiegen und auf diesem nicht ohne Fährlichkeit der Euphrat bis Bagdad befahren, [463] welches am 27. October erreicht wurde. In mehrwöchentlichem Aufenthalt hat R. Bagdad und seine Umgebung ziemlich genau kennen gelernt, hauptsächlich stand aber sein Sinn nach Erforschung der Wege, welche von hier nach Indien führen möchten. Als R. einen Brief aus Aleppo erhielt, der ihn nach dieser Stadt zurückrief, nahm er mit schwerem Herzen von diesem Plane und zugleich von seinem Gefährten, der bald darauf im persischen Meerbusen Schiffbruch litt und ertrank, Abschied, hatte aber das Glück, noch vor seiner Abreise mit einem eingeborenen Christen bekannt zu werden, der ihm Gastfreundschaft und Förderung seiner Unternehmungen anbot. Am 16. September zog R. in Gesellschaft einiger Juden, welche mit ihm den Euphrat herabgefahren waren, über Mossul und Urfa nach Aleppo zurück. Einigen Anfechtungen durch räuberische Kurden und seine eigenen Reisegefährten, war der gelehrte Mann, der seine Brust mit Päcken Pflanzenpapier, das er für seine Sammlungen mit sich führte, gepanzert hatte, herzhaft entgegengetreten und hatte sie nahezu ohne Schaden überstanden. Sein früherer Reisegefährte Ulrich Krafft war unterdessen in türkische Gefangenschaft gerathen, in welcher er zu Tripolis drei schwere Jahre zubrachte, und R. entging mit knapper Noth dem gleichen Geschicke. Er mußte sich Monate lang still im Fondo der Franzosen aufhalten, welche damals in Aleppo als Handelsleute und durch den Schutz der türkenfreundlichen Politik ihres Landes selbst den Venetianern voranstanden. Unter den Kranken, die in größerer Zahl seinen Rath suchten, war hier auch ein maronitischer Patriarch, mit dem, als er genesen war, R. den Libanon besuchte. Von diesem Gebirge entwirft er eine etwas mehr als die meisten seiner sonstigen Berichte ins Einzelne gehende Beschreibung, aus welcher besonders einige Notizen über die Cedernhaine sowie das Capitel über die Bedrückungen der Maroniten und „Trusci“ durch die Türken hervorragen. Am 7. September 1575 verließ R. in Gesellschaft einiger Niederländer den Hafen von Tripolis, fuhr in 6 Tagen nach Joppe und verweilte in Jerusalem und Umgebung bis zur Rückkehr nach Tripolis, welches er dann, nach vergeblichen Anstrengungen zur Befreiung Ulrich Krafft’s, der erst nach drei Jahren dem türkischen Gefängniß entrann, am 6. November 1575 verließ. Nach stürmischer Seefahrt landete er in Venedig und kam am 12. Febr. 1576 in Augsburg wieder an. Hier erhielt er die Aufsicht des Pestspitals und scheint eine durch seine Erfahrung und Wissenschaft angesehene Stellung eingenommen zu haben, bis er 1588 sich in den Streit über den Gregorianischen Kalender und die Berufung der Geistlichen verwickeln ließ und vom Senat, der an seiner Opposition Anstoß nahm, gleichzeitig mit seinem Collegen Adolph Occo entlassen wurde. R. ging nach Linz, wo er als „Poliater et Ordinum Archiducatus Austriae Medicus“ Anstellung fand. Er begleitete später die oberösterreichischen Streitkräfte in den Türkenkrieg und starb, von häuslichem Unglück bedrückt, 1596 (nach Coberus, nach Veith’s weniger glaubwürdiger Angabe 1606) an Dysenterie bei der Belagerung von Hatvan *). Die Reisebeschreibung, welche den Namen Rauwolf’s unter denen der hervorragenderen deutschen Reisenden nie vergessen lassen wird, erschien 1582 im Original zu Lauingen, ebendaselbst 1583 in neuer (Titel-)Ausgabe und 1582 in einem Nachdruck zu Frankfurt. Letzterer ist von Vielen, auch von Veith in der Bibliotheca Augustana für das Original [464] gehalten worden. Eine 1581er Ausgabe, die Stuck und nach ihm E. Meyer angibt, scheint nicht vorhanden zu sein. Den drei Theilen der 1583er Ausgabe ist ein vierter Theil, bestehend aus einer Zuschrift an die Leibärzte des Herzogs von Württemberg, und 42 in Holzschnitt ausgeführten Pflanzenbildern angehängt. Ein weiterer Nachdruck der drei ersten Theile erschien 1609 in Frankfurt a. M., englische und holländische Uebersetzungen 1693, 1707 und 1738, zu einer Lügenreise verballhornt wurde endlich Rauwolf’s ehrliches Werk 1681 in Rotenburg als „Leonis Flaminii Itinerarium per Palaestinam“. Der vierte, rein botanische Theil, ist, nach einer Mittheilung von A. Haller von Danty d’Isnard in Paris ins Lateinische übersetzt worden, doch ist von einer Ausgabe dieser Uebersetzung nichts bekannt. Wohl aber erscheinen die Rauwolf’schen Pflanzenbilder verkleinert in dem zweiten Bande von Dalechamp’s Historia Generalis Plantarum 1586 mit ausführlichen lateinischen Beschreibungen, welche kaum ein Anderer als R. selbst angefertigt haben könnte. Des Rauwolf Pflanzensammlung soll nach dem Tode ihres Besitzers in die Bibliothek des Kurfürsten von Baiern, aus dieser nach Schweden und von dort durch Isaac Vossius nach Holland gekommen sein, wo sie bis heute im Besitz der Universitätsbibliothek zu Leiden sich befindet. Zeitweilig lag sie auch in England, wo sie u. A. von Ray und 1693 von Breyn benutzt worden ist. Gronovius hat über 300 Pflanzen dieses Herbariums nach dem Linné’schen System beschrieben und 1755 herausgegeben. Rauwolf’s botanische Verdienste sind von Vielen bereitwillig anerkannt worden; sie werden erhöht durch den musterhaften Fleiß, mit welchem er sein Herbarium geordnet und die Vulgärnamen aufgezeichnet hat. Die Aufmerksamkeit Rauwolf’s ist während seiner ganzen Reise mit rührender Beständigkeit dem Pflanzenreiche zugewandt gewesen. Von den Ranunkeln und Saxifragen, die er auf dem Wege von Bregenz nach Feldkirch findet, bis zu der Masse der zuerst von ihm beschriebenen Pflanzen, die um Tripolis und Aleppo wachsen, und deren Aufzählung das ganze 4. und 9. Capitel des ersten Theiles füllt, und bis zu den Bananen, dem Zuckerrohr, dem Kaffeebaum, der Dattelpalme bleibt nichts unerwähnt. Fleißig werden Diocorides, Theophrast, Avicenna und mit besonderer Verehrung Clusius und Rondelet citirt. Mit Hülfe seines Gefährten Ulrich Krafft legte R. sein Herbarium an, dessen Dauer die Sorgfalt bezeichnet, mit welcher es hergestellt wurde. Breynius, der 1663 das Rauwolf’sche Herbarium benutzte, fand die Pflanzen desselben so frisch, als ob sie eben erst gesammelt worden seien. Mit den Mitteln der Wissenschaft seines Jahrhunderts konnte er kaum so viel leisten wie Kämpfer und Tournefort, zumal ihm auch die officinelle Verwerthung der Pflanzen überall im Vordergrund steht. Er hat nicht die Vertiefung des wahren Forschers, vielleicht auch nicht die Muße desselben besessen. Schade, daß er die im vierten Theil seines Reisebuches begonnene systematische Verwerthung seiner Sammlungen nicht fortgesetzt oder vertieft hat. Mit besonderer Vorliebe hat R. alle medicinischen Dinge, Krankheiten, Heilmittel, Bäder, Speisen und Getränke und alle Industrien besprochen, nicht ohne daß durch Leichtgläubigkeit, wie sie der Zeit gegenüber den Erzählungen von fremden Ländern eigen war, auch manches Fabelhafte (s. die Schilderung des Greifes im 8. Capitel des 2. Buches) mit unterläuft. R. muß ein genaues Tagebuch geführt haben, er würde sonst nicht im Stande gewesen sein, eine solche Fülle einzelner genauer Angaben zu bieten. Seine Beschreibungen der Völker und ihrer Tracht und Sitten sind sehr eingehend, auch die Lage größerer Städte ist sorgfältig geschildert, wogegen geradezu ärmlich alles Geographische erscheint. Von der Natur der Gebirge und Flüsse ist wenig die Rede und über den Landschaftscharakter der durchreisten Gebiete schweigt sich R. womöglich noch vollständiger aus als [465] andere seiner Zeitgenossen. Es ist, als ob Alpen, Libanon, Taurus, Sinai gar keinen Eindruck auf ihn gemacht hätten, der irgend einer Erwähnung werth wäre. Die Reste alter Großstädte am Euphrat, die er mit unter den Ersten erwähnt, beschreibt er leider nur oberflächlich, während das moderne Städteleben der Orte, wo er länger verweilte, wie Aleppo, Bagdad, Jerusalem besonders nach der handelsgeographischen und politischen Seite oft sehr eingehend geschildert wird. Auch die Verhältnisse in Jerusalem werden besonders nach der politischen und ethnographischen Seite ausführlich besprochen. Die Beschreibung der verschiedenen Arten von Christen, die er an den heiligen Stätten vertreten fand, hat dauernden Werth, wenn auch die Ausstellungen nicht ungegründet sind, welche man von katholischer Seite gegen Einzelheiten derselben erhoben hat. Das Deutsch des Buches ist schwerfällig, die Darstellung ungleich, so daß mehr im wissenschaftlichen als im litterarischen Werthe die Erklärung des Erfolges liegen dürfte, welchen mehrmalige Auflagen und Uebersetzungen bezeugen.

Bibliotheca Augustana von Veith, Bd. VIII (1792), S. 148–54. – Coberus, Observationum Medicorum Castrensium Dec. III., Ed. 1685. Observ. 3. – Adamus, Vitae Medicorum. – Beckmann, Litteratur d. ält. Reisebeschreibungen I. – Gronovius, Flora orientalis, Lugd. Bat. 1755. – Meyer, Gesch. der Botanik IV, 1857.

[463] *) In einem Exemplar der 1582er Ausgabe der Rauwolf’schen Reisebeschreibung in der Universitätsbibliothek zu Leipzig ist von wenig späterer Hand eingetragen, R. sei wenige Jahre nach der Rückkehr von seiner Reise zu Augsburg beim Wettspringen in einen Brunnen gestürzt und dadurch ums Leben gekommen. Wenn auch gegenüber des Coberus Angabe nicht glaubwürdig, soll diese Notiz um so weniger verschwiegen sein, als die in Linz angestellten Nachforschungen, seinen Namen unter den dort im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts ansässigen Aerzten nicht haben auffinden lassen.