ADB:Schäfer, Melchior

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Artikel „Schäfer, Melchior“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 527–528, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sch%C3%A4fer,_Melchior&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 11:02 Uhr UTC)
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Schäfer: Melchior S., Pastor in Görlitz, geboren am 28. October 1682, † am 9. Juli 1738. S. wurde als Sohn des Bürgermeisters Melchior Schäfer am 28. October 1682 zu Lauban geboren, auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt erzogen und im J. 1703 auf die Universität Leipzig geschickt, wo er Theologie und Philosophie studirte und einer unter der Leitung des Professors Günther stehenden Predigergesellschaft angehörte. Schon in Leipzig wurde er auf die Beschäftigung mit Spener’s Schriften geführt und durch sie für die Sache des Pietismus gewonnen. Nachdem er am 4. Februar 1706 auf Grund einer Disputation „De phantasia ejusque affectibus cum applicatione ad fanaticos“ zum Magister der Philosophie promovirt worden war und mehrere vergebliche Versuche, eine Predigerstelle zu erhalten, gemacht hatte, kehrte er im J. 1708 in sein Vaterhaus nach Lauban zurück, um schon im nächsten Jahre als Pfarrer nach Holzkirch berufen zu werden. Hier gewann der wegen seiner Hinneigung zum Pietismus bekannt gewordene Pfarrer zu Niederwiese, Johann Christoph Schwedler, großen Einfluß auf ihn. Am 2. Februar 1712 trat S. das Amt eines Predigers an der Dreifaltigkeitskirche in Görlitz an, das er bis an sein Ende inne hatte. Da ihm die hergebrachten Gottesdienste nicht genügten, hielt er seit dem November 1713 noch besondere Erbauungsstunden und Kindergottesdienste ab. In seinen Predigten verrieth er eine entschiedene pietistische Gesinnung, die sich in der Geringachtung des confessionellen Moments und in der Theilnahme für die Zinzendorfischen Unternehmungen in Herrnhut zeigte. So führte S. z. B. das Herrnhutsche Gesangbuch in seiner Gemeinde ein und veranstaltete besondere private Zusammenkünfte der Erweckten. Mit Zinzendorf selbst stand er in einem überaus freundschaftlichen Verhältniß. Gemeinsam mit dem Pastor Johann Andreas Rothe in Berthelsdorf und dem Baron Friedrich v. Wattewille gehörte er dem von Zinzendorf im J. 1723 errichteten Specialbund der vier Brüder an, aus deren „Conferenzen“ später die gleichbenannte Einrichtung der Brüdergemeine zur Veranstaltung gemeinschaftlicher Ueberlegungen hervorging. Diese nahen Beziehungen Schäfer’s zu Zinzendorf und seine pietistische Haltung erregten jedoch bei einem Theil seiner Gemeinde und bei dem Oberconsistorium in Dresden Anstoß. Er wurde durch landesherrliches Rescript vom 18. August 1727 nach Dresden vorgefordert und mußte, nach Görlitz heimgekehrt, eine ihm vorgeschriebene Erklärung auf der Kanzel verlesen, in welcher er seine bisherigen Darlegungen und gelegentliche scharfe Ausdrücke, welche die orthodoxe Partei in seiner Gemeinde verletzt hatten, als Mißverständnisse feierlich zurücknahm. [528] Zu diesen Angriffen der strengen Lutheraner gesellte sich im J. 1729 noch der des Jesuiten Karl Xaver Regent, welcher S. in seiner „Unparteyische Nachricht von der in Lausitz überhandnehmenden … Secte der sogenannten Schäferianer und Zinzendorfianer“ (Breslau 1729, 8°) beschuldigte, daß seine Lehren unevangelisch und der Augsburgischen Confession zuwider wären. S. suchte diese Anklage in dem sogenannten Marchenschen Zeugniß (Herrnhut 1730, 8°) zu widerlegen, mußte aber auf einen erneuerten Angriff Regent’s hin noch einmal die Feder zu einer scharfen Abfertigung des jesuitischen Gegners ergreifen. Durch die Polemik gegen Regent fühlte sich jedoch auch ein gewisser Georg Bernhard Schultes, Oberamtsadvocat und Senator in Görlitz, verletzt, weil S. nach seiner Meinung Lutheraner und Papisten über einen Leisten geschlagen und sich der bittersten Heftigkeit gegen erstere schuldig gemacht hatte. Er glaubte ihm daher mit „wohlmeynenden Erinnerungen“ (o. O. 1730, 8°) entgegentreten zu müssen, in denen er ihm vorwarf, daß er sich in seinen Predigten nicht an die ihm in Dresden gegebenen Weisungen halte, ohne gehörige Vorbereitung die Kanzel betrete und dem Spiritismus und Religionsindifferentismus zugethan sei. So wenig Werth diese Streitschrift Schultes’ besitzt, so zeigt sie doch, wie schwer S. seine Amtsführung von Seiten der Orthodoxen gemacht wurde. Er rieb sich unter solchen Kämpfen vorzeitig auf und starb, nachdem er längere Zeit gekränkelt hatte, plötzlich am 9. Juli 1738 an einem Schlagfluß. Seine Wittwe siedelte nach Herrnhut über. – Bei der Unzulänglichkeit der zur Verfügung stehenden Hülfsmittel ist es, ohne eingehendere Nachforschungen anzustellen, nicht möglich, ein sicheres Urtheil über Schäfer’s Charakter und Bedeutung zu gewinnen. Jedesfalls steht so viel fest, daß er ein treuer Bundesgenosse Zinzendorf’s und seiner Sache war, und daß seine Person mit in erster Linie in Betracht zu ziehen sein wird, wenn die Ausbreitung des Pietismus in der Lausitz einmal zum Gegenstand geschichtlicher Untersuchung gemacht werden wird.

Vgl. Karl Gottlob Dietmann, Die gesamte der ungeänderten Augsb. Confession zugethane Priesterschaft in dem Marggrafthum Oberlausitz. Lauban und Leipzig o. J. S. 270–283. – Aug. Gottlieb Spangenberg, Leben des Grafen Zinzendorf, S. 244 fg. – Neue Lausizische Monatsschrift. 1861. II. 26–39. – Gottlieb Friedrich Otto, Lexikon der Oberlausitzer Schriftsteller. III. Görlitz 1803. S. 131–134.