ADB:Schacht, Theodor

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Artikel „Schacht, Theodor“ von Wilhelm Rohmeder in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 772–774, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schacht,_Theodor&oldid=- (Version vom 13. September 2019, 01:22 Uhr UTC)
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Schacht *): Dr. Theodor S., Geograph, Schulmann und Schulbeamter, in dürftigen Umständen geboren am 7. December 1786 in Braunschweig als Sohn eines invaliden Ingenieurs, der als Artillerielieutenant den 7jährigen Krieg mitgemacht hatte. Er besuchte vom 6. bis 8. Lebensjahre eine Freischule in Braunschweig und dann infolge Verwendung des Pastors Lachmann, des Vaters Karl Lachmann’s, vom 8. bis zum 19. Lebensjahre die herzogliche Katharinenschule, eine Art Gymnasium mit schlechter Organisation und unfähigen Lehrern, welche mit Ausnahme des „Professor dirigens“ Heusinger in Prima, nur wenig anregend und fördernd auf den lebhaften, frischen, phantasiebegabten Knaben und Jüngling einzuwirken verstanden. Gleichzeitig lebte er vom 8. bis 11. Jahre in der Familie Räzel’s, eines pensionirten Kammermusikers, dann unter schwierigen und hemmenden Verhältnissen beim Armenschullehrer Franke, bis er, 18jährig, durch Vermittelung Lachmann’s in das Haus des holländischen Generals v. Stamford kam, um dessen 9jährigen Sohn zu unterrichten, nachdem er sein unterrichtliches Geschick schon früher an Karl Lachmann erprobt hatte. Der anregende und gebildete Umgang im Hause des Generals, der Verkehr mit geistig und gesellschaftlich hochgestellten Persönlichkeiten wurde für S. von größter Bedeutung und brachte die in dem jungen Menschen ruhenden Anlagen zu rascher Entwicklung. Nachdem er, 19jährig, eine ehrenvolle Matura erhalten, bezog er 1805 gleichzeitig mit Griepenkerl, dem späteren Aesthetiker, mit dem ihn schon auf der Katharinenschule eine innige Freundschaft verbunden, die Universität Helmstedt, um dem Studium der Theologie und Philologie obzuliegen, von welchem er jedoch bald zum bevorzugten Studium der Geschichte überging. Zu Ostern 1807 ging er nach Göttingen, wo er ein inniges und für die ganze Lebenszeit dauerndes Freundschaftsverhältniß mit Ludwig Starklof schloß. Nachdem [773] er seine Studien in Göttingen vollendet, nahm er 1808 eine Hauslehrerstelle in Rohrsheim bei Hornburg im Halberstädtischen beim dortigen Pfarrer Cherubim an, dessen Sohn er zu unterrichten hatte. Die ihm von verschiedenen Seiten angebotenen Stellungen im geistlichen Stande ausschlagend, folgte er im Herbste des Jahres 1810 einem Rufe Pestalozzi’s nach Ifferten, wo ihm sein Freund Griepenkerl eine Stelle als Lehrer der Geschichte an der weltberühmten Anstalt Pestalozzi’s vermittelt hatte. Während er gleichzeitig dem Studium der Geschichte und der Philosophie (namentlich der Herbart’schen) mit Eifer sich hingab, entwickelten sich hier seine pädagogischen Anschauungen und Grundsätze in bestimmten Richtungen. Unter seinen deutschen Mitlehrern an Pestalozzi’s Anstalt aber (Karl v. Raumer, Blochmann, Karl Ritter, v. Muralt, Käser, Ackermann etc.) ragte er bald durch Charakter, Gesinnung und wissenschaftliche Bildung vor allen hervor. Später übernahm er auch den Geographieunterricht in der mit dem Pestalozzi’schen Institut verbundenen Töchterschule. Veranlaßt durch die Erhebung Deutschlands und getrieben von glühender Vaterlandsliebe verließ er Ifferten im Mai 1813 und reiste über Zürich, Lindau und München ins preußische Kriegslager nach Prag, wo er, von Gneisenau empfangen, ins Heer aufgenommen wurde und als „Intendantursecretär“ den Feldzug von 1813 und 1814, sowie den Einzug der siegreichen Verbündeten in Paris mitmachte. Nachdem er von der preußischen Militärbehörde einen ehrenvollen Abschied erhalten, nahm er im Jahre 1814 eine Stelle als Lehrer der Geschichte an Em. v. Fellenberg’s berühmter landwirthschaftlichten Schule in Hofwyl an, welche er bis 1817 bekleidete. Auf Veranlassung des Regierungsrathes Hesse in Mainz, der S. in Hofwyl kennen gelernt hatte, wurde er als wirklicher Professor der Geschichte der obersten Classe und als stellvertretender Director an das Gymnasium in Mainz berufen, das nach seiner damaligen Einrichtung einen Rang zwischen Gymnasien und Hochschulen einnahm. Mit Neujahr 1818 trat er diese Stelle an. Als Lehrer sowol wie durch öffentliche Vorträge, durch litterarische Arbeiten und durch persönlichen Verkehr in den gesellschaftlich und politisch maßgebenden Kreisen entfaltete hier S. eine fruchtbare und weitreichende Thätigkeit. Während dieser Zeit entstand auch sein Hauptwerk, das „Lehrbuch der Geographie alter und neuer Zeit“. Seine erschütterte Gesundheit, sowie Zerwürfnisse mit seinem Director, einem Jesuiten, der den protestantischen Geschichtsprofessor von entschieden freisinnigem und selbständigem Wesen mit Chikanen aller Art verfolgte, veranlaßten S., im J. 1832 um seine Pensionirung einzukommen. Gleichzeitig wurde er als Deputirter für den rheinhessischen Kreis Osthofen in den denkwürdigen, sturmbewegten Landtag von 1832–34 gewählt, wo er, der gemäßigten Richtung angehörend, als hervorragendster Redner des ganzen Landtages die beste Stütze des Ministeriums Du Thil war. Während noch die politischen Stürme tobten, wurde ihm das Anerbieten gemacht, in die damals noch getrennten Collegien des Oberschul- und Oberstudienrathes in Darmstadt einzutreten. Er nahm das Anerbieten an und bekam das Referat über das ganze Schulwesen des Großherzogthums. In dieser einflußreichen Stellung erwarb er sich bleibende, bis auf den heutigen Tag fortwirkende Verdienste um die Hebung und Umgestaltung des höheren wie des niederen Schulwesens in Hessen. Gleichzeitig übernahm er die Direction der „Realschule“ und der nur in primitiven Anfängen vorhandenen „Technischen Schule“ in Darmstadt und schuf dieselben nach Ueberwindung vieler Widerstände zur „Höheren Gewerbschule des Großherzogthums Hessen“ um, welche im J. 1836 eröffnet wurde; die Schacht’sche Schöpfung hat sich in der Folge zur heutigen „Technischen Hochschule in Darmstadt“ entwickelt. In dieser neuen Stellung und Thätigkeit erscheint S. zugleich als gewandter, weitblickender und schlagfertiger Vorkämpfer für die Gleichberechtigung [774] der realistischen Unterrichtsanstalten neben den sogenannten humanistischen. 1846 mußte er aus Gesundheitsrücksichten seinen Abschied aus dem Staatsdienste nehmen. Er lebte von da an zurückgezogen im Kreise seiner Familie und zahlreicher, geistig hochstehender Freunde, mit wissenschaftlichen Studien und der Herstellung der Neuauflage seiner Werke, namentlich des „Lehrbuches des Geographie“ und der „Schulgeographie“ beschäftigt. Er starb am 10. Juli 1870. – S. hat seine hervorragende litterarische und poetische Begabung, seine tiefgehende und vielseitige wissenschaftliche Bildung, seine rege Theilnahme an allen Fortschritten der Wissenschaft und Politik, der Litteratur und der Kunst nicht in den Dienst einer ununterbrochenen Production gestellt. Er schrieb stets nur aus besonderem Anlaß, wenn ein inneres oder äußeres Bedürfniß ihn dazu zwang. Seine immerhin zahlreichen Schriften waren somit alle das Ergebniß einer inneren oder äußeren Nöthigung. Manche derselben sind der Vergessenheit anheimgefallen, andere, namentlich die geographischen und die Schulreformschriften, haben bleibenden Werth. Seine wichtigsten Schriften sind: „Der Schneidewall, ein historisch-politisches Gespräch“, 1814 erschienen unter dem Pseudonym Fontana; „Ueber Ottokar Horneck’s Reimchronik“ 1821; „Der Reichstag zu Worms nebst Gedanken über die Reformation“ 1824; „Ueber Unsinn und Barbarei in der heutigen deutschen Literatur“ 1828; „Lehrbuch der Geographie alter und neuer Zeit mit besonderer Rücksicht auf die politische und Kultur-Geschichte“ 1831; „Kleine Schulgeographie“ 1833; „Der Liberalismus auf dem merkwürdigen Landtage zu Darmstadt 1833“, erschienen in Gießen 1834; „Beleuchtung der Dilthey’schen Schrift über das Verhältniß der Real- und Gewerbschulen zu den Gymnasien“, Darmstadt 1839; „Ueber Zweck und Einrichtung der höheren Gewerbeschule des Großherzogthums Hessen und der damit verbundenen Realschule zu Darmstadt“ 1843; „Die Realbildung und das jetzige Zeitalter“ 1845; „Ueber die Tragödie Antigone nebst einem vergleichenden Blick auf Sophokles und Shakespeare“; „Was ist aus Deutschland geworden?“ 1866.

Vgl. Blochmann, Das Leben Pestalozzi’s, 1846. – Wilh. Rohmeder, Theodor Schacht. Ein Lebensbild. Sonderabdruck aus dem Pädagogium von Dittes, 9. Jahrgang, 1887.

[772] *) Zu S. 486.