ADB:Reichert, Karl Bogislaus

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Artikel „Reichert, Karl Bogislaus“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 679–681, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reichert,_Karl_Bogislaus&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 21:10 Uhr UTC)
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Band 27 (1888), S. 679–681 (Quelle).
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Reichert: Karl Bogislaus R., Anatom, ist am 20. December 1811 zu Rastenburg in Ostpreußen an demselben Tage geboren, an welchem sein Vater, der Bürgermeister R., starb. Er erhielt von seinem Stiefvater, dem Gymnasialdirector Krueger, eine sorgfältige Erziehung, absolvirte das Gymnasium seiner Vaterstadt, bezog darauf die Universität Königsberg zum Studium der Heilkunde, wo u. A. der berühmte Embryologe Karl Ernst von Baer sein Lehrer war, dessen Einfluß und Anregung es wohl bewirkt haben mögen, daß R. später sich auch derselben Specialdisciplin widmete. Nachdem R. ein Semester lang studirt hatte, wurde er auf Verwendung des Berliner Professors Dieterici, den R. noch während der Gyumasialzeit zufällig auf einer Besuchsreise kennen gelernt hatte, in das militärärztliche Friedrich-Wilhelms-Institut zu Berlin aufgenommen und setzte gleichzeitig an der Universität seine Studien fort, wo Rust, Dieffenbach, E. F. Gurlt und besonders Schlemm und Johannes Müller seine Lehrer waren. 1836 erlangte er die medicinische Doctorwürde mit einer gediegenen Abhandlung: „De arcubus sic dictis bronchialibus“, die selbst in den Kreisen der ersten Koryphäen der Wissenschaft Aufsehen erregte, u. a. auch das Interesse Alexander von Humboldt’s erweckte. Der Protection des Letzteren hatte R. infolge dessen nicht blos einen militärischen Urlaub und eine persönliche Zulage aus der königl. Privatchatoulle für seine wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch seit 1840 definitive Befreiung von seinen militärischen Verpflichtungen zu verdanken. Er wurde zuerst anatomischer Assistent und erhielt nach Henle’s Abgang die Prosectur in Berlin. In dieser Stellung publicirte er eine Arbeit: „Ueber die Entwickelung des befruchteten Säugethiereies, die ihm den Preis der Akademie der Wissenschaften und von König Friedrich Wilhelm III. die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft einbrachte. 1848 leistete er einer Berufung als ordentlicher Professor der menschlichen und vergleichenden Anatomie nach Dorpat [680] Folge, von wo er nach 10jähriger, außerordentlich fruchtbarer Thätigkeit nach Breslau als Professor der Physiologie und Director des physiologischen Instituts an Th. v. Siebold’s Stelle übersiedelte, um schließlich 1858 die nach Johannes Müller’s Tode neu creirte Professur der Anatomie an der Berliner Hochschule zu übernehmen. In letztbezeichneter Stellung wirkte er bis zu seinem am 21. December 1883 erfolgten Tode – R. gehört unbestritten zu den hervorragenderen Anatomen der Neuzeit. Insbesondere sind seine Leistungen auf dem Gebiet der Gewebelehre und namentlich der Entwickelungsgeschichte zur Zeit ihrer Publication geradezu epochemachend gewesen. Einzelne der in seinen Arbeiten niedergelegten Anschauungen haben auch heute noch fast völlige Gültigkeit, so die oben erwähnte Dissertation bezüglich der aus den Kiemenbogen hervorgehenden Organe. Classisch zu nennen ist ferner die 1845 in Dorpat publicirte Abhandlung: „Bemerkungen zur vergleichenden Naturforschung im Allgemeinen und vergleichende Beobachtungen über das Bindegewebe und der verwandten Gebilde“, worin R. den Nachweis von der sogenannten Continuität der Bindesubstanzen führte und zuerst die Zusammengehörigkeit des Knochens, Knorpels, des Schleimgewebes und anderer Bindesubstanzgebilde feststellte. Von wichtigen embryologischen Arbeiten Reichert’s führen wir noch an: „Ueber die Visceralbogen der Wirbelthiere im Allgemeinen und deren Metamorphose bei Säugethieren und Vögeln“ (Berlin 1837); „Vergleichende Entwickelungsgeschichte des Kopfes der nackten Amphibien“ (Königsberg 1838); „Das Entwickelungsleben im Wirbelthierreiche“ (1840); „Beiträge zur Kenntniß des Zustandes der heutigen Entwickelungsgeschichte“ (1843). – Haben auch viele der von R. gefundenen Resultate von späteren Forschern mannigfache, erfolgreiche Bekämpfung und Widerlegung erfahren, so ist und bleibt es doch sein Verdienst, für die damals noch junge Zellenlehre auf das entschiedenste eingetreten zu sein und ihr zu der gebührenden Stellung auch in der Embryologie verholfen zu haben. Auch die menschliche descriptive Anatomie hat durch einige Arbeiten Reichert’s wesentliche Bereicherung erfahren, so durch das ausgezeichnete, in Breslau begonnene Werk: „Der Bau des menschlichen Gehirns (2 Abtheilungen, Leipzig 1859–1861), sowie durch die gediegene Abhandlung: „Die feinere Anatomie der Gehörschnecke“ (Abhandl. der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften 1864). Endlich ist noch auf die zahlreichen vergleichend anatomischen Publicationen Reichert’s in dem von ihm nach Joh. Müller’s Tode zusammen mit E. Du Bois Reymond von 1858–1876 redigirten „Archiv für Anatomie und Physiologie“ sowie in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er war, hinzuweisen. – Eine der jüngsten Arbeiten Reichert’s betrifft die Beschreibung einer frühzeitigen menschlichen Frucht im bläschenförmigen Bildungszustande, eines menschlichen Embryos von 12 Tagen, des frühesten Entwickelungsstadiums, das überhaupt beobachtet worden ist (1873). – Daß nicht alle Arbeiten Reichert’s sich der Anerkennung bei den Fachgenossen zu erfreuen hatten, lag daran, daß R. ein außerordentlich hartnäckiger und heftiger Gegner des Darwinismus, sowie der neueren reformatorischen Umgestaltungen in der Zellenlehre war. Dieser seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung machte er besonders in seinen Vorlesungen über vergleichende Anatomie in offenherziger, wenn auch nicht selten in intoleranter Weise und mit etwas zu derben und schroffen Ausdrücken Luft. Im Uebrigen. war aber R. ein schlichter, offener, gerader und ehrlicher Charakter, in seinem äußeren Wesen mitunter nicht frei von allerlei Schrullen und Absonderlichkeiten, aber doch voller Wohlwollen, Gutmüthigkeit und Leutseligkeit namentlich im persönlichen Umgang mit den jüngeren Commilitonen, der besonders aus der Zeit seiner Breslauer Wirksamkeit als ein sehr anregender und theilnahmsvoller geschildert wird. R. erfreute sich daher als Lehrer und Examinator großer Beliebtheit [681] trotz seines für Anfänger nicht leicht verständlichen Ausdrucks im Vortrage und trotzdem er von den Examinanden möglichst exclusive Kenntniß seiner (Reichert’s) wissenschaftlichen Ansichten verlangte. Von seiner großen Beliebtheit legten die alljährlich ihm zu Ehren von den Berliner Studenten gefeierten „Reichert-Commerse“ Zeugniß ab. Uebrigens war R. auch ein heiterer und liebenswürdiger Gesellschafter, der durch anregende und nicht selten humorvolle Unterhaltung die Zuhörer zu fesseln wußte.

Vgl. Waldeyer im Biogr. Lexikon hervorragender Aerzte etc., herausgegeben von A. Hirsch Bd. IV p. 692.