ADB:Schwartz, Friedrich (1. Artikel)

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Artikel „Schwartz, Friedrich“ von Rudolf Schwarze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 205–208, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schwartz,_Friedrich_(1._Artikel)&oldid=- (Version vom 19. April 2019, 12:52 Uhr UTC)
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Schwartz: Christian Friedrich S.[WS 1], geb. in Sonnenburg bei Küstrin am 22. Oct. 1726, evangelischer Missionar in Vorderindien, starb daselbst in Tanjour am 13. Febr. 1798. Sein Vater, der Bäckermeister Georg S. († 1758) bestimmte den Knaben, wie dessen früh verstorbene Mutter es gewünscht hatte, für das theologische Studium, und ließ ihn erst die Schule in Sonnenburg, dann 1741, nach seiner Confirmation, die lutherische Rathsschule in Küstrin besuchen. Im Herbst 1746 bezog er die Universität Halle, welche ihn mehr als die damals wesentlich reformirte Universität in dem benachbarten Frankfurt anziehen mußte. Denn früh hatte sein empfängliches Gemüth religiösen Eindrücken sich erschlossen, welche er durch „Erweckte“ der Spener-Francke’schen Richtung empfing. Außerdem war vor kurzem (1743) sein älterer Landsmann, der Sonnenburger Benjamin Schultze (geb. 1689, † in Halle 1760), nach einer vierundzwanzigjährigen Missionsarbeit im Tamulenlande aus Gesundheitsrücksichten nach Europa zurückgekehrt, hatte 1744 und 1746 seine Vaterstadt besucht und dann sich in Halle niedergelassen, um von hier aus auch ferner noch das Werk der Mission in Indien zu fördern. So sah sich S. gewissermaßen auf den Weg gewiesen, den er in Halle einzuschlagen hatte. Sein erster Gang war zu B. Schultze. Und wie der junge Student eifrig die Vorlesungen von Siegm. Jakob Baumgarten, J. G. Knapp, Anast. Freylinghausen u. A. besuchte, so wählte Jener ihn daneben auch zum Gehülfen für seine neue Ausgabe der von Barthol. Ziegenbalg († 1719) und ihm selbst angefertigten Uebersetzung der Bibel in das Tamulische, das beste Mittel, ihn in das Studium dieser Sprache einzuführen. Schwartz’s akademisches Triennium nahte seinem Ende, als von Dänemark wieder an die Hallischen Anstalten die Aufforderung erging, an Stelle eines verstorbenen Missionars andere geeignete Persönlichkeiten für die seit 1620 bestehende Colonie in Tranquebar vorzuschlagen. Denn das von König Friedrich IV. (reg. 1699 bis 1730) unter Beirath seines Hofpredigers Lütkens (s. A. D. B. XIX, 700) gestiftete Missionscollegium in Kopenhagen fand dänische Missionare nur für seine Stationen in Grönland; als Sendboten nach seinen indischen Colonieen hatte es sich gewöhnt, Deutsche hinauszuschicken, die es sich in Halle erbat. So war 1705 Ziegenbalg, so 1719 Schultze erwählt worden, jetzt schlug dieser S. vor, der nicht anstand, dem Rufe, den er vom Herrn an ihn ergangen hielt, zu folgen. Man wird annehmen können, daß bei S. sowohl wie früher bei Schultze, die Jugendeindrücke aus ihrer Vaterstadt Sonnenburg, dem alten Sitz eines Johanniter-Herrenmeisters, in dessen Kirche die Wappen zahlreicher Ritter sich befanden und der Ritterschlag neuer Mitglieder feierlich begangen wurde, von nicht zu unterschätzendem Einfluß auf ihre Theilnahme an den Werken der Heidenmission gewesen sind. Nach kurzem Besuch im Elternhause, wo er noch der [206] Heirath seiner Schwester beiwohnen konnte, eilte S. mit noch zwei andern ihm zugesellten Theologen: Poltzenhagen aus Wollin und Hüttemann aus Minden, nach Kopenhagen. Dort wurden sie nach wohlbestandenem Examen am 17. Sept. 1749 ordinirt und kehrten noch einmal nach Halle zurück, um am 4. Nov. die Reise nach London anzutreten, woselbst sie am 8. December ankamen.

Die von König Wilhelm III., dem Oranier, 1701 bestätigte „Gesellschaft zur Fortpflanzung des Evangeliums in fremden Welttheilen“ sorgte für die Ueberfahrt nach Indien, wo die Missionare in der englischen Colonie Kudelur landeten und am 30. Juli 1750 in Tranquebar eintrafen. Während Hüttemann später die Station Kudelur übernahm, Poltzenhagen schon 1756 einer Epidemie auf den von den Dänen besetzten Nicobaren erlag, arbeitete S. in Tranquebar zwölf Jahre von 1750–1762, mit unermüdlichem Eifer lehrend und predigend und die Gemeinde, welche mit mehreren Kirchen und Missionaren versehen war, durch seine herzgewinnende Persönlichkeit sammelnd und zusammenhaltend. Den tamulischen Christen, an Zahl fast zweitausend, vermochte er schon am 28. Nov. 1750 den Text Matth. 11, 25–30 in der Landessprache auszulegen. Von günstigem Einfluß war es auch, daß in den Kämpfen, welche während des österreichischen Erbfolgekrieges und des siebenjährigen Krieges in Europa wie auch in den Colonieen ausgefochten wurden, Tranquebar nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, da die Dänen aus ihrer Neutralität nicht heraustraten. So konnten mehrfach die Glaubensgenossen auch aus den englischen Stationen in Madras und Kudelur hier eine Zuflucht finden. Im Verlauf jener Kämpfe aber verschob sich in bemerkenswerther Weise die Machtstellung der Franzosen und Engländer in Indien. Während im Aachener Frieden (1748) die Letzteren nur mit Mühe in den Besitz des 1746 an die Franzosen verlorenen Madras wieder gelangt waren, bewirkten die staunenswerthen Erfolge Robert Clive’s im Gangesthale nach dem Siege bei Plassey über den Seradschah-ed-Daulah am 21. Juni 1757, sowie die Capitulation des französischen Pondichery am 18. Jan. 1761, daß im Pariser Frieden von 1763 die Franzosen, wie sie Canada an die Engländer abtreten mußten, so auch ihren Einfluß im Dekan an diese einbüßten, wodurch das ihnen wiedererstattete Pondichery zu einer bloßen Factorei herabsank.

Mit freiem, weitschauenden Blick faßte S. diese Verhältnisse in’s Auge und gewann die Ueberzeugung, daß das steigende Ansehen Englands benutzt werden könne, um auch unter den Eingeborenen außerhalb des Colonialgebietes das Evangelium zu verbreiten; man müsse daher auch die Unterschiede der deutschen und anglicanischen Kirche, namentlich soweit sie mehr ritueller als confessioneller Natur seien, nicht allzusehr betonen. In diesem Sinne hatte er schon 1757 die Uebersiedelung des deutschen Missionars Kienander nach Calcutta geschehen lassen, dessen späteres Verhalten freilich seine Erwartungen täuschte, hatte 1759 sich mit dem Fürsten Tartabusinga zu Tanjour (im S.W. von Tranquebar) persönlich in freundliche Beziehung gesetzt, weil dort eine christliche Gemeinde unter eingeborenen Predigern emporblühte. Und als nun die Engländer auf den Wunsch des Fürsten von Arkot in dessen Festung Tritschinapali (unweit Tanjour) zum Schutz gegen feindliche Angriffe eine Besatzung legten, um welche sich eine Gemeinde sammelte, begab sich S. mit dem Missionar Klein[WS 2] dorthin in der Absicht, eine neue Station zu gründen. Sonntäglich predigte er deutsch, englisch, tamulisch und portugiesisch der Garnison und den Eingeborenen, und hatte die Freude, schon zu Pfingsten 1766 eine durch Geldsammlungen errichtete Kirche (die noch heute stehende Christuskirche) einweihen zu können. Dieser Erfolg muß um so bedeutsamer erscheinen, als in nächster Umgebung der Stadt auf einem Felsen ein berühmtes Heiligthum des Siwa und bei Sirengam ein heiliges Flußeiland mit der größten vielbesuchten Pagode Südindiens für Vischnu sich befand. Aber [207] mit einem solchen Vorgehen auf bisher unbetretenen Pfaden fand S. weder in Halle, noch in Kopenhagen Anklang und Beifall. Walteten dort – wo B. Schultze 1760 gestorben war und Gotthilf Aug. Francke (der Sohn Aug. Hermann’s), die Missionsangelegenheiten verwaltete – kirchliche Bedenken ob, so fürchtete man in Kopenhagen politische Verwickelungen. So ward nach längeren Verhandlungen zwischen den Betheiligten 1767 das friedliche Abkommen getroffen, daß von Halle aus S. (und damit auch die Station) der oben erwähnten englischen Missions-Gesellschaft überlassen werden sollte. War doch 1726 auch B. Schultze, als er nach Madras übersiedelte, in den Dienst jener Gesellschaft getreten. Als Ersatz für S. in Tranquebar wurden die Missionare König und Leidemann gesandt; ihre Wahl war die letzte, welche G. A. Francke vollzog: er starb im August 1769.

Bis 1772 waltete S. in Tritschinapali seines doppelten Amtes als Prediger der Garnison, die er gelegentlich auf ihren Streifzügen begleitete, und als Sendbote des Evangeliums an die Heiden. Da geschah es, daß der Fürst Tulossi zu Tanjour, welcher 1763 seinem Vater Tartabusinga gefolgt war, von Feinden umdrängt und selbst sich zu schützen zu schwach, sich zum Vasallen der Krone Englands erklärte. Die darüber erzürnte Englische Compagnie bereitete ihm schwere Drangsale, in welchen ihm S., sein wie seines Vaters Freund, erfolgreichen Beistand zu leisten verstand. So wünschte ihn der Fürst an seine Seite und S. folgte seinem Rufe in der Hoffnung, daß ihm in Tanjour eine neue Thür zu erfolgreichem Wirken sich öffnen werde. Das persönliche Ansehen, welches er in allen Kreisen der Bevölkerung genoß, sein langjähriger Dienst an der Mission in Indien ließen ihn gewissermaßen als den Repräsentanten der dortigen Christengemeinden erscheinen, eine Stellung, der man durch den Titel eines „Bischofs von Tanjour“ Ausdruck gab. Wider sein Erwarten aber ward er auch noch auf politischem Gebiet eine hervorragende Rolle in schwerer Zeit zu spielen berufen.

Haben wir bisher gesehen, wie der steigende Einfluß der Engländer anfing auch die einheimischen Fürsten in seine Kreise zu bannen, so konnte es kaum fehlen, daß sich dagegen aus der einheimischen Bevölkerung heraus eine Reaction erhob, ehe sie aussichtslos erscheinen mußte. Sie ging aus von einem kühnen Abenteurer, Haider Ali, einem Muhamedaner, welcher von gleichem Haß gegen die Hindu und ihre Religion, wie gegen die Engländer und ihre Herrschaft in Indien erfüllt war. Geboren wahrscheinlich um 1721, setzte er sich anfangs als Bandenführer in Maysur (Mysore am oberen Kaweri) fest, nannte sich seit 1761 Fürst und suchte von dort aus seine Herrschaft weiter auszubreiten. Schon 1767 begann er seine Feindseligkeiten gegen die Engländer und als zehn Jahre später die nordamerikanischen Colonieen, unterstützt von Frankreich, den Kampf gegen das Mutterland führten, nahm er ihn mit größerer Energie wieder auf, im Bunde mit den Franzosen. Zwar verloren diese dabei ihre letzten Besitzungen in Indien, Pondichery und Chandernagore, aber Haider brach Friedensverhandlungen, zu welchen die Engländer den Bischof von Tanjour ausersahen (1780), hinterlistig wieder ab. Selbst als ein von Warren Hastings aus Bengalen gesandtes Heer unter Eyre Coote dem kühnen Krieger bei Porto Novo (nördlich von Tranquebar) am 1. Juli 1781 eine entscheidende Niederlage beibrachte, war er noch nicht zu bewegen die Waffen zu strecken. Erst nach Haider’s Tod, als auch die Waffen in Amerika wieder ruhten, schloß sein Sohn Tippu am 11. Mai 1784 den Frieden von Mungalur, in welchem die Eroberungen herausgegeben wurden. Das Land war zur Einöde geworden, der Wohlstand zerstört: Die englische Regierung übernahm die Verwaltung in Tanjour und setzte neben dem schwachen Fürsten eine Commission ein, deren Ehrenmitglied S. wurde.

Tulossi starb schon 1787; der christliche Einfluß vermochte es, die Wittwenverbrennung bei seiner Bestattung zu hintertreiben. Vor seinem Tode hatte er [208] seinen zehnjährigen Neffen Serfogi adoptirt und zu seinem Nachfolger ernannt. S., der ihn erzogen hatte, sollte auch ferner sein Berather sein und ward ihm bald, wie einst seinem Vater, der Helfer in der Noth. Denn ein Halbbruder Tulossi’s, Amar Sing, machte dem Knaben den Thron streitig und ließ ihn eines kerkern; doch S. überzeugte die englische Regierung von den gerechten Ansprüchen Serfogi’s und bewirkte dessen Erhebung zum Raja von Tanjour. Er regierte dann bis 1834, ein Freund der Christen und dem Bischof, welcher 1798 im Alter von 71 Jahren starb, über das Grab hinaus ein dankbares Andenken bewahrend, aber selbst nicht Christ durch Taufe und Bekenntniß. Dieses eigenartige Verhältniß des Hindufürsten zu S. prägt sich am deutlichsten in dem prächtigen Marmordenkmal aus, welches er seinem Freunde in der Kirche des Forts von Tanjour errichten ließ, sowie in den englischen Versen, welche er für die sein Grab daselbst deckende Granitplatte dichtete. Jenes, von Flaxman angefertigt, stellt S. auf dem Sterbebette dar, ihm zu Häupten seinen Freund, den Missionar Gerike mit der Bibel in der Hand, seitwärts den Raja mit zwei Eingeborenen vor dem Bischof sich neigend. Die Verse, in gleicher Weise den Verfasser ehrend und den, an welchen sie gerichtet sind, lauten in ihren Schlußzeilen (nach Graul’s Uebersetzung, in dessen „Reise nach Ostindien“ IV, S. 12):

„Denen in Finsterniß Helfer zur Klarheit,
Wandelnd und weisend die Wege der Wahrheit;
Segen den Fürsten, den Völkern und mir,
Daß ich, mein Vater, nachwandele Dir,
Wünschet und bittet Dein Serfogi hier.“

Auch in der Fortkirche zu Madras veranlaßten die Directoren der Ostindischen Compagnie die Errichtung eines Marmordenkmals für S. mit einer ausführlichen, seine Thaten schildernden Inschrift.

Mit S. hatte die dänisch-hallische Mission ihren Höhepunkt erreicht. Waren schon Schultze und S. dazu gedrängt worden in den Dienst der englischen Gesellschaft zu treten, so nahm begreiflicher Weise in Kopenhagen wie in Halle die Theilnahme für die Mission in Indien immer mehr und mehr ab und verlor 1844 nach der Abtretung der dänischen Besitzungen an England allen Boden. Englische Missionare zogen in die vorhandenen Stationen und Kirchen ein, doch hat daneben auch die Dresdener (Leipziger) Missionsgesellschaft, deren Leitung in jenen Jahren Dr. Graul übernahm, versucht, an einzelnen Punkten das Erbe jener früheren Gründungen anzutreten.

Es würde die Grenzen dieser Skizze überschreiten, wollten wir näher auf diese Verhältnisse eingehen. Dagegen sei hier schließlich noch erwähnt, daß, obwohl spät, auch in Sonnenburg das Andenken an die beiden dort geborenen Missionare durch ein Erinnerungszeichen wachgerufen worden ist. In der Johanniterkirche befindet sich jetzt, inmitten der Wappenschilder, unweit des Altars eine Gedenktafel für B. Schultze mit dessen Geburts- und Todestage, und eine andere für S. mit den gleichen Angaben und dem Zusatz: „Errichtet von Freunden der Mission in und um Sonnenburg am 22. October 1855“, d. i. seinem 130. Geburtstage.

Vgl. Berichte der Königl. dänischen Mission in Ostindien von 1710–1767 und als Fortsetzung: Neuere Geschichte der evangelischen Missionsanstalt der Heiden in Ostindien. – Pearson, Memoirs of the life of Chr. Fdr. Schwartz, 1834, übers. Basel 1885. – Gehrmann, der Missionar C. F. S., Erlangen 1870.


Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Über diese Person existiert in Band 54 ein weiterer Artikel.
  2. Jacob Klein (1721–1790), Missionar in Tranquebar.