ADB:Schurzfleisch, Conrad Samuel

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Artikel „Schurtzfleisch, Konrad Samuel“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 97–99, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schurzfleisch,_Conrad_Samuel&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 23:29 Uhr UTC)
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Schurtzfleisch: Konrad Samuel S., Polyhistor, geboren am 3. December 1641 zu Korbach, einer Stadt in der Grafschaft Waldeck, als Sohn des Prorectors am Gymnasium daselbst. Nachdem er die gelehrte Schule seiner Vaterstadt besucht, begab er sich zunächst auf die hohe Schule zu Gießen, um Theologie und Humaniora zu studiren: der polyhistorische Zug kam bei ihm schon frühe zum Durchbruch. Von Gießen wandte er sich drei Jahre später nach Wittenberg, seine Studien in der begonnenen Weise fortzusetzen. Hier erwarb er sich im J. 1664 die Würde eines Magisters der Philosophie und fing an Vorlesungen über die Fächer zu halten, die seine Neigungen gefangen hatten und einen ziemlich weiten Kreis umschrieben. Die Theologie als Wissenschaft ließ er zwar niemals gänzlich fallen; aber ein einziges Mal hat er in jungen Jahren die Kanzel bestiegen. Inzwischen schien es, als sollte er auch der akademischen Laufbahn entfremdet werden. Er folgte nämlich etwa im J. 1666 einem Rufe als Rector an der Schule seiner Vaterstadt; indeß gefiel er sich in den kleinlichen Verhältnissen dieses Wirkungskreises so wenig, daß er ihn nach kurzer Zeit wieder aufgab und nach Wittenberg in seine gewohnte Thätigkeit zurückkehrte. Der Umstand, daß er um diese Zeit das Amt eines Hofmeisters junger Studirender übernahm, führte ihn im J. 1667 nach Leipzig, wo er zwei Jahre lang als Lehrender und Lernender verblieb. Von da nach Wittenberg zurückgekehrt, trat er in die alten Verhältnisse wieder ein – an Gönnern und Anhängern fehlte es ihm schon jetzt nicht – und versuchte sich (1669) zugleich zum ersten Male, aber pseudonym, als Schriftsteller. Die bezügliche Schrift „Iudicia de novissimis prudentiae civilis scriptoribus“, im scharfen kritischen Tone gehalten, erweckte ihm viel Gegner und drohte sogar, seine Stellung in Wittenberg selbst zu gefährden. Doch ging diese Gefahr dank seiner vielen und einflußreichen Verbindungen nicht bloß ohne ernsthafte Nachtheile vorüber, sondern es dauerte nicht lange, so wurde er (Mai 1671) in Anerkennung seiner Wirksamkeit als Lehrer zum Professor der Geschichte extra statum befördert. Vermöge des polyhistorischen Charakters der Zeit und seiner eigenen Neigung entsprechend erhielt er im Jahre 1674 statt dessen die ordentliche Professur der „Poesie“ und 1678 die der Geschichte, womit sich nach kurzer Zeit das Lehramt der griechischen Sprache verband. Im J. 1680 endlich vertauschte er die Professur der griechischen Sprache mit der der „Eloquenz“ und überließ das Ordinariat der Geschichte seinem Bruder Heinrich Leonhard, während er für sich nur noch eine Ehrenprofessur der Geschichte vorbehielt. In diesen Jahren war S. bereites ein berühmter Mann, was gewiß schon durch die Thatsache bestätigt wird, daß er nach dem Tode Conring’s (1681) den Ruf als dessen Nachfolger nach Helmstedt erhielt. In die Jahre 1680–81 fällt aus Veranlassung der um Wittenberg herrschenden Pest eine größere Reise, die S. nach den Niederlanden, England, Frankreich unternahm. Bei dieser Gelegenheit suchte S. in erster Linie [98] die berühmten Sitze der Gelehrsamkeit und die angesehensten Vertreter derselben auf. Zugleich huldigte er seiner mächtigen Neigung zum Studium der Bibliotheken, der Vergleichung der wichtigen Handschriften und Bücher und zur Erwerbung solcher für seine eigenen Sammlungen. In dieser Richtung entwickelte er im Laufe der Zeit eine solche Virtuosität, daß ihm der Beiname einer lebendigen Bibliothek und eines wandelnden Museums gegeben worden ist. Zehn Jahre später (1691) führte ihn eine zweite große Reise nach Italien, im besonderen nach Florenz und Rom, wo er 18 Wochen lang blieb; dort hat er besonders mit Magliabecchi, hier unter anderem mit Papst Innocenz XI. selbst verkehrt. Der Rückweg führte ihn über Venedig nach Wien, wo er von den hervorragenden Gelehrten, im besonderen aber vom Kaiser Leopold selbst mit Auszeichnung behandelt wurde. Von den zahlreichen Verbindungen, die er im wachsenden Maße unterhielt, legen seine Briefe, die zum Theil bei seinem Leben (1700), zum Theil nach seinem Tode (1711) im Druck erschienen sind, deutliches Zeugniß ab. Von seiner litterarischen Thätigkeit, die vielleicht hinter seiner praktischen Wirksamkeit zurückblieb, nehmen seine in das Gebiet der Geschichte fallenden Arbeiten in jeder Beziehung den ersten Platz ein. So seine Fortsetzung des Sleidan, in welcher er die Jahre 1669–1676 bearbeitete, und eine lange Reihe von Untersuchungen über Gegenstände aus der alten und der christlichen Zeit, die im J. 1699 in einem starken Bande gesammelt erschienen, und unter welchen die deutsche Geschichte das Uebergewicht hat. Doch auch seine Theilnahme an einzelnen wichtigen Fragen des öffentlichen Interesses findet in dieser Sammlung mit ihren Ausdruck. Dem damals von Ludolf und Paullini auf den Plan gebrachten Entwurf eines „historischen Reichscollegs“ hat er seinen Namen zwar nicht entzogen, sich aber über die entgegenstehenden Schwierigkeiten nicht getäuscht. Seine Stellung in Wittenberg war für ihn mit den Jahren und den wachsenden Erfolgen immer lieber geworden, so daß öfters wiederkehrende Versuchungen, durch Annahme von auswärtigen Berufungen sich zu verbessern, keine Macht auf ihn ausübten. Nur eine scheinbare Ausnahme davon macht die Thatsache, daß der Herzog Ernst von Weimar ihm die Anlage und das Directorium der neugegründeten Hofbibliothek in seiner Residenz übertrug, aber nur eine scheinbare, denn mit der Uebernahme dieses Amtes war keine dauernde Uebersiedelung Schurtzfleisch’s nach Weimar verbunden. Dagegen ist seine eigene, auch an handschriftlichen Schätzen reiche Büchersammlung nach seinem Tode der weimarischen Bibliothek einverleibt worden. Dieser Tod trat am 7. Juli 1708 zu Wittenberg ein und Stadt und Universität ließen bei dieser Gelegenheit keine Zweifel darüber übrig, wie hoch sie den Geschiedenen zu schätzen wußten. Mehreres aus seinem handschriftlichen Nachlaß ist nach seinem Tode publicirt worden, wie z. B. seine „Introductio in notitiam scriptorum variarum artium atque scientiarum“ (Wittenberg 1735), die uns kein ungünstiges Bild von der Art und Weise, wie er seine Vorlesungen hielt, gewährt. Schurtzfleisch’s um mehrere Jahre jüngerer Bruder Heinrich Leonhard S. ist unter seiner sorgfältigen Obhut in seinen Fußstapfen gewandelt und hat, wie bereits erwähnt, 1680 die Professur der Geschichte aus seinen Händen überkommen. Als Schriftsteller war er nicht unfruchtbar und verdankt man ihm u. a. eine Ausgabe der Werke der Roswitha. Wittenberg hat ihn jedoch auf die Länge nicht festgehalten, sondern er hat seine Professur mit der Stellung eines Directors der Hofbibliothek in Weimar vertauscht und ist dort 1723 gestorben.

Vgl. Adolf Clarmund (J. Ch. Rüdiger), Lebensbeschreibung des weltberühmten Polyhistors K. S. Schurtzfleisch (Dresden und Leipzig 1710). – J. W. Berger’s Memoria Schurtzfleisch’s in der 2. Ausgabe von dessen Epist. sel.Jöcher, s. h. v., wo auch die Schriften beider Brüder ziemlich vollständig [99] aufgeführt sind. – C. Bursian, Geschichte der classischen Philologie in Deutschland, 1. Hälfte, S. 352–353.