ADB:Rudolf (Fürst von Anhalt)

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Artikel „Rudolf (der Tapfere), Fürst von Anhalt“ von Otto von Heinemann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 29 (1889), S. 515–519, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rudolf_(F%C3%BCrst_von_Anhalt)&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 09:32 Uhr UTC)
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Rudolf (der Tapfere), Fürst von Anhalt, war der jüngste Sohn des Fürsten Georg I. und der Gräfin Anna v. Ruppin und Lindau. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt, er wird aber etwa 1466 das Licht der Welt erblickt haben. Trotz einer gelehrten Erziehung, die er auf der Universität zu Mainz erhalten haben soll, trieb ihn sein frischer Reitermuth, die Lust zu ritterlichen Thaten oder, wie er selbst seiner Mutter schrieb, „die Sehnsucht, Lob, Ehre, Ruhm und Gutes zu erlangen“, schon früh in die Dienste und an den Hof Maximilian’s von Oesterreich, mit dem er dann bis zu seinem Tode in Leid und Freud enge verbunden blieb. Wir finden ihn zuerst in Maximilian’s Umgebung, als dieser nach dem Tode seiner ersten Gemahlin (1482) die ihm von den niederländischen Ständen bestrittene Vormundschaft über seinen Sohn, den Erzherzog Philipp, mit Waffengewalt zu erzwingen suchte. Dann war er zugegen, als Max am 9. April 1486 in Aachen zum römischen Könige gekrönt ward. Bei dieser Gelegenheit erhielt er von des Königs Hand den Ritterschlag. Wenige Jahre später (1488) theilte er mit letzterem dessen Gefangenschaft in der Kranenburg zu Brügge, war dann unter den Geiseln, welche bei der Freilassung des Königs den Niederländern gestellt werden mußten, ward aber beim Heranzuge des deutschen Heeres unter dem Kaiser Friedrich III. aus der Haft entlassen und übernahm alsbald in dem nun beginnenden Kriege die Stellung eines Unterfeldherrn (Lieutenants). Die Treue, welche R. bei dieser Gelegenheit seinem Sohne erwiesen hatte, veranlaßte den Kaiser, das gesammte Haus Anhalt von der zu dem Kriege ausgeschriebenen Reichshülfe zu entbinden. Größere Dienste noch leistete R. seinem königlichen Freunde bei der Wiedereroberung der österreichischen Erblande, deren sich der König Matthias Corvinus von Ungarn im J. 1477 größtentheils bemächtigt hatte. Wien ergab sich ohne Widerstand, aber [516] die dortige Burg mußte mit Sturm genommen werden (19. August 1490), bei welcher Gelegenheit sich der Anhaltiner rühmlich hervorthat. Zwei Tage später (21. August) fiel auch Kloster Neuburg in Rudolf’s Gewalt. Nach über zwölfjähriger Entfremdung war die alte Grenzwehr gegen Avaren und Magyaren dem Reiche und dem österreichischen Hause zurückgewonnen. Die Tapferkeit und Umsicht Rudolf’s von Anhalt hatten wesentlich zu diesem Erfolge mit beigetragen.

Noch in demselben Jahre wandte sich Max gegen Ungarn selbst. Das feste Stuhlweißenburg ward von R. erstürmt, eine große Beute in diesem Begräbnißplatze der alten ungarischen Könige gemacht. Von dort zog R. in das Bisthum Wespriem, das er völlig in seine Gewalt brachte. So groß war der Schrecken, den diese Waffenthaten verbreiteten, daß die Stadtrichter von Ofen dem Könige die Schüssel zu ihrer Stadt übersandten. Doch kehrte das Heer unter Zurücklassung von Besatzungen in Stuhlweißenburg und Wespriem schon im December nach Oesterreich zurück und im folgenden Jahre (7. Novbr. 1491) machte der Friede von Preßburg diesem Kriege ein Ende.

Das Jahr 1494 rief unseren Fürsten zu neuer kriegerischer und diplomatischer Thätigkeit. Damals unternahm der französische König Karl VIII. seinen bekannten Eroberungszug nach Italien. Die bedrohten Könige von Arragonien und Neapel schickten eine Gesandtschaft an Maximilian um Rath und Hülfe. Dieser ließ mit den etlichen tausend Ducaten, welche die Gesandten mitgebracht hatten, im Reiche werben. Die so zusammengebrachten Landsknechte führte Fürst R. nach Triest, schiffte sie dort ein, landete zu Ancona und brachte sie glücklich durch großentheils vom Feinde besetztes Gebiet nach Aquila in Apulien, wo sie zu den Spaniern und Neapolitanern stießen, um dann mit diesen in die Lager vertheilt zu werden. Seinen Rückweg nahm R. über Rom, wo er mit dem Papste Alexander VI. im Geheimen unterhandelte. So bahnte er das Bündniß an, welches am 31. März 1495 zwischen Max, dem Papste, dem Mailänder Herzog und den Venetianern zu Stande kam und den König Karl zu schleunigem Rückzuge aus Italien nöthigte. Erst im Jahre 1503 finden wir ihn dann wieder in bekannter unruhiger Thätigkeit. Er nahm in diesem Jahre an dem entscheidenden Siege einen rühmlichen Antheil, welchen Don Gonsalvo de Cordova, „der große Capitän“, am 28. April über die von dem Herzoge von Nemours geführten Franzosen bei Cerignola erfocht, ein Sieg der den Spaniern endgültig die Herrschaft über Neapel sicherte. An dem pfalz-bairischen Kriege (1503–1505) hat er sich nur insofern betheiligt, als er im Auftrage des Kanzlers in Innsbruck die benachbarten bairischen Burgen Rattenberg, Kufstein und Kitzbühel beobachtete und jede größere Unternehmung von ihnen aus verhinderte. Dagegen eröffnete ihm das Jahr 1506 wieder ein größeres Feld der Thätigkeit. Am 25. September des gen. J. endete ein plötzlicher Tod zu Burgos in Spanien das Leben von Maximilian’s Sohne Philipp. Infolge davon übernahm der Kaiser die Vormundschaft über seinen unmündigen Enkel, den nachherigen Kaiser Karl V., und bestellte seine Tochter Margarethe, die Wittwe des Herzogs Philibert von Savoyen, zur Regentin der Niederlande. Um ihr einen zuverlässigen und erfahrenen Mann zur Seite zu stellen, ernannte Max den Fürsten R. zu ihrem militärischen Rathgeber und übertrug ihm den Oberbefehl über sämmtliche Truppen in den Niederlanden. In dieser Stellung fand R. bald Gelegenheit, seine kriegerischen Eigenschaften zu bethätigen. Herzog Karl von Geldern erneuerte eben damals, von den Franzosen und dem wallonischen Grafen von der Mark unterstützt, den Krieg in den Niederlanden und machte sein Herzogthum zu einer Räuberhöhle, von wo er weit und breit Deutschland und die Niederlande plündernd und verheerend durchstreifte. Gegen ihn führte R. den Krieg mit glücklichstem Erfolge. In Verbindung mit dem [517] Grafen Heinrich von Nassau überfiel er den Grafen von der Mark, der an der Spitze von 2000 Fußknechten und 600 Reitern das Lütticher Land in barbarischer Weise heimsuchte, bei St. Hubert, und machte dadurch zunächst diesen Plünderungszügen ein Ende. Um dann den Herzog mit Erfolg in seinem eigenen Lande angreifen und seine festen Schlösser brechen zu können, ließ R. 1507 zu Mecheln 12 Geschütze und 3 Mörser von bisher unerhörter Größe gießen, jene nannte er mit den Namen der 12 Apostel, diese, weil sie von Oben kämen, Vater, Sohn und heiligen Geist. So ausgerüstet begann er 1508 den Feldzug mit der Belagerung des festen Schlosses Poederoijen (Proyes) an der Maas zwischen Herzogenbusch und Gorkum, weil von hier das Herzogthum Brabant unablässig bedroht wurde. In kurzer Zeit zerschmetterten die großen Karthaunen Mauern und Thürme des Schlosses, sodaß die Besatzung um Gnade bat. Zwölf Ueberläufer wurden gehängt, die übrigen entließ R. in bloßen Hemden, nachdem sie geschworen, nie wieder gegen den Kaiser zu dienen; das Schloß selbst ward ausgeplündert und niedergebrannt. Dann wandte er sich gegen das Stift Utrecht, wo eine Partei mit dem Herzoge von Geldern in geheimem Einverständniß war. Da erhielt er von Max den Befehl, mit den Feindseligkeiten innezuhalten. Denn dieser, der inzwischen mit den Venetianern zerfallen war, hatte am 10. December 1508 mit dem Papste und mit den Königen von Frankreich und Arragonien die bekannte Ligue von Cambray geschlossen, welche die Vernichtung der Republik Venedig und die Theilung ihres Gebietes zum Zwecke hatte. Infolge davon sollte der Krieg gegen Karl von Geldern und seinen Bundesgenossen, den König von Frankreich, aufhören. Nur mit Widerstreben gehorchte R. dem kaiserlichen Befehle. Er äußerte laut seinen Unwillen, daß der schlaue Franzose den Kaiser wieder hinter das Licht geführt habe, der den Welschen viel zu fromm und aufrichtig sei. Wie richtig er die politischen Verhältnisse beurtheilte, hat die Folge erwiesen.

Der Krieg gegen Venedig, in welchem R. großen Ruhm gewinnen, aber auch einen frühzeitigen Tod finden sollte, entbrannte bereits im J. 1509. Während sich die Franzosen unter ihrem Könige des Landes bis zum Mincio bemächtigten, brach Max mit 15 000 Mann von Trient her in das Venetianische ein. Die Venetianer gaben die ganze Terrafirma preis: ohne Widerstand zu finden, besetzte der Kaiser Verona, Vicenza und Padua mit den übrigen Landstädten, während Erich von Braunschweig Belluno, Feltre, Görtz, Triest und alle Orte Istriens, welche die Venetianer dem Kaiser im letzten Kriege entrissen hatten, zurückeroberte. Aber da Max bei seinem beständigen Geldmangel die Truppen nicht bezahlen konnte, faßten die Venetianer bald wieder Muth. Schon nach 26 Tagen wurde Padua den Kaiserlichen wieder entrissen (17. Juli 1509) und die kleineren Städte gingen ihnen gleichfalls wieder verloren. Nur Verona, Bassano und Vicenza blieben noch in Maxens Gewalt. Als jetzt Erich von Braunschweig aus Friaul mit 15000 Mann herbeieilte, erhob sich in seinem Rücken das ganze Land für die Venetianer. Fürst R. von Anhalt erhielt den Auftrag, es wieder zu unterwerfen. Es war ein Volkskrieg im eigentlichen Sinne des Wortes, den er hier zu führen hatte, denn die Bauern des Küstenlandes hingen fest an der Republik. Montefalcone belagerte der Fürst vergebens, aber Cadora mit seinem Schlosse, ebenso Cittadella an der Brenta und Laviera, wo sich 3000 Bauern verschanzt hatten, wurden mit Sturm genommen, ein anderer Bauernhaufe von 4000 Mann, noch eben siegreich über die Spanier, zersprengt und in das Gebirge getrieben.

Bei Bassano bewerkstelligten dann Max und R. ihre Vereinigung und zogen mit vereinter Macht vor Padua, das die Venitianer zu ihrem Hauptwaffenplatze gemacht hatten. Das in der Nähe gelegene Schloß Rimini ward erstürmt und [518] verbrannt, die Besatzung niedergemacht. Padua selbst aber vermochte man nicht zu erobern, obschon vor der Stadt auch ein französisches Hülfscorps unter Bayard, mit dem R. hier Waffenbrüderschaft schloß, zu den Belagerern stieß. Zwar ward eine Bresche in die Stadtmauer gelegt, aber man wagte keinen Sturm. Bei den täglichen Kämpfen ward ein Bruder des Bischofs von Gurk erschossen, viele andere Hauptleute, auch Fürst R. v. A., der sich wie immer unerschrocken der Gefahr aussetzte, verwundet. Gegen Ende September fiel ein solches Regenwetter ein, daß die Belagerer ihre Geschütze auf die Höhen vor Padua führen und die Belagerung aufheben mußten. Vergebens rieth R. zu dem Versuche eines Sturmes, vergebens erbot er sich, die Belagerung allein fortzusetzen. So blieb ihm nichts übrig, als mit der Nachhut den Abzug der Geschütze zu decken, was er mit großer Auszeichnung that: er verließ seine Stellung nicht eher, als bis sie alle in Sicherheit waren.

Da Max jetzt nach Deutschland zurückging und das Belagerungsheer sich zerstreute, so begannen die Venetianer ihrerseits den Angriff. Sie zogen vor Vicenza, wohin sich R. geworfen hatte. Da die Bürgerschaft unzuverlässig war, konnte der Fürst die Stadt nicht halten. Er zog mit fliegenden Fahnen und in voller Schlachtordnung vor den Augen des feindlichen Heeres ab. Seine Drohung, die Bürger sollten zu seiner Zeit inne werden, „wes Danks sie vor diese Meuterei von dem römischen Kaiser verdient hätten“, hat er im folgenden Jahre zur Wahrheit gemacht. Jetzt hielt sich nur noch Verona, wohin Fürst R. seine Truppen führte. Da der Kaiser fortwährend dem Kriegsschauplatze fern blieb, so ernannte er im April 1510 den Fürsten zum obersten Feldhauptmann gegen Venedig. Mit ihm vereinigten sich im Frühjahre die Franzosen unter Chaumont und Jakob Trivulzio. Als R. mit dieser Armee gegen das Vicentinische vorbrach, wichen die Venetianer einer Entscheidung aus. Ohne Schwertstreich besetzten die Verbündeten Lonigo und die umliegende Gegend. Dann zogen sie vor Vicenza, welches sich, von den Venetianern verlassen, jetzt dem Fürsten auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Nur der Fürbitte Chaumont’s verdankte es die Stadt, daß sie für ihren vorjährigen Abfall nicht härter gestraft ward; doch mußten die Bürger ihr Hab und Gut, soweit dieses nicht vorher in die Berge geflüchtet war, den kaiserlichen Soldaten ausliefern. Weiter nahm R. das feste Legnano, Cittadella, Marostica und andere benachbarte Ortschaften und bezog dann ein festes Lager an der Brenta. Da aber Papst Julius II. jetzt von dem Bunde zu den Venetianern abfiel, gingen die gemachten Eroberungen wieder verloren und der Fürst sah sich mit Georg von Frundsberg und anderen Hauptleuten bald in Verona von dem venetianischen Heere belagert. Rudolf’s trefflichen Anstalten war es zu danken, daß die Feinde, als sie nach längerer Beschießung einen Angriff auf San Felice, die Nordbastion der Stadt, unternahmen, mit mörderischem Nachdruck zurückgeschlagen wurden. Ein Ausfall, den R. anordnete und Jakob von Ems befehligte, kostete ihnen viele Leute. Und als nun Chaumont zum Entsatz heranrückte, hoben sie die Belagerung auf und zogen sich, alles Land um Verona verwüstend, nach Treviso zurück. Fürst R. konnte ihnen nicht mehr folgen. Bald nach jenem glücklich abgewehrten Sturme ergriff ihn ein hitziges Fieber, dem er am 8. September[1] 1510[2] erlag. Ein wenig glaubwürdiges Gerücht schrieb seinen plötzlichen und schnellen Tod einer Vergiftung zu. Seine Baarschaft und Kleinodien gingen verloren, seine Gebeine aber wurden anfangs zu Verona im Kloster des h. Anastasius beigesetzt und später in das Erbbegräbniß der österreichischen Herzöge nach Stanz in Tirol gebracht. Als die dortigen Gräber in dem Bauernaufruhr von 1525 verwüstet wurden, führte man die sterblichen Reste des treuen Anhaltiners nach Innsbruck. Hier in der Franciscanerkirche, wo auch Max sein Grab gefunden und wo sein [519] herrliches Grabmal jährlich von Tausenden besucht und bewundert wird, ruhen sie noch heute.

Außer Beckmann, Histor. des Fürstenthums Anhalt, zwei Aufsätze von Stier in den Mittheil. des Vereins für Anhalt. Gesch. (Bd. III, S. 62 ff. und 333 ff.), auch eine handschriftl. Relation aus dem Archive zu Innsbruck: Nachrichten von des Herrn Rudolf zu Anhalt ritterlichen Kriegsthaten.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 518. Z. 8 v. u. l.: 7. September. [Bd. 45, S. 670]
  2. S. 518. Z. 8 v. u. l.: 7. September 1510 (statt 8. September). [Bd. 30, S. 793]