ADB:Salat, Jakob

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Artikel „Salat, Jakob“ von Alois Knöpfler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 194–197, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Salat,_Jakob&oldid=- (Version vom 20. Juli 2019, 08:09 Uhr UTC)
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Band 30 (1890), S. 194–197 (Quelle).
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Salat: Jakob S., Professor der Philosophie an der Universität Landshut, wurde geboren am 24. August 1766 zu Abtsgmünd in der ehemaligen gefürsteten Abtei Ellwangen (Württemberg). Den gut talentirten Knaben ermunterte der Pfarrer des Heimathortes Hohenleuchtner zum Studieren und 1780 bezog derselbe auch das Gymnasium Ellwangen. Da schon im folgenden Jahre sein Vater starb, sollte S., als das älteste von fünf Geschwistern, in das [195] Gewerbe des Vaters eintreten. In dieser Noth nahmen sich zwei nahe Verwandte des jungen Studenten liebevoll an, der mütterliche Oheim Kaspar Barth, Metzger in Ellwangen, und der Schwager des letzteren, der regulirte Chorherr Josef Kurz in St. Mergen bei Freiburg im Breisgau, und S. blieb so dem Studium erhalten. Am Gymnasium hatte er zu Lehrern die Exjesuiten Anton Wagner, Ignaz Reeb und Josef Emer, die den strebsamen Jüngling so zu begeistern wußten, daß er nach Absolvirung des Gymnasiums 1785 erklärte, in den Jesuitenorden einzutreten, falls derselbe restituirt werde. Zum Studium der Theologie bezog er nun die damalige kleine Universität Dillingen, wo er in Bälde in das päpstliche Alumnat aufgenommen wurde. Hier ging er durch die Schule der Professoren Weber, Zimmer, Felder, Sailer und Christof Schmid, zu welch letzteren er sich namentlich hingezogen fühlte und deren tief religiöse und irenische Naturen auch nicht ohne Einfluß auf ihn bliehen. 1790 erhielt S. die Priesterweihe und wurde dann Pfarrvicar auf dem Rittergut Horn des Grafen von Beroldingen in der Nähe von Ellwangen. Durch Beroldingen wurde er dem Augsburger Domdechant v. Reischach empfohlen, der ihm die Pfarrei Zusamzell zwischen Dillingen und Augsburg verlieh, vor deren Antritt 1793 S. noch eine kleine Reise machte, um mehrere Universitäten zu besuchen. Hierauf wirkte er acht Jahre in seiner Pfarrei mit großem Eifer und Hingebung, namentlich auch während der Franzoseneinfälle 1796 und 1799, blieb aber zugleich fortwährend in lebhaftem Verkehr mit dem wissenschaftlichen Leben. Dies und der theilweise Gebrauch der deutschen Sprache bei einzelnen liturgischen und gottesdienstlichen Handlungen, wie Vesper, Taufe, Ehe, Begräbniß u. s. w. brachte ihn in den Verdacht der Aufklärung und des Illuminatenthums und es wurde über ihn vom Ordinariate Augsburg in ziemlich ungeschickter Weise eine inquisitorische Untersuchung verhängt 1798. Das Verhör verlief resultatlos, warf aber seine tiefen Schatten auf das ganze künftige Leben des Pfarrers; die tiefe Verstimmung, die in ihm erzeugt wurde, verließ ihn nicht mehr und prägte seinem privaten wie schriftstellerischen Leben eine Gereiztheit auf, die nicht selten verletzte. Er selbst schrieb über diesen Vorfall: „Mich ergriff eine Empfindung, die mir bisher unbekannt war, eine stille Trauer, ein leiser Anfall von Melancholie und Hypochondrie. Wie oft entrang sich mir in dieser Zeit die Aeußerung: in einem Lande und Stande zu leben, wo der Mensch sein Menschenrecht verloren, wo er nie vor einem Ueberfall sicher ist, welch ein Loos! Fürwahr der Geistesdruck ist für den gebildeten Gelehrten weit empfindlicher, als die Despotie, die den Körper trifft.“ Unter solchen Umständen mußte es S. sehr erwünscht sein, als es ihm durch Vermittlung des Augsburger Domherrn Frhr. v. Mastiaux ermöglicht wurde, seine Pfarrei mit der von Habertskirchen bei Friedberg zu vertauschen 1801. Aber schon im folgenden Jahre wurde er nach dem Tode Mutschelle’s als Professor der Moral- und Pastoraltheologie an das Lyceum nach München berufen und ihm zugleich die näher gelegene Pfarrei Arnbach Dec. Sittenbach übertragen. Hier konnte er sich nun ganz der Wissenschaft widmen und von allen Männern, mit denen er in nähere Beziehungen trat, wurde für ihn von größter Bedeutung Friedr. H. Jacobi, Präsident der Akademie der Wissenschaften. Seinem philosophischen System schloß sich S. völlig an und suchte es in seiner Weise weiter zu bilden. Nach sechsjähriger Thätigkeit in München wurde das dortige Lyceum aufgehoben und S. kam als Professor nach Landshut, wo er allgemein philosophische Vorlesungen hielt, wie auch speciell über Moral- und Religionsphilosophie las. Seine philosophischen Theoreme, die er nicht ohne Leidenschaftlichkeit vertrat, verwickelten ihn in viele litterarische und sogar persönliches Streitigkeiten, wodurch er sich und andern das Leben verbitterte. Dies mag der Grund gewesen sein, daß er 1827, als die Universität [196] von Landshut nach München verlegt wurde, nicht dorthin übersiedelte, sondern unter Beibehaltung seiner Pfarrei als Privatgelehrter in Landshut verblieb, wo er noch weiter litterarisch thätig war bis zu seinem Tode am 11. Februar 1851.

Der Kernpunkt der Salatischen Philosophie, wenn man von einer solchen sprechen darf, ist die Erkenntnißtheorie Jacobi’s, der die metaphysischen Ideen von Gott, Unsterblichkeit u. s. w. dem Kantischen Kriticismus gegenüber dadurch retten zu können glaubte, daß er sie dem Gebiet des Verstandes, der Dialektik, des Wissens entzog und der Vernunft zuwies; für erstere alle Dialektik, als nur der Empirie zugehörig, ausschloß und sich für sie ganz auf die unmittelbare Anschauung, das Wahrnehmen des Uebernatürlichen durch die Vernunft, den im Gefühl wurzelnden Glauben zurückzog; dadurch aber den Menschengeist gewissermaßen entzweiriß und zwischen Glauben und Wissen eine unüberbrückbare Kluft aufriß. Von diesen Grundprincipien geht bei S. alles Philosophiren aus und auf sie führt es wieder zurück. Das Erste und Höchste im Menschen, das allem Glauben und aller Wissenschaft vorangeht, ist nach S. das objectiv Göttliche, das sich in der Vernunft unmittelbar ankündigt und von ihr wahrgenommen wird. Soll aber, schließt S. weiter, die Vernunft die Fähigkeit dieser Wahrnehmung des Göttlichen haben, so muß sie selbst in realer Verbindung mit Gott stehen, also von ihm nur graduell, nicht wesentlich verschieden sein. Ohne diese Annahme, meint S., gibt es gar keine Erkenntniß Gottes. Uebersinnlich, göttlich, oder sinnlich, natürlich, tertium non datur. Dieser disjunctive Schluß auf die Göttlichkeit der menschlichen Vernunft ist aber gegen die Gesetze der Logik und nur durch Subreptio möglich, insofern Begriffe, die wesentlich verschieden als Wechselbegriffe gefaßt werden und übersinnlich ohne weiteres gleich göttlich gesetzt wird. Verstößt so schon der erste und Hauptsatz der Salatischen Philosophie gegen die Grundgesetze der Logik, so dürfen uns auch die weiteren Ungereimtheiten seiner Ausführungen nicht überraschen. Aus seiner Grundidee des Absoluten leitet S. alle übrigen Principien, so die Ideen des Wahren, Guten und Schönen ab; ist aber jene Grundidee ein theosophisches Phantom, so sind selbstverständlich auch alle Folgerungen aus ihr halt- und werthlos. So verlangt S. für das in der Vernunft angekündigte Göttliche Anerkennung durch den Willen, als Grundlage der Erkenntniß, stellt somit den allgemein giltigen Satz: nihil volitum nisi cognitum kurzweg auf den Kopf. Abgesehen davon, daß er damit aller Erfahrung ins Angesicht schlägt, wird hierdurch auch aller Moralität der Boden entzogen, denn nach diesem Grundsatz gibt es beim Lasterhaften, dessen Willen ja den Trieben der Sinnlichkeit ergeben ist, keine Imputation, aber auch keine Besserung, da die Erkenntniß fehlt. Ebenso verworren ist die Behauptung der Identität von Religion und Moral, die S. festhält, sofern hier zwei verschiedene Thätigkeiten des menschlichen Geistes ohne weiteres vermischt werden: der Glaube ist ein Fürwahrhalten, ein Erkennen, die Sittlichkeit aber eine Unterordnung des Willens. Gleich unbefriedigend und unklar ist bei S. sodann die Erklärung des Wahren, sofern er nur eine Art der wahren Erkenntniß, die übersinnliche, statuirt und alle andern aus der Vernunft, als dem Vermögen des Uebersinnlichen, ableitet. Die Idee des Schönen erklärt S. als eine Ausstrahlung des Einen Göttlichen, sofern es auf die Phantasie in Verbindung mit dem Gefühl wirkt, wodurch das Wesen des Schönen ebensowenig erklärt wird, als dessen Unterschied vom Guten dargethan ist. Noch destructiver wirken Salat’s Philosopheme in Rücksicht auf das positive Christenthum, das sich unter seinen Händen zu vagem Nationalismus verflüchtigt. Hat er in seiner Erkenntnißtheorie den menschlichen Geist pantheistisch vergöttlicht, so geht er hier gewissermaßen den umgekehrten Weg, sofern er jede positive Offenbarung und speciell das Christenthum der Philosophie gleichstellt und so zur bloßen Vernunftreligion [197] degradirt. Nicht mehr von „wahrem“ Glauben, noch auch von Glaubensverschiedenheit, meint er, soll ferner geredet werden, da es nur darauf ankommt, ob der Glaube da ist oder nicht, alles andere ist irrelevant. Der Glaube aber ist die ursprüngliche Anerkennung des Göttlichen und ist als die fortwährende Anerkennung des Absoluten die eine Grundüberzeugung; Religionsverschiedenheiten kann es ferner nicht mehr geben. Von einem positiven Christenthum kann auf diesem Standpunkt selbstverständlich nicht mehr die Rede sein, so wenig, als von einem historischen Christus. Auf diesem Wege kam S. nicht, wie er meinte, zu einer allgemeinen Toleranz, sondern zum vollendeten religiösen Indifferentismus. Fände eine unmittelbare Anschauung des Göttlichen statt, wie S. meint, so wäre der Glaube nichts anderes, als die Unterwerfung des Willens ohne Urtheil und ohne Reflexion, dann könnte allerdings eine allgemeine Einheit des Glaubens zugestanden werden. Allein jene Salatischen Postulate sind leere Phantome: es gibt keine unmittelbare Anschauung des Göttlichen, der Glaube als urtheilsloser Willensact ist eine Ungereimtheit, die Erkenntniß Gottes ist eine mittelbare, daher denn auch die Verschiedenheit des religiösen Glaubens Niemand leugnen kann, der nicht mit dem gesunden Menschenverstand geflissentlich in Conflict gerathen will. – Daß die stürmische Zeitströmung, welche die französische Revolution geweckt und die so manches Alte in den Staub getreten, auch auf den strebsamen jungen Priester nicht ohne Einfluß bleiben konnte, ist leicht begreiflich, allein S. war doch nicht universell und tief genug veranlagt, um mit durchdringendem Verstand die neuen Ideen zu erfassen, Wahres und Falsches scharf von einander scheiden zu können. Mit vielen anderen suchte er die alten schablonenhaften, beengenden Bande zu brechen und nach mehr Luft und Freiheit zu ringen, verlor sich aber in diesem Streben auf Bahnen, wo er sich in unlösbare Widersprüche verwickelte, nicht nur mit dem christlichen Glauben, sondern auch mit den Gesetzen einer gesunden Logik. Als Schriftsteller war S. ungemein fruchtbar; eine Zusammenstellung seiner zahlreichen Werke, Abhandlungen, Recensionen etc. findet sich bei Frz. Jos. Waitzenegger, Gelehrten- und Schriftsteller-Lexikon, II, 236 ff., Landshut 1820, dann im Neuen Nekrolog der Deutschen, 1853, XXIX, 152.