ADB:Schulmeister von Esslingen

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Artikel „Schuolmeister von Ezzelingen“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 64–65, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schulmeister_von_Esslingen&oldid=- (Version vom 21. April 2019, 18:51 Uhr UTC)
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Schuolmeister von Ezzelingen heißt in der großen Heidelberger Liederhandschrift ein höchst origineller Spruchdichter und Minnesänger aus der Zeit Rudolf’s von Habsburg, den man mit einem 1279–81 urkundlich in Eßlingen nachgewiesenen magister Henricus rector scholarum seu doctor puerorum zu identificiren pflegt; dieser Schulmeister Heinrich hat spätestens bis 1289 gewirkt, in welchem Jahre sein Nachfolger Conrad zuerst erscheint. Bei der geflissentlich gewagten und würdelosen Haltung der Sprüche des Schuolmeisters ist es mir freilich sehr zweifelhaft, ob wir es mit einem Mann in Amt und Würden zu thun haben; mir scheint es glaublicher, daß der Dichter ein vagirender Cleriker aus Eßlingen war, dem der Spitzname „Schulmeister“ von andern Fahrenden lediglich seiner lateinischen Bildung wegen beigelegt wurde. Der S. ist in erster Linie politischer Dichter, auf diesem Gebiete einer der wenigen Nachahmer Walther’s, von dem er nicht nur zwei Töne, sondern auch ein bekanntes Bonmot auf einen geizigen Fürsten übernimmt. Die Zielscheibe seiner durchweg polemischen Sprüche ist ausschließlich Rudolf von Habsburg, dessen in den Augen des Fahrenden unverzeihlichsten Fehler, die unmilte, er ebenso wie der Stolle und der Unverzagte in einem anapherreichen Spruch, aber weit giftiger und haßerfüllter geißelt. Die sieghaften Fortschritte Rudolf’s erbittern ihn um so mehr, als ihm dieser mehr eine Vogelscheuche denn ein Königsadler, dies Sinnbild [65] der Freigebigkeit, scheint. Erstaunt und ergrimmt über die Erfolge des Königs läßt er ihn, einen ältern Ausruf Bischof Heinrich’s von Basel variirend, mit Gott und Teufel streiten und spricht ihm als Schiedsrichter zwar den Himmel ab, aber den Besitz der Hölle zu, da er viel schlimmer als der Teufel selbst sei. Auch die Gleichgültigkeit Rudolf’s gegen Italien und Karl von Anjou ist dem verdrossnen Parteimann nicht recht, wirkt auf ihn wie Feigheit. Die bürgerlichen Vorzüge des Königs, Vorsicht, praktischer Sinn für das Erreichbare, Klugheit, schwunglose Nüchternheit und Sparsamkeit, sind ihm Philistertugenden, des Reichsoberhauptes nicht würdig. Es mag aus dieser Stellungnahme, abgesehen von dem Groll des enttäuschten Fahrenden, auch der Zorn altghibellinischer Gesinnung sprechen, wie ungleich ernster aus Dante, einer Gesinnung, die es Rudolf nicht verzieh, daß er die Hohenstaufen nicht rächte, daß er ihrer gewaltigen Auffassung des Kaiserthums so ganz untreu ward. Jedesfalls war es nicht der Standpunkt der Reichsstadt Eßlingen, den der S. vertrat: sie hatte sich, zumal seit den achtziger Jahren – und die nicht genau datirbaren Sprüche des Schulmeisters sind zum Theil gewiß erst in diesen entstanden – der steten Hülfe und Freundschaft des Königs zu erfreuen; auch das mag dagegen zeugen, daß der Dichter seßhafter Eßlinger Bürger war.

Der S. ist ein ungewöhnlich realistischer Beobachter, der sich seine Bilder aus der Umgebung ohne Scheu herausgreift; Geist und Talent ist ihm nirgends abzusprechen; seine flotte Keckheit läßt manches verzeihlich erscheinen, was gegen den guten Geschmack verstößt. Er gehört in dichterischem Charakter zunächst an den Tannhäuser heran, der wol gleichfalls Cleriker war und gleichfalls keinen Sinn für die eigene Würde besaß. Aber freilich, es geht über alles in der Lyrik des 13. Jahrhunderts Erhörte hinaus, wenn der S. seine geschlechtliche Unfähigkeit zum Thema eines frech spaßenden Gedichtes macht. Da ist es kein Wunder, daß in seinen Liebesliedern das Gemüth nicht zu Worte kommt: Naturschilderung, wie sie der schwäbische Minnesang liebt, aber pointirter und gerade darum wirkungsloser, mehr oder weniger geglückte Bilder und Personificationen, der witzelnde Wunsch, die Geliebte möchte seine Blöße durch ihre Umarmung kleiden, die prickelnde Uebertreibung eines auch sonst geläufigen Wunsches, all dies Flitterwerk kann nicht darüber hinweg täuschen, daß der Dichter mit der bewußten Sucht, Neues zu bringen, aber nicht mit dem Drange eines empfindenden Herzens, nicht einmal mit der harmlosen Lust, sich in der Modedichtung zu versuchen, an seine Minnelieder herantrat.

v. d. Hagen’s Minnesinger II, 137 ff.; IV, 448 fg. – Pfaff, Geschichte der Reichsstadt Eßlingen, S. 38 fgg.; Ergänzungsheft S. 14. – Germ. 33, 51.